Kannitverstan heute – so gut!


Der Bosnier Mujo ist nach Chicago ausgewandert. Er schreibt regelmässig an Suljo, lädt ihn ein, aber Suljo will seine Freunde und sein kafana (ein Kaffeehaus oder Lokal, wo man stundenlang bei Kaffee oder einem Glas Wein sitzen kann) nicht im Stich lassen. Nach jahrelangen hartnäckigen Bemühungen Mujos willigt er schliesslich ein und fliegt nach Amerika. Mujo erwartet ihn am Flughafen in einem riesigen Cadillac.

„Wem gehört das Auto?“, fragt Suljo.

„Mir natürlich“, sagt Mujo.

„Ein toller Schlitten“, sagt Suljo. „Du hast es gut getroffen.“

Sie steigen ein, fahren in die Stadt. Mujo sagt: „Siehst du das Gebäude dort drüben, hundert Stockwerke hoch?“

„Ja“, sagt Suljo.

„Das gehört mir.“

„Schön“, sagt Suljo.

„Und siehst du die Bank dort im Erdgeschoss?“

„Ja.“

„Das ist meine Bank. Wenn ich Geld brauche, geh ich einfach hin und nehme mir, was ich brauche. Und siehst du den Rolls-Royce davor?“

„Ja.“

„Der gehört mir. Ich habe viele Banken, und vor jeder steht ein Rolls.“
„Gratuliere“, sagt Suljo. „Das ist sehr schön.“

Sie fahren in Richtung Stadtrand, wo die Häuser grosse Rasengrundstücke haben und die Strassen mit alten Bäumen gesäumt sind. Mujo zeigt auf ein Haus, gross und weiss wie ein Krankenhaus.

„Siehst du das Haus dort? Das ist mein Haus,“ sagt Mujo. „Und siehst du den gigantischen Swimmingpool daneben? Das ist mein Pool, jeden Morgen schwimme ich darin.“

Am Swimmingpool liegt eine attraktive, rassige Frau in der Sonne, ein Junge und ein Mädchen planschen im Wasser.

„Siehst du die Frau? Das ist meine Frau. Und die wunderbaren Kinder sind meine Kinder.“

„Sehr schön“, sagt Suljo. „Und wer ist der muskulöse, braungebrannte junge Mann, der deine Frau massiert und sie auf den Hals küsst?“

„Das bin ich“, sagt Mujo.

Filme zur Arbeit

WORK HARD, PLAY HARD
WORKINGMAN’S DEATH
ASSESSMENT


Zu Beginn des Films WORK HARD, PLAY HARD, wird in einem Statement gesagt, dass kreative, erfolgreiche, produktive, gute Arbeit eigentlich dort passiert, wo es nicht um sie geht, wo sie nicht im Mittelpunkt steht: bei informellen Treffen, auf den Nebenschauplätzen.

Das ist ein spannender und ganz sicher nicht unzutreffender Ansatz, der ja auch die Situation reflektiert, die wir von Tagungen und ähnlichen Anlässen kennen, an denen immer wieder beklagt wird, dass die Diskussion im Plenum zu kurz, zu oberflächlich gewesen sei, man dann aber hört, dass in den Pausen, in der Cafeteria und am Abend beim Essen viel und intensiver und anregend diskutiert wurde. Dem ist nicht zu widersprochen, aber vielleicht dem Glauben, dass das Wichtige wirklich im Zentrum passieren müsse. Vielleicht ist es eben gerade so, dass es in der Tat woanders geschieht, an diesen Nebenschauplätzen, in den Gängen, Nischen, am Drucker und neben der Kaffeemaschine und in der Besenkammer Boris Beckers.

Dieser zunächst vielversprechende Ansatz wird dann bei all den Statements, Methoden und Theorien, die im weiteren Verlauf des Filmes gezeigt, alles andere als eingelöst. Ganz im Gegenteil ist es erschreckend, wie all das, was da gezeigt wird, weit hinter dieser zu Beginn formulierten Erfahrung zurückbleibt. So endet ein – früher nannte man das Sensitivity-Training – Training im Wald mit dem mehr als braven, sondern schon unterwürfigen Vorsatz eines jungen Mitarbeiters, zukünftig besser im Team und mit noch mehr Einsatz für das Unternehmen arbeiten zu wollen, das ständige Reden über Change und Change-Management wird zum Dreschen leerer Hülsen und langweilt durch die Monotonie des Immer-Gleichen und wenn dann schliesslich ein Abteilungsleiter seine Truppe zum morgendlichen Gespräch zusammen trommelt – natürlich um sie zu neuen Taten und Leistungen zu motivieren – herrscht rundum nur noch Gähnen.

In der Diskussion wurde dazu die sicher berechtigte Vermutung geäussert, dass solche Nebenschauplätze, solche informellen Begegnungen nicht geplant und durch Architektur, Konzepte und Trainings auch nicht programmiert werden können. Der Zürcher Architekt Christian Kerez meinte in anderem Kontext, dass es eben den Benutzern selbst überlassen bleiben müsse, sich solche Nischen und Orte selbst zu schaffen, damit sie dann auch die ihren werden könnten.


Der Film WORKINGMAN’S DEATH, der aus verschiedenen Teilen besteht, führt dann wirklich vor, wie Arbeit, harte, körperliche Arbeit, bei der gefragt wird, ob es sie überhaupt noch gibt oder ob sie nur unsichtbar geworden ist – was ja vor allem ein Hinweis auf den Standpunkt der Filmemacher ist –, er führt dann wirklich vor, wie Arbeit an Nebenschauplätzen stattfindet. Offensichtlich ganz woanders, wo man sie kaum mehr sieht: Bei Heroes in stillgelegten Kohleminen der Ukraine, bei Ghosts im Schwefel eines Vulkans in Indonesien, bei Lions auf einem Tier- und Fleischmarkt in Nigeria, bei Brothers beim Abbruch alter Schiffe in Pakistan. Alle diese Filme, besonders deutlich Heroes, führen eigentlich vor, wie Arbeit Kampf um die Existenz ist, Kampf um Leben und Tod. Das Leben wird der Natur abgerungen, mit der die Arbeiter in den Bildern auch immer wieder verschmelzen. Eine Unterscheidung und Abgrenzung in diesem Verhältnis ist so zentral wie diejenige, von der ein Arbeiter erzählt, ob das Gefundene, das Abgeschlagene nun Stein oder Kohle ist. Und die Arbeiter sprechen es aus: „Wir sind nicht angetrieben von Begeisterung, wir arbeiten um zu überleben, auch dann, wenn es illegal ist.“ So dienen die Fahrräder, die sie benutzen, nicht dazu sich der Fahrt und dem Flow hinzugeben, sie werden nicht gefahren, sie werden geschoben, weil mit ihnen die schweren Säcke transportiert werden.

Eindrücklich, fast verrückt, ist dann die Filmsequenz einer Hochzeit, die ganz ohne Ton abläuft. Es ist so, als käme sie aus einer anderen Welt, als wäre sie ein Traum, der keine Sprache hat. Gespenstisch, diese ganze Szene. Nach ihrem Zusammenkommen macht sich die Hochzeitsgesellschaft auf zum Denkmal eines berühmten Bergarbeiters mit Namen Stakhanov. Dort werden Blumen und Kränze niedergelegt, aber eigentlich – so macht es den Anschein – wird ihm die Hochzeit, der Traum dargebracht und auch gewidmet.

Dieses Opfer wird in Ghosts wieder aufgegriffen. Vom Rande des Vulkans, aus dem die Arbeiter den Schwefel gewinnen, in Indonesien wird jedes Jahr ein Ziegenkopf in eben diesen kochenden Schwefel geschmissen, um die Götter milde zu stimmen und sie zu versöhnen. Aber im Schwefel versinken nicht nur diese Ziegenköpfe, im Schwefel versinken auch die Menschen, die Arbeiter. Auch sie sind Opfer, die dargeboten werden – um das Überleben zu sichern. Man opfert also das Leben, um das Überleben zu sichern. Das könnte an Freud erinnern. Daran wie er am Ende von Zeitgemässes zu Krieg und Tod die lateinische Weisheit si vis pacem para bellum paraphrasierte zu si vis vita para mortem: Wenn Du das Leben willst, bereite Dich auf den Tod vor!

Und Arbeit ist nicht nur hart – das zeigt Lions –, sie ist auch grausam. Denn die Arbeiter töten, zerreissen und zerfleischen die Kühe und Ziegen auf dem Markt, sie stehen in deren Blut und in deren Eingeweide, sie häuten sie und brechen deren Knochen. Sie sind die Löwen, von denen der Titel dieses Filmteils spricht. Was auch ein Hinweis darauf gibt, dass die Titel der verschiedenen Filmteile, verschiedene Bezeichnungen für die Menschen, die Arbeiter sind, die da gezeigt werden. Was wiederum ein Hinweis darauf ist, dass der Tod im Titel des ganzen Films WORKINGMAN’S DEATH sich nicht einfach auf die Kategorie dieser hart um ihre Existenz kämpfenden Arbeiter bezieht, deren Untergang durch die neue Zeit besiegelt wäre, sondern dass er sich auf den Tod des Arbeiters bezieht, auf seine Verbindung, auf seine Nähe zum Tod. Genau so wie es im Schlussteil des Filmes, in Future, dargestellt, in dem der Tod und der Arbeiter der Tod am gleichen Ort stehen.

Arbeit spielt sich hier also im doppelten Sinne an Nebenschauplätzen ab: zum einen von den Orten und Stätten her, an denen sie stattfindet, zum anderen auch von daher, dass es um Abfälle, um Reste geht, um das, was aufgegeben und verloren gegangen ist. Um den Abfall, der auch der Tod ist. Wie sehr der Abfall und sein Recycling zum immer grösser werdenden Bereich der Ökonomie geworden ist und immer mehr wird, zeigt ein vor kurzem in der NZZ am 2. Juli 2014 erschienener Artikel:
http://www.nzz.ch/wirtschaft/gold-im-abfall-1.18335657
Darüber hinaus gibt es an diesem Punkt eine Verbindung zur Psychoanalyse, die – wie Peter Schneider in seinem Referat zeigte – es mit dem Rest zu tun hat. Sie beschäftigt sich nicht zuletzt mit dem Verlorengegangen, mit dem Fallengelassenen, mit dem, was abgefallen ist, was abfällt. Nicht nur als Fehlleistungen, auch als Symptome und natürlich in den Träumen – so wie bei Heroes – ist das der Gegenstand ihres Interesses, sind dies die Produkte psychischer Arbeit.


Im vierten Film DAS ASSESSMENT wird diese Beschäftigung mit dem, was weggefallen, was abgefallen ist, die Beschäftigung mit den Opfern der Arbeit in extenso vorgeführt. Dazu kann man – es ist erschütternd, was es da zu sehen gibt – sicher Vieles sagen und wurde an der Diskussion dann auch Manches gesagt. Aber eines ist doch sehr eindrücklich in diesem Film: Man bemüht sich mit grossem Aufgebot um diese Menschen, die am Rande stehen, die ausgefallen, herausgefallen sind. Es sitzen meist fünf bis sechs Fachleute unterschiedlicher Institutionen und Aufgaben an diesen Sitzungen dem Einen oder der Einen gegenüber, um die es dann zu gehen scheint. Es ist ein Aufgebot und ein Aufwand, der von dem her, was dann geschieht, kaum zu begründen und zu rechtfertigen ist. Nicht deshalb weil die Lage der Betroffenen nicht wichtig und einer intensiven Auseinandersetzung wert wäre – ganz und gar. Aber es scheint doch, dass das Meiste dessen, was dann behandelt und auch abgehandelt wird, mehr oder weniger schon vorbesprochen und ausgemacht ist. Die Lösungen – wie es immer wieder so schön heisst – sind weitgehend schon gemacht. Es geht eigentlich nur noch darum, den Betroffenen dies möglichst schnell beizubringen. Sie werden zwar immer wieder gefragt, ob sie das – die Lösung des Problems – verstanden haben, hört ihnen aber nur noch mit einer gewissen Ungeduld zu.

So zeigt sich, dass die Betroffenen immer schon ausgeschlossen sind. Sie sind aus einem Leben ausgeschlossen, in dem man miteinander redet und reden kann. Sie gehören zu den Versagern, zu den Gescheiterten.

Man bemüht sich also einerseits mit grossem, vor allem personellen, Aufwand um die Klienten, hat andererseits aber ebenso grosse Abscheu vor ihnen. Das wird nicht nur im Ausbruch eines Beraters deutlich, der nicht mehr anders kann, als zu brüllen, dass ihn das alles gar nichts anginge, dass der Betroffene verschwinden soll, er eine Zumutung für die Gesellschaft sei und dorthin solle, wo der Pfeffer wächst. Es zeigt sich ebenso in der überschäumenden Freundlichkeit und dem auf allen Seiten zum Ausdruck gebrachten Glück, wenn jemand sich bereit erklärt, mitmachen zu wollen, bei dem, was man ihm vorschlägt: Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Der Umgang mit dem, wovon die Arbeit offensichtlich handelt, wie es ganz zu Beginn in WORK HARD, PLAY HARD gesagt wird, wie es auch in WORKINGMAN’S DEATH vorgeführt wird, der Umgang mit diesen Nebenschauplätzen, mit dem Abfall, mit dieser durchaus existenziellen Verbindung von Arbeit und Tod ist kein einfacher. Was auch nicht zu erwarten ist. Stossend ist höchstens, dass immer wieder der Anschein gemacht wird, dass es da einfache und eindeutige Lösungen geben würde.

Wenn Arbeit nämlich auch grausam ist – wovon Lions, wovon aber auch ASSESSMENT zeugt – dann steht, bzw. sitzt man den Opfern dieser Grausamkeit gegenüber. Das ist nicht einfach. Die Faszination an diesem Anderen ist immer schon in Gefahr und dabei, in Angst und Abscheu umzuschlagen.

Arbeit steht demnach in diesem Zwiespalt, in dieser Differenz: Arbeit muss und soll kreativ sein und damit einem auch zufallen, entsteht am Rand und in den Pausen und im Flow, an den Nebenschauplätzen und als Abfall. Arbeit muss aber auch geleistet werden und damit auch getan werden. Und produziert auch Abfall. Aus diesem Verhältnis besteht die Arbeit, um die es geht.

So ist es auch mit dem Verlust, von dem am Anfang der Tagung im Kontext des Interviews die Rede war. Sich selbst zu verlieren kann ein Gewinn sein, der darin besteht sich dem Flow, dem Anderen hingeben zu können. Er kann aber auch den Verlust der Existenz, den Tod bedeuten.

Serienfertigung und Individualität - 3D-Drucker


Neulich hab ich gehört, dass 3D-Drucker nicht einfach eine technische Spielerei für ausgebuffte Technologie- und Computer-Freaks sind, sondern eine Revolution in der Fertigung darstellen dürften, die darüber hinaus bemerkenswert und hochinteressant ist. Im Unterschied zu 10 c-Fräsen, die bislang den State oft he Art der Werkzeugmaschinen mit moderner, präziser, computergesteuerter Steuerungstechnik darstellten, funktionieren diese Drucker ganz grundsätzlich anders. Sie stellen ihre Produkte nicht durch ein Wegnehmen von Material her, wie es bei der Fräse mit entsprechendem Aufwand und Verlust der Fall ist, sondern durch Anhäufung und vor allem Aufbau von Material, was die Sache nicht nur günstiger, sondern auch einfacher und durchaus noch präziser macht.

Was ich liebte

Siri Hustvedt, Rowohlt, Reinbeck, 2004, S. 9-10



Gestern fand ich Violets Briefe an Bill. Sie fielen zwischen den Seiten eines seiner Bücher heraus und flatterten zu Boden. Ich wusste seit Jahren von diesen Briefen, doch weder Bill noch Violet hatten mir je erzählt, was darin stand. Sie hatten mir nur erzählt, Bill habe, unmittelbar nachdem er den fünften und letzten gelesen hatte, sich seine Ehe mit Lucille noch einmal durch den Kopf gehen lassen, die Haustür in der Greene Street hinter sich zugeschlagen und sei schnurstracks zu Violets Wohnung im East Village gegangen. Als ich die Briefe in der Hand hielt, spürte ich das nachhaltige Gewicht jener Dinge, die verzaubert sind, weil man immer wieder Geschichten darüber gehört hat. Meine Augen sind schlecht geworden, und ich brauchte eine ganze Weile, um die Briefe zu lesen, doch es gelang mir, jedes Wort zu entziffern. Als ich sie aus der Hand legte, wusste ich, dass ich heute anfangen würde, dieses Buch zu schreiben.

Zu "Die Toten" von James Joyce

im Erzählband "Dubliner", Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1989



Ein junger Mann mittleren Alters kommt mit seiner Frau, mit der ihn ein nicht immer sehr straffes, aber doch starkes Band verbindet, zu einer Einladung seiner beiden nun wirklich schon älteren Tanten. Sie machen sich in aufgeregter, fast noch jungmädchenhafter Freude das jährliche Vergnügen, Persönlichkeiten und Freunde aus dem nicht allzu grossen Ort zu einem vorweihnachtlichen Essen mit Musik und Tanz einzuladen. Unser Freund ist den beiden Tanten schon seit Jahren Garant für das Gelingen des Festes. Er versteht es, aus einer gewissen Melancholie heraus, sich nicht nur der Situation und den Wünschen seiner Tanten mit Charme und Stil anzupassen, er weiss auch nicht nur die verschiedenen, unumgänglichen Peinlichkeiten eines solchen Anlasses elegant und gelegentlich bestimmt zu meistern, er ist auch gleichzeitig ein bisschen aus einer anderen Welt: nicht nur, dass er von weit her anreist, er ist auch durch seine Beschäftigung mit Kunst und Literatur, durch seinen dadurch etwas übergeordneten Standpunkt dem Alltag und seinen Zwisten, ja seinen kleineren und grösseren Kämpfen im täglichen Leben wie auch in der Politik enthoben. Das macht ihn natürlich zum Augenstern seiner Tanten, die ihn freudig und sehnlichst erwarten: wenn er da ist, kann nichts mehr schief gehen.

Ins Beginnen verliebt

J.-B. Pontalis, edition diskord, Tübingen, S. 61- 62

Vor Jahren traf ich eines Abends bei Freunden Roland. Er war dabei, Frankreich für eine lange Zeit zu verlasse und deponierte einige Gemälde bei ihnen. Eines davon befand sich in der Ecke des Raumes, in dem wir assen, direkt auf den Boden abgestellt. Roland war ein wenig trübsinnig, die Unterhaltung – der Wein tat ein übriges – lbhaft, um das Unbehagen des Abschieds besser zu überdecken. Mein Blick wurde in kurzen Abständen und nach und nach ganz von der Leinwand gefangengenommen. Ich hörte das Lachen, steuerte meinen Teil dazu bei, doch inmitten jener unvorhersehbaren Beweglichkeit, die die Ausgelassenheit einer Konversation ausmacht, nahm der Impuls Gestalt an, schlich sich die fixe Idee ein: ich will es haben! Etliche Stunden später lief ich den Boulevard St. Germain hinauf und versteckte das Bild unter meinem Mantel. Ich hatte Roland den Preis, den er verlangte, gezahlt, er hatte mir die üblichen Worte gesagt: wie glücklich er sei, dass ich an seiner Malerei Gefallen finde etc. Nichtsdestotrotz floh ich wie ein Dieb.

Körper und Trauma? Über das Verhältnis von body art und sexueller Differenz


In ihrer Arbeit Schnitt in den Körper. Von der Klitoridektomie bis zur Body Art beschreibt Renata Salecl die Kliterodektomie – den herrschenden, westlichen Einstellungen gegenüber ganz überraschend, was diese deshalb nicht gegenstandslos machen muss – als einen Akt, als einen Schnitt in den Körper der Frau, der die sexuelle Identität der Frauen – wie natürlich auch der Männer – sichern soll. Diese sexuelle Identität ist nämlich – so ihr Diktum – ohne einen solchen kulturellen Eingriff und Einschnitt höchst unsicher.

Die zunehmende Erosion des grossen Anderen als Garanten der symbolischen Ordnung führe dazu, dass eine Eindeutigkeit der sexuellen Differenz immer weniger gegeben – in dieser Perspektive könnte man auch sagen: geschenkt – sei. Dies führe zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Körper als Material. Dies schlage sich einerseits in einer individualisieren Formung und Gestaltung des Körpers durch verschiedenartige Eingriffe wie Tattoos, Peircings, kosmetischen Operationen und im Experimentieren mit dem eigenen Geschlecht nieder. Zum anderen zeige sich diese Entwicklung in der Kuns mit der grossen Bedeutung, welche die Body Art gewonnen hat.