Sehsucht – ein Fest des Abstands

23. Februar 2014


Die Sehnsucht steht im Zeichen einer Verdopplung. Das Sehnen wird gesucht und das Suchen ersehnt. Sehnen und Suchen sind in ihr verschränkt. Beide Perspektiven sind ineinander verwoben: der Blick nach aussen geht gleichzeitig nach innen, der nach innen richtet sich auch nach aussen.

Die Sehnsucht beschreibt somit eine Situation, gar nicht unähnlich zu jener der Dürerschen Melencolia, die in sich versunken dasitzt und mit feurig-stumpfen Augen in ein Irgendwo schaut, das gleichzeitig innen und aussen sein kann. Ganz so wie die Frau, die im Zug sitzt und irgendwohin fährt, wir wissen es nicht. Die Häuser schauen sie an und ziehen an ihr vorbei, während sie ganz in sich und ganz woanders ist. Zwischen dem Innen und dem Aussen ist das Fenster. Es trennt die Räume und lässt sie ineinander fliessen, indem es das Innen im Aussen spiegelt. Und vielleicht zieht noch der Regen dem Glas entlang und bildet einen Film, der wie die Fahrt des Zuges das Draussen verschwommen und unbestimmt werden lässt. Es geht nicht um ein Finden bei der Sehnsucht, wird da erzählt.



Und wenn man von dieser Grammatik der Sehnsucht ausgeht, dann wäre das Fragezeichen das Satzzeichen der Sehnsucht, nicht der Punkt und nicht das Ausrufezeichen. Denn das Fragezeichnen öffnet und lässt offen, so wie die Sehnsucht.

Das sagt bereits der Wortlaut: ersehnt wird das Suchen und nicht das Finden und gesucht wird das Sehnen. Die Blicke gehen mit Landschaften und Wassern in die Weite des Raums und mit Bauten und Fahrten in die Zukunft oder multiplizieren sich über Spiegel in eine Unendlichkeit. Diese gegenseitige Verdopplung von Sehnen und Suchen intensiviert das Wünschen und Begehren, schafft aber auch eine Grenze, einen Abstand. Je grösser nämlich die Sehnsucht wird, umso grösser wird der Weg zum Finden und zum Objekt.

Freud sagte, dass das Objekt immer das verlorene ist, was eine andere Formulierung dafür ist, dass man es nicht finden kann. So erstaunt es nicht, dass es bei Todesfällen und in der Trauer zu einem heftigen und überbordenden Begehren kommen kann. Der Verlust steigert es immer mehr und die Sehnsucht wird durch die Unmöglichkeit des Wiedererlangens immer grösser.

James Joyce hat das in einer kurzen Geschichte sehr schön beschrieben. Ein junger Mann, Gabriel, mit einer leisen und sehnsüchtigen Melancholie verliert bei einem kleinen Fest ein wenig seinen Halt. Beim Aufbruch tönt wie von weither die Stimme eines Sängers, der nun doch zu später Stunde und fast ein bisschen verstohlen, trotz seiner Heiserkeit und Indisponiertheit ein altes Lied angestimmt hat. Man lauscht den Tönen. Und in diesem Moment taucht ebenso wie von weither Gabriels Frau oben auf der Treppe auf. Sie ist lauschend und versunken, voller Anmut und Grazie. Und er schaut und schaut und seine Augen werden voll von ihr. Szenen seiner Liebe ziehen von diesem Gefühlt beseelt an ihm vorüber. Und er freut sich darauf, mit ihr allein zu sein. Als sie dann allein sind, erscheint sie ihm noch schöner. Und er sucht diese Stimmung, dieses Glück mit ihr zu teilen. Sie kommt ihm entgegen und doch nicht. Sie beginnt zu weinen. Das Lied hat sie gerührt. Es war das Lied, das ihr ein Jüngling immer gesungen hatte, der in sie verliebt war. Und sie in ihn. Sie waren miteinander spazieren gegangen und hatten sich in die Augen geschaut. Sehnsüchtig und melancholisch. Und er, dieser Jüngling, war für seine Liebe zu ihr damals gestorben.

In dem Moment, in dem er sich wieder sehnsüchtig in sie verliebt, ist sie auch voller Sehnsucht nach einem anderen, den sie verloren hat. „Er dachte daran, wie sie, die neben ihm lag, so viele Jahre lang das Bild der Augen ihres Liebhabers in ihrem Herzen verschlossen hatte, als er ihr gesagt hatte, dass er nicht mehr leben wolle. Grossmütige Tränen füllten Gabriels Augen. Er hatte keiner Frau gegenüber je Ähnliches empfunden, aber er wusste, dass solch ein Gefühl Liebe sein musste.“ (J.Joyce, 1989, S.228) Sehnsucht ist anziehend, stimuliert das Begehren, Sehnsucht ist ansteckend.

So ist es kein Zufall, dass die Psychoanalyse über die Behandlung von Hysterikerinnen entstanden ist, von Frauen – so könnte man sagen –, die an ihrer Sehnsucht erkrankt sind. Ein durchaus nicht untypisches Symptom war das der Scheinschwangerschaft. Mit ihm führte Anna O. ihrem Arzt vor, was sie suchte und wünschte. Vor diesen Wünschen nicht davon zu laufen, sie gleichzeitig nicht zu erfüllen, sie also in einem Zustand der Schwebe und damit auch der Sehnsucht zu halten, das war der Beginn der Psychoanalyse. Natürlich war es auch da so wie in der Geschichte von Joyce, dass diese Frauen und der Duft der Sehnsucht, der sie umspielte, eine Anziehung auf die Psychoanalytiker ausübte. In den durchaus intensiven Behandlungen mit den Hysterikerinnen wurde auch die Sehnsucht der Psychoanalytiker stimuliert und angesteckt und so ist es kein Zufall, dass der berühmte und von ihm als zentral angesehene Traum Freuds von Irmas Injektion (Freud, 1920g, S.126f) eigentlich seine Schwangerschaft mit der Psychoanalyse beschreibt.

Es ist keine Frage: auch in der Psychoanalyse bestimmen Sehnsucht, Anziehung und Stimulation auf beiden Seiten die Situation. Aber ebenso gibt es den Abstand zum Finden und zur Erfüllung, gibt es den Abstand zum Objekt – die Abstinenz.

Ein Patient träumt in diesen Tagen von einem Tempel mit einem grossen Baum davor. Der Tempel wirkt sehr orientalisch und der Patient steht mit einem europäischen Freund davor – wobei das Europäische als Kontrast zum Orientalischen im Traum betont wird. Der Träumer möchte hinein in den Tempel, darf aber nicht, kann aber nicht. Und ist sehr traurig. Später erzählt er, dass der Traum ein sehr warmes und schönes Gefühl ausgelöst hätte. Der Traum ist sehr schön, weil er vom Abstand erzählt, der zwischen ihm mit seinem europäischen Freund, der unschwer als sein Analytiker zu erkennen ist, und dem Tempel bleibt. Und davon, wie sich die Traurigkeit, die ihn ganz einnimmt, mit dieser warmen, süssen Sehnsucht mischt.

Der Patient dürfte kaum gewusst haben, dass er damit auch von dem Venedig, das ja zwischen dem Okzident und dem Orient liegt, und von dem Pavillon träumt, über den sein Analytiker nachdenkt: von diesem Pavillon der Sehnsucht, der gleichzeitig auch die Analyse ist, die beide miteinander machen.

Es ist der Abstand, von dem auf den verschiedenen Sehnsuchtsbildern immer die Rede ist. Es ist der Abstand des Zugfensters, des Gitters, der Mashrabiyas vor den weiblichen Gemächern des Orients, es ist der Abstand zwischen den Liebenden, der trotz der grössten Nähe immer bleibt. Es ist der Abstand, der auch in den neuen Medien immer präsent ist, weil sie in ihren bis ins Unendliche potenzierten Möglichkeiten eine Unerreichbarkeit ständig mitproduzieren. Es ist der Abstand, der für die Sehnsucht und ihr Träumen und Schweben konstitutiv ist. Ist er zu klein, dann kommt es zur Sucht und zum Zwang, dann will er nicht mehr ertragen sein, dann soll er nur noch wegbefördert werden. Ist der Abstand aber zu gross, dann gibt es gar kein Suchen und Sehnen mehr, kein Kreisen zwischen dem Innen und dem Aussen, zwischen dem Andern und sich selbst.

Es ist kein Zufall, dass Freud die Haltung des Analytikers als gleichschwebende Aufmerksamkeit beschrieben hat. Es ist eine Haltung, in welcher der Analytiker sich zwischen den verschiedenen Assoziationen des Patienten Hin und Her bewegt, in der er kreist zwischen den Einfällen des Patienten und den eigenen, es ist eine Haltung, welche die Dinge in der Schwebe lässt und so der Sehnsucht Zeit und Raum gibt.

Dieser Abstand, die Abstinenz, bedeutet also nicht einfach Enthaltsamkeit, sondern Intensivierung der Sehnsucht, sie ist nicht nur Schutz, zumindest auch Brandstiftung, die zu einem Feuerwerk des Wünschens werden kann. Das kennt man von der Askese der Mönche und auch der Nonnen, in der die Liebe zu Gott ekstatische Dimensionen und sinnlichste Höhen annehmen kann. Die Sehnsucht ist also – so könnte man sagen – ein Fest des Abstands.

Wenn nun aber das Objekt – wie die Psychoanalyse sagt – immer das verlorene ist, heisst das dann, dass man immer nur das Gleiche sucht? Die Sehnsucht bewegt sich eher und vor allem im Bekannten. Im Bekannten als dem, was man sich wünscht, als das, was man sich vorstellt, als das, wovon man ein Bild hat, von dem man träumt, das man schon hat. Kommt man dann nie über die eigenen Bilder hinaus, sucht man dann immer nur sich selbst und findet gar nichts? So wie Narziss nur sein Spiegelbild sehen und vom Echo gar nichts wissen will? Das ist ein Vorwurf, den man der Sehnsucht immer wieder macht: dass sie nur um sich selbst kreise und nirgends hinkäme. Dabei übersieht man freilich etwas – was auch Narziss passieren kann. Dass dieses Spiegelbild eben nicht nur das gleiche ist. Dass in ihm – darauf hat Lacan hingewiesen – die Textur des Anderen eingeschrieben ist, von der man auch in diesem Spiegelbild – man könnte sagen: schräg – angegrinst wird. Bruce Willis hat das in einem seiner Filme auf den Begriff gebracht, als er morgens, verschlafen und verkatert natürlich, verbeult und zerkratzt und alles andere als seiner mächtig vor dem Spiegel steht und sagt: „Ich kenn’ Dich zwar nicht, aber ich rasier’ Dich trotzdem!“

Auch das verlorene Objekt, von dem die Psychoanalyse spricht, ist nicht immer das gleiche. Es verändert sich mit jedem neuen Objekt, das wieder gefundenes und verlorenes gleichzeitig ist. Es bekommt auch rückwirkend immer wieder neue Dimensionen, so wie es dem wieder gefundenen im gleichen Zuge auch immer wieder neue Bedeutungen gibt. So wie die Räume von innen und aussen ineinander und durcheinander geraten, so verschränken sich in der Sehnsucht auch die Linien der Zeit. Nicht nur färbt das Vergangene als das Verlorene sehnsüchtig das Bild der Zukunft ein, auch umgekehrt enthüllt auch das Kommende Seiten des Gewesenen, die erst so und nur so zur Geltung kommen. So schaut die Sehnsucht nicht nur nach vorne, sie zeigt uns – wie der Maler Caspar David Friedrich – auch immer etwas Anderes, das unerkannt in unserem Rücken liegt.

In den Verdopplungen der Sehnsucht ist also nicht nur der Abstand, sondern auch das Andere immer anwesend. Die Gleichheit des Wiedererkennens wird von der Anwesenheit des Anderen diagonal durchschnitten. So wie es in Holbeins Bild Die Gesandten durch den anamorphotisch verzogenen Todesschädel vorgeführt ist, der als Vanitassymbol den Prunk und den Reichtum des Bildes durchkreuzt. Ohne die ständig drohende Möglichkeit ihres Scheiterns gibt es keine Sehnsucht. Ohne ihre gleichzeitige Unmöglichkeit, ist sie selbst nicht möglich. Sie ist ein Versuch des Subjekts diese Gegensätzlichkeiten zu verbinden, diese Aporie zu leben.

Weil es der Sehnsucht in der Verdopplung von Suchen und Sehnen nicht ums Finden geht, steht sie immer zwischen Anfang und Ende. Und kann sich nach dem Ende, nach dem Tod sehnen. Dann wird der Tod nicht nur zum Auslöser der Sehnsucht, sondern zu ihrem Gegenstand. Weil aber auch die Todessehnsucht eine Sehnsucht ist, geht es ihr nicht einfach ums Finden des Todes. Dann nämlich käme es zu einem Ende: Nicht nur des Lebens, sondern ebenso der Sehnsucht und ihres Träumens und Sehnens.

Wenn nun die Sehnsucht diesen Abstand zum Finden immer zu wahren sucht, so soll das nicht heissen, dass es nicht ein Glück sein kann zu finden. Ganz im Gegenteil. Es heisst nur, dass es auch ein Glück sein kann zu sehnen und zu suchen.

Ins Beginnen verliebt heisst ein wunderschönes Buch des Psychoanalytikers J.B. Pontalis, in dem es um Geschichten von Freundschaften geht, bei denen ganz leise und unbestimmt angedeutet ist, dass es sich um psychoanalytische Begegnungen handelt. Der Titel ist somit Motto für die Psychoanalyse, mit der er sie nicht nur als Therapie, viel mehr noch als Sehnsuchtsmaschine ausweist: „Ein Schiff wird kommen!“ Ganz ähnlich wie es in der Architektur nicht nur darum geht, das Mögliche zu machen, sondern auch das Unmögliche zu bauen, was – so könnte man sagen – Herzog/deMeuron Fellini-like mit der Elbphilharmonie vorführen: „E la nave va!“ Architektur als Sehnsuchtsmaschine.



Literatur

Freud, Sigmund (1900a): Die Traumdeutung, SA Bd.II, S.Fischer, Frankfurt a.M., 1972

Joyce, James (1989): Dubliner, Suhrkamp, Frankfurt a.M.


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