Kannitverstan heute – so gut!

aus: Aleksander Hemon, Das Buch meiner Leben, Knaus, München, 2013, S. 24-25.

15. Januar 2015


Der Bosnier Mujo ist nach Chicago ausgewandert. Er schreibt regelmässig an Suljo, lädt ihn ein, aber Suljo will seine Freunde und sein kafana (ein Kaffeehaus oder Lokal, wo man stundenlang bei Kaffee oder einem Glas Wein sitzen kann) nicht im Stich lassen. Nach jahrelangen hartnäckigen Bemühungen Mujos willigt er schliesslich ein und fliegt nach Amerika. Mujo erwartet ihn am Flughafen in einem riesigen Cadillac.

„Wem gehört das Auto?“, fragt Suljo.

„Mir natürlich“, sagt Mujo.

„Ein toller Schlitten“, sagt Suljo. „Du hast es gut getroffen.“

Sie steigen ein, fahren in die Stadt. Mujo sagt: „Siehst du das Gebäude dort drüben, hundert Stockwerke hoch?“

„Ja“, sagt Suljo.

„Das gehört mir.“

„Schön“, sagt Suljo.

„Und siehst du die Bank dort im Erdgeschoss?“

„Ja.“

„Das ist meine Bank. Wenn ich Geld brauche, geh ich einfach hin und nehme mir, was ich brauche. Und siehst du den Rolls-Royce davor?“

„Ja.“

„Der gehört mir. Ich habe viele Banken, und vor jeder steht ein Rolls.“
„Gratuliere“, sagt Suljo. „Das ist sehr schön.“

Sie fahren in Richtung Stadtrand, wo die Häuser grosse Rasengrundstücke haben und die Strassen mit alten Bäumen gesäumt sind. Mujo zeigt auf ein Haus, gross und weiss wie ein Krankenhaus.

„Siehst du das Haus dort? Das ist mein Haus,“ sagt Mujo. „Und siehst du den gigantischen Swimmingpool daneben? Das ist mein Pool, jeden Morgen schwimme ich darin.“

Am Swimmingpool liegt eine attraktive, rassige Frau in der Sonne, ein Junge und ein Mädchen planschen im Wasser.

„Siehst du die Frau? Das ist meine Frau. Und die wunderbaren Kinder sind meine Kinder.“

„Sehr schön“, sagt Suljo. „Und wer ist der muskulöse, braungebrannte junge Mann, der deine Frau massiert und sie auf den Hals küsst?“

„Das bin ich“, sagt Mujo.

Nach oben