Zur Blindheit der Naturwissenschaften

Textbeitrag zur Diploampublikation von Simon Grab und Vera Buck im SS 2015

1. Juni 2015


"I believe in intuition and inspiration. Imagination is more important than knowledge. For knowledge is limited, whereas imagination embraces the entire world, stimulating progress, giving birth to evolution. It is, strictly speaking, a real factor in scientific research." (Albert Einstein, 1931)
„Imagination ist wichtiger als Wissen. (...) Sie ist, genau genommen, ein wirklicher Faktor in der wissenschaftlichen Forschung.“ Das ist bereits Musik. In der Tat beginnt dieses Begleitheft zur Masterthesis von Vera Buck und Simon Grab mit wissenschaftlichen Bildern. Und endet mit solchen. Bild, Text, Musik und Neurowissenschaft – wie passt das alles zusammen?

Die Neurowissenschaften sind vorne dran: In der Medizin, in der Psychologie – selbst in der Psychoanalyse. Man verspricht sich von ihnen nicht nur Aufklärung über die neuronalen Grundlagen von Verhalten, von seinen Möglichkeiten und Störungen, sondern auch bestmögliche Therapien zu deren Korrektur. Wissenschaft ist ein kompetitives Unternehmen. Es werden Gelder verteilt, Preise verliehen und Ranglisten erstellt.

Bilder – das gilt auch für medizinisch-wissenschaftliche – geben ihre Wahrheit nicht einfach preis, sie müssen interpretiert werden. Ein Professor in den Staaten „gehörte zu den Spitzenleuten in der Interpretation von CT und MR. (...) Und er kam zu Trefferquoten, die viel höher waren“ Burri, 2008, S. 207) als die anderer Wissenschaftler. Dieser Professor war blind und stützte „seine Bildinterpretationen auf die Bildbeschreibungen seiner Kollegen und auf Gespräche mit Patienten.“ (ebd., S. 207)

Teiresias, ein anderer Wissender, der berühmteste Seher des Altertums, war ebenfalls blind. Er erkannte das Schicksal von Ödipus, der seinen Vater erschlagen und seine Mutter zur Frau genommen hatte. Damit war er – mit Freud – der Urvater der Psychoanalyse, bei der es ja ebenfalls darum geht, etwas zu sehen und zu erkennen, was nicht gesehen und nicht gewusst werden kann.

Derrida beschreibt die Zeichnungen eines Blinden als solche, die nicht nur einen Blinden darstellen. Sie sind – wie die von Antoine Coypel – viel mehr noch Zeichnungen eines Blindseins, das sich mit einem Stock gegen das Stürzen, gegen das in-sich-hinein-Fallen schützen muss, das mit diesem Stock den Boden abtastet, auf ihm herumstochert, auf ihm entlang kratzt und Linien zieht. Dieses Stochern und Kratzen und Suchen und Tasten sind die Zeichnungen eines Blinden. Sie stellen nicht einfach einen Blinden dar – auch wenn sie das, wie bei Coypel tun –, sie sind Spuren und Ausdruck seines Blindseins, sie geben das zu sehen, was man nicht sehen kann: seine Blindheit. Die Zeichnung, so liesse sich mit Derrida sagen, ist nicht nur der Preis, sie ist ein Geschenk des Blinden.

So wie das Hörspiel. Der Bund der Kriegsblinden Deutschlands verleiht diesen Preis jedes Jahr für das beste Hörspiel. Die Verbindung von Hörspiel und Blindheit ist dabei nicht nur die naheliegende, dass Blinde ja nicht sehen können, Ihnen das Sehen und Fernsehen damit unzugänglich bleibt – wobei unser blinder Professor da ja auch seine Fragezeichen setzte –, sondern auch die, dass im Hörspiel die Stimmen aus dem Dunkel, von irgendwoher, man könnte sogar sagen, aus einem Jenseits kommen. Man ist von diesen Stimmen umgeben, sie sind nicht so leicht zu orten, ihre Herkunft ist unbestimmt und ungewiss.

Simon Grab hat Musik aus dem MRI gemacht. Aus dieser Röhre, in die man geschoben wird, in der man von Strahlen und Magnetfeldern eingehüllt ist, in der aber vor allem ein Hämmern und Klopfen so massiv auf einem niedergeht, dass man Ohrschützer verpasst bekommt, um es aushalten zu können. Das MRI macht also nicht nur Bilder, es macht auch Musik, Musik, die auf den Körper prasselt und einschlägt. Die Blindheit ist nicht nur eine Bildmaschine, sie ist auch eine Musikmaschine.

In seinem Hörspiel Hirnmusik stellt sich der Musiker SY-the-Brain der Wissenschaft zur Verfügung. Er lässt als erster Komponist weltweit sein Hirn vom Restkörper abtrennen und direkt an die Hörmaschine anschliessen. Anders als bei der Frau von Stanislaw Lem – in den Erzählungen vom Pilot Pirx – hat das Hirn hier kein Auge mehr. Das von seinem Körper abgetrennte Hirn ist im Hörspiel von Simon Grab – wenn man so will – blind. Und imaginiert Musik, die über Neurotechnik direkt in den Äther ausgestrahlt wird.

Zu Beginn des Hörspiels heisst es: „Der Autor, das ‚Über-ich’ stellt sich folgende Geschichte vor. Zu hören sind nur sein Atem. Und sein Tinnitus.“ Zu hören ist also nur das, was in ihm ist. Das gibt diesem Über-Ich eine interessante Bedeutung. Es scheint nicht einfach das zu sein, das über dem Ich steht, es im Griff hat und bestimmt, es scheint vielmehr eines zu sein, dass das Ich hinaus, dass das Ich über sich hinaus zu bringen scheint.

SY-the-Brain scheint nicht zu seufzen (sigh), wenn sein Hirn vom Restkörper abgetrennt wird. Er scheint es zu geniessen, scheint stolz darauf zu sein. Und es wird nicht nur von seinem Restkörper mit all seinen Sinnen abgetrennt, auch sein Gedächtnis wird gelöscht. Alles also, was das Ich ausmacht, wird ausgelöscht. Es wird eine Leere hergestellt, in der es nichts mehr zu sehen gibt, die blind ist.

Abgetrennt von allem anderen ist dieses Über-Ich, das über das Ich hinaus geht, nur noch imaginierte Musik, die aus ihm heraus gesendet wird. Es entäussert sich total, wird nur noch Maschine, nur noch Lautsprecher wie auf dem Bild auf S. 53 dargestellt. „Das Hirn ist guter Dinge, hat sich damit abgefunden, dass seine Existenz nur noch über musikalische Referenzen funktioniert. Ihm gefällt das Spiel, über Musik sein Leben zu erschliessen.“ (Synopsis-Szenen, S. 3)

Und dennoch ist das Hirn, dieses Über-Ich, auch wenn es von allem abgetrennt ist, nicht ganz allein. Es gibt die Pflegerin, die freilich keine Pflegerin, die nur Stimme ist. Eine Stimme von irgendwo, die Teil dessen ist, was ihn als Nicht-Sichtbares umgibt. Sie ist Teil seiner Blindheit, diese Stimme. Und sie mag es und es mag sie: „Pflegerin freut sich ‚ihr Lieblingshirn’ zu sehen. Hirn freut sich ‚seine Lieblingspflegerin’ zu hören“, heisst es im Plot.

Diese Freude, diese gute Stimmung, bleibt allerdings nicht ungetrübt. Später im Hörspiel, als die Pflegerin dem Hirn Lieder vorsingt, wird die Unbestimmtheit der Stimme, wird die Blindheit auch zur Qual. „Zum ersten Mal wird die Stimme der Pflegerin akustisch in einen anderen Raum versetzt. Das Hirn lässt den Gesang durch einen Hall spielen. Eine Irritation für das Hirn, denn nun ist nicht mehr ersichtlich, ob die Pflegerin real ist.“ Nun kreisen die Gedanken: „Wie kann ich mir beweisen, dass ich die Existenz bin, die ich denke zu sein? Bin ich tatsächlich nur Hirn, oder stelle ich mir das nur vor? Ist mein Körper noch intakt? Bin ich eine Metapher?

Auch in Vera Bucks Roman Runa aus der Salpetrière soll etwas abgetrennt werden. Dort in dieser berühmten Klinik lässt der ebenso berühmte Meister die Hysterikerinnen vor seinem Publikum tanzen. Er setzt sie in Hypnose und lässt ihren Wahnsinn sich erzählen zur Faszination der Zuschauer, unter denen auch Freud, wie auch Bleuler und der Protagonist Jori Hell waren, und der der Wissenschaft. Jori Hell will ihn, den Wahnsinn, aus dem Gehirn seiner Patientin Runa schneiden. Eine Geschichte mit vielen Geheimnissen, in der auch die Finsternis eine Rolle spielt. Jori Hell besucht einen Bauern, um dessen kranke, wahnsinnige Tochter in die Salpetrière zu holen. Sie war im Stall in einem Verschlag eingesperrt. „Jori ging zur Seitenwand und spähte durch eine Lücke zwischen den Holzbrettern. Im Innenraum war es finster. In dem wenigen Licht, das durch die Bretterspalten fiel, schwebten Staubkörnchen. Sie zogen leuchtende Schlieren und lösten sich dann in der Dunkelheit auf wie das Pulver einer Tablette, die man in ein Wasserglas geworfen hatte.“ (Buck, 2015, S. 15) Die Poesie dieser Finsternis, in der die Staubkörnchen leuchteten, von denen man umgeben ist, atmet bereits das Unheimliche. Denn aus dieser Dunkelheit kann plötzlich jemand auftauchen, nicht nur der Freund Eugen Bleuler später am Gare de l’Est, als Jori in Gedanken versunken ist. In dieser Dunkelheit steht auch der abgedankte Ermittler, der immer noch sein Unwesen treibt. In diesem „unkontrollierbaren Chaos“ sehnt sich Jori nach der Salpetrière. Dort sind die Krankensäle zwar überfüllt mit Patienten, aber „trotzdem hatte dort alles seine Ordnung. Jeder hatte seinen Platz. Man wusste, wo man wen fand und wer in welchem Bett lag..“ (ebd., S. 19) Er sehnt sich nach der Ordnung und Eindeutigkeit der Wissenschaft, die den Wahnsinn ausschliessen zu können glaubt.

Diese Unbestimmtheit und Nicht-Fassbarkeit dessen, was uns umgibt, das auf uns einwirkt und wovon wir beeinflusst sind, diese Uneindeutigkeit ist in diesem Begleitheft sehr schön auf den Selfies dargestellt, die auf die Frage antworten sollen, von wo die Einzelnen ihre Kreativität herkommend empfinden. Es ist phantastisch, wie diese Gesten, die alle mehr oder weniger auf einen Punkt hindeuten, vor allem eines vorführen: dass es diesen einen Punkt so nicht gibt. Würde man die Selfies übereinander legen, dann würden die Zeigefinger und die Gesten um den Körper kreisen und diesen Raum nicht eindeutig und bestimmt machen, sondern ihn so öffnen wie der Äther offen ist, in den die Musik des imaginierenden Hirn gesendet wird. Die Gesten beziehen sich ganz offensichtlich nicht auf einen Raum der ist, sondern sie schaffen einen neuen Raum, imaginieren einen Raum.

So betont die Künstlerin Maya Prachoinig, dass es nicht ein Punkt ist, sondern die Wechselwirkung von verschiedenen Hirnschwingungen, die kreative Funken schlagen... (Entwurf, S. 13) Und wenn Patricia Nocon, Schauspielerin und Performerin, mit einer ganzen Reihe von Selfies sich fragt: „So sieht es aus, wenn ich gerade versuche kreativ zu sein? Meist suche ich sie... Manchmal treffen wir uns beim Kleiderschrank ...“ (ebd., S. 31), dann passt das nicht nur gut zu den Selfies, weil die Kleider ja auch den Körper so einhüllen und umgeben, wie es die Gesten und Verweise auf den Bildern tun, es passt auch sehr gut zu diesem Umarmen, von dem Einstein im Zitat ganz zu Beginn schon gesprochen hat. Diese Umarmung hat keine eindeutige Zuordnung, hat keine Linearität. Sie umgibt uns so wie es die Aromen tun – die Willi Grab beschreibt –, die die Nase umschmeicheln. Sie sind nie ganz festzumachen, so wenig wie die Stimmen aus dem Dunkel.

Dieses Umarmt-Sein entgeht uns häufig. ihm gegenüber sind wir so blind wie es Ödipus war. Und gleichzeitig ist die Blindheit dieser Zustand – das ist ihr Preis, aber auch ihr Geschenk –, in dem wir die Umarmungen besonders spüren und ihrer gewahr werden. Das sind die Bilder, die Töne, die Stimmen, die aus ihr kommen, die in ihr produziert und geschaffen werden.

Die Hirnforschung hatte ihre Vorgängerin in der Schädellehre. Um 1600 schrieb Tommaso Campanella: „In einer Handvoll Hirn lebe ich.“ Damals ging es darum, „diesen im Hirn verlorenen Menschen so gegenüber Gott in Freiheit zu setzen.“ (Breidbach, 2009, S. 139) Das Hirn, als Substrat der Freiheit Gott gegenüber, wurde nun morphologisch, anatomisch und physiologisch vermessen und es entstand die Schädellehre, die Hegel dann verächtlich die Schädelleere nannte.

In der Blindheit nun, von der in diesen Arbeiten die Rede ist, die nicht einfach zu vermessen und zu verorten ist, die uns für das, von dem wir umgeben sind, besonders empfänglich macht, haben wir nun eine andere Art von Leere. Es ist eine Leere, die nicht einfach leer ist, sondern Bilder und Töne macht, die Geschichten erzählt. Es ist eine Leere, eine Blindheit, aus der die Imagination entsteht, die selbst Imagination ist, die eine Maschine von Bildern und Tönen ist, eine Maschine, die Geschichten erzählt, so wie es in dieser Masterthese vorgeführt wird.


Literatur


Breidbach, Olaf (2009): Freiheit trotz Physiologie oder Freiheit durch Physiologie? In: Karger, A. (Hg.): Trauma und Wissenschaft, Vandenhœck & Ruprecht, 2009.

Burri, Regula (2008): Doing Images, transcript, 2008

Derrida, Jacques (1997): Aufzeichnungen eines Blinden. Das Selbstportrait und andere Ruinen, München, 1997


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