Ins Beginnen verliebt

J.-B. Pontalis, edition diskord, Tübingen, S. 61- 62

25. Februar 2014

Vor Jahren traf ich eines Abends bei Freunden Roland. Er war dabei, Frankreich für eine lange Zeit zu verlasse und deponierte einige Gemälde bei ihnen. Eines davon befand sich in der Ecke des Raumes, in dem wir assen, direkt auf den Boden abgestellt. Roland war ein wenig trübsinnig, die Unterhaltung – der Wein tat ein übriges – lbhaft, um das Unbehagen des Abschieds besser zu überdecken. Mein Blick wurde in kurzen Abständen und nach und nach ganz von der Leinwand gefangengenommen. Ich hörte das Lachen, steuerte meinen Teil dazu bei, doch inmitten jener unvorhersehbaren Beweglichkeit, die die Ausgelassenheit einer Konversation ausmacht, nahm der Impuls Gestalt an, schlich sich die fixe Idee ein: ich will es haben! Etliche Stunden später lief ich den Boulevard St. Germain hinauf und versteckte das Bild unter meinem Mantel. Ich hatte Roland den Preis, den er verlangte, gezahlt, er hatte mir die üblichen Worte gesagt: wie glücklich er sei, dass ich an seiner Malerei Gefallen finde etc. Nichtsdestotrotz floh ich wie ein Dieb.

Heute noch kann ich mir diesen Abend nicht ohne gemischte Gefühle vergegenwärtigen, ich kann das Bild, das jetzt an einer Wand meines Arbeitszimmers hängt, nur verstohlen betrachten. Es gibt andere Bilder bei mir zu Hause. Manche vergesse ich über Monate hinweg, bei einem anderen, einem blauen Raum, vergeht kein Tag, an dem ich nicht darin eintauche. Doch mit diesem hier ist es anders: seine Gebrauchsanweisung werde ich niemals herausfinden. Trotzdem wusste ich sehr schnell, warum ich es stehenden Fusses an mich bringen musste. Weil ich es wiedererkannte, weil ich dargestellt fand, was ich anderswo schon gesehen hatte, ich selbst jedoch hätte es nicht in einem Bild festhalten können. Zu Roland hatte ich gesagt, das ist wie beim Verlassen eines Traumes, aber eines Traumes, der selbst nur Spiegelung einer Erinnerung gewesen wäre und diese Erinnerung wäre selbst nur die Folie, auf der eine vorangegangene Erinnerung sich spiegelte und sso weiter bis ins Unendliche – ja, als hätte ich mich bemüht, Roland, diesem mir annähernd unbekannten Mann zu sagen: da ist Wasser, da ist Marmor, die Oberfläche des Wassers ist völlig eben, ohne Bewegung, aus Marmor, Marmortreppen führen zu dem Tisch aus grauem Wasser, das ähnelt einer von Pallazi umsäumten Piazetta in Venedig, aber es ist nicht Venedig, es ist, als wollte ein Meeresarm in eine Stadt eindringen, es ist aber trotzdem keine Strömung da, eher also ein toter Arm, da ist auch ein Werk, Industrieschornsteine, ich glaube es ist metallisch, eher eine Fabrik, kein Werk, eine stillgelegte Fabrik, es gibt zwei Konstruktionsarten, zwei Architekturen, alle beide aus einer anderen Zeit, alle beide ausser Betrieb; sie liegen nebeneinander, sie vermischen sich nicht, ihre Zusammenfügung in einem einzigen Bild ist ungewöhnlich, sie koexistieren, nur für den Betrachter gehören sie zusammen. Und Roland, unter meinem von „als ob“, „ungefähr“, und „es war so, ohne genau zu sein“ durchsetzten Diktat, mühsam wie jede Transkription dessen, was man selbst für ungeheuer präzise hält, weil man es intensiver gesehen hat, als man jeweils irgendetwas im fahlen Tageslicht wahrnehmen wird, – Roland hatte sich die Sache angesehen, meine sukzessiven Korrekturen in Betracht ziehend, ohne ein Detail zu vernachlässigen und stets darauf bedacht, sie sich so vorzustellen wie ich wollte, dass sie zu sein habe. Nur ein Detail, das nicht von mir stammte, hat er hinzugefügt, indem er in einer Ecke seines Bildes einen kleinen sitzenden Menschen erscheinen liess. Er blieb als einziges verschwommen und war grob hingemalt. Ganz nah und weit weg betrachtet er das Bild, auf dem er erscheint, dessen Stifter er sein könnte, vor allem, ausser seinem Blick enthoben: er beobachtet die Szene, die doch nicht die seine ist. Das Werk, das Tuch aus Wasser, jede verlassenen Gebäude entledigen sich seiner. Venedig, einen Tag nach dem nicht endenwollenden Fest, Venedig, bereits der eigenen Präsenz verlustig gegangen, hat mit seiner Abwesenheit oder seinem Verlorensein nichts zu tun. Er weiss es...

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