Beschleunigungen. Zum Unendlichen in der Psychoanalyse und in den neuen Medien.

Vortrag an der Tagung "Wie generiert die Psychoanalyse ihr Wissen?" in Zürich am 14. November 2009

14. November 2009



“I would prefer not to”! Nein, nein, das meint natürlich nicht mein Vortragen hier, ganz und gar nicht, auch wenn mich solche Gedanken beim Vorbereiten durchaus beschleichen können.

“I would prefer not to” ist die Antwort Bartlebys auf schliesslich jedes Ansinnen, das an ihn gestellt wird. Bartleby ist die Hauptfigur einer Geschichte Melvilles, die von einem erfolgreichen New Yorker Anwalt erzählt wird, der sich – vielleicht nicht ganz von ungefähr – mit den Übertragungen und Rechten von Grundbesitz beschäftigt. Er hat Bartleby, „einen blassen, sauberen, dürftigen, anständigen und unendlich hilflosen“ jungen Mann als Schreiber angestellt. Zu Beginn erweist er sich als sehr arbeitsam bis er nach 3 Tagen auf eine Anweisung sanft und unzweideutig antwortet: „”I would prefer not to”!“ Das bleibt dann nicht bei dem einen Mal, das nimmt zu, das nimmt überhand, das breitet sich aus, so dass der Anwalt und sein Büro umziehen müssen, weil es nur noch das “I would prefer not to” gibt. Es ist kein „ja“ und kein „nein“, keine Affirmation und keine Akzeptanz, aber auch keine Negation und kein Protest. Es ist nichts von beiden – darauf haben auch Deleuze und Derrida hingewiesen –, aber auch nicht weg zu bekommen. Die nächsten Mieter des Büros wollen es weg haben, ihn, lassen ihn ins Gefängnis schmeissen, wo er bald darauf stirbt. Der Anwalt erwähnt zum Abschluss seiner Geschichte, dass Bartleby zuvor längere Zeit im Amt für dead letters, für unzustellbare Briefe, gearbeitet hat.

Bartleby ist – wie immer wieder auch gesagt wurde – mit seinem “I would prefer not to” einerseits eine Figur des Todes, aber er und dieses „nicht ja“ und „nicht nein“ ist auch das, was den Anwalt zum erzählen bringt, was ihn immer noch Neues erfinden lässt, dieses “I would prefer not to” bringt den Anwalt als Schreiber, bringt den Autor des Textes hervor.

Bartleby ist – so könnte man vielleicht sagen – eine literarische Figur dessen, was Descartes mit der Erkenntnis, mit der Ontologie gemacht hat.

Hatte Lacan Descartes cogito ergo sum zunächst einmal ganz im Sinne seines Verständnisses des Spiegelstadiums nicht als Erkennen, sondern als ein Verkennen von sich selbst, des moi, kritisiert, so kam es später im Zusammenhang der Frage, wie es denn um die Psychoanalyse als Wissenschaft stünde, zu einem grundlegenden Wandel in der Einschätzung von Descartes. Nun erkannte Lacan in ihm einen Gewährsmann und einen Verbündeten der Psychoanalyse. Bei Descartes blitzt nämlich das Moment einer Gewissheit erst in der allergrössten Ungewissheit auf. Seine Methode besteht in der Zuspitzung und grenzenlosen Insistenz seines Zweifels an allem und lässt erst auf dessem Höhepunkt – und nur für diesen einen Moment – die Gewissheit einer Existenz, des cogito ergo sum, aufscheinen.

Was nun hat dies mit der Psychoanalyse und mit Bartleby zu tun?

Antonello Sciacchitano hat in seinem Buch Unendliche Subversion gezeigt, dass sich die eben beschriebene Kehrtwende von Lacan in seinem Verhältnis zu Descartes darin vertieft, dass er in ihm den Begründer der Wissenschaft sieht. Dies ist er insofern, als er die Wissenschaft von der Frage der Wahrheit gelöst hat, die er als ewige Wahrheit Gott aufbürdet. Was wiederum heisst, dass die Begründung der Wissenschaft auf einer Verdrängung – nicht auf einer Verwerfung – der Wahrheit beruht. Dies ergibt dann für Lacan die Möglichkeit zu sagen, dass das Subjekt der Wissenschaft und das Subjekt des Unbewussten in der Psychoanalyse das gleiche seien im Sinne der Kehrseiten einer Medaille. Beide beruhen auf dieser durch die Verdrängung eingerichteten Spaltung.

Vor allem aber – und hier kommt nun Sciacchitanos zentrale These – hat Descartes damit die Existenz des Subjekts vom Sein, von der Ontologie gelöst und sie auf das Wissen verschoben und verlegt. Das Sein ist nun an das Wissen geknüpft: Cogito ergo sum.

Weshalb ist dies der Moment, in dem die Wissenschaft beginnt, weshalb ist dies der Ursprung der Wissenschaft? Die Wissenschaft beginnt hier insofern, als sie sich von der Erkenntnis – so bezeichnet Sciacchitano diese Position – löst, die im Bemühen bestand, eine adaequatio rei et intellectus, eine Übereinstimmung zwischen der Sache und dem Verstand zu erreichen. Wir haben in dieser Betrachtungsweise also zwei Zugänge, zwei philosophische Ausrichtungen: die Erkenntnis einerseits, die Wissenschaft andererseits. Was dies bedeutet, wird im folgenden ausgeführt.

Die Auffassung der Erkenntnis beruht auf einer Gewissheit. Auf der Gewissheit der Übereinstimmung von Sein und Verstand, von Ontologie und Logik und diese wiederum darauf, dass das Sein ist und das Nicht-Sein nicht ist . In dieser Position der Ontologie ist das Objekt gegeben, es ist. Und der Verstand muss sich bemühen, sich ihm anzunähern, es zu erreichen, ihm gleich zu werden. Worin sich dann seine Existenz, die Wahrheit des Verstands, erweist.

Demgegenüber – das ist die entscheidende Wende – ist in der Wissenschaft das Objekt nicht einfach gegeben, es ist ihr vielmehr aufgegeben, sie muss es ständig neu erschaffen und neu bilden. Als epistemisches Ding wird es ständig neu produziert und produziert sich selbst auch immer neu. In dieser Not befindet sich nicht nur das Subjekt der Wissenschaft, sondern auch das Subjekt des Unbewussten. In der Psychoanalyse steht nämlich das Objekt im Zeichen des Verlusts, ist – wie Freud sagte – immer das verlorene Objekt, oder im Zeichen des Mangels – wie es Lacan sagte.

Wenn wir weiter oben vom Subjekt als gespaltenem sprachen, so kann man nun ergänzen, dass auch das Objekt nicht mit sich selbst identisch ist. Es ist das, das eben nicht einfach gegeben ist, sondern immer wieder aufs Neue hergestellt und gebildet werden muss. Diese Bildung und Herstellung ist eine prinzipiell unendliche.

Womit Sciacchitano die Wissenschaft als diejenige Unternehmung ausweist, deren epistemisches Ding das Unendliche ist. Dieses Unendliche ist nun eben – anders als der endliche und seiende Gegenstand der Erkenntnis – nicht einfach, sondern muss immer wieder konstruiert werden. In der Mathematik, in der Mengenlehre wird es über Axiomatisierungen und Regeln konstruiert. Eine solche Regel, die das konstruktive Moment sehr schön veranschaulicht, ist die von John von Neumann, die besagt, dass das Unendliche die Menge aller Mengen ist, die sich zudem selbst als Menge einschliesst. Wenn man das durchdenkt, wird man sehen, dass man so zu einem Begriff des Unendlichen kommt.

Dies hat natürlich eine Parallele zu der Passage aus dem 7. Kapitel der Traumdeutung. Gerade weil das Befriedigungserlebnis eine Erinnerungsspur hinterlässt, die – und das ist der Wunsch – zukünftig immer wieder besetzt wird, in der Hoffnung dadurch zu neuerlicher Befriedigung zu kommen, gerade deshalb ist der psychische Apparat – heute würden wir sagen: das Subjekt – sozusagen in der Notwendigkeit, das verlorene Objekt immer wieder nicht nur neu zu finden, sondern es auch immer wieder neu herzustellen. In jedem wiedergefundenen Objekt ist das verlorene gleichzeitig enthalten. Was es prinzipiell zu einem gespaltenen und unabschliessbaren macht. Das ist ein ganz ähnliches Phänomen, wie wir es bei der Konstruktion des Unendlichen gerade benannt haben.

Der libidinöse Wunsch – so wie ihn Freud in der Traumdeutung beschrieben hat – ist also eine ähnliche Produktionsmaschine des unendlichen Objekts wie es das Axiom von von Neumann ist. Und ist nicht auch Bartlebys “I would prefer not to” eine Formel, die den anderen antreibt, immer neue Möglichkeiten zu kreieren, ihn nicht zuletzt auch dazu bringt, Autor zu werden, ist sie nicht im fast selben Sinn Subjekt dieser Autorschaft?

Die Wissenschaft ist also eine Methode, die ex nihilo schöpft. Sie bezieht sich nicht einfach auf etwas, das ist, und versucht sich dem anzupassen, vielmehr konstruiert sie sich ihren Gegenstand beständig. Sie passt nicht den Verstand dem Sein an, sondern versucht, das Seiende dem Verstand anzupassen. Ganz generell kann man also sagen, dass es in der Wissenschaft um eine Schwächung des Seins als ontologisches Sein zugunsten des Wissens, eines Seins als Wissen geht.

Diese Ablösung vom Sein – in der Wissenschaft und in der Psychoanalyse – diese De-Ontologisierung setzt eine Beschleunigung in der Produktion des Seins in Gang. Denn das Wissen, das als epistemisches Ding, als libidinöses Objekt produziert wird, ist kein feststehendes Wissen. Es ist immer nur ein vorläufiges Wissen, eines, das sich erst im nachhinein – also nachträglich – als richtig oder wahr erweisen kann und wird und dann diesen Status auch wieder verlieren kann. Die Wissenschaft setzt damit immer nur ein vorübergehendes Wissen, ein vorübergehendes Sein. Das ist das, was mit der Schwächung des Seins gemeint ist.

Das zeigt sich nicht zuletzt in den Regeln der Logik, die einerseits der Erkenntnis, andererseits der Wissenschaft zugeordnet sind. Da haben wir für die Erkenntnis den modus ponens und den modus tollens. Der modus ponens besagt folgendes: Wenn das Alte das Neue impliziert und das Alte wahr ist, dann ist auch das Neue wahr. Der Modus tollens ist die entsprechende negative Formulierung und sagt: Wenn das Alte das Neue impliziert und wenn das Neue falsch ist, dann ist auch das Alte falsch. Beide sind um die Festigung des bekannten Wissens, um die Festigung des Seins bemüht und gruppiert. Der modus ponens anerkennt den bekannten Wissensstand, in dem er nur vom Alten legitimiertes hinzufügt, der modus tollens festigt den Wissenstand, indem er verhindert, dass dem Alten etwas weggenommen werden könnte. Demgegenüber gibt es für die Wissenschaft, die sich nicht mit der Wahrheit beschäftigt – das hatten wir ja schon –, sondern mit Vermutungen, den modus subponens. Er sagt etwas ganz anderes: Wenn das Alte das Neue impliziert und wenn das Neue wahr ist, dann ist das Alte „beinahe“ wahr. Und zwar beinahe mit einer Wahrscheinlichkeit von 75%.

Wenn also der modus ponens und der modus tollens das Seiende und das Alte absichern, so unterläuft der modus subponens den Machtanspruch des Herrn, indem er das Alte und das gesammelte Wissen in den Status der Vorläufigkeit setzt. So kommt es zu einer Extensivierung der Ungewissheit, zu einer Schwächung des Seins zugunsten des sich ständig erneuernden und neu produzierenden Wissens.

Eine andere logische Besonderheit dieser Situation zeigt sich bereits bei Descartes in der logischen Struktur seines Zweifels und der Erlangung seiner Gewissheit. Die Analyse seines Zweifels führt nämlich mitten in den Satz vom ausgeschlossenen Dritten, des tertium non datur. Er ist neben dem Satz der Identität (wenn A, dann A) und dem Satz der Widerspruchsfreiheit (nicht gleichzeitig A und nicht-A) einer der drei Grundpfeiler der Aristotelischen Logik (entweder A oder nicht-A). Dieser Satz vom Ausgeschlossenen Dritten wird – wenn man so will – in der Descarteschen Konstruktion des Zweifels suspendiert, da es eben heisst, dass ich weiss, also bin ich, dass es aber auch in der Situation, dass ich nicht weiss, so ist, dass ich etwas weiss, so dass man dann auch sagen kann: wenn ich nicht weiss, weiss ich etwas und wenn ich weiss, dann bin ich. Das aut ... aut wird so zu einem vel.

Seit dem 20. Jahrhundert weiss man, dass dieser Satz des tertium non datur streng genommen nur in endlichen Kontexten gültig ist. Durch seine Einschränkung im Geltungsbereich des Unendlichen erhält man neue und andere Logiken, die weniger ontologisch, sondern mehr epistemisch sind und auch mehr – so könnte man ergänzen – zur Psychoanalyse passen, deren Erfahrung ja nicht selten mit der eben Nicht-Ausgeschlossenheit des Dritten zu tun hat.

Auch von Bartlebys “I would prefer not to” her, kennen wir diesen Verlust der Eindeutigkeit des entweder-oder. Auch hier haben wir nicht entweder ein eindeutiges „Ja“ oder ein eindeutiges „Nein“. Wenn Lacan in Bezug auf die klassische Logik sagte, dass dort alle Briefe ankommen, so haben wir es hier mit dead letters zu tun, die nicht ankommen. Und deshalb ist es nicht überraschend, dass Bartleby im Amt für dead letters gearbeitet hat, weil seine Formel auch ein solcher ist.

Wir haben es also in der Wissenschaft – mit der Preisgabe der Wahrheit und der damit verbundenen Abschwächung des Seins –, in der Psychoanalyse – mit dem Trieb und dem psychischen Apparat – und in der Formel Bartlebys mit Produktionsmaschinen des Unendlichen zu tun.

Wenn es in der Analyse um die Konstruktion des unendlichen Objekts des Begehrens, um die Objekt-Ursache des Begehrens geht, so geht es in der Wissenschaft um die Konstruktion des Objekts als Unendlichem. Beide Objekte sind diesbezüglich und strukturell einander sehr ähnlich. Das ist die Grundthese von Sciacchitano als Psychoanalytiker und Mathematiker.

Wie nun steht das Subjekt des Unbewussten und das Subjekt der Wissenschaft zu dieser prinzipiellen Unendlichkeit des Objekts? Hier dekliniert Sciacchitano dieses Verhältnis des endlichen Subjekts und des unendlichen Objekts durch die möglichen Krankheitsformen – oder psychische Strukturen –, die in der Psychopathologie möglich sind. Der Psychotiker hat eben kein Verhältnis dazu, kann keines bilden. Deshalb erscheint ihm im Wahn dieses Unendliche immer als Reales, zu dem er kein Verhältnis hat, das aber eine überwältigende Übermacht über ihn hat.

Ein Verhältnis zum unendlichen Objekt hat – aufgrund der Verdrängung und ihrer ständigen Wiederkehr – die Neurose. Allerdings erlebt der Neurotiker das Verhältnis zum unendlichen Objekt vor allem als Verlust dieses unendlichen Objekts. Er sucht es immer und verliert es immer wieder. Es ist ihm immer das falsche – könnte man auch sagen. Deshalb träumt er von der Perversion, die ja scheinbar immer das richtige und eines hat, das nicht im Zeichen des Verlusts steht – worauf wir gleich noch kommen werden. Die hysterische Position, die darin besteht, die endlichen Objekte zu verneinen, weil sie nicht dem unendlichen entsprechen und insofern unbefriedigend sind, ist dann die Position der Wissenschaft. In ihr wird immer neues Wissen generiert. Auch die Hysterikerin selbst sucht ja immer wieder nach Wissen über ihr Objekt, um es sich gewogen zu machen, um es ihr gefügig zu machen, um es ihren Vorstellungen gemäss zu formen und zu gestalten. Sie stellt deshalb Fragen, untersucht und forscht. Und wird gleichzeitig – dies als Folge der Verdrängung und der damit verbundenen Unendlichkeit – nie an ihr Ziel gelangen, es wird nie das richtige, das unendliche Objekt, die Objekt-Ursache des Begehrens werden.

Deshalb träumt der Neurotiker von der Perversion, weil diese das eine und richtige Objekt gefunden zu haben scheint. Sciacchitano bringt nun die Perversion wieder mit seinen Überlegungen zur Frage der Wissenschaft in Zusammenhang. In der Perversion macht sich ja das Subjekt das Objekt zu eigen. Und zwar zu eigen als endliches. Es ist ein Objekt, es ist eine ganz konkrete Bedingung, an welche die sexuelle Befriedigung gebunden ist. Auf dieses eine Objekt ist der Perverse fixiert. Und damit – das ist die geniale Wende Sciacchitanos – damit entspricht die Perversion der antiken Art zu denken. Die Erkenntnis und ihre eineindeutige Übereinstimmung von Sein und Verstand, von Sache und Begriff, von Ontologie und Logik, diese vorepistemische Denkweise entspricht derjenigen der Perversion, die eben die Unendlichkeit des Objekts ganz wie die Erkenntnis auf das eine endliche einschränkt und fixiert. Auf diese adaequatio rei et intellectus.

Wenn also die Wissenschaft sich zur Erkenntnis so verhält wie die Hysterie zur Perversion, wenn sie sich von deren Festlegung auf das Eine und dessen Sein durch die immer wieder nur vorläufige Konstruktion des Objekts unterscheidet, wenn auch die Psychoanalyse einen solchen hysterischen Diskurs in Gang setzt, dann stellt sich die Frage, wie sich der in der analytischen Situation konkretisiert?

Da könnte man zum einen sagen, dass auch die Psychoanalyse ihre Bartlebysche Formel hat, die Deutung. In dieser lässt der Analytiker in der je spezifischen Subjekt-Objekt-Konstellation wohl ähnlich sybillinisch immer wieder verlauten, dass er das Objekt, das er da jetzt wohl sei, wohl doch nicht sei. Ohne damit zu sagen, dass er stattdessen der oder das sei. Dieses unbestimmte Nein seiner Deutung klingt doch gar nicht so ganz anders wie das “I would prefer not to” und hat auch dessen Effekt, die Neu-Produktion des Objekts zu beschleunigen.

Solche Doppeldeutigkeiten weist auch die äussere Situation, das Setting der Behandlung auf. Schon bevor er sich auf die Couch legt und der Analytiker sich auf den Sessel dahinter setzt, kommt der Analysand in einen Raum, der sich im Falle Freuds in dessen Privathaus befand, der viel Ähnlichkeit mit einem Wohnraum, zumindest mit einem Arbeitszimmer aufweist. Er hat sehr persönlichen Charakter und ist gleichwohl Behandlungszimmer. Der Analysand ist Patient und kommt zur ärztlichen Konsultation und wird in fast privater Umgebung und Manier empfangen. So scheute sich Freud ja auch nicht, Frühstück aufzutischen oder Analysanden am Ferienort zu behandeln. Man kommt aufeinander zu und geht gleich wieder auseinander: der eine legt sich, der andere setzt sich hinter ihn. Die Situation ist dysfunktional und funktional gleichzeitig. Sie ist doppeldeutig und vielschichtig. Sie ist liegen und sitzen in einem, sie horizontal und vertikal, sie ist privat und ärztliches Labor, beides immer gleichzeitig und ineinander verschränkt. Eine Architektur der Bartlebyschen Formel, könnte man sagen.

Und so ist es auch nicht von ungefähr, dass es immer wieder Bestrebungen von Seiten der analytischen Community gibt, diese Doppeldeutigkeit auszumerzen, um die Sache der Analyse mehr zu funktionalisieren. Ganz wie auch die Analysanden immer wieder träumen, man würde nebeneinander auf der Couch liegen – Doppelcouch statt Doppeldeutigkeit.

Unbestimmtheit und Abschwächung des Seins sind also sowohl in der Deutung wie auch in der Architektur der äusseren Situation wesentliche Elemente des analytischen Produktionsprozesses, der Maschine Psychoanalyse.

Damit ein Sprung zu den neuen Medien, zur Architektur virtueller Räume. Das Springen – das wissen wir ja – ist Teil des analytischen Prozesses. Jan von Loh macht in seiner Dissertation Im Spiegel schwebender Zeichen deutlich, dass der Sprung von der analytischen Situation in den Chatroom, der hier jetzt konkret für die neuen Medien stehen soll, im wesentlichen durch zwei Momente bestimmt wird: durch die Ersetzung des Sprechens durch das Schreiben und durch die körperliche Abwesenheit des anderen. Das hat Konsequenzen schon für den Beginn der Session. In der analytischen Situation hat man den Analysanden nicht nur eingeschrieben, er erscheint auch physisch und wenn er das nicht tut, dann meldet er sich in der Regel telefonisch ab und man hat seine Stimme am Apparat. Im Chatroom hat man nichts von beidem, dort gibt es nur den Nickname, mit dem sich jeder einloggt und einloggen muss. Der sagt herzlich wenig aus über den anderen, da er ganz und gar willkürlich gewählt, sowohl im Chat selbst wie auch zwischen den einzelnen Chats geändert werden kann.

Seine Präsenz nur über den Nickname macht den anderen zu einem noch viel weniger greifbaren anderen, als er es ohnehin schon ist, was natürlich die Rätselhaftigkeit seiner Botschaften umso mehr steigert. Und der Verlust der Stimme als körperliches Surrogat des Sprechens verstärkt diese Unbestimmtheit ebenfalls.

Allerdings sind beide Momente längst nicht immer so kategorial trennend, wie es manchmal den Anschein macht und wie es immer wieder auch behauptet wird. So wird der Verweis darauf, dass die körperliche Abwesenheit des anderen im medialen Raum den Austausch mit ihm einschränkt oder verfälscht doch stark relativiert, wenn man an die Architektur des Settings in der Psychoanalyse denkt. Dieses ist doch gerade – wie beschrieben – durch ein hohes Mass an Unbestimmtheit und Vielschichtigkeit und durch die starke Einschränkung der Körperlichkeit geprägt.

Eben so wenig hat die Stimme eine immer eindeutige Rückbindung an den Körper, von dem sie entstammt. Denn, so führt Insa Härtel sehr eindrücklich mit Mladen Dolar aus: so sehr sich die Stimme durch einen Körper hindurch zu erkennen gibt und so sehr sie etwas aus der jeweils sprechenden Person unverwechselbar preis gibt, so sehr bleibt sie nicht bei diesem Körper. Sie besitzt eine sich ablösende Qualität, die sich anhand von Apparaten zur künstlichen Erzeugung, Übermittlung oder (Re)produktion menschlicher Stimmen gut zeigen lässt. Damit markiert sie einen „Überschuss des Körpers, (einen) körperlichen Exzess“, der ebenso „nicht-mehr-Körper“ ist und zu einem Geschoss werden kann, das sich vom Körper löst.

Es scheint also, dass auch schon in der Stimme der in ihr mitschwingende, sie immer auch prägende und formende libidinöse Wunsch sich von der Einheit mit dem Körper loslösen und eine ganz eigene Dynamik entwickeln und damit eine Beschleunigung auslösen kann, die der Situation im Chat, in diesem Raum schwebender Zeichen, gar nicht so verschieden ist.

Freud hat dies in einer Stelle in Den Ratschlägen für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung folgendermassen beschrieben: Der Arzt, so heisst es da, „soll dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie ein Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewusste des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten dieses Unbewusste, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen.“ (S.175-176)

Auch bei Freud ist klar, dass sich die Stimme vom Körper gelöst hat, um dann wieder – aber wie, auf jeden Fall immer auch anders – mit ihm verbunden zu werden.

Somit sind die beiden Haupteinwände, welche von der Psychoanalyse den neuen Medien – hier am Chat konkretisiert – gegenüber immer wieder ins Feld geführt werden, mit Vorsicht zu geniessen.

Unzweifelhaft wird durch diese Rückdämmung des Realen – in der Ersetzung des Sprechens durch das Schreiben und mit der körperlichen Abwesenheit des anderen – die Beschleunigung der Phantasien und Objektbildungen nochmals verstärkt. Ob dies allerdings der psychoanalytischen Situation und ihrem Denken so kategorial widerspricht, wie es immer wieder den Anschein macht, ist doch eher fraglich. Und der Vorwurf, dass dieses Streben nach immer noch mehr Lust und möglichst uneingeschränktem Geniessen schon pathologische Dimensionen hätte, sieht dann eher nach dem hilflosen Versuch aus, den – so würde Sciacchitano sagen – das unendliche Objekt des Begehrens, das immer wieder neue epistemische Ding produzierenden Prozess der Psychoanalyse und der Wissenschaft einzufrieren und festzustellen.

Viel eher dürfte diese Produktion von Überschuss in den neuen Medien nur eine weitere Zuspitzung der De-Ontologisierung, der Beschleunigung, eine nochmalige Weiterentwicklung des psychischen Apparats erleben, den Freud schon konzipiert hat, theoretisch wie praktisch. Praktisch in diesem Setting, bei dem die Zimmerdecke über der Couch der Monitor ist, auf dem sich die Miriaden von Zeichen zeigen und immer neue Bilder produzieren, faszinierende und erregende Bilder, zu denen etwas aber auch immer wieder sagt “I would prefer not to”!


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