Psychoanalyse und Diagnostik
Glück und Unglück der Bildung von Diagnosen

Vortrag gehalten im Rahmen des Zyklus "Psychoanalyse und Diagnostik" am Psychoanalytischen Seminar Zürich im Januar 2004

15. Januar 2004


Zunächst einmal möchte ich mich bei den Organisatoren dieser Ringvorlesung für die Einladung bedanken, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Eine solche Einladung bedeutet mir neben dem üblichen, damit verbundenen Stress vor allem die Anregung, mich mit einem Thema, mit einer Frage auseinander zu setzen und mir vielleicht auf eine konzisere und breiter angelegte Art und Weise Gedanken zu machen als dies sonst gelegentlich der Fall ist.

Darin ist diese Situation der anderen gar nicht unähnlich, mit der wir es alle tagaus, tagein zu tun haben, nämlich mit der, Psychoanalyse und Psychotherapie zu machen. Auch bei dieser unserer Tätigkeit besteht die für mich, glaube ich, grösste Faszination darin – und diese Faszination hat mit den Jahren nicht abgenommen, sie blitzt immer wieder auf, packt mich immer wieder –, Anregung zu sein mir Gedanken zu machen oder auch der Ort und die Tätigkeit zu sein, in der sich anregende Gedanken immer wieder einstellen und weiter gesponnen werden können. Dies kann sich in glücklichen Momenten durchaus mit Freude und Zufriedenheit darüber verbinden, dass diese Gedanken und Einsichten eine Antwort bei Analysanden und Patienten finden und es ihnen besser geht, sie sich ihrem Denken und Wünschen wieder mehr zuwenden und überlassen können.

Sie sind es natürlich nicht zuletzt, die Analysanden und Patienten – das war schon bei Anna O. so, der ersten Patientin der Psychoanalyse –, die uns zu dieser Anregung, zu dieser Erfahrung verhelfen, die freilich und bei Gott – Josef Breuer hat das damals schon erlebt – nicht immer nur lustig, einfach und harmonisch zu machen ist.

Als ich der Einladung zusagte, tat ich dies durchaus im Wissen, dass ich von Diagnostik nicht viel Ahnung habe. Und wenn ich jetzt möglichst immer zu den Vorträgen meiner Vorrednerinnen und Vorredner gegangen bin, dann war das nicht zuletzt deshalb – wie ich einmal eben nicht nur scherzhaft sagte – um zu hören und zu lernen, worum es bei dem, worüber ich da reden sollte, überhaupt ginge.

Auch darin, in diesem Nicht-Wissen und in der Unvertrautheit mit dem, worum es gehen sollte, ist diese Situation wiederum nicht unähnlich zu derjenigen, in der wir immer wieder sind, wenn ein Analysand und Patient zu uns kommt. Davon später mehr.

So habe ich – wie Sie – in den bisherigen Vorträgen schon einiges vernommen über das schwierige und prekäre Verhältnis von Psychoanalyse und Diagnostik.

Berthold Rothschild sprach schon vom Spagat, den dieses Thema dem Analytiker abverlange, machte gleichzeitig aber auch den Anschein, dass ihm diese Gymnastik nicht allzu viel Anstrengung und Verrenkungen abgenötigt hat. Er hat das Verhältnis von Psychoanalyse und Diagnostik – Sie erinnern sich – in das Bild von den zwei Hochzeiten gekleidet, auf denen man gleichzeitig nicht tanzen könne. Er hat den Versuch dann trotzdem unternommen und hat uns die Vorzüge und Qualitäten der einschlägigen Diagnostik schmackhaft gemacht: die diagnostischen Klassifikationssysteme des ICD-10 und DSM-IV orientieren sich ganz und gar an einer möglichst umfassenden Deskription psychischer Symptome. Die Beschreibung und Auflistung dieser Symptome ist so minutiös, so detailliert, so erschöpfend und so präzis, dass man bei guter Kenntnis des Manuals ohne grosse Umschweife und Konstruktionen über die Symptome zu exakten Diagnosen kommen kann. Diese Diagnostik ermöglicht nach Rothschild nicht nur den wissenschaftlichen Austausch, sondern überhaupt den Austausch wenn nicht schon standardisierter, so doch immerhin objektivierter und reliabler Informationen zwischen Kollegen, zwischen Therapeuten und KK und Versicherern (also Leistungsträgern), ermöglicht auch Verständlichkeit und Vergleichbarkeit bei Gutachten. Deshalb seien diese Klassifikationssysteme international anerkannt, zudem geltend und verbindlich. Somit obligat für den Praktiker wie für den Forscher, will er sich nicht in seinem Elfenbeinturm verkriechen und isolieren. Allerdings – dies mit erhobenem Zeigefinger – allerdings dürfe sich der Psychoanalytiker nicht der Illusion hingeben, dass die Übernahme dieser diagnostischen Schemata und ihrer Systematik, der Umgang mit dieser – eigentlich psychoanalysefremden – Sichtweise, die psychoanalytische Haltung und die eigene Position nicht affizieren würde. Der Morgenthalersche Hut, den man sich da aufsetze, würde nicht äusserlich bleiben, nach Belieben auf- und absetzbar sein, er würde die Person und ihre Haltung verändern.

Trotzdem hat uns Rothschild Mut gemacht für den Spagat, den wir beim Tanz auf den zwei Hochzeiten: der Diagnostik und prozesshaftem, psychoanalytischem Denken, das ja durchaus auch seine Verdienste und Vorteile hat, zu bewältigen haben. Neben dem Vertrauen in die lebenslange Einübung und die dadurch erprobte Fähigkeit zur Abspaltung widersprüchlicher und konflikthafter Anteile gab er uns die Empfehlung, das diagnostische Regelwerk eingehend und genau zu studieren, damit wir uns dann dem Motto gemäss verhalten könnten, das ich auch als Kind in einschlägigen Situationen des öfteren sybillinisch zu hören bekam: Wer die guten Sitten kennt, kann sich getrost darüber hinwegsetzen. Das hört man gerne.

Nichtsdestotrotz verweist das Bild von den beiden Hochzeiten auf eine gewisse Inkompatibilität von beiden: der Psychoanalyse und der Diagnostik.

In der Tat findet man auch bei Freud nicht allzu viel zum Thema, zum Begriff der Diagnostik. In der Schrift Zur Frage der Laienanalyse kommt sie eigentlich nur insofern vor als Freud konzediert, dass eine Diagnosenstellung – sofern sie nötig sei – gegebenenfalls vor der Analyse durch einen Arzt vorgenommen werden könnte.

Bei einer solchen eventuell zu stellenden Diagnose ging es freilich nur um eine Differentialdiagnose, mit Hilfe derer man andere als neurotische Ursachen für die gegebene Symptomatik ausschliessen könnte. Nach einem solchen Ausschluss würde dann die Analyse ohne weitere Notwendigkeit von Diagnose auskommen. Angemerkt sei zudem, dass nach Freud selbst diese Differentialdiagnose meist keine punktuelle Angelegenheit sei, sondern längerer analytischer Arbeit bedarf. Hier eventuell auch das Beispiel von Morgenthaler. Diese Nachordnung der Diagnosestellung hinter die analytische Arbeit kommt noch deutlicher in der Stelle aus der Neuen Folge zum Ausdruck, die Berthold Rothschild wohl auch im Auge hatte und die ich Ihnen kurz vorlesen möchte. Es heisst dort: „Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich, sie sind von der Art wie die Hexenprobe des Schottenköngis, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe. Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er liess sie in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete dann die Suppe. Danach konnte er sagen: das war eine Hexe, oder: nein, das war keine. Ähnlich ist es bei uns, nur dass wir die Geschädigten sind. Wir können den Patienten, der zur Behandlung kommt, nicht beurteilen, ehe wir ihn durch einige Wochen oder Monate analytisch studiert haben. Wir kaufen tatsächlich die Katze im Sack.“ (1933a, S. 167)

Aber auch bei der Schilderung und Beschreibung der OPD durch Renate Hauser konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei dieser Diagnostik nicht um eine handelt, die sehr eng mit der konkreten analytischen Behandlung und Arbeit verknüpft und verbunden ist. Die Frage nach der eingehenden und detaillierten Beschreibung der verschiedenen Dimensionen und Achsen: „Ja und jetzt, wozu ist das dann gut?“ schien mir nicht unbedingt Zweifel an der geleisteten psychoanalytischen Denkarbeit, an der psychoanalytischen Plausibilität der verschiedenen Konzeptualisierungen von Konflikten und Beziehungsdynamiken, überhaupt an der zweifellos kompetent geleisteten Arbeit auszudrücken. Nein, sie schien mir nur den Eindruck wiederzugeben, dass der Sinn dieser OPD auf einer Ebene zu orten sei, die ihren Nutzen nicht in erster Linie in der konkreten analytischen Arbeit in Therapie oder analytischer Kur findet, sondern Teil eines Instrumentariums darstellen soll mit Hilfe dessen wissenschaftliche Untersuchungen bestimmte Kriterien empirischer Forschung erfüllen können sollen.

Dies zeigt sich auch darin, dass die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) als Reaktion auf die Herausforderung des ICD-10 und des DSM-IV konzeptualisiert und entwickelt wurde. Operationalisierung meint dabei natürlich das Bemühen um standardisierbare Kategorien und Achsen, auf denen als allgemein vorhandene und allgemein gültige Variablen individuelle Ausprägungen – per rating – möglichst unabhängig vom Untersucher und damit wohl möglichst objektiv eingetragen werden können. Dabei geht es also auch um eine Austauschbarkeit, die zwar nicht die gleiche internationale Akzeptanz erreichen kann wie das Klassifikationsschema des ICD-10, aber dennoch eine Verwertbarkeit für die empirische Forschung wie auch für den Umgang mit fachspezifischen Institutionen ermöglichen soll. Psychodynamisch – das ist klar – meint natürlich eine Rettung dieses für die Psychotherapie als wichtig angesehenen Zugangs, der bei den diagnostischen Systemen des ICD-10 und des DSM-IV explizit eliminiert werden soll. Auch darauf werden wir noch kommen.

Nichtsdestotrotz bleibt – auch mit diesem Rettungsversuch, was sich an den beiden Abenden im Dezember und vor zwei Wochen ja auch andeutete –, dass das Verhältnis von Psychoanalyse und Diagnostik als ein ziemlich schwieriges anzusehen ist, das auch gewisse Unverträglichkeiten beider Denkweisen aufzuweisen scheint.

So hat Paul Janssen – auch ein Psychotherapieforscher – in seinem Beitrag zu einem Sammelband über das ICD-10 Deskriptive Diagnostik aus der Sicht eines Psychoanalytikers schon für das Erstgespräch darauf hingewiesen, dass es sich dabei mehr um „eine Begegnung denn eine diagnostische Situation handelt“ (S. 22). Dies entspricht – so heisst es weiter – dem Wissen Freuds, dass in der Erstbegegnung der Keim für die Übertragungsentwicklung liegt, die er nicht durch eine explorative, psychiatrische Diagnostik stören wollte. Schon ganz zu Beginn einer Behandlung scheinen sich demnach die Erfordernisse der psychoanalytischen – oder auch psychoanalytisch psychotherapeutischen – Behandlung denjenigen der Diagnostik entgegen zu stellen. Mit wenig Aussicht, dass dies später anders werden würde.

Und dennoch ist nicht abzustreiten, ist eines wirklich zuzugeben: Wenn man eine Behandlung beginnt oder wenn man in Schwierigkeiten während einer Behandlung ist, dann wünscht man sich eines doch ganz sehnsüchtig: die Diagnose! Die Diagnose, die einem verständlich machen könnte, worum es geht; die einen Zusammenhang herstellen könnte zwischen all dem, was man gehört, was man gemerkt, was man empfunden hat; die eine Orientierung geben könnte, worauf man hören, worauf man achten sollte, die Anhaltspunkte geben könnte, in welcher Richtung man sich, die Sache bewegen könnte. Man ist ja einem Geschehen ausgesetzt, das sich zum einen als Geschichte vor einem ausbreitet. Als vielleicht plausible, nahtlose, unter Umständen sogar folgerichtige Geschichte, die ihren Lauf von einem Ausgangspunkt bis ins Behandlungszimmer nehmen kann, vielleicht auch als Geschichte, die kaum einen Bogen schlagen kann zwischen einzelnen, unvermittelten Szenen und Momenten, die sich hastig oder zögernd aneinander reihen. Wie auch immer wird diese Geschichte uns angreifen, sich in uns ausbreiten und uns – vielleicht ohne dass wir es schon bemerken würden – in Beschlag nehmen. Wir werden durch die Geschichte mit Gefühlen, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen und Verzweiflungen bombardiert, die weit davon entfernt sind, artikuliert und fassbar zu sein und schliesslich stehen plötzlich Ansprüche und Erwartungen im Raum, die nicht nur dringlich, vor allem auch unerfüllbar, zudem komplex und widersprüchlich sein können. Bei aller Contenance, die man zu wahren versucht, ist man in Bedrängnis und wünscht sich nur eines, sucht sie mehr oder weniger dringend und verzweifelt: eine klärende Diagnose. Wir kennen das alle: von uns selbst, von Anderen, aus Supervisionen, aus Grüppchen. Erst neulich habe ich es erlebt, wie nach einer längeren, ausführlichen Fall-Darstellung als erstes wie aus der Pistole geschossen eine Diagnose kam. Die dabei spürbare Genugtuung war nicht so sehr dem Gefühl, erster gewesen zu sein, zu verdanken als vielmehr der Befriedigung, die Komplexität und Schwierigkeit des Falles mit der Diagnose im Griff zu haben.

Das jubelnde Moment, mit dem diese Erkenntnis begleitet war, erinnert an eine Situation, die durchaus nicht unähnlich beschrieben ist, wie die, in der wir uns zu Beginn einer Behandlung – oder hier in einer Gruppensupervision – wiederfinden.

„Die jubilatorische Aufnahme des Spiegelbildes“ markiert nach Lacan den Moment in einem Zustand von motorischer Unkoordiniertheit und psychischer Fragmentiertheit, in welchem dem kleinen Kind mit dem Spiegelbild das Bild einer Kohärenz und einer Einheit als Kern, bzw. Matrix eines Ichs vor Augen tritt. Es ist ein Bild, in dem motorische Ohnmacht, Ausgesetzt-Sein den verschiedenen, unkontrollierbar auftretenden inneren und äusseren Reizen gegenüber und Abhängigkeit von Pflege und Fürsorge aufgehoben und aufgelöst zu sein scheinen. Wie Lacan in seinem Text Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion beschreibt, ist dieses Bild einer Gestalt, dieses Bild einer Ganzheit, die Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Abhängigkeit im Griff zu haben scheint, aber ein Vor-Griff. Vom Spiegelstadium sagt er: Es ist „ ein Drama, dessen innere Spannung von der Unzulänglichkeit auf die Antizipation überspringt und für das an der lockenden Täuschung der räumlichen Identifikation festgehaltene Subjekt die Phantasmen ausheckt, die, ausgehend von einem zerstückelten Bild des Körpers, in einer Form enden, die wir in ihrer Ganzheit eine orthopädische nennen könnten.“ (S. 67)

Das Bild einer Ganzheit überspringt also den Zustand der Fragmentiertheit. Dieser Vor-Griff lässt jedoch den Zustand des zerstückelten, unkoordinierten Körpers nicht einfach hinter sich und wird deshalb immer in dieser Spannung drohender Desintegration durch seine Wiederkehr stehen. Diese Spannung – daran lässt Lacan keinen Zweifel – ist eine paranoische.

Das Spiegelstadium ist demnach eine Situation, die als Ausgangspunkt eine Entwicklung bestimmt, die immer asymptotisch bleiben wird. Es ist eine Situation, die sich in dieser Entwicklung immer wieder als „Nichtübereinstimmung (des Subjekts) mit seiner eigenen Realität“ (S.64) wiederholen wird.

Es ist vielleicht nicht zu weit hergeholt, den Moment der Diagnose als einen in dieser Reihe von Wiederholungen zu verstehen. Der Jubel, der die plötzliche Diagnosenstellung begleiten kann, markiert doch einen ganz ähnlichen Vorgriff, nämlich das Auftauchen eines Krankheitsbildes in einer Situation einer Behandlung, in der man den ebenfalls unkoordinierten und unzusammenhängenden Wünschen, Ängsten, Hoffnungen und Verzweiflungen des Analysanden oder Patienten hilflos und ohnmächtig ausgesetzt ist. Dieser Vorgriff auf das Krankheitsbild ist ein Sprung über die Unzulänglichkeit in die Antizipation. Und auch dieses Bild, das Krankheitsbild, die Diagnose, wird in einer ganz ähnlichen Spannung und Dynamik stehen wie sie Lacan für die Bildung des Ich im Zeichen motorischer und psychischer Desintegration beschreibt.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen noch eine andere der wenigen Stellen vorlesen, in denen die Frage der Diagnostik bei Freud auftaucht. Sie stammt aus der Schrift Zur Psychotherapie der Hysterien von 1895, also aus den Anfänger seiner psychoanalytischen Erfahrung: „Es ist sehr schwierig, einen Fall von Neurose richtig zu durchschauen, ehe man ihn einer gründlichen Analyse unterzogen hat; einer Analyse, wie sie eben nur bei Anwendung der Breuerschen Methode resultiert. Die Entscheidung über Diagnose und Art der Therapie muss aber vor einer solchen gründlichen Kenntnis gefällt werden.“ (1895d, S. 253 / 254) Es scheint, als ob Freud hier genau die Spannung beschreiben würde – die gleichzeitige Notwendigkeit und Unmöglichkeit des Vorgriffs –, in der die Diagnose steht.

Was das für die Diagnose und die Diagnostik heissen kann, zeigt Jean-Claude Maleval am Beispiel der Diagnose Borderline-Störung, Borderline-Syndrom.

Der Titel seiner Arbeit Warum so viele Borderlines? verweist auf die Konjunktur, die dieses Konzept und diese Diagnose seit den 70-iger Jahren erfahren hat.

In dem Erfolg, der dem Konzept zunehmend und überall beschieden ist, scheint fast unterzugehen, dass in Bezug auf Definition und Struktur dieser Störung sehr unterschiedliche und widersprüchliche Meinungen vorliegen. „Für Kernberg ist Borderline eine feste Organisation, für Bergeret handelt es sich um einen Zustand der Unstrukturiertheit, überdies verneint Kohut die Existenz einer Borderline-Organisation, unterscheidet aber im gleichen Feld einerseits Psychosen und Grenzfälle, andererseits narzisstische Persönlichkeiten, die spezifische Formen der Übertragung entwickeln.“ (S. 10) Gemeinsam scheint den verschiedenen Positionen vor allem eines zu sein: die verbreitete Ansicht, dass diese Patienten nicht analysierbar seien.

Das Konzept der Borderline-Störung entsteht schon bald nach Freuds Tod. „Es ist zwei amerikanischen Psychoanalytikern zu verdanken, Adolf Stein und Victor Eisenstein, die den Eindruck hatten, in der Behandlung von Patienten, die nicht analysierbar waren, obwohl nicht psychotisch, an gewisse Grenzen der Freudschen Psychoanalyse zu stossen.“ (S. 11) Maleval bringt die Erosion und die Beschränkung psychoanalytischer Potenz mit der Entwicklung und dem Aufkommen der Ich-Psychologie in den 50-iger und 60-iger Jahren in Verbindung. Mit ihr gewann der Begriff der Analysierbarkeit, bzw. der Unanalysierbarkeit, gewaltig an Bedeutung. Analysierbarkeit ist an die Möglichkeit des Arbeitsbündnisses zwischen Analytiker und Analysanden, zwischen Therapeut und Patienten gebunden und meint die Möglichkeit – insbesondere in konflikttaften, nicht zuletzt Übertragungssituationen – einer rationalen Verständigung von Ich zu Ich zwischen den beiden Beteiligten. Für eine solche – dies als Randbemerkung – vorbewusst vernünftige Übereinstimmung ich-konformer Vorstellungen zwischen Analysanden und Analytiker und den damit leicht verbundenen emotionalen Leerlauf prägte Morgenthaler das prägnante Bild vom „Kampf zweier Neger im Tunnel“. Das war natürlich zu einer Zeit, als man noch „Neger“ sagen durfte. Verweist zudem auf die Frage, ob es etwas zu sehen gibt oder nicht.

In dieser Zeit der Entfaltung der Ich-Psychologie stellten in New York Easser und Lesser „die mehrfach beobachtete schlechte Eignung der analytischen Kur für die Aufhaltung der Entwicklung hysterischer Symptome fest. (...) Demzufolge wäre nur eine beschränkte Zahl genügend reifer und angepasster Subjekte den hysterischen Persönlichkeiten zuzurechnen“ (S. 14 / 15), die dann noch als analysierbar eingeschätzt würden.

Auch wenn bei Freud Dissoziationen, Konversionen, Inszenierungen und auch Agieren durchaus zum Inventar der Hysterie gehörten, scheint genau diese ihre Symptomatik nun zum Ausschluss von der analytischen Behandlung zu führen. Ihren Symptomen wird vorgeworfen, dass sie das Arbeitsbündnis unterlaufen, dass sie sich der Behandlung verweigern und Boykott gegen Genesung und Heilung bedeuten würden. Eventuell Hinweis auf die paranoische Tendenz, die sich darin äussert.

Das gipfelt dann in Masud Khans Diktum von einer grundlegenden Unanalysierbarkeit der grossen Neurose, an der – Sie erinnern sich an das vorgängige Zitat aus den Studien zur Hysterie – doch immerhin die Psychoanalyse und ihr Denken entwickelt worden ist. Masud Khan sagt: „Die Innenwelt der Hysterikers ist ein Friedhof der Verweigerungen.“ (S.16)

Diese Verweigerungen sind der Vorwurf des Analytikers an seinen Analysanden, dass dieser im Bündnis nicht mitarbeitet, dass dieser seine Einsicht und sein Wissen nicht annimmt und teilt, stattdessen immer weiter und immer anders nach Erfüllung und Befriedigung sucht, indem er die gebotene zurückweist. Er macht nicht mit, ist nicht zur Einsicht bereit, dieser Hysteriker, deshalb kann er kein Analysand, sondern muss ein Borderline sein. Bei Freud las sich das noch ganz anders: „In Wirklichkeit habe ich meine therapeutische Methode nur an schweren und schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen können; mein Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos versucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, episodisch auftretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschiedenartigsten Einflüssen und auch spontan abheilen sehen. Die psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph ist es, dass sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd existenzfähig macht.“ (1905a, S. 20)

Mit Freud hält Maleval gegen die Ich-Psychologen und die Objektbeziehungstheoretiker daran fest, dass „die Hysteriker nur zu sehr die Unmöglichkeit des sexuellen Einvernehmens (empfinden), um sich mit dem Wissen abzufinden, das man ihnen einzutrichtern versucht.“ (S. 16) Und diese Unmöglichkeit verdankt sich der Verdrängung und der sich daraus ergebenden Spaltung im Subjekt. Der libidinöse, sexuelle Wunsch ist verdrängt, ist unbewusst. Deshalb gibt es kein Wissen dessen, was man will, deshalb das fortwährende Suchen und Sehnen, deshalb die unaufhörliche Enttäuschung und Unzufriedenheit, deshalb kein Annehmen dessen, was man angeboten bekommt. Deshalb also – wegen der Verdrängung, nicht wegen der Verweigerung – dieses Irren und Wirren, diese Verzweiflung, diese Inkohärenz.

Maleval lässt keinen Zweifel, daran, dass sowohl das Konzept des Arbeitsbündnisses, wie auch das Konzept, die Diagnose, Borderline Reaktionen des Analytikers auf das Bombardement mit Wünschen und Enttäuschungen, mit triebhaftem Material sind. Dieser Situation ist der Analytiker und die Psychoanalyse ausgesetzt. Der Unerfüllbarkeit des libidinösen Wunsches und der damit verbundenen eigenen Unzulänglichkeit. Dieser Not, dieser Unzulänglichkeit versucht der Analytiker wie die Psychoanalyse (als klinische Theorie, als Metapsychologie) zu entkommen, indem sie Zuflucht im Krankheitsbild des Borderline sucht, sich von der Hysterie abwendet und sich den Hysterikerinnen und Hysterikern verschliesst. Somit ist das Krankheitsbild des Borderline für Maleval Reaktion auf die und Produkt der Schwierigkeiten, denen der Analytiker in der Analyse ausgesetzt ist, wenn er mit den Dissoziationen und Inkohärenzen des libidinösen Wunsches und seiner Verdrängung, des libidinösen Wunsches und seiner Unerfüllbarkeit konfrontiert ist.

Über die konkrete Frage der Borderline-Störung hinaus wird hier – so könnte man sagen, Sie haben es sicherlich gemerkt – auch die Dynamik und die Spannung der Diagnose und der Diagnostik überhaupt mit all ihren Fallstricken abgehandelt.

Eine Patientin überrascht ihren Analytiker mit der Bemerkung, dass das, was ihr an der Psychotherapie helfe, die Bestätigung ist, krank zu sein. Sie sagt dies nicht ohne eine gewisse Koketterie. Unterstellt sie doch durchaus – und dies wohl nicht zu Unrecht – dass das Bemühen des Analytikers – des Psychologen, wie sie ihn gerne nennt – um Verständnis auch mit einer vagen Hoffnung auf Besserung ihrer Befindlichkeit verknüpft ist. Irritierend für ihn, dass es nun genau umgekehrt sein soll: dass die Therapie dadurch hilft, dass sie das Kranksein beständig bestätigt und nicht dadurch, dass sie es versteht und so verbessert und vielleicht behebt.

Ohnehin wird sie nicht müde zu betonen, dass sie von Psychologen eigentlich gar nichts hält – eine Therapie auch bereits abgebrochen hat –, dass diese auch die letzten wären, die in der Lage seien, jemandem zu helfen. Wer könnte dem ernsthaft widersprechen, denkt sich der Analytiker, sich gleichzeitig aber daran erinnernd wie heftig ihre Vorwürfe waren, als er es einmal ihrer Meinung nach versäumt hatte, ihr eine zusätzliche Stunde anzubieten, als es ihr sehr schlecht gegangen ist. Das hatte sie damals in eine kleinere Krise mit entsprechenden Symptomen versetzt.

Einmal wird sie noch konkreter mit dem Kranksein. Endlich hätte sie sie gefunden, die Krankheit, genauer gesagt: die Diagnose für die Krankheit, unter der sie leidet. Mit allen Einzelheiten und allem drum und dran. Nachzulesen – für den Psychologen – im Internet bei einem österreichischen Kollegen, der alles erfasst, kodifiziert und operationalisiert hat. Eine richtige Erleichterung war es ihr, zu lesen, dass es die Krankheit, die sie hat, tatsächlich gibt. Schwarz auf Weiss.

Ihre Symptomatik war aufgetreten auf einer Reise mit Kollegen. Es war ihr beim Essen schlecht geworden, worauf sie die sich zur Panik steigernde Angst entwickelte, das könne wieder passieren. Wobei das Schlimme dabei darin bestand, dass dies im Zusammensein mit anderen passieren könnte und sie dann essen müsste. Davor, vor dem Essen-Müssen, entwickelt sie dann eine Angst, ganz unabhängig davon, ob dieses Müssen aus einem sozialen Druck oder aus einem Hungerbedürfnis entstand.

Diese psychosomatische Symptomatik beherrschte lange Zeit ihre Befindlichkeit wie auch die Gespräche während der Sitzungen. Andeutungsweise tauchte zudem immer wieder auf, dass ihr auch andere Notwendigkeiten grössere Angst machen können.

Gleich zu Beginn der Therapie machte sie darauf aufmerksam, dass ihr eigentlich die Motivation zu einem solchen Unternehmen fehle. Kommen würde sie deshalb, weil die Ärzte keinen somatischen Befund gefunden und sie deshalb zum Psychologen geschickt hätten. Gleichzeitig unternahm sie zur selben Zeit eine wöchige Reise, zu der sie eigentlich keine Lust verspürte und sich zudem nicht sehr disponiert fühlte, sie aber in der Absicht und aus dem Grund dann antrat, sich zu beweisen, dass sie ohne ihren Freund auskommen könne, dass sie ihn nicht brauche. Für Psychologen – dies war nicht mal nötig zu erwähnen – würde dies erst recht gelten.

Nach einer gewissen Zeit begann es der Patientin besser zu gehen. Sie wurde – auch in den Stunden – entspannter, klagte weniger über ihre verschiedenen Symptome, nahm eine neue Tätigkeit auf und begann ihren Lebensbereich auszuweiten und mehr zu besetzen.

Gleichzeitig wurde ihr die Beziehung zu ihrem Freund zunehmend schwierig. Einerseits schien er ihr unzufrieden und wenig aufmerksam, andererseits wurde sie immer unzufriedener mit ihm und war sich nicht mehr sicher, ob sie ihn eigentlich noch gerne habe und möge. Darauf angesprochen antwortete sie zwar, dass dies ja immer schon so sei, dass sie nicht wisse, ob sie ihn liebe oder nicht. Zudem sei es immer verquickt mit dem Brauchen. Auch das wisse sie dann nicht: ob sie ihn nur brauche oder ob sie ihn liebe. Wieder einige Zeit später – die Schwierigkeiten waren nicht kleiner geworden – erwähnte sie, dass sie sich verliebt hätte. Kurz darauf gestand sie es auch ihrem Freund und trennte sich von ihm. Beinahe gleichzeitig dann auch von dem Neuen, der eigentlich noch gar kein Neuer geworden war. Und wieder wusste sie nicht, wie es denn sei: würde er sie lieben oder nicht? Da waren ihr Zweifel gekommen. Und natürlich und nicht zuletzt: ob sie ihn eigentlich liebe, wirklich liebe, oder ob er sie nur an jemanden von früher erinnere. An den, der einmal die grosse Liebe gewesen ist. Desorientiertheit, Haltlosigkeit, äusseres und vor allem inneres Durcheinander. Und überhaupt sei nicht sicher, ob sie sich solches überhaupt leisten könne. Und in der Tat begannen die alten Symptome wieder aufzutreten. Die Krankheit schien wieder zurück. Und mit ihr die Rettung vor den bedrohlichen Gefühlen, Wünschen und Ängsten, vor dem Sehnen und Suchen. Das Suchen bezieht sich bestenfalls noch auf das Suchen der Diagnose, das Sehnen auf das Feststellen der Krankheit.

Natürlich gibt es den „sekundären Krankheitsgewinn“, die indirekten, unbewussten Gratifikationen einer Krankheit. Und man könnte all dies leicht darunter subsumieren und abbuchen: es hat etwas Beruhigendes und Entlastendes, krank zu sein.

Nichtsdestotrotz scheint es mir hier um mehr zu gehen. Hatte Maleval für die Diagnose des Borderline-Syndroms den Abwehrcharakter des Analytikers gegenüber den heftigen, unstillbaren und unerfüllbaren Wünsche der Hysterikerin herausgehoben, so scheint es mir hier um ein sehr ähnliches Phänomen zu gehen: die heftigen, unkontrollierbaren und als äusserst bedrohlich empfundenen Wünsche und Bedürftigkeiten können scheinbar nur noch unter der Kategorie der Krankheit zusammengehalten, gebändigt und vielleicht in doppeltem Sinn gestillt werden. Das durchaus zugewandte und regressionshemmend gemeinte Herunterspielen des Krankheitscharakters durch den Analytiker übersah die Bedeutung und Funktion der Eigendiagnose: den Versuch nämlich, dem unfassbaren und unkontrollierbaren (Hunger!) triebhaften Geschehen in dem Bild, dem Krankheitsbild, eine Einheit, einen Rahmen zu geben.

In der Tat erzählte die Patientin zu Beginn ihrer Therapie einen Traum, in dem sie mit einem Gefäss, einer Glaskugel gleich, in der Hand über eine blühende Wiese zu ihrem Vater läuft. In dem Gefäss ist etwas Goldenes, Honig, das sich auf dem Gang, auf dem Weg hin zum Vater verwandelt in ein Gewimmel und Gewusel von Ungetier und Ungeziefer. Käfer oder ähnliches.

Ganz wie das Gefäss, das sie in der Hand trägt und doch nicht ganz in der Hand zu haben scheint, in dem sich – umgekehrt zum Weg der Alchemie – Gold zu Unrat wandelt, ganz wie das Gefäss scheint auch die Krankheit der Rahmen zu sein, in dem sich ihr konflikthaftes Verhältnis zum Vater einpacken, einschliessen, tragen und halten lässt.

Gemeinsam – so könnte man sagen – ist der Sichtweise Malevals auf die Borderline-Störung und dem Fluchtpunkt dieser Patientin der Abwehrcharakter des Griffs nach der Diagnose. Er ist – wie Lacan dies fürs Spiegelstadium als Bildner des Ich ausgeführt hat – ein Vorgriff aus einem haltlosen Zustand von Ausgeliefertsein und Unzulänglichkeit auf ein Bild hin, ein Krankheitsbild, das diesen Zustand überspringt und negiert und somit unter – sich paranoisch artikulierender – Bedrohung durch diesen Zustand und diese Dynamik steht. Unter einem solchen Paranoid kann nicht nur der Analytiker stehen, der seinem Patienten Bösartigkeit, mangelnde Kooperation und Irreführung vorwerfen kann, unter ihm steht auch die Patientin, wenn sie Angst bekommt, man wolle ihr ihre Krankheit wegnehmen oder nur schon in Frage stellen. Was ein Grund war für den Abbruch der ersten Therapie.

Kann man also einer solchen Diagnose trauen? Kann man sich wirklich auf sie verlassen? Oder muss man nicht – diese Frage stellt sich hier doch – auf diesen so prekären Halt der Diagnose, des Krankheitsbildes, verzichten? Verzichten, um sie nicht zum Bremsklotz, ja zur Verhinderin des analytischen, therapeutischen Prozesses zu machen, der für uns, für die Analyse, für die Therapie doch essentiell und unabdingbar ist?

Genau dies wird – überraschend und paradoxerweise – geleistet und vollzogen durch die diagnostischen Klassifikationssysteme. Sie stellen – Sie haben dies den Ausführungen von Berthold Rothschild und natürlich von Dani Strassberg entnehmen können, finden es aber auch sehr schön beschrieben im Buch und im Psyche-Artikel von Anna Landis – sie stellen die Abwendung und Ablösung vom klassischen Krankheitsbild dar, das sich auch in der Psychiatrie und in der Psychopathologie anlehnte an das Vorbild von natürlichen Krankheitseinheiten, das einer – oder mehreren – Ursachen Wirkungen zuschrieb, die sich in den Symptomen der Krankheit äusserten. Die Therapie war dementsprechend auf eine Behebung der Ursachen – z.B. den Erreger – ausgerichtet, was den Versuch direkter Einflussnahme auf Symptome nicht ausschliessen musste, aber nicht zum eigentlichen Ziel machte.

Von diesem Krankheitsbild und Krankheitsverständnis lösen sich die diagnostischen Klassifikationssysteme nun radikal ab. Sie konzentrieren sich in erster Linie und beinahe ausschliesslich auf die Deskription von Symptomen. Diese Deskription soll – auch das hörten Sie von Berthold Rothschild – ganz exakt, möglichst detailliert und möglichst konzis sein, was zu einer Atomisierung der immer kleiner werdenden, relevanten Merkmalseinheiten führt. Diese Entwicklung soll in zunehmendem Regress bis zu den biochemischen Transmittersubstanzen als positive Deskriptionseinheiten vorstossen. Diese Stossrichtung spiegelt nicht nur, sondern vertritt geradezu die Interessen der pharmazeutischen Forschung, die auf diese Weise Entsprechungen herzustellen versucht zwischen den mit den Fortschritten der pharmakologischen Forschung hergestellten biochemischen Wirksubstanzen und den Symptom- und Merkmalseinheiten wie sie in und mit der deskriptiven Diagnostik beschrieben und konstruiert werden. Beispiele für solche Konvergenzen von Pharmazie und Diagnostik sind zum einen der starke Rückgang der Diagnose Polytoxikomanie, weil sie als Kontraindikation für die zunehmend verbreitete und gewünschte Substitutionsbehandlung gilt, wie auch die progressive Zunahme der Demenz-Diagnose bei älteren Menschen – nicht nur in den USA –, weil dadurch mehr Gelder für die Alzheimer-Forschung bereitgestellt werden.

Diese Interessen der Pharma-Industrie sind freilich nur ein Teil der Gründe, die zur Entwicklung der rein deskriptiven Diagnostik und dem damit einhergehenden Verzicht auf die Erforschung der Gründe und Entwicklungen von Störungen geführt haben. Solche Erforschung, die Konzeptualisierung des genetischen Aspekts in seinen Tiefendimensionen, war und ist ja die Domaine der Psychoanalyse. Nicht zuletzt auch gegen sie und ihre Vorherrschaft in der psychiatrischen Grundversorgung in den USA wendeten und wenden sich die diagnostischen Klassifikationssysteme des ICD-10 und DSM-IV. Die Psychoanalyse war in den USA ganz in den Händen und unter Kontrolle der Mediziner, was einen nahezu umfassenden Ausschluss aller Nicht-Ärzte – nicht zuletzt der Psychologen – vom Zugang zu ihr bedeutete. Selbst grosse Köpfe der Psychoanalyse, wie z.B. Otto Fenichel, waren nach ihrer Emigration nach Amerika in der Möglichkeit analytisch tätig zu sein, analytisch behandeln zu können, drastisch eingeschränkt. Es war sicherlich nur folgerichtig, wenn sich die Psychologen in ihrer grossen Mehrheit deshalb einer akademischen und möglichst wissenschaftlich fundierten Psychologie zuwandten, dem Behaviorismus nämlich und damit der von ihm her konzipierten Verhaltenstherapie, die ganz explizit vom black-box-Modell ausging, was eine sicherlich nicht unzufällige Ähnlichkeit mit dem Ansatz der Pharmakologie hat: das Innere der black-box, das Innenleben und damit die Hintergründe und Ursachen interessieren nicht. Wichtig ist allein der Wirkzusammenhang zwischen deskriptiv umrissenen Verhaltenseinheiten und bestimmten Massnahmen der Therapie. Dies ist nebenbei bemerkt genau der Ansatz und die Ansatzstelle für die störungsspezifischen Therapien, die für sich grössere Spezifität und damit auch grössere Wirksamkeit und Effizienz in Anspruch nehmen und es ist gleichzeitig der Ort, an dem störungsspezifische Psychotherapien mit den durch die diagnostischen Klassifikationssysteme angestrebten medikamentösen Therapien zusammenfallen.

Dass es nicht nur um genaue Deskription, um präzise Phänomenologie geht, zeigt sich auch noch in einem anderen Grundzug dieser Diagnosesysteme: im Verzicht auf eine innere, auf eine konzipierte Ordnung. Die Zusammensetzung der – wie gesagt – möglichst umrissenen und minutiösen Merkmals- und Symptomeinheiten erfolgt nicht nach einer natürlichen oder konzeptualisierten Ordnung. Die Einheiten werden eher gebündelt und klassifiziert, wobei keine Krankheitsbilder entstehen, in denen dann einzelne Symptome in einem Zusammenhang stehen und verstanden werden können, sondern Cluster, Symptomgruppierungen, die bestenfalls den Charakter von Syndromen haben.

Dieses Vorgehen ist auf das Ziel ausgerichtet, möglichst hohe Reliabilität zu erreichen, so dass Forscher auf der ganzen Welt unabhängig von ihrem sozialen und kulturellen Umfeld zu den gleichen Beobachtungen und zu den gleichen Daten kommen können. Die Frage der Validität der Einheiten und ihrer Gruppierung tritt demgegenüber weitestgehend in den Hintergrund.

Hierin gibt es nun durchaus Parallelen und Ähnlichkeiten zur OPD. Auch wenn bei diesem Ansatz kein Verzicht auf Dynamik geleistet wird – aber gleichwohl ein Verzicht auf die Frage der Kausalität und auf Konzepte genetischen Verstehens – so ist doch auch bei der OPD dieselbe Methode solcher Gruppierungen festzustellen. Auch hier verdankt sie sich der vornehmlichen Ausrichtung auf Standardisierung und Operationalisierung um eine empirisch, naturwissenschaftlich geprägte Forschung mit internationalem Austausch zu gewährleisten. Wobei immer wieder geflissentlich übersehen wird, dass ein solcher Austausch – sicherlich nicht frei von Missverständnissen, aber man wird ja wohl kaum ernsthaft behaupten können, dass es solche Missverständnisse bei dieser Art von internationalisierter, empirischer Forschung nicht geben würde – es wird also dabei gerne und geflissentlich übersehen, dass es einen solchen Austausch in der Psychoanalyse immer schon gegeben hat.

In ihrer Konzentration auf möglichst detaillierte und präzise Deskription und dem damit verbundenen, durchaus beabsichtigten Verzicht auf möglicherweise trügerische und uneinlösbare Krankheitsbilder und –konzepte, mit dieser möglichst reinen Deskription wollen diese Diagnosesysteme also durchaus im Rahmen und auf der Ebene der vereinzelten und auch unverbundenen Phänomene verbleiben. Das ist auch durchaus deklariertes Ziel: kein antizipatorischer Vorgriff auf uneinlösbare Bilder.

Allerdings liess sich dieser Ansatz trotz grosser Anstrengung nicht wirklich durchhalten. Wie uns Dani Strassberg sehr schön beschrieben hat, wurde das posttraumatische Belastungssyndrom zum Stolperstein, zur pièce de resistance gegen den Versuch und das Projekt, auf jegliche Ursache gänzlich verzichten zu können.

Die Verleugnung der Frage der Ursache war am posttraumatischen Belastungssyndrom in doppelter Hinsicht nicht möglich: zum einen konnten bei dieser Störung auch alle Formulierungskünste und ausgeklügelte Ausweichmanöver die unumgängliche Bindung des Syndroms an eine Ursache – das Trauma – nicht aus der Welt schaffen, zum andern war auch der Vietnam-Krieg als konkreter Anlass für die Aktualität und sicherlich auch abfindungstechnische Bedeutung dieses Syndroms ebenfalls nicht aus der Welt und aus der Diskussion zu schaffen.

Dies markiert auch, dass es nicht möglich ist, aus der Dynamik von analytischem Prozess und Diagnose, von Bildung und ständig drohendem Scheitern von Krankheitsbild, von Diagnose herauszutreten. Man wird ebenso wenig der Ursache entraten können, wie ohne das Warten und Hoffen auf das AAHHH auskommen, welches das kleine Kind vor seinem Spiegelbild erlebt, dabei genauso beglückt und erleichtert ist wie der Analytiker, wenn sich ihm plötzlich eine Diagnose einstellt, die die verschiedenen, unverständlichen und unverbundenen Symptome im engeren und auch im weiteren Sinne, das analytische Material und auch die Dynamik von Übertragung und Widerstand in einen sinnvollen und verständnisstiftenden Zusammenhang stellt.

Daraus lässt sich die Richtlinie ableiten, bei der Aufstellung von Diagnosen ein Prinzip der Knappheit walten zu lassen. Dies empfiehlt Christoph Keul in seinem Aufsatz, der den Titel trägt: Es geht um die Grenze, auf der sich ein Mangel einrichtet. Wie Lacan einen Borderline-Fall kommentiert. Noch pointierter fast als Maleval arbeitet Keul die Dynamik einer Diagnose, hier speziell der Borderline-Diagnose heraus. Der Analytiker ist dem Andrang und dem Aufprall des ruhelosen, unerfüllten und unerfüllbaren Begehrens des Analysanden ausgesetzt. In seiner Not nur wenig, immer zu wenig für das Verständnis und als Reaktion in der Hand zu haben, ist er ständig in Gefahr zur Neuschöpfung von Bildern, Krankheitsbildern, Subdiagnosen und Neudiagnosen zu greifen. Demgegenüber empfiehlt Keul ein Aushalten der Ohnmacht, ein Festhalten am Mangel. Der Analytiker ist für ihn nicht einfach derjenige, der dem Analysand etwas geben kann und gibt und umgekehrt der Anaysand derjenige, der etwas braucht. Vielmehr geht es darum, den Mangel einzurichten (s. Titel). Bei beiden. Das heisst für ihn auch nicht zuletzt: sich im Mangel, in der Knappheit der Diagnosen einzurichten. So kommt Lacan aus mit der Unterscheidung von psychotischer, neurotischer und perverser Struktur, ergänzt durch die Phobie als Drehscheibe, und auch Kurt Eissler, der Doyen der amerikanischen Psychoanalyse beschränkt sich – wie einer Bemerkung in seinem Opus über Goethe zu entnehmen ist – auf 5 Diagnosen: Psychose, Neurose, Perversion, Delinquenz und Genie.

Aber auch hier, in der Knappheit, im Mangel, bei wenigen Diagnosen, bei wenigen Bildern, bleibt die Dynamik. Positioniert am Ort des verlorenen und gesuchten, wieder auftauchenden und auch hergestellten Objekts kommt der Analytiker in diese Not, die nicht nur Keul so treffend beschrieben hat, die wir alle kennen: im Schnittpunkt der Unerfüllbarkeit des Wunsches zu stehen, im Fadenkreuz des irrlichternden Begehrens. Diese Not wendet sich – beinahe notwendig – in die Erleichterung, das Geschehen in einem Bild, dem Krankheitsbild, der Diagnose fassen zu können. Allerdings droht die Fassung unter der Spannung, in der das Bild steht, immer wieder zu zerspringen.

Man entkommt ihr also nicht der Frage nach der Diagnose, und man entkommt nicht ihren Fallstricken.

Damit geht es dem Analytiker wie unserer Patientin, die nicht krank geschrieben, sondern als krank gesehen werden wollte. Um – wenn man bei diesem Bild bleiben will – den Anspruch, ein unbeschriebenes Blatt zu sein und zu bleiben, untermauern zu können. Dass sich kein Begehren in sie einschreiben kann. Mit Hilfe der Diagnose.

Dem Analytiker geht es auch wie ihr. Ihr geht es wie dem Analytiker. Eine klassische Identifikation. Was – dies nur als Randbemerkung – wie anderes für mich dafür spricht, dass Analytiker zu sein, ein weiblicher Beruf ist – was freilich nicht als Bestätigung feministischer Position zu verstehen ist. Was zudem nicht dagegen spricht, dass der Beruf auch von Männern ausgeübt werden kann und wird. Aber dafür spricht, dass es nicht immer ganz so klar und einfach ist mit der Frage nach Männlein und Weiblein. Mit der Diagnose auch dort.

Wenn ich damals, als ich zu diesem Vortrag eingeladen worden bin, schon gewusst hätte, was ich Ihnen heute erzählen werde, dann hätte ich meinem Referat folgenden Titel gegeben: Psychoanalyse und Diagnostik. Über Glück und Unglück der Bildung von Diagnosen.

Sie werden gemerkt haben, dass ich die Frage der Diagnose unter dem Aspekt des Bildes anzugehen und gleichzeitig mit der Diagnose etwas – ich hoffe psychoanalytisches – über das Bild und das Dilemma seiner Bildung zu sagen versucht habe. Das Krankheitsbild und seine Schwierigkeiten.

Abschliessen möchte ich deshalb mit zwei Bildern. Eines, das ein Teil von Ihnen schon kennt aus meinem Seminar über das Ich, über Projektionen und Entäusserungen, eines davon ist von Cindy Sherman. Es stammt aus der Reihe Film Stills. Wie der Name schon sagt, sind die Bilder dieser Serie Momentaufnahmen aus Filmen; aus Filmen allerdings, die nie gedreht worden sind. Sie zeigen fiktive Szenen aus dem Leben unbekannter, ganz normaler Frauen. Es ist als ob sie, diese Frauen von nebenan beinahe, in den Film gekommen seien: mit Schminke und Maske, mit Kleider und Perücken, mit Staffage und Ausstattung. Als ob sie so den Glanz und die Aura von Hollywood, der Bilder- und Traumfabrik, bekommen hätten. Eine Aura freilich, die immer etwas schräg und holprig scheint, die hinter sich selbst zurück bleibt, in die sich die Frauen immer auch etwas verirrt zu haben scheinen. Irgendwie stimmt es, funktioniert es immer nicht ganz, irgendwie passen sie nie ganz ins Bild, die Frauen.


Hier auf diesem Bild, liegt Cindy Sherman – sie stellt die Frauen immer selbst dar, verwandelt sich in immer neue Bilder – in verführerischer, beinahe schon lasziver Pose auf dem Bett. Der begehrende Blick, der über das Dargebotene gleitet, über das Photo, die Szene, den Körper streicht, wird in seinem Abtasten gleichwohl irritiert, beginnt innezuhalten und nachdenklich zu machen. Trotz allem Sex-Appeal, trotz allen Anscheins von Hingabe, scheint sich das Bild, scheint sich die Frau doch nicht ganz dem Blick und seinem Bild zu fügen. Nicht nur dass die Dessous nicht recht zusammenpassen, nicht nur dass auch der Blickwinkel etwas verzerrend und verzerrt ist, vor allem auch der abgedrehte Kopf mit den noch abgedrehteren Augen irritiert, macht stutzen. Die Mimik des Gesichts scheint eingefroren, das Gesicht als ganzes etwas wächsern, den blonden Haaren scheint man die Perücke anzusehen, so dass man überhaupt den Eindruck einer Puppe gewinnt.

In dem Bild, das sie, die Frau in ihm, beschreibt, das ihr Gestalt, das ihr Halt gibt, ist sie gleichzeitig ganz verloren und ganz allein. Sie scheint nicht zu passen in das Bild, das sie ist.

Geht es ihr damit nicht genau so wie der Diagnose, die Halt geben soll und ihn doch immer nicht geben kann, die Vor-griff ist auf etwas, das sie doch nie wirklich erreichen kann, die auch immer nicht ganz passt? Und ist sie damit nicht ein sehr schönes, sehr treffendes Bild für den Status, die Struktur, für das Dilemma der Diagnose, des Krankheitsbilds?

Sie werden sagen, das ist doch kein Krankheitsbild, doch keine Diagnose. Womit Sie ja auch Recht haben. Und vielleicht doch nicht ganz: Dieser Hauch von Verlorenheit, diese Spur von Einsamkeit und Melancholie auf diesem Bild, in diesem Bild, erinnert das nicht an ein anderes Bild, hat es nicht Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit einem anderen, grossen Bild, das durchaus das Bild einer Krankheit, ein Krankheitsbild ist? Mit der Melancholia von Albrecht Dürer? Mit diesem Blick in die Ferne? Der dort Halt sucht und ihn nicht findet?

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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