Zum Ort der Gewalt in der Psychoanalyse

Responding talk zu Hiltrud Amuser: Ethik und Ästhetik des psychoanalytischen Diskurses, an der Tagung "Zur Ethik der Psychoanalyse" in Zürich am

9. Mai 1997



Ohne locus, kein logos, sagt Frau Amuser. Ohne Ort gibt es kein Wort. Um welchen Ort aber handelt es sich? Es ist der Ort des Kunstwerkes. Des Kunstwerkes von Dani Karavan. Der ist aber auch der Ort des Todes von Walter Benjamin. Der Ort des Verschwindens und des Verlustes. An diesem Ort entsteht das Kunstwerk. Das Kunstwerk, das ihn, Walter Benjamin, wieder zum Leben erweckt. Es ist der Ort seines Verschwindens, an dem Walter Benjamin wieder auftaucht. Es ist der Ort, an dem es möglich ist, „sich einer Erinnerung (zu) bemächtigen, wie sie im Augenblick der Gefahr aufblitzt.“ (I.2 / 695)


In der Analyse ist der Analytiker an dem Ort positioniert, an dem das Objekt auftaucht. Es ist der Ort, an dem es auch verschwunden ist. Das Objekt ist das verlorene Objekt. An ihm, diesem Objekt, das der Analytiker ist, spielt sich die Konfrontation von Bemächtigung und Verlust ab. Und er ist es, der Analytiker – selbst Kunstwerk vielleicht –, der diese Konfrontation zum Vorschein bringen muss.


In seinem Passagen-Werk hatte Walter Benjamin auch diesen Ort vor Augen. Gerade die Passagen sind ihm ein Ort, an dem das besondere Verhältnis von Gewesenem und aus ihm auftauchende Gegenwart erfahrbar wird: „Es gibt eine völlig einzigartige Erfahrung der Dialektik. Die zwingende, die drastische Erfahrung, die alles >Allgemach< des Werdens widerlegt und alle scheinbare >Entwicklung< als eminenten durchkomponierten dialektischen Umschlag erweist, ist das Erwachen aus dem Traum. (...) Und somit präsentieren wir die neue, die dialektische Methode der Historik: mit der Intensität eines Traumes das Gewesene durchzumachen, um die Gegenwart als die Wachwelt zu erfahren, auf die der Traum sich bezieht! (Und jeder Traum bezieht sich auf die Wachwelt. ..“ (V.2 / 1006)


So, wie das Passagen-Werk vom Verschwinden einer der ältesten Pariser Passagen ausgeht, der Passage de l’Opéra, so steht das Kunstwerk von Dani Karavan, die „Hommage an Walter Benjamin“ auf seinem Grab.


Ist dieser Ort jedoch ein Hort der Erinnerung, an dem all die Schrecken der Vergangenheit, das ganze Grauen, der massenhafte Tod vor dem Vergessen-Werden geschützt werden? Gerade wenn das Kunstwerk nicht einfach – unschuldiges, müsste man doch sagen – Abbild ist, sondern eine Existenz sui generis besitzt, gerade wenn die Kunst nicht abgehobener Sphäre angehört, sondern in der Wirklichkeit wirkt, Wirklichkeit bewirkt und Wirklichkeit ist, dann kann sie solche Verhältnisse, solche Ereignisse nicht nur darstellen, dann untersteht sie ihnen auch. Und wenn Susan Sontag die Kunst vor der Rache der Kritik – und vor allem der Kritiker – zu schützen sucht und George Steiner die Wucherung des Sekundären beklagt, die die eigentliche Kunst zu Grabe zu tragen droht, dann mögen sie damit durchaus Recht haben. Gleichwohl ist es zu einfach, Zerstörung und Gewalt so abzuschieben. Kunst stellt nicht nur Zerstörung dar, sie hütet auch nicht nur mahnend die Erinnerung an sie, Kunst ist auch Zerstörung. Insbesondere ist die Kunst der Moderne als Kunst der Avant-Garde, eine Kunst ständigen Traditionsabbruchs und ständiger Traditionszerstörung. Diese Dynamik ist ihr nicht äusserlich.


Interessant in diesem Zusammenhang ist, wie am Ort eines fast ausgestorbenen Genres der Malerei etwas Neues auftaucht. Die Potraitmalerei war in der Tradition der Malerei immer schon Beschäftigung mit dem Menschen und Darstellung seiner äusseren und inneren Erscheinung. Als solche ist sie – gerade auch im Zuge der Moderne – weitgehend verschwunden. Und taucht jetzt wieder auf in einer Kunst des Selbstportraits, wie sie von Bruce Naumann, Cindy Sherman, Damien Hirst u.a. geschaffen wird. Diese Kunst des Selbstportraits thematisiert vor allem eines: das Moment der Zerstörung, das Moment der Gewalt, den Zustand der Versehrtheit. In einem Akt der Reflexion, in dem das Portrait zum Selbstportrait mutiert, führt der Künstler am eigenen Körper die Bedingungen seiner Kunst vor: es sind die Spuren der Gewalt, die Spuren des Eingriffs, die Spuren der Formung und Bildung, ja der Verformung und der Missbildung – des Missbrauchs?, muss man wohl fragen.


Dem Analytiker geht es nicht anders. Positioniert an diesem Ort, an dem das Objekt auftaucht, das das verlorene ist, nimmt er durchaus am eigenen Körper – Reimut Reiche hat vor langen Jahren einmal die minutiösen Aufzeichnungen seiner Erregung während der Arbeit vorgestellt – seismographisch die in ihn eindringenden Kräfte des Wunsches wahr und auf. So wie Walter Benjamin die Pariser Passagen als die Produkte des Erwachens aus einem Traum analysiert, so ist der Analytiker ein Produkt der Verdichtungen des Traumes seines Analysanden, die sich wie schwarze Löcher in Verschiebungen und Entstellungen hinein entladen. An diesem Ort, der den Analytiker ebenso ausmacht wie den Analysand, entfaltet sich der Wunsch in seiner trieb- und schuldhaften Produktion. Am Analytiker als Objekt zeigt sich so der Wunsch nicht nur in seiner Janusköpfigkeit, sondern er zeigt sich – mit den Worten von Walter Benjamin – als Engel der Geschichte: „Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, das der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“


In der Anerkennung dieses eigenen Schreckens, in der Anerkennung dieser eigenen Schuld und ihrer Verstrickung mit dem Wunsch und seiner Produktion des Neuen könnte neben der ästhetischen auch die ethische Dimension der Analyse liegen.


Der Schrecken angesichts der Gewalt ist gross. Vielleicht zeugt das Phänomen, auf das Frau Amuser in einem anderen Aufsatz hingewiesen hat, die hohe Suicidalitäts-Rate in dieser Profession auch gerade davon. Der Tod von Walter Benjamin tut es sicherlich. Mit seinem Tod hat er Gewalt auf sich genommen. Und damit auch den anderen Mitgliedern seiner Flucht-Gruppe den Weg nach Spanien geöffnet. In die Freiheit?



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