Angst essen Seele (nicht) auf

Vortrag gehalten am Lacan-Seminar Zürich am 26. Juni 2015

26. Juni 2015

Wie soll es gehen, mit Angst? Aber, wie soll es ohne Angst gehen? Wie traumatisch ist das Trauma? Die Angst treibt uns um. Nicht nur in der Psychoanalyse, auch in die Kultur, sie will es wissen und zersetzt das Wissen. Was für ein Glück, diese Angst. Wo führt sie uns hin? Fälle, Zufälle, Abfälle, Geschichten sollen davon erzählen.



Ein alter Freund und Kollege hat mir immer vorgeworfen, dass ich Angst verdränge. Ein Arzt hat mir zudem attestiert, dass ich indolent sei. Und ich glaube, dass beide Recht haben. Nur ist die Frage, was das heisst. Wenn ich allzu viel Angst hätte, würde ich wohl kaum hier sitzen an einem Institut, bei dem es mich ohnehin wunderte, dass es mich zu einem Vortrag eingeladen hat. Und wenn ich gar keine hätte, würde ich wohl auch kaum hier sitzen.

Die Frage ist, was treibt uns an? Die Antwort Freuds darauf ist ja bekannt, der Trieb, der eigentlich die Triebe ist. Es sind ja immer zwei bei ihm, deren Konzeption sich auch verändert hat, weil es nicht so einfach war, an dieser Dualität festzuhalten, die ihm dennoch wichtig war. Nicht nur Jung gegenüber, der zu einer monistischen Triebtheorie übergegangen war, sondern weil ihm die Differenz wichtig war, die Verschränkung der beiden Triebe, die immer neuen Antrieb geben sollte, die eben Teil des Antriebs, Teil des Motors war, der des psychischen Apparats – wir haben es mit Maschinen zu tun genau dort, wo es um das Psychische geht.

Der Trieb ist also der Antrieb, der Antrieb ist aber auch ein Austrieb. Die Dinge bewegen sich, womit wir auch gleich schon zu unserem Film Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder kommen könnten, dessen Bedeutung für diesen Vortrag – das muss ich gestehen – vor allem darin besteht, dass er mir einen guten Titel gab, den ich aus zeitlichen Gründen abgeben musste, bevor ich die geringste Ahnung hatte, was ich hier erzählen würde. Aber eines ist sicher sehr deutlich in diesem Film, die Spannung zwischen Bewegung und Enge. Es gibt eine Szene in dem Film, in der Ali bei einer anderen Frau ist und es dann zu Sex kommt, der eigentlich nur als Standfoto dargestellt wird. Die Bewegungen der Umarmung und dann auch des Sex selbst sind total eingefroren.
Der Trieb als Antrieb und eben auch Austrieb wird bei Freud 1923 in seiner Arbeit Zum ökonomischen Problem des Masochismus sehr deutlich, wo er die Ambivalenz – wie er die Differenz zwischen den Trieben, auch zwischen den von Eros und Thanatos aus Jenseits des Lustprinzips von 1920 nannte – zwischen dem Ur-Masochismus und dem Sadismus festmachte. Den Todestrieb, der ja die Auflösung aller Spannungen im Tode zum Triebziel hat, bezeichnet er hier als Ur-Masochismus, der sich dann als Sadismus nach aussen wendet. Diese Nach-Aussen-Wendung ist dieser Austrieb, der dann zum Trieb wird – nicht zuletzt zur Sexualität, die vom Sadismus nicht zu trennen ist. Und dieser Austrieb entsteht aus der Gefahr, sich in sich aufzulösen, man könnte auch sagen, in sich hinein zu fallen.

Ich war vor einer Woche an einer Diskussionsrunde zu einer Skulpturen-Ausstellung im Weiertal bei Winterthur mit dem Thema Sommertagtraum. Und natürlich nimmt der Sommertagtraum Bezug auf den Sommernachttraum von Shakespeare und damit auch auf den Traum, der eben mit einem Zitat von Zettel zitiert wurde, das mir sehr gefallen hat: „Ich habe eine höchst seltsame Vision gehabt. Ich hab einen Traum gehabt – da reicht der Menschenverstand einfach nicht aus zu sagen, was für ein Traum das war; Der Mensch, der hergeht und diesen Traum zerklären will, der ist einfach ein Esel.“. Und natürlich – was uns als Analytiker ja nicht erstaunt – war auch bei den Tagträumen die Nacht und der Traum immer präsent. Eine Arbeit eines Winterthurer Künstlers, Mario Sala, ist ganz besonders in dieser Ausstellung, weil sie die Erwartungen des Themas und der ländlichen Idylle in diesem Park ganz unterläuft und durcheinander bringt.

(Bild) An einem leichten Abhang – alles ist etwas schief – hat er mit seiner Arbeit einen grösseren Fleck in die Landschaft gemacht. In seiner Mitte ist ein Loch in der Erde, das durch eine trichterförmige schwarze Röhre gebildet ist, deren Rand dann ausgestülpt ist und es so den Anschein macht, als hätte sich alles rundum aus dieser Röhre, aus diesem Trichter ergossen. Gleichzeitig aber hat dieser Trichter auch den umgekehrten Weg in sich, so dass Dinge und auch kleine Tiere in ihn fallen könnten oder er das rundum Ergossene wieder aufnehmen, in sich saugen könnte. Dieses Ergossene macht nun aber auch den Eindruck von etwas Erbrochenem. Schon die Farbe – gelblich-weiss – erinnert an Kotze, auch die verschiedenen Brocken, die da mit gekommen sind, lassen sich damit assoziieren, zumal man auch den Eindruck hat, immer wieder so etwas wie Flaschenkorken ausmachen zu können, von denen es dann ziemlich viele gäbe – was für ein Rausch die ganze Sache –, die dann einen solchen Ausgang auch durchaus verständlich machen würden. Man findet auch noch andere Einzelheiten, nicht alles ist entzifferbar, das Gesamt vor allem leicht eklig und alles andere als idyllisch.

Vielleicht kann ja diese ganze Szenerie, das, was da von Innen nach Aussen ergossen und eruptiv erbrochen ist – der Trichter als Vulkan – auch in der Tat als Reminiszenz an den Traum gesehen werden, an diesen Austrieb der Nacht, an diesen Tanz auf dem Abgrund, in sich hinein fallen zu können, und auch zeigen, was Zettel da so schön in Verse getrieben hat, wie unfassbar, wie zunächst ganz ungeordnet und amorph dieser Austrieb, dieses von Innen nach Aussen Gebrachte sein kann.
Der Traum als Tanz um den Abgrund. Der Traum, der dann nicht nur den Schlaf hüten soll, wie Freud es betont hat, der vielmehr als Austrieb, als Ausdruck des Triebes, dazu dient, nicht in sich hinein zu fallen.
Dazu – zur Nacht, zum Abgrund, zum Fall – hat Derrida ein sehr schönes Buch gemacht Die Zeichnungen eines Blinden, in dem er Zeichnungen von Antoine Coypel aufnimmt, der Blinde gezeichnet hat. Blinde mit einem Stock, leicht vornübergebeugt, sich gegen den Fall stemmend, und mit dem Stock suchend, stochernd den Boden nach Gefahren, nach Abgründen eigentlich absuchend. (Bild). Derrida sagt nun, dass diese Zeichnungen eines Blinden, nicht nur solche sind, die einen Blinden zeichnen und zeigen (genitivus objektivus), sondern vor allem auch Zeichnungen eines Blinden sind, von jemand also der blind ist (genitivus subjektivus). Insofern genau das Dargestellte: Suchen und Stochern, über den Boden Fahren und Kratzen des Blinden, doch das schon ist, was die Zeichnung nicht nur darstellt, sondern selbst ist. So wäre die Zeichnung genau das: ein solches Gekritzel und Gekribbel, das aus dem Bemühen – des Blinden, aber eben nicht nur des Blinden – entsteht, nicht in sich hinein zu fallen.

Das Gekotzte, das Erbrochene, das Gekritzel und das Gekribbel sind also wie der Traum – aber auch der ist ja für Freud vor allem die Entdeckung des psychischen Apparates und seines Funktionierens – Austriebe entstanden aus der Gefahr und der Angst, in sich hinein zu fallen. So wie die Agave – die natürlich nicht Agape heisst, griechisch die Liebe –, die gerade ihre laternenförmigen Blüten wirklich schon fast eruptiv in die Höhe schiesst, bevor sie stirbt.

Das Gekotzte und das Gekribbel, die Bilder und Figuren von Zettels Traum, sind also Formen, die auch die Unordnung, das Zersetzende der Angst in sich tragen. Es sind Fälle, das sieht man Mario Salas Arbeit an, die auch Abfälle sind.

Angst essen Seele also nicht einfach auf. Auch im Film nicht. Nicht nur, dass Emmi wegen des Regens und natürlich wegen der Einsamkeit, wegen dieser Angst, nicht mehr aus sich heraus zu kommen, in die Bar geht, in der sie dann Ali kennenlernt. Es ist auch so, dass diese Geschichte, die ganz offensichtlich eine Bedrohung für die damalige – und ist sie nur so damalig? – Ordnung bedeutet, auch dazu führte, dass sie auch die Anderen aus den Häusern und Wohnungen trieb. Sie fingen an zu tuscheln und sich auszutauschen, sie begannen mit Intrigen und Nachstellungen. Es kam auf jeden Fall Bewegung in die Wohnungen und in die Menschen, in die Starre, die so eindrücklich in den Bildern dargestellt ist, weil der Film – als bewegte Bilder – immer wieder zu Standbildern gefriert.

Dazu passt die Mütze, die ich für heute Abend mitgebracht habe und jetzt auch gleich mal aufsetzen kann – auch wenn Sie mir von der Form nicht so gefällt, aber auch das passt ja, wie wir bei Mario Sala und den anderen Freaks gesehen haben. Man muss ja nicht immer so eitel sein. (die Mütze) Die Mütze sagt es klar und deutlich, wie Angst in Bewegung, wie Angst in Trab und in Galopp setzen kann. Run from Fear! Und dreht das Ganze auch noch um und stellt es auf den Kopf – was ja immer auch interessante Ansichten sind: Fun from Rear! Es ist eine Mütze, eine Arbeit von Bruce Nauman.


An einem leichten Abhang – alles ist etwas schief – hat er mit seiner Arbeit einen grösseren Fleck in die Landschaft gemacht. In seiner Mitte ist ein Loch in der Erde, das durch eine trichterförmige schwarze Röhre gebildet ist, deren Rand dann ausgestülpt ist und es so den Anschein macht, als hätte sich alles rundum aus dieser Röhre, aus diesem Trichter ergossen. Gleichzeitig aber hat dieser Trichter auch den umgekehrten Weg in sich, so dass Dinge und auch kleine Tiere in ihn fallen könnten oder er das rundum Ergossene wieder aufnehmen, in sich saugen könnte. Dieses Ergossene macht nun aber auch den Eindruck von etwas Erbrochenem. Schon die Farbe – gelblich-weiss – erinnert an Kotze, auch die verschiedenen Brocken, die da mit gekommen sind, lassen sich damit assoziieren, zumal man auch den Eindruck hat, immer wieder so etwas wie Flaschenkorken ausmachen zu können, von denen es dann ziemlich viele gäbe – was für ein Rausch die ganze Sache –, die dann einen solchen Ausgang auch durchaus verständlich machen würden. Man findet auch noch andere Einzelheiten, nicht alles ist entzifferbar, das Gesamt vor allem leicht eklig und alles andere als idyllisch.

Vielleicht kann ja diese ganze Szenerie, das, was da von Innen nach Aussen ergossen und eruptiv erbrochen ist – der Trichter als Vulkan – auch in der Tat als Reminiszenz an den Traum gesehen werden, an diesen Austrieb der Nacht, an diesen Tanz auf dem Abgrund, in sich hinein fallen zu können, und auch zeigen, was Zettel da so schön in Verse getrieben hat, wie unfassbar, wie zunächst ganz ungeordnet und amorph dieser Austrieb, dieses von Innen nach Aussen Gebrachte sein kann.
Der Traum als Tanz um den Abgrund. Der Traum, der dann nicht nur den Schlaf hüten soll, wie Freud es betont hat, der vielmehr als Austrieb, als Ausdruck des Triebes, dazu dient, nicht in sich hinein zu fallen.

Dazu – zur Nacht, zum Abgrund, zum Fall – hat Derrida ein sehr schönes Buch gemacht Die Zeichnungen eines Blinden, in dem er Zeichnungen von Antoine Coypel aufnimmt, der Blinde gezeichnet hat. Blinde mit einem Stock, leicht vornübergebeugt, sich gegen den Fall stemmend, und mit dem Stock suchend, stochernd den Boden nach Gefahren, nach Abgründen eigentlich absuchend.


Derrida sagt nun, dass diese Zeichnungen eines Blinden, nicht nur solche sind, die einen Blinden zeichnen und zeigen (genitivus objektivus), sondern vor allem auch Zeichnungen eines Blinden sind, von jemand also der blind ist (genitivus subjektivus). Insofern genau das Dargestellte: Suchen und Stochern, über den Boden Fahren und Kratzen des Blinden, doch das schon ist, was die Zeichnung nicht nur darstellt, sondern selbst ist. So wäre die Zeichnung genau das: ein solches Gekritzel und Gekribbel, das aus dem Bemühen – des Blinden, aber eben nicht nur des Blinden – entsteht, nicht in sich hinein zu fallen.

Das Gekotzte, das Erbrochene, das Gekritzel und das Gekribbel sind also wie der Traum – aber auch der ist ja für Freud vor allem die Entdeckung des psychischen Apparates und seines Funktionierens – Austriebe entstanden aus der Gefahr und der Angst, in sich hinein zu fallen. So wie die Agave – die natürlich nicht Agape heisst, griechisch die Liebe –, die gerade ihre laternenförmigen Blüten wirklich schon fast eruptiv in die Höhe schiesst, bevor sie stirbt.

Das Gekotzte und das Gekribbel, die Bilder und Figuren von Zettels Traum, sind also Formen, die auch die Unordnung, das Zersetzende der Angst in sich tragen. Es sind Fälle, das sieht man Mario Salas Arbeit an, die auch Abfälle sind.

Angst essen Seele also nicht einfach auf. Auch im Film nicht. Nicht nur, dass Emmi wegen des Regens und natürlich wegen der Einsamkeit, wegen dieser Angst, nicht mehr aus sich heraus zu kommen, in die Bar geht, in der sie dann Ali kennenlernt. Es ist auch so, dass diese Geschichte, die ganz offensichtlich eine Bedrohung für die damalige – und ist sie nur so damalig? – Ordnung bedeutet, auch dazu führte, dass sie auch die Anderen aus den Häusern und Wohnungen trieb. Sie fingen an zu tuscheln und sich auszutauschen, sie begannen mit Intrigen und Nachstellungen. Es kam auf jeden Fall Bewegung in die Wohnungen und in die Menschen, in die Starre, die so eindrücklich in den Bildern dargestellt ist, weil der Film – als bewegte Bilder – immer wieder zu Standbildern gefriert.

Dazu passt die Mütze, die ich für heute Abend mitgebracht habe und jetzt auch gleich mal aufsetzen kann – auch wenn Sie mir von der Form nicht so gefällt, aber auch das passt ja, wie wir bei Mario Sala und den anderen Freaks gesehen haben. Man muss ja nicht immer so eitel sein. (die Mütze) Die Mütze sagt es klar und deutlich, wie Angst in Bewegung, wie Angst in Trab und in Galopp setzen kann. Run from Fear! Und dreht das Ganze auch noch um und stellt es auf den Kopf – was ja immer auch interessante Ansichten sind: Fun from Rear! Es ist eine Mütze, eine Arbeit von Bruce Nauman.


Die Lust von hinten, da könnte man natürlich sofort an die Homosexualität und an die Angst davor denken – was auch gleich ein Bezug zu Rainer Werner Fassbinder wäre. Dann wäre Ali nicht nur Ali, dann wäre Ali nicht nur ein Fremder, ein Marokkaner – das ja ein Mekka für die Schwulen war –, dann wäre Ali auch Fassbinder selbst. Aber man muss es ja nicht immer, sollte es meiner Meinung nach auch gar nicht immer, so konkretistisch sehen. Man könnte auch weitergehen und auf die Angst hinweisen vor dem, was von hinten und im Rücken kommt. Insofern geht es also nicht einfach um die Angst vor der Homosexualität – vor diesem Fun from Rear – es geht um die Angst vor dem, was man nicht sehen kann – darin dem Blinden von Antoine Coypel ja sehr verwandt, was auch darauf hinweist, dass dieser Blinde ja auch noch mehr ist als der Blinde, nicht zuletzt auch der Seher Tereisias, worauf wir auch noch kommen werden –, was einen von hinten her überfällt, eine Angst vor dem, wovon man nichts weiss, was nichtsdestotrotz da ist. Auch die Rückenansichten bei Caspar David Friedrich – worauf Hartmut Böhme hingewiesen hat – sind ein solches Signum für das Unbewusste, das die Romantik ja sehr liebte.

Die Angst vor dem, was einen von hinten überfällt, ist aber nicht nur Angst, sondern – Nauman sagt das ja ganz explizit – sondern auch Lust: Fun from Rear! Lust und Angst sind also sehr eng miteinander verbunden. Zum einen, weil es diese Lustangst gibt, die wir bei Kindern sehr schön sehen. Wenn ich z.B. meinen Enkel vor mir sehe, dessen Augen leuchten und funkeln kurz bevor er loslegt, etwas zu tun, von dem er eigentlich weiss, dass er es nicht tun sollte, dass es verboten ist, dass es auch gefährlich ist, dann funkelt in ihnen dieses Gemisch aus Angst und Lust, das dann gleich mit Gebrüll und Getöse explodiert und sich darin die Lust entlädt und die Angst ganz vergessen macht. Zumindest für den Augenblick. Was für ein Glück, was für eine Lust, was für eine Erleichterung.

Zum anderen, weil es die Angstlust gibt. Es entsteht ja etwas aus der Lust: Run from Fear! In den konkreten Fällen hier entstanden und entstehen Kunstwerke. Von Mario Sala, von Antoine Coypel, von Bruce Nauman, von Caspar David Friedrich und Rainer Werner Fassbinder. Phantastische Kunstwerke, die zudem bei Nauman auch – aber weniger bei Friedrich in der Romantik, die dazu neigte, diese Seite auch etwas zu verklären – die Gewalt und die Brutalität ins Zentrum stellen. In seinen Werken sind die Spuren der Machart nie verwischt und geglättet wie z.B. in der Minimal Art, deren Oberflächen ganz glatt sind und von dieser Gewalt, die auch in ihnen ist, nichts mehr zeigen. Es entstehen also Kunstwerke, die die Gefahr und die Angst nicht einfach auflösen und nicht einfach loswerden wollen – Run from Fear, Fun from Rear.

Das Davonrennen vor der Gefahr, die – wie wir alle wissen – nicht einfach eine äussere ist, dieses Davonrennen steht ja auch schon dem Anfang der Psychoanalyse Pate, nämlich im Mythos des Ödipus. Ödipus ist der grosse Held dieser Geschichte, ein Held mit Makel, ein Held mit einem Klumpfuss. Ob uns dieser nun an den Pferdefuss, an den Huf und damit an den Satan erinnert, spielt keine so grosse Rolle, selbst wenn es nicht ganz abwegig ist.

Interessant an dieser Stelle sind vielmehr die Krücken, mit denen Ödipus bestückt und bewaffnet ist. Bestückt insofern als sie Werkzeuge, als sie Prothesen, also Verlängerungen des Körpers sind – was uns an Freuds Diktum vom Prothesengott erinnert. Sie sind aber auch Waffen, mit denen Ödipus seinen Vater an der Wegkreuzung erschlägt. Die Prothese der Krücken dient also einem doppelten Zweck: sie ist Werkzeug von Ödipus’ Gewalt wie auch Werkzeug seiner Flucht, seines Entkommens, darin den Stöcken und Krücken der Blinden von Coypel nicht unähnlich. Und man könnte natürlich auch noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass auch der Mythos selbst so eine Krücke ist, der Versuch einer Distanzierung dieses Schicksals ist, das uns alle angeht, er insofern auch seine eigene Geschichte erzählt. Wie Rainer Werner Fassbinder, der in Angst essen Seele auf selbst auftritt – passend als Schwiegersohn, als indirekter Verwandter von Emmi.

Die Prothesen, die sowohl der Angst wie auch der Lust dienen – und mein Enkel liebt es zur Zeit mit einem Schwert um sich und auch auf mich ein zu schlagen –, sind also Teil und Produkt dieser Angst, die auch Lust ist. Darin gar nicht sehr unterschieden von dem, was Freud den psychischen Apparat nannte, damit eine durchaus nicht zufällige Nähe zur Maschine suggerierend, die sich in den Krücken und Gefährten wiederholt, auf denen gekommen und geflohen wird.

Der psychischen Apparat ist demnach so eine Krücke, die im Zeichen von Angst und Lust, die im Zeichen dessen steht, was im Mythos des Ödipus erzählt wird. Auch er ist eigentlich ein Kunstwerk, das im Zeichen dessen steht, was Bruce Nauman so schön gesagt hat: Run from Fear, Fun from Rear. Dieser Apparat ist als Maschine konzipiert, als – so könnte man auch sagen – technisches Gerät, was uns auch ein Hinweis darauf geben könnte, dass die Technik und die Technologie, die neuen Technologien, die neuen Medien, auch nicht nur des Teufels sind, sondern Produkte, Werke, auch Kunstwerke, die genau in dieser Spannung von Angst und Lust, von Lust und Angst stehen.

Und damit komme ich nun zu Fallbeispielen. Und es ist nicht von ungefähr, dass sich diese an all die Bilder und Geschichten aus der Kunst und der Kultur anreihen, die ich auch als Fallbeispiele verstehe – wie man ja gemerkt hat. Ich sehe die Fallbeispiele, mit denen ich es – wie Ihr alle – auch in der Praxis zu tun habe, immer auch unter diesem, immer wieder faszinierenden Aspekt dessen, dass sie Manifestationen – die Hand spielt ja immer eine grosse Rolle, als Handschuh bei Mario Sala, in den Spuren des Machens bei Bruce Nauman, im Stochern der Blinden, bei den Prothesen von Ödipus – ich sehe sie also als Manifestationen des Unbewussten, des Subjekts des Unbewussten sind, wie es Lacan sagen würde, dieser Spannung von Lust und Angst, in der der psychische Apparat steht, die er ist, in der wir stehen, in der wir sind.
Beim ersten Fall scheint es zunächst kaum mehr eine Lust zu geben. Der Patient würde sich eine solche Sichtweise – des „kaum“ – vehement verbieten. Was nun freilich – wie sich zeigen wird – die Lust gerade nicht ausschliesst. Er wurde an mich überwiesen, nachdem er nach drei Jahren eines sich immer noch mehr verschlechternden Zustandes mit mehreren, teilweise langdauernden Klinikaufenthalten wieder einmal aus der Klinik austrat und auch den Eindruck hatte, dass all die Psychotherapie, die er dabei genossen hat, ihm nicht geholfen, sondern seine Situation eher schlechter gemacht hätte.

Wieso dies nun bei mir anders sein sollte, war eine meiner ersten Fragen. Nach der ersten Stunde, in der sich zwischen uns beiden wegen unserer Herkunft und der Sprache eine Nähe ergeben hatte, ging es ihm – wie er mir dann in der nächsten Stunde erzählte – spürbar besser. Allerdings fügte er dann gleich – wohlgemerkt lächelnd – hinzu, dass ich nun sicher denken würde, dass dies wegen der Stunde zuvor so gewesen sei, dem sei nun aber ganz und gar nicht so. Ganz abgesehen davon, dass es ihm inzwischen auch wieder ganz schlecht gehen würde. Was dieses „ganz schlecht“ eigentlich meint, bleibt sehr unbestimmt. Es sind körperliche Symptome wie Schwächegefühle und Schwächezustände, Schlafstörungen und solche der Konzentration, schlechtes, bzw. stark abnehmendes Erinnerungsvermögen und psychische Symptome, die auch sehr vielfältig sind und in Selbsthass, Todeswünschen, allerdings nicht Suizidphantasien bestehen, die natürlich auch depressive Verstimmungen und Ängste umfassen.

Die ersten Monate der Behandlung standen ganz – und das war für mich zwingend und gar nicht anders möglich – in der ständigen Auseinandersetzung mit der Haltung, dass alles keinen Sinn hätte, dass Psychotherapie nichts nütze, dies alles im Kombination damit, dass er sie über Jahre hinweg gemacht hat, auch jetzt regelmässig und pünktlich und bereitwillig in Behandlung kam. Es ging darum, diesen Widerstand zu thematisieren und ihm nicht auszuweichen. Die Stunden spitzten sich sehr häufig sehr zu, ich liess nicht locker, seine scheinbare Bereitwilligkeit ebenso in Frage zu stellen wie die Demonstration einer Resignation. Natürlich drohte er damit, die Behandlung abzubrechen, zu jemand anderem zu gehen, wovon ich mich in der Analyse des Widerstands nicht abbringen liess, bis es sich so sehr zuspitzte, dass er drohend ankündigte, dass nun ein Entscheid fallen müsse, was ich sehr begrüsste.

Schon in der zweiten Stunde war klar geworden, dass er die Nähe, die sich zwischen uns ergeben hatte, mit aller Gewalt und unerbittlich zerstören musste. Nicht nur die Nähe – wie sich heraus stellte – vor allem auch, dass hier etwas passieren könnte, das ihm gut tun würde. Viel später erzählte er, dass er dann, wenn es Frühling und Sommer würde, dann, wenn es schön würde, Angst bekäme: vor Hautkrebs. Bei einem Feuerwerk, das man geniessen und über das man sich freuen könnte, würde er sofort an Feinstaub denken und Angst bekommen. Sexuell war er immer noch Jungfrau, obwohl er einige Jahre verheiratet war, mit einer Frau aus einem östlichen Land, die er übers Netz auf einschlägigen Seiten kennengelernt hatte. Sex in solchen Foren, war kein Problem für ihn. Dort hatte er die Sache im wahrsten Sinn des Wortes in der Hand – bei der Onanie, die, wie sich später herausstellte, exorbitant war und ihn aufzufressen drohte. Wenn hingegen etwas mit ihm passiert, wenn ihm etwas gefällt, wenn ihm etwas gut tun könnte und er es geniesst, wenn gar noch gepackt werden könnte davon, dann bekommt er Angst. So wie in und nach der ersten Stunde. Und diese Angst wird dann zur Zerstörung, zu einer durchaus lustvollen Zerstörung. Er lächelt, wenn er davon erzählt, er lächelt, wenn er davon erzählt, dass andere seinetwegen in Verzweiflung und Wut geraten, wenn sie hilflos werden. Er geniesst diese Stärke, die darin besteht, dass er mit seiner Angst über den anderen und über sich selbst dominiert und triumphiert. Genau so – genussvoll beinahe schon – kann er erzählen, dass er sich wünscht zu sterben, dass er auch sicher sei, dass es nicht mehr lange gehen würde. Die Andeutung suizidaler Absicht dient ebenso wie die beschwichtigenden Worte an den Therapeuten, dass er das nicht machen würde, dazu, diesen ganz und gar hilflos zu machen.

Die Angst wird zur Lust an der Zerstörung. Die Angst zu sterben, die Angst ausgeliefert zu sein, wird zur Lust an der Vorstellung zu sterben. Zu einer Lust, die vor allem darin besteht, auf diese Weise Macht über den anderen und über die eigene Schwäche und Bedürftigkeit zu erlangen. Er kommt – so könnte man sagen – da über sich hinaus, indem er den anderen lähmt und ihn ohnmächtig macht, aber gleichzeitig steht alles still, so wie in dem Film von Fassbinder. Es gibt noch keine Bewegung.
So unbestimmt wie die Symptomatik, so wenig fassbar ist das Verhältnis von Angst und Lust. Es dient vor allem dazu, einen Modus aufrecht zu erhalten, in dem er nicht alleine ist – alle, nicht nur die Klinik, die Therapeuten, auch manche andere kümmern sich um ihn –, ohne dass er sein Alleinsein und die Ablehnung des anderen und seines Begehrens nach ihm aufgeben müsste. Die Angst – so könnte man es auch sagen – hat eine Struktur gebildet, die ihm in und mit und durch seine Einschränkungen auch Lust ermöglicht.

Inzwischen hat sich das etwas geändert. Es bewegt sich etwas. Er geht raus, arbeitet mehr, liegt weniger in der Agonie.

Eine Patientin meldete sich schon mit dem Hinweis auf Ängste an, die sie seit einiger Zeit plagten, bzw. stärker würden. Ansonsten aber ginge es ihr bestens, sie sei sehr erfolgreich im Beruf und mit ihrem Leben zufrieden. Und so sagt sie über sich, dass sie die Dinge im Griff hätte, genau das, was der andere Patient natürlich weit von sich weisen würde, obwohl er davon nicht sehr weit entfernt war und ist. Sie füllte die ersten Stunden so mit Erzählungen, mit Geschichten, die alle dramatisch waren, die alle sofortigen Eingang in den Katalog von Traumatisierungen hätten, der auch in der Psychoanalyse – so hat man den Eindruck – ständig erweitert und aktualisiert wird: Missbrauch durch den Vater, Depression der Mutter mit gleichzeitiger Bösartigkeit und narzisstischer Unbezogenheit, Rivalität mit den Geschwistern bis aufs Blut, die sich dann in Erbstreitigkeiten fortsetzte, mit denen auch die Gerichte beschäftigt waren – also da fehlte nicht viel im Arsenal dessen, was man kennt und zu kennen glaubt. Neid und Missgunst allenthalben, obwohl sie sich ja für alle eingesetzt und ihnen auch geholfen hat. Denn, sie schien alles sehr früh durchschaut und mit diesem Wissen sich in den Dienst der anderen gestellt zu haben.
Irgendein Ereignis, das aber im Strom aller anderen dramatischen Vorfälle ganz unterging und mir deshalb auch nicht mehr in Erinnerung ist, brachte sie dann dazu, den Kontakt zu ihrer Familie, zu ihrer Restfamilie – der Vater war gestorben und das Erbe, um das gestritten und gefochten wurde, war das seine – ganz und gar abzubrechen. Was ihr vollkommen richtig und auch – selbstverständlich zur eigenen Schonung, „man muss ja irgendwann einmal Grenzen setzen“ – als einzige Lösung erschien.
Die Ängste, die sie freilich nie näher beschrieb – ausser dass sie den Hinweis gab, dass es sich nicht um phobische handle –, waren für sie ganz unzweideutig in diesem Kontext zu orten als Angst davor, dass irgendwann doch ein Zurückschlagen erfolgen würde: the empire strikes back. Nun wissen wir ja, dass der psychische Apparat – auch wenn er als Apparat nicht nur eine Struktur hat, sondern auch Strukturen bildet – selten so klare und eindeutige Einsichten und Zusammenhänge bietet, dass er selten so linear funktioniert. Von daher schien diesen Sichtweisen gegenüber Vorsicht und Zurückhaltung geboten, zumal sie vor allem auch dazu dienten, sich die therapeutische, die analytische Situation und ihren Analytiker auf Distanz zu halten. Es ist nicht von ungefähr, dass sie von einer anderen Stadt her anreiste und es nicht so einfach war, immer wieder Termine für die Stunden zu finden.

Im ganzen Wust der Erzählungen war hier und da der Hinweis auf eine Beziehung eingestreut, nach der ich sie dann einmal fragte. Sie wurde sofort sehr ausweichend, da sei alles in Ordnung und es ginge bestens, sie sei nur aus äusseren Gründen manchmal auch etwas schwierig. Bei meinem Nachfragen wurde sie etwas unwillig und noch ausweichender und stellte sogar ganz unmittelbar die Frage, ob sie diese Therapie überhaupt wirklich brauche und weiter führen wolle. Auch hier also die deutliche Warnung: noli me tangere – wie beim Patienten zuvor.
Dann kam eine – scheinbar einleuchtende – Erklärung für diese Verschlossenheit. Die Beziehung sei delikat, weil es sich um jemanden handle, der in der Öffentlichkeit bekannt sei, der zudem Familie, Frau mit Kindern, hätte. Aber es sei alles bestens, sie sähen sich viel und sie seien sich sehr nahe, viel näher als er es mit seiner Frau sei. Beide würden sie viel arbeiten, auch immer wieder und gar nicht so selten Wochenenden zusammen verbringen in ihrem Haus in den Bergen, manchmal sei für sie der Abschied auch etwas schwierig, aber – wie gesagt – sonst alles bestens und eigentlich gibt es da nichts, was wirklich Schwierigkeiten machen würde. Auch die Situation hätte sie im Griff. Wohinter ich leise, aber unüberhörbare Fragezeichen setzte.

In der nächsten Stunde erzählte sie dann, dass sie nach dem Weggehen plötzlich hätte weinen müssen, unten auf der Strasse. Und sie hätte gemerkt, dass ihr alles doch näher gehen würde als sie es gedacht hat. Und als sie das sagte, standen ihr die Tränen wieder in den Augen. Sie wischte sie und das Thema aber gleich wieder weg. Dann, nach dem Hinweis darauf, begann sie doch zu erzählen. Und es stellte sich heraus, was gar nicht so überraschend kam, dass es in der Tat natürlich schwierig ist mit ihm. Dass er sich nicht von seiner Frau und seiner Familie trennen würde, aber nichtsdestotrotz sich sehr liebevoll um sie kümmert, sie in vielem – auch und nicht zuletzt in Bezug auf ihre Familie – unterstützt und ihr zur Seite steht. So wie sie das eigentlich noch nie erlebt hat. Sie aber wurde in der letzten Zeit immer distanzierter ihm gegenüber. Wenn er gekocht hatte und sie zusammen am Essen waren, nahm sie ständig ihr Handy vor, töckelte auf ihm herum, auch dann, wenn es dazu gar kein Anlass gab. Sie wies ihn ständig zurück, auch sexuell.

Natürlich war die rationale Begründung die, dass es ihr doch mehr ausmachen würde, dass er nicht ganz für sie da sei. Aber das schien mir nicht wirklich ausschlaggebend. Viel wahrscheinlicher – und durch die Übertragung auch bestätigt – war doch, dass sie panische Angst davor hatte, diese Nähe, diese Fürsorge, diese Unterstützung, die sie mit ihm und durch ihn erlebte, zu geniessen und als das zu schätzen, was es war: nämlich genau das, was sie sich immer gewünscht hatte. Es war nicht von ungefähr so, dass ihr Leben in ihrer eigenen Wahrnehmung ganz im Zeichen von Selbständigkeit und Unabhängigkeit stand, dass sie es war, die den anderen half, so wie auch gerade jetzt wieder einer Freundin, deren Mann überraschend gestorben war.

Die Ängste, deretwegen sie gekommen war, über die sie aber bislang noch nie gesprochen hatte, dürften also – das war nun klar, auch wenn sie immer noch nicht darüber sprach – genau in diesem Kontext stehen, als Ängste nicht so sehr vor äusserer Bedrohung, wozu natürlich der Missbrauch durch den Vater gut herhalten konnte und auch dieses Zurückschlagen von Mutter und Geschwister gehörte – worauf man sich endlos hätte beziehen können –, sondern vor dieser Abhängigkeit, vor dieser Bedürftigkeit, mit der sie gerade mit diesem Freund je länger je mehr in Berührung kam.

Angst kann also Seele auf-essen, aber nur deswegen, weil sie Ausdruck, weil sie Kehrseite eines unbewussten Wunsches ist, der in der Tat die Seele ausmacht und auch nicht aufhört, sie zu bedrängen. Angst essen also Seele (nicht) auf. Weil sie eben nicht einfach Angst ist, dieses andere der Angst aber gleichzeitig ständig einklammert und einschliesst. Die Angst ist das Eingangstor in die Analyse, bei ihr war sie auch das Eingangstor in ihre Selbständigkeit und in ihren Erfolg.

Wenn Freud von der Signalangst sprach, dann meinte er, dass die Angst Zeichen einer Gefahr ist, wobei diese Gefahr nicht einfach eine äussere, sondern eine innere, eine Triebgefahr ist. Damit ist ja bereits schon gesagt, wie sehr die Angst mit dem Trieb und mit der Lust verknüpft ist. Und insofern ist sie sicher auch mehr als ein Zeichen. Sie ist in sich auch immer schon die Anwesenheit dieser Gefahr, dieser Lust oder des Triebs in seiner ambivalenten und differenten Form.

Bruce Nauman hat – wie die Patienten – gezeigt, wie Angst und Lust verbunden sind. So eng wie es in der Rede von Lustangst und Angstlust ja dargestellt wird. Schon die Verknüpfung dieser beiden Worte und Zustände zeigt ja, dass es unterschiedliche Gewichte geben kann, dass es sich um Gewichtungen handelt, in denen das eine mit dem anderen verbunden ist. Lust kann wie die Angst die Seele auffressen. Lust ist auch zersetzend, hat eine andere Ordnung, so wie Mario Sala die Explosion der Nacht auf die schiefe Ebene auskotzt und auslegt. Sie steht sozusagen schräg in der Landschaft, sie ist und hat eine andere Ordnung, die wiederum sehr anziehend ist und uns packt – die Lust, Sie macht auch Angst, die dann lähmen kann. So wie im Film. Angst ist gleichzeitig nicht nur lähmend, sie treibt auch zur Flucht und in die Bewegung. In eine Bewegung, die wiederum Lust ist und werden kann – wie auch im Film.
Beide Phänomene sind nicht nur sehr miteinander verschränkt, beide Phänomene sind auch sehr körperlich. Sie packen einen, können alles in Beschlag nehmen, lassen einen nicht zuletzt körperlich nicht mehr los. Darin dem Schmerz nicht unähnlich, der ja Intensität und Unmittelbarkeit ist. So wie die Angst, so wie die Lust.

Und weiter steigern sich Angst und Lust noch gegenseitig. Ihre Intensitäten vermindern sich nicht gegenseitig, ziehen sich nicht voneinander ab, sie addieren sich, tun sich zusammen, steigern sich so sehr, dass man vielleicht auch nicht mehr davon wegkommen kann. Der Patient von seiner Onanie zum Beispiel und vom Genuss die anderen in der Hand zu haben, in seinem ständigen Untergang nicht allein zu sein. Man kann also von der Lust, die Angst ist, auch süchtig werden. So wie die Philobaten, die Extremsportler, wie sie heute heissen. Sie kennen diesen Run to the Fear, dieses kontraphobische Verhalten, das Balint als Philobatie beschrieben hat. Es ist vielleicht das, was mein alter Freund auch meinte. Ganz unabhängig davon, ob er damit Recht hat oder nicht.
Angst und Lust sind Konstellationen, Phänomene und Affekte, die sehr unmittelbar, sehr direkt, die sehr körperlich sind. Die dieses Körperliche auch suchen, was bei Gott kein Grund dafür ist, sie als pathologisch einzustufen.

Angst essen Seele also nicht auf. Seele ist Angst. Und Angst auch das, was die Seele, was uns antreibt, uns aus uns heraus treiben kann. Wohin wir ja auch wollen und ja auch gehören.


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