Das Trauma und seine traumhaften Bilder.
Zur Bedeutung der Bilder in Wissenschaft und Kunst.

Vortrag am Psychoanalytischen Seminar Luzern im Oktober 2010

22. Oktober 2010





Nach Freud hat der psychische Apparat keinen direkten Zugang zur Realität – was deren Erforschung möglicherweise eher befördert. Mit dem Begriff des Traumas scheint man nun einen Durchbruch zur Realität, zu den hard facts gefunden zu haben. Die Objektivität der bildgebenden Verfahren verspricht diesem auch in der Psychoanalyse florierenden Diskurs die lang ersehnte naturwissenschaftliche Dignität. Das verändert die analytische Praxis: Die Bedeutung der Realität als traumatisierend-pathogene bestimmt immer mehr die therapeutische Beziehung und verdrängt deren Bedeutung als Feld der Übertragung und ihrer Deutung. Allerdings – und das ist interessant – zeigt gerade die Praxis wissenschaftlicher Bilder, dass sie nichts anderes ist als ein Prozess ständiger Übertragungen und Übersetzungen. Was dann die Realität wieder ganz anders und Freud nicht so alt aussehen lässt.



Liebe Kolleginnen und Kollegen, zunächst einmal ganz herzlichen Dank für die neuerliche Einladung zu einem Vortrag bei Ihnen. Es ist natürlich eine besondere Ehre, wieder eingeladen zu werden, der man natürlich gerecht zu werden versucht, indem man sich wirklich etwas Neues einfallen lässt. Das habe ich mir natürlich auch vorgenommen. Nun hat sich aber ergeben, dass mir bei der Vorbereitung zu diesem Text gleichwohl der Schluss des letzten Abends hier in den Sinn kam. Diejenigen, die damals anwesend waren, wissen es vielleicht noch, den anderen will ich es kurz erzählen. Ich hatte in meinem Referat davon gesprochen, dass die Psychoanalyse in ihrem mainstream ein ziemlich heikles Verhältnis zum Körper hat. Sie sieht ihn in eher engen Grenzen als etwas Unantastbares, nicht zu Verletzendes und möglichst nicht zu Veränderndes des Menschen an. Demgegenüber werden die Wünsche nach Veränderung seiner selbst – die wir ja alle kennen, von denen nicht zuletzt auch die Symptome, aber bei Gott nicht nur die sprechen – dem Psychischen aufgebürdet. Körperliche Veränderungen, die ja in immer grösserem Rahmen vorgenommen werden – ich erinnere an den Sport, Body-Building, Tatoos, Piercings, an Schönheitsoperationen bis hin zur Transsexualität – werden in der Regel als Ausdruck und Folge mangelnder psychischer Verarbeitung nicht zuletzt libidinöser, sexueller Konflikte verstanden. Damit wäre diese Psychoanalyse – so mein Diktum – in Gefahr, das Psychische nicht nur zu überfordern und zu überfrachten, sondern es zudem auch zu sexualisieren, weil ihm alle libidinösen Wünsche nach Veränderung aufgebürdet würden. Der offensichtliche Überschuss an Körper, der in all diesen Erscheinungen zu beobachten ist, soll möglichst entkörpert werden. Ich habe demgegenüber dafür plädiert und das mit Fallbeispielen auch illustriert, den Körper nicht mit Natur und Biologie zu verwechseln und ihn nicht als gesetztes, gegebenes, tunlichst unveränderliches und auch unverletzliches zu sehen.

Trotz des durchaus provokanten Untertons – das gebe ich gerne zu – sind mir Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen darin sehr weit gefolgt. Als ich dann im Eifer des Gefechts schliesslich doch noch dazu überging, Bilder von genetischen Manipulationen zu zeigen, wie sie in Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern in Labors – unter anderem auch in Basel – hergestellt werden, war dann der Bogen aber überspannt. Bunny, der grün fluoreszierende Hase, den Eduardo Kac gentechnisch hergestellt hat, nimmt natürlich die Bedeutung der Farbe und ihres Strahlens auf, die in der Kunst immer schon ganz zentral war. Den Wunsch, die Welt und das Leben zum Strahlen zu bringen, sie auch glänzen zu lassen, so wie man sich ja auch im Auge der Mutter gespiegelt wünscht, das hat Eduardo Kac mit seinem Bunny umgesetzt. Dass es sich dabei um einen Hasen handelt, war vielleicht nicht ganz von ungefähr, war doch eines der wichtigen Bilder der Renaissance-Kunst Dürers Hase, der etwas ganz Diesseitiges, Weltliches darstellte, zudem ein Symbol der Fruchtbarkeit, der Schnelligkeit und des Zick-Zack-Laufs. Und wenn Kac sein nächstes Werk dann mit Eight Days betitelte, war auch schon klar, dass es darum geht, die Genesis um einen Tag zu erweitern und damit den Menschen als Künstler und als Forscher, als Schöpfer, auszurufen.

Auf die Bilder, um die es dabei geht, auf das Labor als Ort ihrer Entstehung werden wir zurückkommen.

Die Fragen nach dem Verhältnis von Natur und Kultur, von Realität und Phantasie, die Situation des Überschreitens und Verletzens von Grenzen, beschäftigen die Psychoanalyse von allem Anfang an. Sie machen – so muss man sagen – eigentlich den Ort ihrer Entstehung aus.

Freud war ja in seinen Behandlungen der Hysterikerinnen regelmässig auf Berichte von sexueller Verführung gestossen, was ihn – zusammen mit Breuer – veranlasste eine sexuelle Ätiologie der Hysterie durch reale Verführung zu postulieren. Den Zeitpunkt dieser Verführungen legten die beiden Autoren im Laufe ihrer Untersuchungen in immer noch frühere Lebensphasen. Das Gebäude für das Verständnis der Hysterie schien in seinen Grundzügen erstellt, als er plötzlich am 21. September 1997 in einem Brief an Fliess schrieb: „Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr.“ (Masson, S.283) Das bedeutete für ihn, so schreibt er schon im nächsten Absatz: „Es erscheint wieder diskutierbar, das erst spätere Erlebnisse den Anstoss zu Phantasien geben, die auf die Kindheit zurückgreifen...“ und es sinkt, so schreibt er weiter, „die Erwartung, dass es in der Kur umgekehrt gehen müsste, bis zur völligen Bändigung des Unbewussten durch das Bewusste.“ (ebda., S.284) Was sich ihm so klar als Realität dargestellt hatte, erwies sich nun als konflikthaft ausgestaltete Wunschphantasie. Die Psychoanalyse wird damit zu einer Theorie menschlicher Phantasie, die als Theorie des Subjekts zu lesen ist, das immer an einem anderen Ort sich befindet als es zu sein glaubt.

Ohne diese Wende, über die Freud sagte, „dass er sie als Ergebnis ehrlicher und kräftiger intellektueller Arbeit anerkennen und stolz darauf sein müsse“ (ebda.), hätte sich die Psychoanalyse wohl zu einer Sozialpsychologie entwickelt, wozu sie heute nicht wenig in Gefahr ist zu werden. Hier haben wir den ersten deutlichen Schritt einer Abwendung vom Realen einer äusseren Realität hin zur Bedeutung von – innerer und äusserer – Realität. Dieser Schritt war eigentlich nicht überraschend, hatte Freud doch schon in seinem Entwurf einer Psychologie von 1895 darauf hingewiesen, dass es kein Realitätszeichen im Unbewussten gibt. Die Wiederbesetzung der Erinnerungsspur des Befriedigungserlebnisses – wir würden sagen des verlorenen Objekts – unterscheidet eben nicht, ob es sich um eine innere oder um eine äussere Wahrnehmung dieses Objekts handelt . Äussere Realität wäre dann ein Abfallprodukt dessen, was nicht innere ist.

An dieser Wende in der Theoriebildung Freuds, die er später immer weiter ausbaute, entzündete sich in den 70-iger und 80-iger Jahren eine massive und frontale Kritik an der Psychoanalyse. Damals wurde zunächst von feministischer Seite die Frage der Gewalt, besonders der sexuellen Gewalt an Frauen, immer dringlicher thematisiert, womit das Trauma sexuellen Missbrauchs wieder – wie schon ganz am Anfang der Untersuchungen von Freud und Breuer – ins Blickfeld des Interesses in Theorie und Praxis rückte. In der Psychoanalyse kulminierte diese Entwicklung 1984 mit der Veröffentlichung von Jeffrey Massons Buch The Assault on Truth: Freud's Suppression of the Seduction Theory, auf deutsch Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. In diesem Buch attackiert Masson Freud, aus persönlichen Gründen die Verführungstheorie aufgegeben zu haben. Er hätte Angst gehabt vor den Reaktionen der gesellschaftlichen Macht und habe ausserdem Erfahrungen und Erlebnisse aus seiner Kindheit damit zu verdrängen versucht. Diese Bewegung hat Wellen geschlagen bis in die Schweiz, wo sie durch Alice Miller vehement vertreten wurde.

Auch wenn die Wogen inzwischen geglättet und diese Einwände Geschichte geworden und seither vergessen sind, so haben sie gleichwohl ihren mächtigen und inzwischen schon fast übermächtigen Ausläufer in der Traumatheorie. Und mit ihr lebt die alte Debatte wieder auf, weil sie den Schalter wieder umdreht und nun von der anderen Seite das eine gegen das andere auszuspielen versucht.

Hierzu Matthias Hirsch, ein prononcierter Vertreter der Traumatheorie: „Die Psychoanalyse begann als Theorie der Hysterie als Folge innerfamiliärer Traumatisierung; nach dem Aufgeben der ‚Verführungstheorie’ liess die Dominanz der Triebtheorie das Trauma jedoch nurmehr akzidentiell erscheinen (Cremerius, 1983). Die Ich-Psychologie nahm ihm dann jede Beziehungsqualität und reduzierte die Traumatechnik auf ein rein psychoökonomisch konzipiertes Durchbrechen eines Reizschutzes. Erst heute kann man von einer fast allgemeinen Entwicklung der Psychoanalyse von einer Triebpsychologie zu einer Beziehungspsychologie sprechen. Fast als psychoanalyse-geschichtlicher Witz wirkt es dann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass schliesslich auch Kernberg (1999) in seinem legendären Vortrag auf den Lindauer Psychotherapiewochen 1997, genau hundert Jahre nach Freuds Widerruf der Verführungstheorie, konzediert, dass an der Wurzel der Genese der Borderline-Persönlichkeitsstörung zumindest in einem Grossteil der Fälle reale Traumatisierung insbesondere sexueller Missbrauch steht.“ (Hirsch, in Karger (Hg.), 2009, S.11/12) .

Mit der Abschaffung der Triebtheorie und der Betonung des Einbruchs äusserer Realität im Trauma kommt es natürlich auch zu einer Abwertung der Bedeutung des inneren Konflikts. Das spitzt sich auf die Frage zu, ob psychisches Leiden durch ein Trauma oder durch den inneren Konflikt – wie es die Psychoanalyse bis anhin sah – verursacht würde. Rosmarie Barwinsky-Fäh hat in ihrem Aufsatz Trauma, Symbolisierungsschwäche und Externalisierung im realen Feld dazu eine klare Position bezogen. Dort heisst es zur Möglichkeit und zur Frage, ob neurotische Konflikte – die allerdings schon nicht mehr als Triebkonflikte, sondern als entgegengesetzte Motivbündel gesehen werden – auch traumatisierend sein könnten: „Aufgrund der Differenzierung zwischen traumatischer Situation und traumatischem Prozess kann dem entgegengehalten werden, dass die traumatische Situation kein Konflikt ist, sondern lediglich in deren Folge Konflikte entstehen können bzw. verschärft werden können. Phänomenologisch betrachtet ist die traumatische Situation durch überwältigende Affekte gekennzeichnet, bedingt durch den kurzfristigen Zusammenbruch der Ich-Funktionen. D.h. es sind nicht die Konflikte, die traumatisch sind, sondern schwer erträgliche Konflikte sind Folgen des der traumatischen Situation folgenden affektiv verschärften Verarbeitungsprozesses.“ (S.26/27)

Das Trauma als pathogener, zerstörender Einbruch äusserer Realität ins Psychische wird somit zum neuen Paradigma für die Psychoanalyse. Matthias Hirsch hat diese Situation so formuliert: „Im Fall traumatischer Erfahrung jedoch erfolgt keine Assimilation, sondern es persistiert ein traumatisches Introjekt, das wie ein feindliches, archaisches Über-Ich sein Unwesen treibt, Symptome und pathologisches Verhalten verursacht...“ (S.12) Mit der Betonung der Verletzung und der Zerstörung verbindet sich natürlich notgedrungen die Forderung nach Unversehrtheit. Was wiederum Folgen für die Methode und für die Technik der Behandlung hat. Die Behandlung, die sich immer noch psychoanalytisch nennt, versteht sich nicht mehr als Deutungsverfahren, sondern als Beziehungstherapie, die dem Umfang des Traumas und seiner Folgen nachgehen und sie auflösen soll.

So heisst es wiederum bei Hirsch: „Dabei ist es interessant festzustellen, dass die Psychoanalytiker, die die Beziehungserfahrungen im guten und im schlechten Sinne bei der Genese psychischer Störungen berücksichtigen, auch die therapeutische Beziehung intersubjektiv und interaktionell verstehen. Das heisst die Übertragung wird nicht mehr nur als Sache des (Triebs des) Patienten und die Gegenübertragung als Reaktion des Analytikers auf ihn verstanden...“ (Hirsch, in Karger (Hg.), 2009, S.11/12) Und dass dies durchaus programmatisch zu verstehen ist, wird aus folgendem Votum deutlich: „Erst heute kann man von einer fast allgemeinen Entwicklung der Psychoanalyse von einer Triebpsychologie zu einer Beziehungspsychologie sprechen.“ (S.11) Und weiter: „Wenn es auch die Psychoanalyse nicht gibt, so ist sie doch inzwischen intersubjektiv, interaktiv und interpersonell“ (S.22). Das ist „die neue Psychoanalyse“, wie es dann kurz darauf heisst!

Empathie, Holding und Containing werden zu den entscheidenden Parametern, mit deren Hilfe eine Retraumatisierung vermieden werden soll. Was natürlich unbedingt der Fall sein muss. Deutungen stehen demgegenüber im Verdacht, gewalttätig und verletzend zu sein. So heisst es zur Psychoanalyse als Deutungsverfahren: „Im extremen Fall kann eine solche Psychoanalyse retraumatisierend wirken, zur projektiv-identifiikatorischen Aufschaukelung und Verdinglichung, schliesslich zur psychotischen Reaktion führen. Da ist jemand, der (implizit) versprochen hat, von dem Übel zu befreien, das er dann gleichwohl selbst herstellt.“ (S.18)

Diesen Fragen möchte ich – so interessant sie auch sind – weiter nicht nachgehen. Entscheidend für unseren Zusammenhang ist, dass mit dieser Traumatheorie wieder ein direkter Zugang zur Realität, über den Einbruch von aussen, eine Unmittelbarkeit gefunden zu sein scheint, die wir manchmal so schmerzlich vermissen. Auch diese Sichtweise bringt Barwinsky-Fäh ganz unbeirrt von allen Zweifeln auf den Punkt: „Wenn ein bedeutungsschwerer Aspekt der Realität nicht zur Kenntnis genommen wird, können sich keine verinnerlichten Vorgänge zur Bearbeitung dieses Aspekts anschliessen, so dass die Voraussetzungen eines inneren Konflikts nicht gegeben sind.“ (S.28) und weiter heisst es: „Der Konflikt besitzt weiterhin Realitätscharakter, er wird als äusserer Konflikt zwischen Selbst und Umwelt wahrgenommen und konkretisiert.“ (S.28)

Wenn die psychoanalytische Erfahrung bislang ergeben hat, dass viele Konflikte, die als äusserliche wahrgenommen und erlebt werden, durchaus innerliche sein können und sind, wenn es zu ihren wesentlichen Erkenntnissen gehört, dass das Innen und das Aussen nicht so einfach zu trennen sind, dass die räumliche und auch die zeitliche Dimension nicht immer so eindeutig gegliedert ist, so hat man nun wieder klare Verhältnisse: Der Einbruch der Realität ist die Ursache des psychischen Leids, er teilt die Zeit in einen Zustand von vorher und nachher, von prinzipieller psychischer Gesundheit vorher und Krankheitssymptomen nachher, in ein Innen und ein Aussen, in einen Täter – der immer der andere ist – und ein Opfer, in Schuld und Unschuld und macht es der Therapie zur Aufgabe den Zustand quo ante wiederherzustellen, diese restitutio ad integrum.

Wie klar die Dinge da werden, sieht man auf einem Bild – und mit Bildern haben wir es heute ja zu tun. Auf dem Cover des Buches Traumazentrierte Psychotherapie.







Wenn man nun davon ausgeht, dass nicht nur Titel, sondern auch Covers nicht nur zufällige Erscheinungen sind, sondern auch etwas mit dem zu tun haben, worüber da gehandelt wird, dann ist das Cover – so würde ich sagen – doch ziemlich eindrücklich und selbsterklärend. Also ein geradezu bestes Beispiel dafür, was Bilder zeigen können.

Es sticht schon von seinem Layout durch klare Aufteilungen hervor. Wir haben oben einen Titelteil, der klar abgegrenzt ist, natürlich auch mittig gesetzt, und in leuchtender Farbe, orange, dargestellt ist. Diese Farbe dominiert den Gesamteindruck und auch den unteren Teil, der dann in Weiss gehalten ist, so wie es bei Bildern aus der Kunst meist der Fall ist, insofern das Papier oder die Leinwand weiss oder weiss grundiert sind. Der Titel hat also eine deutliche Dominanz und bestimmt die Erscheinung. Ist zudem abgegrenzt vom unteren Teil durch einen roten Querbalken, da kann also nicht viel passieren, da ist alles schön geordnet und abgegrenzt.

Auch der untere Teil, den man als Bildteil bezeichnen könnte, ist sehr schematisch, zumal die Teile, die zu sehen sind, aufgesetzt oder aufgeklebt wirken. Sie sind nicht wirklich verbunden mit dem Untergrund. Das Layout des Covers ist demnach geprägt durch Schematisierungen und strikte Auf- und Einteilungen.

Das setzt sich dann im Bildteil noch viel markanter fort. Dort haben wir auf der linken Seite einen kahlen Baum, dunkelbraun bis schwarz in der Farbe, was andeutet, dass es sich um einen toten, um einen abgestorbenen Baum handeln dürfte. Der rechte untere Ast, kahl und schwarz, reicht in ein – wiederum aufgesetztes – quadratisches Bildchen, das eine Frühlingslandschaft zeigt, wie wir sie jetzt gerade auch haben. Es grünt und blüht ringsum, die Auen sind im Saft und alles zeigt sich in besten Farben und frischem Leben. Besonders an der Konstruktion ist nun, dass der Ast des abgestorbenen, kahlen Baums in das Bild des blühenden Lebens hineinreicht und sich dort sozusagen verwandelt. Aus dem abgestorbenen, toten Ast wird nun ein mit Blüten und Blättern im Saft stehender Ast. Die Wandlung ist jedoch keine allmähliche, sondern eine schlagartige – man beachte den Ausdruck der doch ziemlich an die Situation des Traumas erinnert – klar getrennte und klar trennende: tot-lebendig, gut-böse! Super!

Die Botschaft ist klar, wahrscheinlich auch für traumatisch Geschädigte verständlich, die ja, wie wir gehört haben, Wirklichkeitsanteile schnell mal ausblenden: Wir haben ein vorher/nachher. Und das vorher/nachher ist die Illustration dessen, was schon oben dominant angekündigt ist, nämlich die Wirkung der traumazentrierten Psychotherapie. Das ist einfach super, wie aus totem Leben blühendes Leben gemacht wird. Zudem haben wir natürlich die Umkehrung des Traumas und der traumatischen Situation, die sozusagen von rechts nach links zu lesen ist: vorher ein blühendes Leben, das durch den Einbruch, der hier in den Schnitten signifiziert wird, plötzlich abstirbt und dem Tod anheim gestellt ist.

Dem möchte ich ein anderes Bild gegenüberstellen. Es ist eine Arbeit von Bruce Nauman mit dem Titel:


Als erstes sehen wir ein kubisches Objekt aus grauem Beton. Auf den zweiten Blick fällt ein Kabel auf. Es führt aus dem Betonblock – oder in diesen – und verbindet ihn mit einer Steckdose. Der Titel des Werks hilft uns weiter:


Wir haben nämlich ein Tonbandgerät vor uns, das permanent einen menschlichen Schrei abspielt. Das Gerät ist in den Beton gegossen, nichts dringt nach aussen. Wir sind irritiert und erschrocken über diesen endlosen Schrei – und vor allem darüber, dass uns die Wahrnehmung dazu entzogen ist.


Hier existiert ein Schreien ohne Körper, das niemals endet und das wir nicht hören können. Der anwesende Körper des Betonblocks und der abwesende Körper des Schreienden überlagern sich.


Sichtbar ist das Kabel. Es führt zu etwas, das nicht sichtbar, aber auch nicht hörbar ist. Es verbindet den Betonblock nicht nur mit der Steckdose, es verbindet ihn auch mit uns – und lässt uns das Schreien in uns hören. Es macht aus dem Nicht-Hörbaren etwas Hörbares. Dieses Hörbare, das Schreien, ist nun nicht mehr nur im Betonblock, es ist auch in uns.


Nauman verbindet das Sichtbare mit dem Nicht-Hörbaren und lässt uns etwas hören, dass uns sonst nicht zugänglich ist.


Hier haben wir also die Situation, von der wir oben gesprochen haben, das im Innen etwas verborgen und vergraben, gleichzeitig auch aufgehoben ist, das immer noch und immer weiter wirkt. Das entspricht der Situation der hypnoiden Zustände, von denen Freud und Breuer in den Studien zur Hysterie gesprochen haben, es entspricht dem Unbewussten als Verdrängtem oder dem, was bei Lacan mit der Spaltung des Subjekts gemeint ist.

Womit wir bei den Bildern sind. Die spielen ja eine entscheidende Rolle beim Trauma. Zum einen beim Trauma selbst in den unendlichen Wiederholungen der traumatischen Situation oder Teilen von ihr in den Träumen, Erinnerungen und Symptomen der Geschädigten, worauf Freud schon in seiner Bemerkung zu den Träumen der Unfallneurotiker in Jenseits des Lustprinzips hingewiesen hat. Zum andern aber auch bei den Bildern, die über die bildgebenden Verfahren eine entscheidende Rolle im interdisziplinären Austausch zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften spielen. Mit diesem Austausch soll ja die naturwissenschaftliche und objektive Fundierung der Psychoanalyse geleistet werden. Marianne Leuzinger-Bohleber, die auch an entscheidender Stelle entsprechender Komitees der internationalen Psychoanalyse sitzt, schreibt dazu: „Zwar hätte sich der interdisziplinäre Dialog auch an anderen psychischen Phänomenen – beispielsweise der Depression – entzünden können, doch besteht aus Perspektive der bildgebenden Verfahren der Vorteil des Fokus ‚Trauma’ darin, dass Traumatisierungen stärkere neurobiologische Effekte zeigen als eine Depression und deshalb mit den bildgebenden Verfahren besser zu erforschen sind.“ (Leuzinger-Bohleber, 2009, S.5) Im Glauben an die NATURwissenschaftliche Fundierung der Psychoanalyse durch die Neurowissenschaften, deren Erfolg sehr wesentlich auf den bildgebenden Verfahren beruht, wiederholt sich der Glaube daran, eine unmittelbare Realität erfassen zu können. Hier dann noch frei eine Parallele zur Situation beim Trauma herstellen: über den Glauben an eine Unmittelbarkeit, die dann alles regelt und klar macht.

Dies drückt sich aus im Statement eines Psychoanalytikers wohlgemerkt, nicht eines Neurowissenschaftlers, dann so aus: „Die Folgen von Traumatisierung lassen sich primär als neurologische Phänomene verstehen“ (Jochen Peichl, S.119). Man scheint also ein organisches Substrat der psychischen Phänomene gefunden zu haben, das sich zudem mit Hilfe der bildgebenden Verfahren darstellen lässt. Die alte Suche nach dem Seelenorgan, die sich in der Untersuchung des Schädels fortsetzte, die Nietzsche genüsslich die Schädelleere nannte, ist nun in der Hirnforschung zu ihrem Ziel gekommen.

Was hat es nun mit den Bildern und ihrer Bedeutung in der Medizin und in den Neurowissenschaften auf sich? Warum können Bilder eine solche Autorität und visuelle Wirkungsmacht entfalten? Und wie ist die Autorität der Bilder mit ihrem Status als materielle und wissenschaftliche Objekte verknüpft? Denn ihre Wirkungsmacht ist dem mit ihnen verknüpften Objektivitätsanspruch geschuldet.

Dieser und anderen Fragen geht Regula Valerie Burri in ihrem Buch Doing Images. Zur Praxis medizinischer Bilder sehr eindrücklich und wirklich lesenswert nach. Was Bilder in der medizinischen Praxis bewirken und wie sie den ärztlichen Blick verändern, prägen und ausrichten können, zeigt sich in der illustrativen Geschichte der Fieberkurve: Im 19. Jahrhundert kam es zu einer Bildtechnik der Fieberkurve. Temperaturmessungen wurden schon im 18. Jahrhundert vorgenommen, aber erst viel später wurden sie mit einer Visualisierung verbunden. Diese Visualisierung führte dann dazu, dass der Arzt sich vor allem der Fieberkurve zuwendete und weniger den Erzählungen der Patienten über ihren Zustand, was zur Folge hatte, dass die Bedeutung der Erzählung durch die Aufzeichnungen der Fieberkurve verdrängt wurden.

Mit der Visualisierung des ärztlichen Blicks hat in der Medizin ein Bilderglaube Einkehr gefunden, der bei digital hergestellten Bildern zwangsläufig noch ausgeprägter ist. Denn diese scheinen die Ansprüche auf Objektivität und Exaktheit ideal zu bedienen. So konstatiert beispielsweise der ETH-Chemiker und Nobelpreisträger Richard Ernst, dass „diese Tendenz zur bildhaften Darstellung und die Bilder (zu) glauben“ stark zunehmend“ ist. Es wird also geglaubt, was man sieht.

Die Bilder erscheinen so als Abbilder des menschlichen Körpers und damit als unverfälschte Dokumente der Realität. Allerdings verbirgt diese scheinbare Natürlichkeit und Transparenz – wie man sie auch von den Ausstellungen zu den Körperwelten her kennt – einen schillernden und „verzerrenden Mechanismus der Repräsentation und einen Prozess der Mystifikation“, mit dem diese Bilder hergestellt und produziert werden. Die Technik zur Herstellung der Bilder ist so stark und so ausgefeilt, dass sie zu verschwinden droht. Man sieht sie nicht mehr, man sieht den Bildern die Technik ihrer Herstellung nicht mehr an, so dass sie in der Tat wie Abbilder wirken. Obwohl sie nämlich – das ist interessant –ausschliesslich auf Messungen beruhen .

Das Bild wird also – so sagt der Physiker Roman Klingenberg – konstruiert (S.170). Was eine Ambivalenz gegenüber den Bildern schafft: Einerseits weiss man um deren Konstruiertheit, andererseits behandelt man sie so als ob sie Abbilder wären.

Bei der Konstruktion der medizinischen Bilder spielen natürlich – wie in der Photographie und in der Malerei ebenso – die Apparate, das Material und die Technik eine grosse Rolle. Aber diese sind längst nicht der einzige Faktor der soziotechnischen Herstellung der Bilder. Es bedarf auch der Räume, des Personals und seiner Ausbildung, der finanziellen Mittel, der gesellschaftlichen Akzeptanz und noch vieles anderem mehr bis es überhaupt zu Bildern, sogar nur schon zur Entwicklung von Apparaten kommen kann. Aber die Konstruktion des Gegenstands geht noch viel weiter, weil nicht nur die Bilder konstruiert werden, sondern die Körper zugerichtet, die sie untersuchen.

Das wird sehr schön beschrieben von Regula Burri und fängt mit der räumlichen Anordnung an. Zwei Räume gibt es da, der eine, in dem der Apparat steht, das MRI, in dem dann der Patient sich befindet, der andere Raum angrenzend. Der Patient ist in doppelter Weise sichtbar, einmal durch das Fenster, das die beiden Räume verbindet, zum andern auf dem Monitor des Computer-Tomographs. Beide Körper sind still gestellt: die MTRA auf dem Stuhl vor dem Monitor, der Patient im Gerät, das zudem seine ein- und ausgrenzenden Eigenschaften hat. Es is sehr eng und schmal, so dass nicht jedermann hineinpasst, körperlich nicht und auch psychisch nicht. Man muss schon zugeschnitten sein für die Untersuchung und wird auch zugerichtet. Diese Zurichtung bleibt nicht äusserlich, geht auch in den Körper, zum Beispiel durch die Injektion des Kontrastmittels. So wird deutlich, „wie die soziotechnische Rationalität vorübergehend instrumentelle Körper generiert, indem diese in einer bestimmten Art und Weise >zugerichtet< oder diszipliniert werden mit dem Ziel, sie einer Bildaufnahme zugänglich zu machen.“ (S.181) Ganz nebenbei bemerkt, könnte man hier – wenn man in den Kategorien der Traumatheorie denkt – durchaus von traumatisierenden, zurichtenden, durchaus gewaltsamen Situationen sprechen, die zur Anwendung kommen, um die Situation des Traumas besser verstehen zu können.

Das setzt sich fort bei der Produktion des eigentlichen Bildes. Zum einen in der Farbgebung des Bildes, die alles andere als vorgegeben ist – wie man das ja aus der Photographie schon weiss –, sondern ästhetischen und kulturellen Normen und Urteilen entspricht. Die Bilder sollen schön sein, heisst es immer wieder. Noch deutlicher wird dieses Zu- und Herrichten bei den Standards, die benötigt werden, damit man auf dem Bild, das da gemacht wird, überhaupt etwas sehen und etwas damit anfangen kann. „Der Algorhythmus eines Bilders wurde unter Idealbedingungen konstruiert, also wenn es keine Bewegung gibt. Sonst würde es ein Artefakt geben und man würde einfach sagen, oh toll, ich sehe etwas, ich sehe Farben.“ (S.203) Das sind Standards, die für die Apparate gelten, aber nicht weniger entscheidend sind natürlich solche, wie sie durch die Setzung der Norm gegeben sind. Entscheidend bei den Bildern und ihrer Zu- und Aufbereitung ist immer schon die Frage, was eigentlich normal ist. Ohne diese Standardisierung kann nicht beurteilt werden, ob eine Erscheinung auf dem Bild ein Fehler oder ein Bildartefakt ist. Dies ist freilich nur ein Beispiel solcher Standardisierungen, von denen es noch viel mehr gibt.

Die Visualität und damit die Objekte, die sie ins Auge fasst, werden also ständig konstruiert und aktualisiert. Sie sind alles andere als einfach gegeben.

Die Abhängigkeit der Bilder von den Bedeutungen, in die sie vielfältigst eingebettet sind, wird schliesslich ganz deutlich bei der Interpretation der Bilder. Natürlich ist es eine Kunst, solche Aufnahmen und Filme zu beurteilen, bei der eine hohe Fachkompetenz gefragt ist – das kann man sich leicht vorstellen, wenn man schon mal solche Bilder gesehen hat. Und dazu gibt es eine spannende Anekdote. Es ist wohl so, dass eine der Kapazitäten auf diesem Gebiet in den USA, die auch bei der statistischen Überprüfung die meisten Treffer vorweisen kann, dass diese Kapazität ein blinder Professor ist. Das ist kaum zu glauben und ziemlich verrückt. Natürlich lässt er sich die Bilder beschreiben und erzählen. Von den Kolleginnen und Kollegen, aber auch von Patienten. Womit klar wird, dass sein Urteil nicht auf der Anschauung des Bildes beruht, sondern auf Erzählungen, die auf Grund einer solchen Anschauung entstanden sind. Übersetzungen und Interpretationen spielen demnach auch hier eine ganz entscheidende Rolle.

Das Erstaunen geht dann noch weiter, wenn man erfährt, dass der Grossteil der Fachpersonen, die solche Bilder beurteilen – Ärzte natürlich, aber auch andere Fachpersonen – es vorziehen, sich die Bilder ausdrucken oder ausgeben zu lassen. Sie halten sie dann in den Händen und dieses haptische Sehen ist für sie ganz wichtig in Bezug auf ihre Beurteilung. Und dies bleibt so, obwohl die Techniker ihnen sagen, dass sie auf den hochauflösenden Monitoren, die heute zur Verfügung stehen, viel mehr Informationen sehen können als auf den Bildern, die sie dann ausgedruckt in der Hand halten können. Aber es scheint so, als ob sie am begreifen als Synonym für das Begreifen festhalten wollten.

Es gibt also ein haptisches, sogar auch – wie wir gehört haben – ein blindes Sehen, das uns natürlich nicht nur an den blinden Seher Thereisias aus der Ödipus-Sage erinnert, sondern auch daran, dass es nicht allein das Sehen ist, das uns etwas zeigt und dass es beim Sehen auch nicht allein ums Sehen geht, dieses vielmehr in symbolische Prozesse und Strukturen eingelassen ist.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es – nicht nur im Alltag, sondern auch in der Wissenschaft – einen ganz ausgeprägten Glauben an die Bilder gibt. Ein Wissenschaftler formuliert das so: „Das ist vielleicht im wissenschaftlichen Bereich sogar eine Regel, dass wenn ich ein paper lese, in dem eine konfuse Messung oder eine komplizierte Messung mit einer anderen komplizierten Messung verglichen wird, dann ist das einfach anders als wenn ich dazu ein Bild habe, das mir zeigt: So ist es.“ (S.234)

Demgegenüber zeigt die Untersuchung eines: „Medizinische Bilder zeichnen sich wie andere wissenschaftliche oder künstlerische Bilder durch eine prinzipielle Deutungsoffenheit aus.“ (S.216) Sowohl der blinde Professor wie das haptische Sehen wie auch alle anderen Verfahren der Produktion von Visualität unterlaufen den Glauben an eine reine Objektivität und an einen unmittelbaren Zugang zur Natur und zur Biologie. Vielmehr weisen alle Befunde die Methodik der bildgebenden Verfahren als ein grossangelegtes Interpretationsunternehmen aus, bei dem es um ständige Übersetzungen und nicht um das Finden einer eindeutigen und unmittelbaren Wahrheit geht.

Auch Bruno Latour, der Wissenschaftstheoretiker, hat sich mit der Bedeutung der Bilder, der wissenschaftlichen Bilder beschäftigt und dabei ein Verständnis entwickelt, das weder auf die Seite einer Objektivitätsillusion noch auf die Seite einer Subjektivitätsreduktion kippt.

Der >Pedologen-Faden

Interessanterweise geht es bei dieser Expedition um die Frage, ob der Urwald sich in die Savanne fortsetzt oder die Savanne sich in den Urwald ausdehnt. Die Pedologen gehen ziemlich eindeutig von der zweiten Variante aus, der Ausdehnung der Savanne in den Urwald aus. Die Botaniker haben eine andere These. Nun gibt es einen schmalen Zwischenstreifen zwischen den beiden Bereichen, der zur Klärung der Frage untersucht wird. Wie ist da der Boden? So sandig wie in der Savanne oder so lehmig wie im Urwald und wie kommt es zu seiner Veränderung?

Die Fragestellung zielt natürlich genau auf das Verhältnis von Grenzen und Beziehungen. Der Fokus von Latour ist aber zunächst ein anderer. Auf einem zweiten Photo stehen die Forscher um einen Tisch, auf dem Karten ausgebreitet sind. Man ist nicht mehr in der Steppe, sondern am Tisch vor den Karten und zeigt auf etwas, als ob man „Da!“ sagen wollte. An diese Geste schliesst Latour die Frage an: „Sprechen die Wissenschaftler von der Welt?“ (S.196) Und er beantwortet sie kurz darauf folgendermassen: „Die Wissenschaftler sprechen nicht von der Welt. Sie konstruieren künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen und die sie dennoch näher bringen.“ (S.197) Das ist also die Bewegung, um die es geht. Dass die Welt dann in einem Referenznetz entstehen dürfte, bei dem es um ständige Verweisungen und Repräsentationen geht, von denen die eine die andere ersetzt. Mit den Repräsentationen sind konkret auf diesem Photo die Karten gemeint, die über Vermessungen das Gebiet zeigen, das man erforschen will, in dem man sich auf dem ersten Photo befand.




Das zeigt sich auf den nächsten Photos in Form von Markierungen, die im Urwald gemacht werden, wozu es heisst: „Ich wähnte mich im Urwald, doch aufgrund dieser Markierungen befinden wir uns bereits in einem Laboratorium.“ (S.199) Dann zeigt es sich auch in Sammlungen zum Beispiel von Pflanzenarten, die in Regalen aufbewahrt werden, was Ordnung schafft. Diese Sammlung ist dann ein Zwischenstück dazwischen im Urwald zu sein und dem, dass wir ganz weit weg von ihm sein und ihn trotzdem noch haben können. „Indem man den Urwald verliert, gewinnt man das Wissen über ihn.“ (S.205) Das Sein wird abgeschwächt zugunsten des Wissens. Und dieser Prozess vollzieht sich in vielen einzelnen Schritten, die Latour für diese Expedition nachverfolgt. Bei jedem dieser Schritte kommt es zu einer Transformation und zu einer Inskription. Zu einer Transformation von Materie in Form und zu einer Einschreibung des vorigen Zustands in den folgenden Zustand. Die Transformationen sind Hybride, wir würden sagen Symptome. Und zwischen diesen Schritten, zwischen diesen Transformationen bleibt immer ein Abstand, ein Bruch. Eine Diskontinuität zwischen der Materie und der Form, zwischen dem Inhalt und der Form.

In all diesen Schritten und Übersetzungen, die immer durch Brüche und Diskontinuitäten gekennzeichnet sind, gibt es aber auch eine Kontinuität. All die einzelnen Schritte, all die Photos, die er vorführt, handeln immer vom gleichen. Von dieser Zone zwischen dem Urwald und der Savanne und ihrer Umwandlung. „Aber diese Referenz scheint umso gewisser zu werden, je weniger sie auf Ähnlichkeit und je mehr sie auf einer geregelten Abfolge von Transformationen, Transmutationen und Übersetzungen beruht. (...) Es scheint, als wäre die Referenz nicht das, worauf man mit dem Finger zeigt, nicht ein externer Garant für die Wahrheit einer Aussage, sondern vielmehr das, was durch eine Serie von Transformationen hindurch konstant bleibt. Die Erkenntnis spräche nicht von einer wirklichen Aussenwelt, der sie sich mimetisch anverwandelte, sondern von einer wirklichen Innenwelt, deren Kohärenz und Kontinuität sie sich versicherte. Ein atemberaubendes Akrobatenstück, das bei jedem Schritt alles zu opfern scheint, nur um die gleiche Form in der raschen Folge der Transformationen intakt zu erhalten. Ein eigenartiges, widersprüchliches Verhalten, eines Waldes würdig, der sich seinen eigenen Boden schafft.“ (S.226) Hier kurz die Erwähnung der Regenwürmer.

Latour – das ist das Entscheidende – legt Wert darauf, dass dieses Interpretationsunternehmen, mit dem wir es bei den Photos, Skizzen, Graphen und Tabellen hier, aber auch bei den Bildern der bildgebenden Verfahren in Medizin und Neurowissenschaften zu tun haben, die Hoffnung auf einen unmittelbaren Zugang zur Objektivität und zur Realität desillusioniert, gleichwohl aber nicht auf eine reine Subjektivität reduziert werden kann und darf. Indem sich die Wissenschaft von der Aussenwelt ab- und sich ihren Repräsentationen, den Bildern, zuwendet und diese immer weiter transformiert in neue Formen übersetzt, bleibt sie nicht subjektiv, sondern gewinnt einen besseren und hoffnungsvollen Zugang zur Realität und zur Welt.

Dies korrespondiert nicht schlecht zu Freud, der seine schon sehr frühe, am Anfang bereits zitierte Aussage aus dem Entwurf, dass es kein Realitätszeichen im Unbewussten gibt, in Jenseits des Lustprinzips noch weiter ausgebaut hat. Dort beschreibt er „den lebenden Organismus in seiner grösstmöglichen Vereinfachung“ (S.236) als ein undifferenziertes Bläschen, dessen eine Besonderheit in einem Reizschutz besteht, den es benötigt, um sich inmitten der mit stärksten Energien geladenen Aussenwelt erhalten zu können. Dieser Reizschutz, so Freud, ist eigentlich wichtiger als die Reizaufnahme. Der Reizschutz wird dadurch erreicht, „dass seine (des Bläschens, OK) äusserste Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur aufgibt, gewissermassen anorganisch wird und nun als eine besondere Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt.“ (S.237) Der lebende Organismus, dieses zunächst undifferenzierte Bläschen, schottet sich also durch seine gewissermassen anorganisch gewordene Oberfläche von der Aussenwelt ab.

Die andere Besonderheit des undifferenzierten Bläschens besteht darin, dass es aus zwei Systemen besteht. Dem einen System W/Bw, das mit ungebundener, frei beweglicher Energie arbeitet, aber keine Spuren hinterlässt, sowie dem System Vbw/Unbw, dem Erinnerungssystem, in dem die Energien gebunden werden, indem die Quantitäten, die aus dem System W/Bw aufgenommen werden, in immer neue Bahnungen übergeführt werden, die sich in verschiedenen übereinander gelagerten Schichten ablegen. Diese Bahnungen sind nichts anderes als Transformationen – um in der Latourschen Diktion zu bleiben – in denen Quantität (Materie) in Qualität (Form) umgewandelt werden.

Die endlosen Bildproduktionen in den Träumen, in den Dissoziationen, in den Symptomen und Erinnerungen der Unfallneurotiker sind demnach Transformations- und Übersetzungsversuche, in denen Energie gebunden werden soll, von der sie überwältigt werden. Darin sind sie aber den anderen Träumen, die ja als Wunscherfüllung zu verstehen sind, doch nicht so unähnlich. Denn auch in diesen Wunscherfüllungsträumen geht es immer wieder darum, eine und andere und neue Formen für etwas zu finden, was das Subjekt unaufhörlich beschäftigt und doch nie zu fassen ist. Und es ist sicher nicht von ungefähr, dass man genau dann träumt, wenn der Zugang zur Realität vom Schlaf versperrt ist.

So dass man pointiert auch sagen könnte, dass das Trauma und seine Bildproduktion – und zwar nicht nur die des Betroffenen, sondern auch die der Forschung und der Wissenschaft – schon immer etwas von einem Traum hat. Womit das Trauma auch etwas Traumhaftes bekommt. Was wiederum seine Verortung in der Wirklichkeit nicht mehr so eindeutig lässt, sondern es in das Spiel von Phantasie und Realität mit hinein zieht.

Ich nehme das zum Anlass, zusammen zu fassen, wo ich Sie hineinziehen wollte. Es gibt einen Glauben an die Realität als einer, die ist, die zu erreichen ist, zu der man einen Zugriff haben muss. Demnach sei es wichtig, sich dieser in ihrem Status als gegebene und wahre Realität anzunähern. Das ist ein Glaube, der sich mit der Traumatheorie verbindet, in der Abschaffung der Triebtheorie und in den Eindeutigkeiten – wie vorher-nachher, innen-aussen, gesund-krank, Täter-Opfer –, die alles zweiteilen, niederschlägt.

Diese Realität ist es, die scheinbar im Trauma einbricht. Und es ist sie und ihr Einbruch, die man dann in der Therapie freilegen muss, um von ihrem Opfer die Folgen – das heisst die Symptomatik – abziehen zu können. Diese Realität als eine gegebene soll zudem über die Technik der bildgebenden Verfahren objektiv eingeholt werden. Sie muss – so lautet das Credo – möglichst ganz erfasst werden, damit man nicht im Dunkeln tappt.

Demgegenüber steht der Verzicht auf eine solche direkte Referenz, auf die Möglichkeit diese Wirklichkeit direkt erfassen zu können. Und dafür der Versuch, immer wieder neue Formen zu finden, etwas von ihr darzustellen, sie dadurch auch immer wieder in neue Formen zu bringen. Dies wurde dargestellt einerseits mit Latour - ,Indem man den Urwald verliert, gewinnt man das Wissen über ihn“ – und andererseits bei Freud – „der Reizschutz ist wichtiger als die Reizaufnahme“ und deshalb wird die äussere Schicht des Organismusbläschen auch anorganisch gemacht. Und genau diese Situation wird vorgeführt mit den Doing images, die eben vor allem eines zeigen, dass es entgegen dem weitherum herrschenden, manchmal auch ambivalenten Glauben keinen direkten Zugang zu dieser Realität gibt.

Eine junge Künstlerin hat das neulich so beschrieben: Ihre Bilder sind Momente und Etappen eines immer weiter gehenden Produktions- und Konstruktionsprozesses. Sie fängt zum Beispiel an mit einem gemalten Bild, klebt darauf Ausschnitte aus anderen Bildern oder aus Photographien, so dass es zur Collage wird, photographiert das Ganze vielleicht wieder, wobei sie dieses Photo dann wieder übermalen oder räumlich in Szene setzen kann, woraus dann durch Hinzufügungen und Weglassungen wieder ein anderes und neues Bild entsteht und so weiter und so fort. Dies ist für sie auch Ausdruck dessen, dass die Welt nicht einfach ist, nicht immer gleich bleibt, sondern sich immer weiter verändert, dass immer wieder neue Räume geschaffen und andere sicher auch geschlossen und zerstört werden. Dieser Aspekt eines freien und offenen und sich immer weiter entwickelnden Raumes kommt auch in den grossen freien Flächen auf ihren Bildern zum Ausdruckt, in der Leere und den Leerstellen, die Offenheit und Öffnung hin zu einem anderen und nächsten sind.

Der Verzicht auf einen direkten Zugang zur Realität bringt demnach eine Abschwächung des Seins mit sich, dafür aber einen Gewinn an Wissen, aber vielleicht auch an Erfahrung und an Leben, insofern dieses - wie die Künstlerin es so schön sagt - immer wieder neu und offen und anders werden kann.

Und insofern könnte man auch sagen, dass meine heutigen Gedanken ein Versuch sind, etwas von diesem Schluss des letzten Males wieder aufzugreifen und weiter zu spinnen und mit anderen Worten zu sagen versuchen, dass mit dem grün fluoreszierenden Fell nicht nur ein unschuldiger Hase Opfer einer missbräuchlichen Genmanipulation wird, sondern vielleicht auch das zum Leuchten gebracht wird, worum es in der Kunst, in der Wissenschaft und auch in der Psychoanalyse geht, nämlich um die Fähigkeit und um die Kraft, in und mit allen Einbrüchen immer wieder neue Formen und neue Räume zu öffnen.


Die Genmanipulation beim grün fluoreszierenden Bunny ist deshalb vielleicht etwas, das man nicht gerne hat und auch nicht möchte, oder etwas, zu dem man meint, dass man es nicht tun sollte, aber es ist im Grunde genommen nichts anderes als eine Form solcher Uminterpretation von Realität, von Natur. Und insofern in der Tat das, was Kunst immer schon tut.

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