Laudatio an den kunstkasten

Rede zur Verleihung des Kulturpreises im Oktober 2010

21. Oktober 2010



Sehr verehrte Damen und Herren, hochgeschätztes kunstkasten-Team von jetzt, von damals und irgendwo von nochmals früher,

der kunstkasten, der kunstkasten ist outstanding. Und das war er schon von Anfang an. Im einfachen Sinn des Wortes stand er nämlich mal vor der Stadt – eine Künstlerin hat recherchiert und darauf hingewiesen, dass das Sulzer-Areal, wo er jetzt seinen Standpunkt gefunden hat, früher einmal als die Verbotene Stadt gegolten hat. Heute – Sie müssen sich nur umschauen, alle, fast alle sind da – heute steht er mitten in der Stadt und hat sie im Sack. Ron Temperli hat dem anlässlich der heutigen Ehrung Ausdruck verliehen, indem er die Stadt für ihn eingepackt und in den kunstkasten gestellt hat.

Der kunstkasten hat, so muss man sagen, die Stadt in Bewegung gebracht, sie um sich geschart und das ist – im anderen Sinn des Wortes – nochmals und erst recht outstanding. Ganz offensichtlich dreht er die Dinge um und stellt sie auf den Kopf.

Sigmund Freud hat genau dazu – als ob er es damals schon gewusst hätte – einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel Das Motiv der Kästchenwahl. Es geht um „die Wahl der Freier zwischen drei Kästchen im Kaufmann von Venedig. Die schöne und kluge Porzia ist durch den Willen ihres Vaters gebunden, nur den von ihren Bewerbern zum Mann zu nehmen, der von drei ihm vorgelegten Kästchen das richtige wählt. Die drei Kästchen sind von Gold, von Silber und von Blei; das richtige ist jenes, welches ihr Bildnis einschliesst.“ (S.183) Es ist ja klar – wir haben es ja mit Freud und mit der Psychoanalyse zu tun – was mit den Kästchen, mit den Schatzkästchen eigentlich gemeint ist, und es ist ebenso klar, dass die Wahl auf das dritte, auf das bleierne Käschen fallen musste. Weil – und daran lässt Freud keinen Zweifel – weil es eben genau um diese Umkehrungen geht: Die Letzten werden die Ersten und die Schönsten sein und aus dem Blei wird Gold werden. Und die Damen und der kunstkasten – das ist das, was Freud uns natürlich eigentlich sagen wollte – die Damen und der kunstkasten stellen nicht nur alles auf den Kopf, sie verdrehen uns den Kopf.

Und ehrlich gesagt, so charmant, so bezaubernd, so spritzig, so umwerfend, so ingeniös, so frisch und jung und immer auf der Höhe wie uns der kunstkasten in all den Jahren in den Bann geschlagen hat, können es nur wenige Damen!!!!

Umwerfend ist er natürlich, indem er nicht nur die Bäume ringsherum flach legt, wie er das schon getan hat, er hat sich auch schon Flügel angezogen und weil sein Blick auf weit gestellt ist, wird er zwischendurch auch mal zum Leuchtturm. Damit auch wirklich alle wissen, wo es lang geht und wo er steht. So sehr man im Vorbei-Gehen oder im Vorbei-Fahren auf ihn schaut, so sehr man sich um ihn schart, weil er immer wieder Neues und Besonderes zeigt, so wenig lässt er uns einfach draussen. Man steht nicht nur draussen und drückt sich die Nase an den Scheiben platt. Er lädt uns auch ein, lässt bisweilen Musik ertönen, die uns in ihn hineinzieht, oder öffnet seine Tür und bietet uns gegen Wind und Wetter eine Parkbank an. Dass manche derer, die sonst sehr „in“ zu sein glauben, lieber draussen bleiben, muss den kunstkasten nicht kümmern. Sie haben vielleicht ja Recht, denn es sind ein wenig Frische und Bewegung nötig, um hier raus zu kommen.

Er zeigt Kunst, wie man sie in Winterthur nur selten sieht, und er zeigt sie für jedermann und er zeigt sie gratis, wenn auch nicht billig. Und wenn einer seiner Künstler extra aus Deutschland kam, um ihn zu bespielen, und ihn dort oben an den Kranen gebunden hat und meinte, man müsse ihn eigentlich in jede Stadt der Welt stellen, dann wollte er damit zusammen mit Freud und mit der Jury – und ich schliesse mich dem als grosser Fan natürlich bescheiden an – eigentlich nur eines sagen: Er ist outstanding, der kunstkasten, und hat einen Preis verdient!

Aber was wäre er – das muss natürlich auch gesagt werden – ohne das Team oder die Teams die ihn betreut haben und betreuen. Ziemlich allein und verloren wäre er und die verbotene Stadt wieder ganz leer. Sie haben ihn auf- und immer weitergebaut, gepflegt und gehegt – auch immer wieder geputzt, weil sich auch andere immer wieder auf ihm ausdrücken wollen, so gefragt ist er –, sie haben ihn immer wieder neu präsentiert und ins beste Licht gerückt. Und dass diese Teams in den letzten Jahren immer und früher weitestgehend aus Frauen bestanden – allen voran Franziska Matter, die den kunstkasten ins Leben gerufen hat und bis zum letzten Jahr mit dabei war –, dass also die Teams vorwiegend aus Frauen bestanden und bestehen, ist – wir haben Freud ja gehört – auch kein Wunder. Oder eben ein Wunder, das es immer aufs Neue zu bestaunen gibt!

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und verneige mich vor dem kunstkasten und seinen Grazien und bedanke mich bei ihnen für das, was es hier immer wieder an Grossartigem zu sehen und zu erleben gibt.

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