Yeliz Palak

Rede zur Vernissage des kunstkasten im Februar 2009

20. Februar 2009



Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde des kunstkasten,

Sie sind heute Abend nicht nur Gast, sondern Zeuge einer besonderen Ausstellung. Einer Ausstellung, die diesem Namen – Aus-stellung – in besonderer Weise Rechnung trägt. Der kunstkasten ist nämlich – wie Sie alle sehen und erproben können – offen. Dies nicht nur heute Abend an der Vernissage – wie wir es schon das eine oder andere Mal hatten –, er wird vielmehr während der ganzen Dauer der Ausstellung offen bleiben, Tag und Nacht, 24 hours open, wie die Amerikaner sagen.

Yeliz Palak kehrt die Verhältnisse um, mit einfachsten Mitteln. Normalerweise ist der kunstkasten verschlossen, wir stehen draussen und schauen hinein. Nun ist er offen, wir können hinein, uns auf die Bank setzen, uns niederlassen und hinaus schauen. Er bietet nun so etwas wie ein Heim.

Ein Heim für wen, in diesem neuen Stadtteil, der alles bietet: Wohnungen, Arbeit, Einkaufsmöglichkeiten und Vergnügen? Ein Heim für wen in diesem grossen Areal, das sich so offen gibt? Hier haben wir einen weiten, schönen Platz – den Katharina-Sulzer-Platz –, der zwar ausladend, aber nicht sehr einladend ist. Ganz selten nur – selbst im Sommer nicht – sieht man jemand sich dort niederlassen, die wenigen Stühle sind sogar in Ketten, wie Hunde, vor denen man Angst haben muss, es gibt keinen Tisch, an den man sich setzen, keine Nische, in die man sich zurückziehen, keinen Schatten, in dem man verweilen könnte; und wenn man etwas unternehmen will, benötigt man eine Bewilligung. Ein Platz – immerhin international ausgezeichnet –, der nicht berührt, der nicht verändert werden darf.

Es ist, als ob er – ganz unfreiwillig allerdings – daran erinnern würde, dass dieses Sulzer-Areal früher die „verbotene Stadt“ geheissen hat.

Yeliz Palak kehrt also – wie Sie sehen – nicht nur die Perspektive auf den kunstkasten um. Sie zeigt auch – fast wie eine Rückenfigur – die Kehrseite des Areals. Die einladende Öffnung des kunstkasten lässt uns erkennen, wie ausladend und prohibitiv sein Gegenüber, dieser Platz, zum Beispiel ist. Die Zugänglichkeit des kunstkasten stellt damit auch die Frage, wie offen die einstmals verbotene Stadt wirklich ist? Wo gibt es Raum für jene, die nicht in den gesellschaftlich so gefragten und genehmen Kategorien von Arbeit, Shopping, Vergnügen, Wohlstand Platz finden? Wo sind die Widersprüche, die Gegenentwürfe, die Kehrseiten, die da ausgeklammert bleiben sollen?

Die Kunst ist immer schon der Ort, an dem das Nicht-Sichtbare sichtbar gemacht werden kann und soll! Deshalb – so könnte man sagen – hat Yeliz Palak als kleinen Geniestreich den kunstkasten aufgemacht: um die Perspektive umzukehren und die Kehrseiten und Widersprüche einzuladen.

Wir können gespannt sein und danken ihr!!

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