Scheitern oder Nicht-Scheitern – ist das die Frage?

Vortrag an Tagung "Wenn wir nicht mehr weiter wissen" in Basel am 19. Januar 2008

19. Januar 2008


Der Eingang zu meiner Praxis, sehr geehrte Damen und Herren, liegt an der Scheitergasse. Peinlich, peinlich, denke ich da manchmal: hoffentlich meint man nicht, das nomen sei auch omen. Da hilft auch der rettende Gedanke nicht viel weiter, dass es sich ja um Holzscheite handeln könnte, weil diese Scheite ja auch wieder auf den Bruch, den Schiffbruch, verweisen. Wie also hält man es mit dem Scheitern?

Das Scheitern ruft nach der Schuld und nach dem Schuldigen. Unüberhörbar – ob laut oder leise – und anhaltend.

Natürlich wissen wir – und hören es oft genug –, dass es auch eine Chance ist. Wir wissen, dass es uns signalisieren kann, dass etwas nicht geht, dass man es sein lassen muss. Wir erfahren weiter, dass es für Überraschungen sorgen und neue Ausblicke eröffnen kann, indem es den Rahmen unserer Vorstellungen sprengt und uns aus dem üblichen Lauf der Dinge wirft. In dieser Eigenschaft hat es sogar Einzug ins militärstrategische Denken gefunden, wo sich – wie Samuel Weber in seinem Buch Gelegenheitsziele zeigt – mit und nach dem Irak-Krieg eine Wende vollzogen hat. In der Erkenntnis nämlich, dass sich die Aufmerksamkeit und die Konzentration militärischen Vorgehens nicht mehr hauptsächlich auf Strategien grossangelegter Planung ausrichten kann, sondern nun auf Gelegenheiten zielt, die unberechenbar und kurzfristig solche Planungen durchkreuzen und über den Haufen schmeissen. Militärische Taktik operiert zunehmend mit dem Scheitern der Pläne, um es als Chance zu nutzen, besondere und entscheidende Ziele treffen und sich dadurch entscheidende Vorteile verschaffen zu können.

Scheitern als Chance! Trotz solcher wohlwollenden und trickreichen Umdeutungen kommt man in Aufregung und ins Zittern, wenn sich ein Scheitern anzudeuten beginnt. Und als Analytiker wird man seine Bemühungen um die Situation, um den Patient verstärken. Ein von mir hochgeschätzter Supervisor wies mich am Anfang meiner analytischen Tätigkeit mehrmals darauf hin, dass die 7. Analysestunde eine ganz heikle sei: gerade in ihr käme es immer wieder zu einem Abbruch. Ich habe damals und bis heute nicht verstanden, warum das so sein sollte, aber diese Warnung hat mich lange begleitet und mich in dieser Phase der Behandlung in einen Zustand gespannter Aufmerksamkeit versetzt, um die Analyse vor dem Abbruch zu bewahren. War dann diese ominöse 7.Stunde überstanden, hatte ich das Gefühl, mich entspannen zu können und vielleicht – so frage ich mich jetzt beim Erinnern und beim Schreiben – ging es vor allem darum, mich nun einigermassen gelassen auf die Dinge, die kommen würden, einlassen zu können.

Wenn aber ein Abbruch wirklich zu drohen beginnt, gehen die Fragen und Zweifel los. Soll man sich verständnisvoller oder konfrontativer auf die Situation und den Analysand einstellen? Bleibt man ganz bei der Übertragung oder gibt man genetische, rekonstruktive Deutungen, die dann die ganze Entwicklungs-geschichte aufrollen? Insistiert man weiter auf Abstinenz oder beginnt man etwas transparenter zu werden? Man wird sich mit Kollegen besprechen und vielleicht die Supervision eines „erfahrenen“ Analytikers aufsuchen, um so den Halt wieder zu gewinnen, der ins Wanken geraten ist.

Überhaupt beschleicht einen in diesen Phasen gesteigerter Unsicherheit immer wieder der Gedanke, dass jemand anderer mit der Situation souveräner, besser und vor allem richtiger umgehen würde. Womit die Frage nach dem Verantwortlichen ins Zentrum rückt. Allerdings bleibt die nicht nur auf den Analytiker selbst bezogen, sondern geht sehr schnell auf den Patienten über. Wie steht es wirklich mit seiner Psychopathologie? Ist er konfliktfähig, ja, ist er beziehungsfähig? Wie sieht es überhaupt mit seiner Analysierbarkeit aus? Und, wie ist seine Diagnose? Lag man – insofern man eine gestellt hat – richtig mit ihr? Oder muss sie geändert werden, weil es sich doch um eine schwere und noch schwerere Störung handelt?

Die Diagnostik bekommt dabei schnell eine diskriminierende und pathologisierende Dimension, die vor allem entlastende Funktion für den Analytiker hat.

In ein solches Kreisen um die mögliche Schuld beim Scheitern gerät freilich nicht allein der Analytiker. Auch beim Patienten lassen sich ähnliche Bewegungen feststellen. Nicht selten hat er ohnehin schon beträchtliche Zweifel an seiner Analysefähigkeit, die sich dann natürlich unglücklich mit dem gleichgerichteten Verdacht des Analytikers verschränken können. Und nicht selten prägt die Angst des Analysanden vor seinem Versagen den Verlauf des analytischen Prozesses und die Angst vor dem Scheitern die Beziehung zum Analytiker.

Auch beim Patienten kommt es parallel zu diesen Unsicherheiten und Ängsten zu einer Idealisierung der Autorität. Analytiker und Analyse werden als Gegengewicht zur Angst vor dem Versagen hoch besetzt. Was sich nach vollendetem Scheitern häufig in der Wendung auf eine neue Autorität hin niederschlagen kann: Ein anderer Analytiker oder eine andere Methode soll dann zum Deus ex machina werden.

Gemeinsam ist diesen Bewegungen beim Analytiker und beim Patienten die strukturierende Funktion der Autorität: Sie soll das Scheitern verhindern und das Gelingen sicherstellen. Beide glauben, dass es jemand gibt, bei dem es nicht passiert wäre, bei dem es durch richtige Einschätzung der Situation und richtige Anwendung aller Regeln nicht zum Scheitern kommen würde. Man hält an diesem Glauben fest, obwohl man sich – gerade in diesen Situationen – auf beiden Seiten sehr bemüht hat. Der Analytiker hat in der Regel alle Möglichkeiten von Auseinandersetzung, von Intervision und Supervision ausgeschöpft und auch der Patient ist häufig bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen. Hat Zeit, Geld und – manchmal verzweifeltes – Engagement eingesetzt: Alles, um das drohende Scheitern zu verhindern.

Das Scheitern steht also ganz im Banne eines Ziels: Des Gelingen-Müssens. Auf das Erreichen dieses Ziels konzentriert sich alles und alles andere wird ausgeblendet. Genau das hat Samuel Weber als wesentliches Merkmal des Zielens, des Targeting, herausgearbeitet: Konzentriertes Focussing auf das Ziel, seine Erledigung und dann das Weitermachen. Gar nicht unähnlich wie bei der Geschichte mit der 7. Stunde: Die Aufmerksamkeit ist ganz auf diese 7. Stunde, auf ihr Gelingen und aufs Überstehen gerichtet. Mit dem Erreichen des Ziels, mit der Erledigung des Ziels, ist auch die Gefahr des Scheiterns bewältigt und erledigt. Mit dem Erledigen des Ziels ist auch das Scheitern erledigt.

Das legt den Gedanken nahe, dass es nicht einfach nur um das Gelingen, sondern mindestens ebenso um das Scheitern geht: dass nämlich das Ziel, das ins Auge gefasst ist, das Scheitern selbst ist. Das Scheitern steht also ganz im Banne eines Ziels: des Erledigens des Scheiterns selbst.

Diese selbstreferentielle Beziehung, diese Wiederkehr des Themas und Problems im Medium der Repräsentierung , diese Wiederkehr in der Repräsentierung hat Samuel Weber mit Freud sehr schön in Bezug auf die Frage des Todes und seiner Repräsentierung ausgeführt. Da es kein Bild vom eigenen Tod gibt, geht die Repräsentation über den Tod der anderen. Und übers Töten. Über den Tod der anderen vornehmlich bei Freunden und Verwandten und übers Töten vor allem im Krieg. Beide Male bekommt man – je unterschiedlich – ein Bild vom Tod, indem man zum Zuschauer des Todes der anderen wird. Und kommt in den Genuss des Überlebens. In den Genuss der Bewältigung des Todes durchs Töten.

So ist es vielleicht auch beim Scheitern: es inszeniert sich selbst, damit man es anschauen und damit bewältigen kann.

Das Ausrichten und Zielen darauf, dass die Möglichkeit des Scheiterns erledigt wird, isoliert von allen anderen Bezügen und dunkelt alles andere ab. Das verzweifelte Beharren aufs Gelingen und der Zwang zum Erfolg können zusammen mit der angstvollen Gewissheit des Scheiterns zu einer Inszenierung führen, in der das Scheitern auf eine ähnliche Art und Weise überlebt wird, wie es beim Tod der Fall ist, der durchs Töten überlebt wird.

Und damit komme ich zu drei Fallskizzen, die ich Ihnen vorstellen möchte. Es sind drei Fälle, die mir im Zusammenhang mit dem Gefühl des Scheiterns immer wieder in den Sinn kommen. Von diesen dreien wollte ich ursprünglich einen auswählen. Wobei einer von ihnen eigentlich gar nicht in Frage kam. Weshalb nicht, werden Sie gleich hören.

Bei der Beschäftigung mit dem Vortrag und mit den gerade skizzierten Gedanken ist mir aber ein Zusammenhang zwischen den drei Fällen aufgegangen, den ich bislang nicht gesehen hatte, der mir einen neuen Blick auf die einzelnen Fälle eröffnete. Um diesen Zusammenhang zu veranschaulichen, werde ich nun von allen dreien erzählen.

Ich beginne mit jenem, der für diesen Vortrag eigentlich gar nicht zur Wahl stand. Und zwar deshalb, weil es doch nicht zum Scheitern kam, die Analyse vielmehr nach langen Jahren zu einem guten Ende gekommen ist. Dennoch ist mir jene äusserst kritische Phase dieser Analyse in nahezu unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Und ganz ausgeprägt mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden. Manchmal bleibt diese Gefahr ja viel intensiver in Erinnerung, wenn sie doch nicht eintritt.

Frau A war in Analyse gekommen, weil sie sich nicht aus einer einseitigen und aussichtslosen Beziehung lösen konnte. Sie wusste, dass es für sie bei dieser Schwierigkeit um mehr ging, als um die konkrete Situation. Sie kam zum Erstgespräch und erzählte die ganze Stunde von dem, was sie beschäftigte und umtrieb. In der nächsten Sitzung sagte sie, dass sie sich nicht hätte vorstellen können, so viel erzählen zu können. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr so etwas möglich wäre. So ging es mehr oder weniger weiter. Allerdings immer wieder unterbrochen von kürzeren oder auch längeren Zeiten, von heftigen oder auch weniger heftigen Krisen, in denen sie fast nichts mehr sagen konnte und vor allem immer wieder das resignierte Gefühl äusserte, das hätte alles keinen Sinn: Die Analyse, immer nur reden, das würde gar nichts bringen. Die Spannung in ihr wurde dann immer grösser und zunehmend verzweifelter, während die Bemühungen um Verständnis nicht sehr weit gediehen. Manchmal konnte nur schon die Tatsache, dass ich einigermassen ruhig blieb, zur Entspannung beitragen, manchmal wurden andere Fragen und Probleme so dringend, dass sie wieder zu reden anfangen konnte, womit sich die Situation ebenfalls beruhigte.

Tendenziell wurden diese Einbrüche in das sonst vorhandene Vertrauen einschneidender und ausgeprägter. Bis nach ca. 3 ½ Jahren sich eine solche Phase zu einer langen und schweren Krise vertiefte. Über mehrere Monate hinweg breitete sich das Gefühl der Aussichtslosigkeit aus: es hätte keinen Sinn, wiederholte Frau A immer wieder, und ergänzte ihre Befürchtung, beziehungsweise ihre subjektive Gewissheit, dass ich mich für das, was sie zu erzählen hätte, ohnehin nicht interessieren würde.

Ich habe mich lange gefragt, ob ein Moment von Unachtsamkeit diesen immer massiver werdenden Rückzug ausgelöst hatte. Dies umso mehr, weil ich sonst meist von grosser Aufmerksamkeit für sie und ihr in verschiedener Hinsicht auch Unterstützung war. Diese Spur brachte aber so wenig wie andere Versuche zu verstehen, und so wenig wie meine Bemühungen, ihr Interesse und Beachtung zu zeigen. Es kam zu keiner Annäherung an das, worum es gehen könnte, und auch das frühere Vertrauen liess sich nicht mehr herstellen. Fast im Gegenteil schienen sie meine Bemühungen erst recht noch in ihrem Eindruck zu bestärken, dass es keinen Sinn hätte und ich sie nicht verstehen würde. Ich kam nicht weiter und so wurde auch bei mir – trotz all des Wissens um die Situation und trotz all meiner Bemühungen – das verzweifelte Gefühl immer stärker, dass ich Frau A in der Tat nicht verstehen könne. Die Situation wurde belastend und die Stunden gingen mir nach. Irgendwann – nach ziemlichem Ringen – kam ich innerlich zu dem Punkt, mich damit abzufinden, dass es nicht klappen, dass es zu einem Abbruch kommen, dass die Analyse scheitern würde. Ich erinnere mich bis heute an diesen Moment. Während der nächsten Stunden wiederholte sich das Szenario der Resignation und der Klagen, dass ich mich nicht interessieren würde, und ich unternahm noch einmal den eindringlichen Versuch, ihr nicht nur zu versichern, sondern auch zu zeigen, dass dem nicht so sei, und so ging die Stunde zu Ende. In die nächste Stunde kam sie dann, irgendwie verändert, und sagte bald einmal, sie hätte mir jetzt geglaubt. Damit war der Spuk beendet. Und die Analyse ging noch einige Jahre auf eindrückliche Art und Weise weiter – ohne dass solche Phasen im wesentlichen wieder aufgetaucht wären.

Ich bin eigentlich sicher, dass das Entscheidende für diese Wende nicht das – sicher nachdrückliche – Bekenntnis meiner Bemühungen gewesen ist. Das wurde auch schon vorher in dieser schlimmen Krise gemacht. Entscheidend war viel eher mein inneres Abfinden mit dem Scheitern der Analyse, meine innere Preisgabe eines wie auch immer gearteten Gelingens. Dies erst dürfte dazu geführt haben, dass sie antworten konnte, sie glaube mir.

Bei den anderen Fällen, in denen es wirklich zu einem Abbruch kam, fehlte – so denke ich jetzt rückblickend – diese Preisgabe des Gelingens, dieses Akzeptieren des Scheiterns. Nicht nur bei den Patienten, das ist ja naheliegend und verständlich, sondern vor allem bei mir.

Herr B kam mit einer panischen Angst zur Therapie wie er sie aus anderen Fällen schon kannte: nämlich, sich bei einem homosexuellen Kontakt angesteckt zu haben. Dies, obwohl er gleichzeitig wusste, dass er alle Vorsichtsmassnahmen ergriffen hatte und nichts passiert sein konnte. Er schilderte sich als bisexuell und war gleichzeitig beunruhigt über seine sexuelle Identität und Ausrichtung. Zumal er dabei war, eine attraktive und erfolgreiche Frau zu heiraten. Frauen und Männern gegenüber fühlte er sich gleichermassen unterlegen und er neigte dazu, das Gefühl des Versagens den einen gegenüber durch Bestätigungen bei den anderen zu kompensieren.

Vor allem aber standen als Dauerthema berufliche Probleme im Vordergrund. Er hatte es schon in jungen Jahren verstanden, Erfolg, Beachtung und Anerkennung in Kreisen zu erwerben, zu denen er sich eigentlich nicht zugehörig fühlte. So hatte er sich – seinem Empfinden nach – sozial und beruflich mehr hochgedient als hochgearbeitet. Obwohl er sich vielerlei Fähigkeiten und beachtliches Können erworben hatte. Hinsichtlich seiner Ausbildung, seiner Herkunft und seiner persönlichen Statur fühlte er sich immer wieder unterlegen und daran erinnert, dass er in seiner Kindheit die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden hatte. Sein Vater galt als Versager und dieses Schicksal drohte ihm permanent ebenfalls. Die Therapie sah er immer mehr als Motivationsmaschine und als Trainingszentrum für den Erfolg und mich als seinen Coach in Sachen Weiterkommen. Es war nicht einfach, mich diesem Anspruch zu entziehen.

Als er eine Stelle verlor, in der er seinen Schilderungen nach sehr erfolgreich wirkte, bei der ich auch immer wieder Einblick bekam in die ästhetisch sehr ansprechenden Produkte, und als sich kurz darauf dasselbe Szenario an einer anderen Stelle wiederholte, dämmerte mir, wie gross seine Gefühle von Unzulänglichkeit und Überforderung und seine Angst vor dem Versagen und Scheitern möglichweise waren. Nicht zuletzt machte es den Eindruck, dass er sich im Fahrwasser anderer zu Höhen aufschwingen konnte, die er allein kaum mehr in der Lage war zu halten.

Als ihm dann – wieder über Beziehungen – eine Stelle in einer sehr renommierten Firma angeboten wurde, kam er nicht nur in Not, sondern auch in Panik. Er glaubte, sie einerseits nicht ablehnen zu können, war andererseits sicher, ihren Ansprüchen nicht zu genügen. Nach eingehender Auseinandersetzung mit seinen Ängsten und Ansprüchen entschied er sich, die Stelle abzulehnen. Dem folgte eine grosse Erleichterung und ein gewisser Stolz über die eigene Courage. Bald aber kamen immer mehr Zweifel auf und das Gefühl des Versagens breitete sich aus. Unter dem Deckmantel von neu gewonnener Autonomie und der Notwendigkeit anderer Ausrichtung – Coaching! – begann er die Therapie auszudünnen und abzubrechen. Mit freundlicher Versicherung und Betonung, wie erfolgreich sie gewesen sei. Gegen diese Umwandlung des Scheiterns in einen Erfolg war für mich nichts zu machen.

Erst jetzt – in der Beschäftigung mit diesem Vortrag – wurde mir klar, wie recht er damit auch hatte: Gerade das Scheitern selbst wurde zum Erfolg. Nicht nur beim Entscheid, die angebotene Stelle abzulehnen, sondern paradoxerweise überhaupt: im Scheitern selbst wurde das Problem des Scheiterns geregelt und bewältigt und überstanden. Die Angst davor und der kompensatorisch ständig steigende Zwang zum Erfolg – unter dem auch die ganze Therapie stand – waren weitaus unerträglicher und haltloser, so dass das Scheitern in der Tat inszeniert und zum Erfolg wurde. Nur schon allein dadurch, dass er sich bei seinen Stellenverlusten sagen konnte, dass man seine Kompetenz und seinen Einfluss und seine Macht nicht ertragen hatte und ihn deshalb loshaben wollte.

Im dritten Fall war diese Dynamik schonungsloser. Anders als Herr B präsentierte Herr C seine Vorgeschichte als eine des Scheiterns, als eine des wiederholten Falls. Diese Abstürze waren gewaltig und tief, aber mindestens ebenso eindrücklich war die Energie, die Kraft und der Ideenreichtum des Aufstiegs. Im privaten ebenso wie im beruflichen Leben. Herr C kam auf Empfehlung eines ehemaligen Analysanden, der seinen beruflichen Erfolg mit seiner Analyse in Verbindung gebracht hat.

Als Herr C kam, war er nach einem tiefen Fall, der existenzbedrohend wurde, wieder auf dem Aufstieg. Den er absichern wollte; so sein Wunsch und sein Anliegen. Um aus dem Kreislauf herauszukommen, der ihn auch ziemlich viel Kraft kostete und an die Substanz ging.

Die Therapie begann fulminant. In einer Atmosphäre gegenseitigen Interesses und beidseitiger Sympathie kam es aus heiterem Himmel zu einem Machtspiel, in dem er – im Zusammenhang mit dem Modus der Bezahlung – die Muskeln spielen liess, dann aber ebenso grossartig wie grosszügig einrenkte. Dann begann er, sich offen und zunehmend vertrauensvoller auf die Therapie einzulassen. Das Anliegen und die Wichtigkeit der Verhaltensoptimierung in schwierigen und konflikthaften Situationen trat in den Hintergrund und er erzählte weiter von sich, auch als die grossen und faszinierenden Geschichten langsam in die Sorgen und Erlebnisse seines aktuellen Lebens übergingen. Er begann sich immer mehr für seine Träume und für die Zusammenhänge zu interessieren, die sich in und aus den Stunden ergaben. Bis es – ziemlich unvermittelt – zu einem Einbruch von Depressivität kam. Eine kurze Phase düsteren Rückzugs konnte aber – deutend – wieder aufgehoben werden, was die analytische Situation nochmals vertrauensvoller und entspannter für beide machte. Diese Stimmung wirkte sich auch in und auf eine Liebesbeziehung aus, die neu im Entstehen war. Auch dort war der Verlauf von grosser Intensität geprägt. Es ging schnell und heftig. Ein traumhafter Honey-Moon, er – und auch sie – zogen alle Register. Gleichzeitig flackerte die Angst um seine männliche Kraft auf, kam es zu Abbrüchen. Und der Abbruch war dann heftig und gleichzeitig sehnsüchtig, schmerzhaft. Er brach fast zusammen, aber überstand es. Überlebte es, muss man sagen. Er tat mir manchmal wahnsinnig leid und es tat weh, die Unausweichlichkeit des Ablaufs und der Trennung mitansehen und miterleben zu müssen. Aber es gab nicht den geringsten Platz für Fragen oder Zweifel an der Richtigkeit all dessen. Es musste sein. Und er überwand es mit gewaltigen Anstrengungen.

Eine nächste Beziehung folgte, mit ähnlichem Verlauf. Längst nicht so verliebt und involviert, war das Ende ebenfalls gnadenlos.

Zwischendurch gab es auch Krisen in der Therapie, in denen er dann ähnlich unzugänglich mich und die Therapie auseinander nahm. Es war bisweilen brutal und auch schmerzhaft, gleichzeitig spürte ich, wie sehr er selbst litt. Wie er dran war, alles über den Haufen zu schmeissen, wie es ihn immer mehr dorthin zog und er gleichzeitig masslos darunter litt. Deutungen konnten immer wieder, auch für längere Zeit, Entspannung schaffen und das vertrauensvolle Verhältnis von Zuneigung und Interesse an der gemeinsamen Sache wieder herstellen, aber die Einbrüche kamen wieder und wurden halt- und kompromissloser.

Ein paar deutliche Worte von mir zu einem sinnlosen Krieg zwischen ihm und seinem Chef – ausgesprochen, in der Hoffnung sein Um-sich-schlagen etwas zu beruhigen – vertieften dann die Kluft zu mir. So sehr, dass der Lauf unaufhaltsam war und der Einbruch zum Abbruch wurde. Es musste sein: Nicht nur gegen alle Vernunft, sondern auch gegen sein Herz. Es war fast nicht zu glauben und doch so zwangsläufig. Und schmerzhaft auf beiden Seiten.

Die Kraft spielte bei den Verläufen eine grosse und wesentliche Rolle. Im Aufstieg wie im Fall. Beide Bewegungen waren spektakulär. Aber entgegen allen Vermutungen und Beteuerungen ging es – so scheint es mir heute – nicht ums Gelingen, sondern ums Scheitern. Denn im Scheitern und im Überleben versicherte er sich seiner Kraft. So wie ganz am Anfang, als er – mit der Drohung des Abbruchs – die Muskeln spielen liess. Im Scheitern stärkte er also seine Kraft, rettete er sie und bewahrte er sie sich. Er musste immer wieder scheitern, um dieses Scheitern anschliessend überwinden und überleben zu können. So wie es Freud in Bezug auf den Tod beschreibt: dass die Möglichkeit ihn zu bewältigen im Zuschauen besteht. Im Zuschauen des Todes der anderen – der Freunde und Verwandten – bis hin zum Töten der anderen im Krieg zum Beispiel. Diese beide Formen der Repräsentation haben auch zwei unterschiedliche Stärkegrade. Im einen Fall – des Todes der Nahestehenden – passiert es einfach, der Tod und das Zuschauen, während es im anderen Fall herbeigeführt wird durchs Töten. Beide Arten des Zuschauens bieten aber die Gratifikation, den Genuss und die Gewissheit des Überlebens.

Ganz entsprechend bietet das Scheitern und Scheitern-Lassen die Gratifikation, den Genuss und die Gewissheit des Überstehens und der Sicherung der eigenen Kraft. Das Scheitern inszeniert sich dann selbst, um sich so repräsentieren und von sich selbst distanzieren zu können.

Herr C führte das schonungslos vor. Herr B war da freundlicher, beinahe schon charmanter, jedoch nicht weniger konsequent. Vielleicht entsprechen auch diese beiden Varianten unterschiedlichen Stärkegraden der Inszenierung und Repräsentierung – nicht unähnlich zur Situation von Tod und Töten.

Bei Frau A nahm zunächst alles denselben Gang wie bei Herrn B und Herrn C und schien auch am selben Ende auszulaufen. Bis es zum Akzeptieren des Scheiterns meinerseits kam. Was bei Herr B und Herr C so nicht der Fall war. Dort suchte ich – mit ihnen – immer noch den Halt im Gelingen. Im Gelingen der Analyse, im Gelingen der Therapie.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Akzeptieren des Scheiterns bei einer Frau gelang und bei den beiden Männern scheiterte . Die Notwendigkeit zu überleben und zu überstehen ist natürlich für alle und jeden gegeben. Aber nicht bei allen im gleichen Masse die Not – und eine solche war spürbar bei Herrn C –, es sich immer wieder beweisen zu müssen; und nicht der Druck, sich auf diese Art und Weise – durch Selbstinszenierung des Scheiterns – der eigenen Identität versichern zu müssen. So könnte man im einen Fall – der beiden Herren B und C – von einem „gelungenen Scheitern“ , im Fall von Frau A von einem „gescheiterten Gelingen“ sprechen.

Nach diesen Skizzen der drei Fälle möchte ich nochmals auf die Situation bei Frau A zurückkommen. Warum gehört sie eigentlich in diese Reihe, obwohl die Analyse zu einem guten Ende kam? Warum ist die Erinnerung an dieses Drohen des Scheiterns mindestens ebenso gewichtig und schlimm gewesen wie das Scheitern selbst bei Herrn B und bei Herrn C? Und warum ist sein Drohen fast mehr mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden als das Eintreten des Scheiterns selbst? Es ist ganz ähnlich wie in der Szene des Spielberg-Films Schindlers List, als im Konzentrationslager jüdische Frauen und Männer in den grossen Duschraum getrieben werden, und man das Rauschen in den Leitungen hört und bis zum äussersten gespannt ist in der Erwartung dessen, was jetzt kommen wird. Wasser – wie angekündigt? Oder Gas – wie es ja erwartet und befürchtet ist? In dieser Szene kam Wasser. Wasser. Aber der Schrecken, der Horror, der mit dieser Szene verbunden war, blieb deswegen nicht weniger gross, nicht weniger furchtbar, als wenn Gas gekommen wäre. Er blieb – in gewisser Hinsicht – länger und immer weiter bestehen.

Die Drohung der Gefahr ist beängstigender als ihr Eintritt. Sie zu ahnen, sie aber nicht zu sehen, ist gravierender und einschneidender als ihre Sichtbarmachung, als ihr Erleben. Im einen Fall hat man sie in sich, die Gefahr, im andern Fall sieht man sie, hat man sie distanziert von sich.

Zurück zum Scheitern: Bei dieser selbstreferentiellen Repräsentation – die gezielte Erledigung der panischen Angst vor dem Scheitern durch das Scheitern selbst, dieses „gelungene Scheitern“ also – handelt es sich um einen eigenen Mechanismus besonderer Art: Es ist eine Inszenierung des Scheiterns, in der das Scheitern paradoxerweise gleichzeitig verleugnet wird. Es ist eine Situation, in der das Scheitern gleichzeitig abwesend und anwesend ist. Eine Situation in der etwas zerstört und gleichzeitig aufgebaut wird; genauer noch: in der Produziertes zerstört und durch Zerstörung produziert wird. In ihr sind Scheitern und Gelingen ineinander verschränkt, wobei diese Verschränkung ein Spektrum umfasst zwischen den Polen von repetierender Sinnlosigkeit und sich wiederholender Sinnsuche und auch ein Gleiten meint vom einer Seite zur anderen.

Allerdings – und das ist mir bei der Beschäftigung damit klar geworden – ist diese Dynamik nur zugänglich, wenn die Analyse nicht aufs Gelingen fixiert ist und das Scheitern ausgeschlossen bleiben soll.

Dieses Verhältnis von Trauma und Repräsentation – die Sichtbarmachung des Nicht-Zeigbaren – spielte , um auch hier nochmals darauf zurückzukommen, auch bei der Ankündigung eine Rolle, dass die 7. Analysestunde ganz kritisch sei. Wenn man sie – diese verflixte 7.Stunde – überstanden hat, dann ist es so, als ob man das Thema des Abbruchs und des Scheiterns damit erledigt hätte.

Das Ausrichten und Zielen aufs Gelingen, die Not und der Zwang, sich das Überleben beweisen zu müssen, kann also gerade zu einer Selbstinszenierung des Scheiterns führen – wie wir gesehen haben. Diese Verhältnisse gelungenen und gelingenden Scheiterns gelten vielleicht – dies noch als Anmerkung – nicht nur für die psychoanalytische Behandlungssituation. Sie gelten vielleicht auch für die Psychoanalyse als Bewegung, in der es ja im Falle verschiedenster Abspaltungen und Abbrüche immer wieder zu einem solchen Scheitern kam, mit dem sich die psychoanalytische Bewegung ihrer selbst und ihrer Einheit und ihres Fortbestehens versicherte.

Diese Verhältnisse gelten vielleicht sogar besonders für die gegenwärtige Situation der Psychoanalyse, in der sie sich angesichts gesundheits- und gesellschaftspolitischer Legitimationszwänge in der Not sieht, ihre Effizienz und ihr Gelingen beweisen zu müssen. Als eine Therapie, die Erfolg hat. Um diesen Erfolg zu beweisen, kann sie – und umso wichtiger schien mir auch das Thema dieser Tagung – in Gefahr geraten, ihr Scheitern selbst in Szene zu setzen und sich selbst auf unmerkliche Art und Weise – eher auf die höfliche und zuvorkommende Art und Weise – abzuschaffen. Um des Überlebens Willen sich ins Wissen zu retten. Und dabei aufzugeben, was für die Psychoanalyse zentral ist: Das Nicht-mehr-weiter-wissen als Begegnung mit dem Unbewussten.




Literatur

Freud, Sigmund (1900a): Die Traumdeutung, SA, Bd. 2, Frankfurt a.M., 1969

ders. (1915b): Zeitgemässes über Krieg und Tod, SA, Bd.9, Frankfurt a.M., 1969

Knellessen, Olaf (2001): Der Traum zwischen Tod und Töten. Von der Geburt der Wahrnehmung, in: Rudolf Heinz, Wolfgang Tress (Hg.), 100 Jahre Traumdeutung. Zur Aktualität der Freudschen Traumtheorie, Wien: Passagen Verlag, 2001, 261-276

Knellessen, Olaf und Reiche, Reimut (2007): Kreuzungen. Eine Analyse von 21 grams anhand formaler Elemente, Psyche, 2007, 61, S.1211-1225
Raguse, Hartmut (2005): Die poetische Funktion der Sprache in der Psychoanalyse, Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, 2005, 20, S.187-206

Weber, Samuel (2007): Gelegenheitsziele, Zürich-Berlin, 2006


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