Psychotherapie statt Psychotraining.
Wie kann und soll Psychotherapie helfen?

Vortrag an der Tagung: "Psycho: Therapien zwischen Seriosität, Scharlatanerie und Ausbeutung" in Zürich im November 1997

21. November 1997

Psychotherapie statt Psychotraining Wie kann und soll Psychotherapie helfen? Vortrag an der Tagung Psycho: Therapien zwischen Seriosität, Scharlatanerie und Ausbeutung

Als Psychoanalytiker in eigener Praxis mit spezifischer Ausbildung und entsprechenden Nachweisen habe ich Zugehörigkeit zu jenem Bereich anerkannter Psycho-Tätigkeiten, dem nicht anzugehören, wie ich gestern hörte, wesentliches Kriterium aller esoterischer und anderer inkriminierter Techniken ist. Dabei könnte man es belassen und sich damit begnügen, all die Kriterien, die die Zugehörigkeit zu diesem erlauchten Kreis bestimmen, aufzuführen und zu erläutern. Diesen Gefallen befürchte ich, Ihnen – und uns – nicht machen zu können, ich werde vielmehr versuchen auszuführen, dass all die Garantien, an denen wir uns in der ganz offensichtlich nicht einfachen Situation zu halten versuchen, das nicht zu leisten vermögen, was sie versprechen.

Ganz dem Titel gemäss, den man mir gegeben hat, wende ich mich zunächst der Frage zu, was den Unterschied ausmachen könnte zwischen Psychotherapie und Psychotraining. Hierzu möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte vortragen, die von Laurence Bataille, einer Psychoanalytikerin, Tochter von Georges Bataille, erzählt worden ist. Es geht ihr um „einige Anhaltspunkte, die mich zumindest warnen können, wenn wir nicht soweit sind in diesem analytischen Diskurs; wenn ich nicht auf dem Wege bin, dass dieser sich anspinnt.“ Nun die Begebenheit:

„ Es handelte sich um einen Mann, der zum erstenmal gekommen war. Als ich ihn im Wartezimmer abholte, sagte ich mir sofort: Er las Zeitung und schien offensichtlich gestört durch mein Eindringen. Auf dem Weg vom Wartezimmer in mein Kabinett trödelte er und guckte hierhin und dorthin. Kaum eingetreten, holt er eine Zigarette heraus und bittet mich um Feuer. Ich sage zu mir: zu ihm sage ich: Aber er will Feuer. Wenn ich ihm keines gebe, wird er gehen. Wie wir uns nun einmal eingelassen hatten, konnte ich nichts anderes sagen als:

Diese Anekdote ist nicht gerade ein Glanzstück psychoanalytischer oder psychotherapeutischer Arbeit, aber sie zeigt etwas von den Schwierigkeiten, mit denen man es zu tun hat. Und das tun sie – die kleine Geschichte und mit ihr Laurence Bataille – durchaus glänzend. Ich möchte sie benützen, um die Psychotherapie und das Psychotraining einander gegenüberzustellen.

Das Anliegen, mit dem der Patient kommt, wird im einen Fall – dem des Trainings – als Auftrag verstanden, den man möglichst zu erfüllen hat. Man wird z.B. meinen, es ginge darum Feuer zu geben und die Zigarette anzuzünden.
Im andern Fall – dem der Therapie – wird man das Anliegen als ein Symptom ansehen, aus dem etwas Anderes, aus dem – wie man heute sagt – ein Anderes spricht: vielleicht ist der Patient nicht einfach ein kleiner Sadist, vielleicht möchte er uns etwas über seine Schwierigkeit erzählen, sich überhaupt etwas geben zu lassen oder unser Augenmerk auf seine Süchtigkeiten lenken und vielleicht fehlt ihm nicht nur Feuer für seine Zigarette, vielleicht ist er zudem impotent. Wir wissen es nicht.

Im einen Fall macht man sich zum Diener des Aufraggebers und wird so zu seinem Meister und Trainer (auch dann, wenn man sich weigert, das Feuer zu geben, das verlangt wird).
Im andern Fall bietet man sich diesem Anderen, von dem man noch nichts weiss, als Objekt an und weiss darüber hinaus auch nicht, wohin diese Unternehmung führen wird.

Im einen Fall ist man von vornherein in einem Hin und Her von Dominanz und Unterwerfung: man glaubt ein Ziel erreichen zu müssen, unterzieht sich hierzu einem wie auch immer gearteten Programm, aus dessen Stahlbad man am Ende als strahlender Sieger aufzutauchen hofft – oder als Verlierer untergeht.
Im andern Fall geht man diesem Andern nach, dem man unterworfen ist, wenn man sich auf die Begegnung mit dem Patienten einlässt, dem Subjekt, dem Unterworfenen.

Im einen Fall wird das Geschehen – das Ziel fest im Auge – durch Eingriffe und Massnahmen gesteuert, die die gewünschte Änderung bewirken sollen. Die Interaktion soll von Wissen und Kenntnissen bestimmt und gelenkt werden, die den Weg zum vorgegebenen Ziel weisen.
Im andern Fall setzt man sich im entscheidenden Punkt dem Unwissen aus, wir nennen das, dem Unbewussten. Man hat nichts anzubieten ausser der Bereitschaft, sich diesem Anderen und diesem ihm-Ausgesetzt-sein auszusetzen.

Wenn Seriosität sich an möglichst kodifiziertem und kalkuliertem Vorgehen bemisst, wenn sie gemessen wird an der Erfüllung des Auftrags, dann, meine Damen und Herren, ist Psychotherapie eine höchst unseriöse Angelegenheit. Sie ist unseriös, weil man in den entscheidenden Momenten all das durchaus vorhandene Wissen – Psychotherapeuten müssen nicht unbedingt dumm sein, auch wenn das vorkommen kann – über Bord werfen können muss, weil man dann wirklich nicht viel in der Hand hat, worauf man sich verlassen kann, auch nicht allzuviel, mit dem man beweisen könnte, dass eine solche Unternehmung sich lohnt und gar dorthin führt, wohin beabsichtigt ist. Im Gegenteil – sie sehen es an der kleinen Anekdote, mit der ich begonnen habe, aber genauso gut an den Fallgeschichten, die Freud berichtet hat – das, womit man sich auszuweisen versucht, ist zumeist mehr von einem Scheitern geprägt als vom Erfolg.

Unseriös ist diese Unternehmung noch in einer anderen, nicht weniger brisanten Hinsicht, insofern es sich bei diesem Anderen, dem man sich auszusetzen anheischt, um ein – wie man heute sagt – Begehren oder wie Freud es nannte, um den sexuellen Wunsch handelt.

Psychotherapie und Psychotraining sind also 2 sehr verschiedene Angelegenheiten, die man nicht unbedingt gegeneinander ausspielen muss. Warum soll man, wenn es in bestimmten Belangen nach Höherem und nach Erfolg gelüstet, nicht Kurse oder Trainings besuchen? Lernen kann man immer und Fitnessstudios sind ja nicht von vornherein des Übels. Ihren Besuch wird man vor allem deswegen auf sich nehmen, weil ja all die Trainings, ganz unabhängig davon, ob sie nun Fett in Muskeln oder Schwächen in Stärken wandeln, einen Genuss doch immer versprechen: die Lust am Spiel, sich selbst und andere zu quälen, sich selbst und andere zu beherrschen, zu dominieren. Diese Erotik des Schweisses, die im Joch der mentalen wie physikalischen Maschinen noch verfeinert und gesteigert wird, ist nicht zu unterschätzen, ist keine schlimme und keine schlechte und uns allen nicht ganz unbekannt. Auch Psychotherapeuten nicht.
Umgekehrt suchen aber auch Trainierte und Trainer allen Unkenrufen zum Trotz Psychoanalytiker auf, wenn sie trotz aller Fitness, trotz aller Wohlgeformtheit des Körpers und des Geistes sich selbst nicht greifbarer werden, ganz so wie Therapeuten und Psychiater Analytiker konsultieren, wenn sie nicht nur probieren, sondern sich auseinandersetzen wollen.

Da ich nun Psychoanalytiker bin und als solcher eingeladen wurde, werde ich mich nun dem Bereich der Psychoanalyse und Psychotherapie zuwenden. Und als Psychoanalytiker muss ich – um es nochmals zu pointieren – betonen: die Psychotherapie ist eine höchst unseriöse Angelegenheit. Und alle Versuche, sie aus diesem Dilemma zu retten, sind zum Scheitern verurteilt.


Wie kann und soll nun Psychotherapie helfen?


Im letzten NZZ-Folio zur Psychotherapie, das Sie sicherlich alle auch gelesen habe, bin ich u.a. auf die Bemerkung gestossen, dass die schönen und blühenden Hysterien, wie sie Freud noch beschrieben hat, heute längst verschwunden und den „grauen Krankheiten“ gewichen seien, die eine Tendenz zur sozialen Unauffälligkeit und Syptomverarmung aufweisen würden. Nicht nur als Psychoanalytiker oder Psychotherapeut, der täglich in seiner Praxis sitzt und den Erzählungen seiner Patientinnen und Patienten zuhört, auch aus all den Begegnungen des täglichen Lebens, die wir alle haben, dürfte man ob solcher Aussage einigermassen erstaunt sein. Was man alles auf der Strasse antrifft, was man von Freunden und Bekannten hört und was – nicht zuletzt – jeder auch von sich selbst weiss und kennt, straft solche Aussage Lügen. Natürlich haben wir alle – oder zumindest die meisten von uns – mit oder ohne Psychotrainings unsere Lektion in Sachen sozialer Anpassung gut gelernt, aber dass uns dies vor den verschiedensten Neurosen und Neuröschen und vor durchaus nicht nur grauem Leiden schützen würde, da dürfte wohl der Wunsch der Vater des Gedankens sein; und ein Blick am Werk, der sich vielleicht allzusehr auf das richtet, was sein soll und was nicht, auf die Erfüllung der verschiedensten Normen und Regeln. Will sich die Psychotherapie also nicht auf diese Perspektive einstellen, will sie also nicht in dem von Laurence Bataille beschriebenen und in den verschiedenen Psychotrainings praktizierten, sadomasochistischen Zirkel aufgehen und sich in ihm verstricken, dann muss sie sich, wie mir das neulich eine Analysandin mit einem Traum erzählte, den Kopf verdrehen lassen, dann muss sie sich – jenseits aller bewussten Absichten und trotz allen Ängsten – auf den sexuellen Wunsch und sein – das muss man hier in einem Kontext, der von Glück und Erfüllung von Heils- und Gesundungsversprechen nur so strotzt –, von Konflikten geprägtes Schicksal einlassen. Dies macht nicht nur den durchaus erotischen Reiz einer so verstandenen Psychotherapie aus, sondern entspricht zudem dem meist unbewussten Wunsch der Patientinnen und Patienten. Wenn man nämlich Glück hat, irgendwann im Laufe einer Behandlung zu hören zu bekommen, was es war, das zu einem „Ja“ zur Psychotherapie bei dieser Therapeutin oder diesem Therapeuten geführt hat, dann ist es nicht die Festlegung von Zielen und die Ausarbeitung des Wegs dorthin – das bekäme man überall und bei jedem –, dann sind es keine logischen und vernünftigen Argumente, auch nicht ist es, wie einmal ein hochdotierter und durchaus kluger Psychoanalyse-Forscher aus den Staaten meinte, der Nachweis der Kausalitätsgeltung in der Behandlung: nein, es sind ganz andere, oft unscheinbare und kleine Zeichen, die einen Reiz ausübten, die eine Verheissung auf etwas zu versprechen scheinen, von dem man nicht einmal hätte sagen können, was es sei.

Der Therapeut wird von allem Anfang an „cet obscure objet du désir“ und muss bereit sein, sich zu diesem machen zu lassen, um der unbekannten Spur dieser Zeichen nachgehen zu können. Indem sich der Analytiker/Therapeut als Objekt anbietet, nimmt er einen Weg auf, der von der Dynamik von Übertragung und Widerstand gelenkt wird. Und beide Beteiligten, Patient und Therapeut, wissen nicht, wohin dieser Weg sie führen wird.

Wohin dieser Weg auch führen wird, eine Passage ist dabei – ich würde sagen: immer, aber sicherlich zumeist – unumgänglich: Dazu möchte ich Ihnen kurz eine Szene aus einem Film „Femme à l’hotel“ von Lea Pool erzählen, einer Schweizerin, die in Kanada lebt: Er handelt von einer jungen Regisseurin, die dabei ist, mit Vorfreude aber voller Spannung einen neuen Film zu drehen, in dem es um eine sehr gute und sehr bekannte Sängerin geht, die plötzlich – ausgebrannt – zu singen aufhört. Die Schauspielerin, die die Sängerin verkörpern soll, findet nicht in den Film, findet nicht zu sich, steht quer. Dann taucht eine Fremde auf, die unterwegs ist, die sucht und nicht findet. Die Frauen kommen sich näher – man ahnt es, die Fremde ist die Sängerin oder zumindest die Geschichte der Sängerin, die der Film erzählen will – der stockende Film kommt in Gang, die Geschichte entwickelt sich. Die Geschichte der Sängerin wird zu der der Schauspielerin, die von der Regisseurin in Szene gesetzt wird, die gleichzeitig sich selbst in Szene setzt. Die Geschichten verschränken sich, die Leben verschränken sich und der Film steuert auf seinen Höhepunkt zu, auf einen Auftritt, auf ein Lied, das heisst: „Touch me, touch me!“ Und in diesem Moment der Kulmination kommt es: die Fremde, die Sängerin schreit in heller Verzweiflung: „Ihr habt mein Leben gestohlen!“.

Hier ist der Vorwurf, der unumgängliche, der Vorwurf, den jeder Therapeut kennt: „Es nützt nichts! Du gibst mir nicht, was ich brauche! Du hast mir alles gestohlen: mein Leben, meine Frau oder meinen Mann, meine Liebe, mein Geld.“ Das Können und die Fähigkeit des Therapeuten erweist sich darin, diesen heftigen Vorwürfen und bisweilen groben Anschuldigungen standzuhalten, sie auszuhalten. Seine Aufgabe ist es ein „Nein“ zu sagen, diesen dringendsten Wünschen gegenüber und der Versuchung, sie erfüllen zu wollen, zu widerstehen.

Sie werden kommen diese Vorwürfe, manchmal sieht man es, manchmal spürt man es, manchmal nicht. Man wird ihnen zu begegnen versuchen, wird sich verteidigen und rechtfertigen, man wird versuchen, sie abzuschwächen und zu umgehen, aber sie werden kommen und werden gelten. Vor diesen Vorwürfen der Ausbeutung, der Scharlatanerie, der Unserisosität kann man sich nicht schützen. Gegen den Vorwurf der Ausbeutung hilft keine Krankenkassenfinanzierung, gegen den der Scharlatanerie keine Titel – seien es akademische oder solche der Berufsorgansiationen – gegen den der Unseriosität kein Wissen und nicht die gängige Wissenschaftlichkeit. All diese Rechtfertigungs- und Legitimationsversuche führen nur zurück in den auf Effizienz und Erfolg ausgerichteten Kreislauf, den wir von L. Batailles Beispiel und von den Psychotrainings kennen, mit ihrer heimlichen Lust am Spiel von Quälen und gequält Werden, von Beherrschen und beherrscht Werden, in dem man aus der Posititon des Ohnmächtigen mit leichtem Schwung (unterstützt von WZW) wieder in die des Mächtigen, von der des Nicht-Wissenden in die des Allwissenden wechseln kann.

In diesen in jeder Therapie unausweichlichen Momenten geht es für Therapeut und Patient um die Erfahrung der Kastration: das nicht zu können, was man können sollte oder möchte, das nicht zu sein, was man am liebsten wäre, und um die Notwendigkeit, dies anzunehmen. In diesen Momenten der Übertragungsneurose kommt es unter Ängsten, unter Vorwürfen, und unter Schmerzen plötzlich und überraschend zur Begegnung mit diesem Anderen, das oder den man immer gesucht hat, nach dem man sich immer gesehnt hat, ohne es zu kennen. Plötzlich und unerwartet sowohl für den Therapeuten wie für den Patienten. Deutung und Einsicht fallen ihnen zu, sie werden nicht erworben, nicht erarbeitet. Die entscheidenden Erkenntnisse, diejenigen, die das Andere erahnen lassen, sind Zufall und Abfall dieses Prozesses, in dem man sich dem unbewussten Wunsch und seinem Schicksal aussetzt. Anders als im Training.

Das heisst für die Psychotherapie: Während man vorgibt Psychotherapie zu machen, wendet man sich etwas Anderem zu und indem man sich diesem Anderen zuwendet, vollzieht sich die Therapie. Auf die Frage, wie Psychotherapie helfen kann und soll, ist also nur zu antworten: indem sie nicht das Helfen ins Zentrum stellt, indem sie sich nicht dem Helfen verschreibt.

Das hat Folgen für die Fragen der Finanzierung – für die Krankenkassenleistungen, die überall gefordert werden –, für die Frage der Effizienz – für die Wissenschaftlichkeit –, für die Frage der Qualitätskontrolle – für die Reglementierung. Sie täuschen Garantien vor, die so nicht einlösbar sind und einem anderen Diskurs angehören, von dem sich die Psychotherapie zur Recht und mit gutem Grund abgrenzen will, dem des Psychotrainings. Dies hat auch Folgen für die Qualität: denn die erweist sich darin, dass die Psychotherapie– trotz aller nicht nur fruchtlosen Bemühungen – den Vorwurf der Unseriosität, der Scharlatanerie und der Ausbeutung als einen unumgänglichen und nicht falschen auf sich nehmen kann und nicht der Versuchung erliegt trotz besseren Wissens Leistungen, Erfolge und Erfüllungen zu versprechen, die so nicht einzuhalten sind. Dies gilt im besonderen der therapeutischen Situation wie auch im allgemeinen der öffentlichen Diskussion.

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