Traumland. Psychoanalyse und Prostitution. Zu einem Film von Petra Volpe.

in: Parfen Lazig und Lily Gramatikov (Hrsg.): Lust und Laster. Was uns Filme über das sexuelle Begehren sagen, Springer, Berlin, 2017

3. April 2017


In Traumland ist es Weihnachten. Die Kerzen brennen, die Lichter leuchten, die Weihnachtssterne funkeln und mittendrin ist Mia, eine junge Prostituierte aus Bulgarien, mit der die Figuren des Films und ihre Geschichten verbunden sind: der Kardiologe und die Witwe, der Alleinstehende und die Sozialarbeiterin. Sie überschneiden sich und treffen sich in der Waschküche und auf dem Altar, im Auto und auf dem Auto, immer im Irgendwo und ganz am Rand im Ödland, zu dem das Traumland wird. Die Lichter beginnen zu flackern, die Sexualität zeigt sich von hinten. Die Ehefrau will es ebenso wissen wie die Witwe, das, was Mia weiss. Bis diese es auch nicht mehr weiss und selbst von dem gepackt und weggerissen wird, in dessen Zentrum sie stand. Vom Traumland. Der Film erzählt vom Abfall, der Sexualität immer auch ist. Und es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Psychoanalyse und Prostitution. Beide haben es mit dieser Sexualität. Bei beiden kostet es.

Meine erste Praxis hatte ich im Zürcher Niederdorf, damals noch eine Gegend des anrüchigen Nachtlebens mit Bars, mit etwas schäbigen und lauten Beizen, um die Ecke befanden sich Bordells und auf der Strasse standen ab Mittag die Prostituierten und warteten auf Freier. Man kannte sich, begrüsste sich und lächelte sich zu und immer wieder kam es vor, dass die eine oder andere der Prostituierten mir einen Franken in die Parkuhr warfen, die für mein Auto zuständig war, wenn die Stunde mal wieder abgelaufen war und es mir nicht gereicht hatte, hinunter zu kommen. Damals kam der „Stützlisex“ in Zürich auf, diese Etablissements mit Kabinen, in denen sich für einen Franken – „ein Stutz“ im Zürcher Slang – das Guckloch öffnete, durch das man die nackte Schöne sehen konnte, die sich auf einer etwas schmuddeligen Matratze räkelte, die sich im Kreis drehte, damit man ihren Anblick von allen Seiten geniessen konnte. Die Nähe von Psychoanalyse und Prostitution zeigte sich auch im Preis, der für beide Unternehmungen beinahe der gleiche war. Diesmal kostete es nicht einen, sondern ca. 100 Stutz. Heute hat sich das Verhältnis geändert: die Psychoanalyse wurde teurer, die Prostituierten billiger. Ob das ein Ausdruck dafür ist, dass die Psychoanalytiker besser und die Prostituierten schlechter wurden, dürfte bezweifelt werden.

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