Die Moden der Psychoanalyse

Vortrag gehalten zusammen mit Husam Suliman an der Tagung "Mode und Moden", am 20./21. November 2015, in Zürich im Kunstraum Walcheturm

20. November 2015

Die Psychoanalyse dürfte sich selbst wohl kaum als Mode sehen. In Theorie und Praxis nimmt sie einen Wahrheitscharakter für sich in Anspruch, der in seiner wissenschaftlichen Fundierung überdauernden Charakter haben soll. Demgegenüber hat Freud als wesentliches Merkmal der Schönheit ihren Vergänglichkeitscharakter herausgehoben und den Gegenstand der Psychoanalyse mit dem Objekt als immer schon verlorenes in diese Zeitlichkeit gerückt. In eine Zeitlichkeit, die ihre Erneuerung nicht zuletzt auf das Vergessen gründet.

Steht die Psychoanalyse also wirklich über der Mode und inwieweit sind die Moden, denen auch sie unterliegt, nicht nur Momente und Zeichen ihrer ständigen Erneuerung, sondern auch bisweilen wohltuende und inspirierende Erinnerung an ihre eigene Vergänglichkeit?

Mode hat mich eigentlich immer schon interessiert, hat mir immer auch Spass gemacht. Das Ausgefallene an ihr, ihre Verrücktheiten haben mich immer angezogen und in wilden Zeiten oder ausgefallenen Stimmungen hab ich sie besonders geliebt und auch gekauft, manchmal getragen, manchmal fand ich sie so schön und so kostbar, dass ich sie fast nicht getragen, sie nur aus dem Schrank genommen und bestaunt habe wie aus einer anderen Welt. Sie übertrifft sich immer wieder in den Schnitten, in den Materialien, in ihrer Exzentrizität, die manchmal so weit geht, dass sie Werbung für sich macht, ohne sich selbst zu zeigen. Sich selbst nicht so ernst zu nehmen, sich selbst zu verlieren, kann zum Höhepunkt des Abgehoben-Seins werden...

... Vielleicht, das hab ich mich bei der Vorbereitung auf diese Tagung gefragt, ist das Befassen mit Mode auch schon ein Zeichen, dass man allmählich aus der Mode kommt. Das könnte ja sein – wir wollen es dahingestellt sein lassen. Und vielleicht ist es von daher auch kein Zufall, dass ich mich mit einem jüngeren Kollegen und Freund, der auch eine Affinität zur Mode und zum Versponnenen hat, für diesen Vortrag zusammen getan habe...

... Betrachtet man heutzutage die psychotherapeutische Szene, so bekommt man den Eindruck, dass es sich um einen Basar handelt, auf dem die besten Therapien für diverse mentale Störungen und für alle Krisen in jeder Lebensphase angeboten werden. Aber nicht nur was das therapeutische Angebot betrifft, erst recht wenn es um die entsprechenden Ausbildungen geht, spielen der Markt und auch der Preis eine wesentliche Rolle. Und wenn man genau hinschaut muss man sich wirklich die Frage stellen, wie sehr in Mode es überhaupt noch ist, sich mit Psychoanalyse zu befassen oder sich gar selbst als Psychoanalytiker zu bezeichnen. Oft hört man den Kommentar: das ist doch Altmodisch! Immerhin: auch mit meinen 38 Jahren zähle ich zumindest unter Analytikern noch zur jungen Generation – was der Analyse zum Denken geben könnte. So muss ich in diesem Zusammenhang wirklich zugeben, dass das Altmodische nicht einfach zu leugnen ist, wenn man sich erst mit Beginn des 3. Lebensabschnitts als arrivierter Analytiker bezeichnen darf...

... Psychoanalytiker haben es in der Regel nicht so sehr mit der Mode. Äusseres ist ihnen tendenziell suspekt, es geht um die inneren Werte...

... Wie sehr die Mode allerdings doch mit der Psychoanalyse zu tun hat, hierzu wollen wir heute einen lockeren Entwurf skizzieren. In der inzwischen mehr als 100jährgen Geschichte der Psychoanalyse gab es schon manche Höhen und Tiefen, die Psychoanalyse ist sogar populär geworden – denken Sie an Woody Allen – und es haben sich fast unzählige – würde ich sagen – modische Trends aufgetan. So wie die junge Rap-Combo „Kris Kross“ in den 90er Jahren ihre Hosen einfach umdrehten und verkehrtherum trugen, so kehrte auch Ferenczi mit seiner mutuellen Analyse die Richtungen um. Mutuell und im Dialog wollen wir uns nun an das Tenu Psychoanalyse und deren verschiedene Schnitte heranwagen. Mode ist eben mehr, als nur etwas anders machen. Ohne das Altmodische gibt es keinen neuen Trend, und wenn man etwas Neues machen will, muss man sich mit dem Altmodischen befassen. Vielleicht habe ich mich darum entschlossen, mich mit der Psychoanalyse zu befassen, denn sie ist Mode und wird auch immer in Mode bleiben...

... Schon in den Studien zur Hysterie hat Freud 1895 im Kapitel Zur Psychotherapie der Hysterie betont, dass man in der analytischen Arbeit von der Oberfläche, der Peripherie ausgehen müsse, und hat damit schon damals einer Tiiiieeefenpsychologie eine Absage erteilt. In diesem Text findet sich bereits ...

... die bemerkenswerte Aussage, dass die pathogene psychische Gruppe „sich nicht sauber aus dem Ich herausschälen (lässt), ihre äusseren Schichten gehen allseitig in Anteile des normalen Ich über, gehören letzterem eigentlich ebensosehr an, wie der pathogenen Organisation“ (Freud, 1895d, SA Erg., S. 83). Pathogene Strukturen und Ich-Strukturen sind nicht einfach voneinander getrennt, ...

... so wenig wie das Innen und das Aussen. Viel später heisst es dem ganz entsprechend in Das Ich und das Es: „Dieses Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche“ (Freud, 1923b, SA 3, S. 294). Physisches und Psychisches gehen ebenso wie Innen und Aussen ineinander über und auseinander hervor...

... Und Andy Warhol, der grosse Pop-Art-Künstler, der mit den Moden spielte, hat nicht geruht zu sagen: „Es gibt nur die Oberfläche und nichts dahinter.“...

... Indirekt unser Thema umspielend – Mode selbst dürfte ihn nicht sehr interessiert haben – schreibt Freud in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie im Kapitel über die Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel: „Die mit der Kultur fortschreitende ...

... Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt (sublimiert) werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag“ (Freud, 1905d, SA 5, S. 66). Verhüllung des Körpers ist also Sexualität und umgekehrt Sexualität auch Verhüllung des Körpers. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen...

... Nichtsdestotrotz sind ...

... – heute vielleicht immer noch mehr – Veränderungen der Einzelnen an ihrem Äusseren schnell im Verdacht, ein falsches Selbst konstruieren zu wollen – was eigentlich die Frage aufwerfen würde, was und wie denn ein wahres Selbst eigentlich sein sollte. Vor allem sind Veränderungen am Körper sehr heikel. Sie werden sehr schnell als ...

... Agieren unbewusster Konflikte pathologisiert, als illusionärer Versuch einer narzisstischen Selbsterschaffung gesehen. Dann geht es nämlich darum, die Urszene zu revidieren. So heisst es zum Beispiel bei Brigitte Ziob: „Damit wird die Phantasie erzeugt: ‚Ich erschaffe mich selbst’, ...
... und zwar nach meinen Vorstellungen von einem Ich-Ideal und dessen Beeinflussung durch kollektive Idealvorstellungen.“ (Ziob, 2007, S.127) ...

... Christa Rohde-Dachser geht da noch einen Schritt weiter, wenn sie im Hinblick auf Schönheitsoperationen meint, dass bei solchen Eingriffen und Veränderungen der Mangel, der ja nach Lacan das Begehren an- und immer weiter treibt und seine letzte Erfüllung auch verunmöglicht, nicht mehr beachtet wird. ...

...Deshalb dienen „schönheitschirurgisch unterstütze Körperinszenierungen (...) dann nicht mehr nur der Verschönerung, sondern sind Stationen auf einem Weg, dessen phantasmatisches Ziel die Verschmelzung mit dem Realen ist.“ (Rohde-Dachser, 2007, S.113) Da wird dem guten Lacan doch ziemlich Gewalt angetan, wenn das Begehren, als Streben nach Wunscherfüllung, als Versuch gedeutet wird, mit dem Realen zu verschmelzen...

... Statt den Körper zu verändern, ...

... soll sich das Ich entwickeln. Statt sich äusserlich zu verändern, soll man sich innerlich grösser und schöner machen. Statt Body-Building im Fitness-Studio wird ein Body-Building der Psyche natürlich in der Analyse proklamiert. Der Pathologisierung des Körpers steht eine Hypertrophierung und nicht zuletzt Sexualisierung der Psyche gegenüber...

... Trotz seiner Skepsis gegenüber den Chancen der Kulturentwicklung zeigt sich Freud den Veränderungen und sogar dem Umbau des Körpers im Unbehagen in der Kultur weitaus ...

... weniger ablehnend und verurteilend als die heutige Psychoanalyse. Es heisst dort: „Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung aller – nein, der meisten – Märchenwünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt hat (...) All diesen Besitz darf er als Kulturerwerb ansprechen. Er hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in seinen Göttern verkörperte. (...) Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ...

... ist beinahe selbst ein Gott geworden. Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen, in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen ein Prothesengott geworden, recht grossartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.“ (Freud 1930a, S.222) ...

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... Schon beinahe heiter klingt hier die Hoffnung an, dass die Prothesen besser mit dem Körper verwachsen und dem Menschen weniger zu schaffen machen könnten. So sehr Veränderung des Subjekts auch für Freud als innere Veränderung verstanden wird, so wenig sind die Entwicklungen der Zeit vom Subjekt und seiner Struktur zu trennen. Im Gegenteil, das Subjekt scheint sich durch sie durchaus zu komplettieren und seinen Wünschen auch näher zu kommen...

... Heutzutage ist ein Leben ohne Tools zum Optimieren des eigenen Lifestyles nicht mehr denkbar. Handys und Uhren nehmen ...

... unsere sämtlichen Biodaten auf, berechnen damit unsere aktuelle Fitness und Gesundheit ...

... und empfehlen daraufhin wie viel wir uns am Tag bewegen, ...

... was wir essen ...

... und wie lange wir schlafen sollten, ...

... wie wir unsere Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern, ...

... uns am besten von A nach B bewegen und passend zu unseren Bedürfnissen und stets neu berechneten Profilen ...

... – die natürlich in sämtlichen (himmelsnahen) Clouds gespeichert sind – ...

... wie wir die optimalen Gadgets dazu bekommen. ...

... Der Gotteswerdung sind bald keine Grenzen mehr gesetzt. Die Hardware verbindet sich zunehmend mit der Software, die Prothese „Hardware“ ist bald gar nicht mehr von Relevanz. Eingebaute Micro-Chips und Nano-Implantate, mit der wir unser Leben täglich verbessern ...

... – oder vielleicht auch nicht –, sind keine Realitäten einer fernen Zukunft mehr, sondern werden sehr bald ganz in Mode sein und zu modischen Accessoires werden. Was Freud schon damals antizipierte, wird bestätigt - und der Trend geht weiter...

... Und natürlich ist Mode auch eine solche Idealbildung. Sich vom Hergebrachten abzugrenzen und so als besonders und als anders sichtbar zu werden, hebt heraus, hebt empor ...

... – und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Modetempel, wie es Rudolf Heinz so schön zeigte, mit Rolltreppen bestückt sind, die uns auf beinahe schon engelhafte weise ganz unbeschwert emporheben – ...

... ist immer auch wesentlicher Teil von Mode. Man wird gesehen und angehimmelt, alsbald kopiert, den Göttern gleich...

... Auch wenn es weiter geht, so ist nicht immer klar, wie das geschieht. Die Psychoanalyse ist im Laufe ihrer ...

... mehr als hundertjährigen Geschichte nicht monolithisch unverändert geblieben, sondern hat sich – alles andere als linear – entwickelt. Ihre Geschichte ist eine von Spaltungen und Abweichungen, von denen es nicht immer so ganz klar und nachvollziehbar ist, weshalb es zu ihnen gekommen ist...

... vielleicht wären sie als Moden zu verstehen. Existiert Mode nämlich nicht in der Wahrnehmung sich ändernder Positionen, sich wandelnder Formen, so dass bestehende Werte und...

... Traditionen in Frage gestellt werden, Anklang und Anhänger finden? Damit kann Mode immer auch zur Gefahr werden, was bereits Freud wusste und die Psychoanalyse als Theorie und Praxis nur zu gut weiss. ...

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... Auch Zürich hat vor nun schon beinahe 40 Jahren eine solche Spaltung erlebt. Das Psychoanalytische Seminar Zürich vollzog die Trennung von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse, nachdem sein Teilnehmerkollektiv aus den von ihr zum Zwecke der Ausbildung angemieteten Räumen ausgeschlossen wurde. Fritz Meerwein, der damals Präsident der SGP gewesen ist, stellt in einem Text, in dem er die Geschehnisse reflektiert, folgende These auf: "Ich glaube, dass uns die Betrachtung unserer 60 jährigen Geschichte lehren kann, dass Krisen und Spaltungen psychoanalytischer Gesellschaften einen Index dafür abgeben können, dass der jeweilige Stand psychoanalytischer Theorie, Technik und Institutionalisierung defizitär geworden d.h. hinter dem Wandel menschlichen Selbstverständnisses und soziokultureller Gegebenheiten zurückgeblieben ist und dass es dann zur Spaltung als Lösung einer Krise kommen muss, wenn das bestehende Theoriedefizit und die Insuffizienz der Institution als solche nicht anerkannt und innert nützlicher Frist aufgehoben werden können" (Meerwein, 1979, S. 26f) ...

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... Inwiefern die Insuffizienz einer Institution – in nützlicher Frist oder nicht – aufgehoben werden kann, ist eine andere Frage. Aber vielleicht – dies ein ketzerischer Gedanke – kam und kommt es zu solchen Spaltungen, weil der Aspekt von Mode und Moden gerade in der Psychoanalyse vernachlässigt und verpönt ist. Dann werden Neuausrichtungen der Theorie und Entwicklungen in der Technik sehr schnell zu unerschütterlichen Wahrheiten, die ein Bekenntnis verlangen und nicht mehr als Spielarten einer Art zu denken verstanden werden, die bestimmte Aspekte ins Zentrum stellen, inszenieren und anders gewichten. Robert Pfaller – im Übrigen der erste Preisträger von The Missing Link – hat in seinem Buch Die Illusionen der Anderen darauf hingewiesen, dass anders als Bekenntnisse es Einbildungen und Aberglauben erlauben, sich einem Denken und seiner Lust hinzugeben, das sich vom herrschenden Trend unterscheidet. ...

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... Ohne die markanten Unterscheide leugnen oder bestreiten zu wollen, so geht es bei solchen Fragen wie Freud oder Jung, wie Melanie Klein oder Anna Freud, ja vielleicht sogar wie Psychoanalyse und Verhaltenstherapie auch um Bekenntnisse. Und diese – wie auch das Einfordern von ihnen – sind meist schon Zeichen der Angst vor einem Untergang, den man sonst nicht mehr abwehren zu können glaubt. Die Situation der Psychoanalyse im Deutschland des Dritten Reichs hat das gezeigt...

Ist also die in Amerika entstandene Ich-Psychologie, der es in der Tat um die Möglichkeit der Anpassung des Einzelnen in der Gesellschaft, in der Kultur ging, dann ...

... wirklich so grundsätzlich verschieden von der in Wien und in Europa entwickelten Triebtheorie, die eher vom Gegensatz zwischen Trieb und Gesellschaft ausgegangen ist? Und war beispielsweise Kurt Eisslers „Standardtechnik“ wirklich der Versuch einer reaktionären Kodifizierung der psychoanalytischen Technik angesichts des Widening Scopes und nicht auch das Bemühen gerade angesichts dieser Ausweitung der Psychoanalyse auf andere Störungen die Wichtigkeit der Deutung und damit der Bedeutung für die Psychoanalyse hervorzuheben und diese so den verschiedensten Verhältnissen und Settings anzupassen? ...

... Das Setting als Spielart von Psychoanalyse zu verstehen,...

... als immer wieder andere Praxis psychoanalytischen Denkens würde die Möglichkeiten der Psychoanalyse erweitern...

... Wie ernst also muss sich und soll sich die Psychoanalyse – ihre Methode, ihre Theoreme, ihre Technik – dann nehmen? In ihrem klinischen Verständnis geht es doch um höhere Werte: um Gesundheit, um Arbeits- und Liebesfähigkeit, und manchmal um eine Normalität, mit der Woody Allens Stadt- oder Normalneurotiker längstens nicht mehr mithalten könnten. Zudem hat man Missstände ...

... und Missbräuche entdeckt, an denen man ablesen kann, was bei fehlender Ernsthaftigkeit alles passieren kann, dass es gefährlich für die Patienten und bedrohlich für die Existenz der Psychoanalyse werden kann, wenn man sie spielerisch, mit Humor und selbstironisch zu betreiben können glaubt. Dem muss doch – so ein breiter Tenor – Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Kontrolle der Standards entgegengesetzt werden. Die verschiedenen psychoanalytischen Richtungen ...

... und Schulen wären dann keine Spielarten mehr, sondern Ausdruck eines sich ständig vertiefenden Wissens, immer noch besserer Erkenntnis ihres Gegenstandes – wissenschaftlich legitimiert und fundiert. Als Kunst konnte sie eine Zeitlang gerade noch durchgehen, aber mit der Mode will sie nichts zu tun haben und als Mode kann sie sich ganz und gar nicht sehen und verstehen. ...

... Und wie ein guter Freund von mir – ob zurecht soll mal dahin gestellt bleiben – mal behauptete: Mode ist die dumme, kleine Schwester der Kunst. ...

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... Denn Mode hat stets etwas Banales, Alltägliches und Oberflächliches. Mode ist spontan, naiv und verspielt. Sie überholt sich selbst, macht Purzelbäume und kann über sich lachen. Bei all ihren Wechseln und Sprüngen stellt sie aber auch Bindungen her und ...

... stiftet Identitäten. Kleider machen Leute. Das wusste schon Gottfried Keller, das sehen wir im tagaus tagein...
... Hippies, Punks, ...

... Goths, Popper,...

...Raver, Hip-Hoper, ...

... Rocker, Hools, ...

... Skins, Metaler, ...

...Emos, Skater ...

... und Cosplayer, ...

... um nur einige zu nennen, ziehen sich ja nicht nur schön an, sie zeigen vor allem auch, dass sie dazu gehören, dass sie Teil von etwas Grösserem, Teil einer Gruppe sind. Kleider machen Leute, ...

... Mode schafft Identität. Das ist in der Psychoanalyse nicht anders. In London gab es nicht nur – säuberlich und manchmal sehr heftig getrennt – Kleinianer und Anhänger Anna Freuds, es gab dazu noch eine middle-group. Lacanianer können sich sehr wesentlich von Freudianern unterscheiden. Sie haben nicht nur die Sprache, sie benutzen auch eine andere, eine eigene. ...

... Aber auch da dürfte es wahrscheinlich mehr als eine Middle group geben...

... Lacan selbst hat sich in diesem Spiel der Identitäten immer wieder als Verräter inszeniert. Nicht nur von der orthodoxen Psychoanalyse, aus der man ihn ausgeschlossen hatte, sondern auch an den von ihm selbst gegründeten Schulen. Damit hat er paradoxerweise erst recht auf das Moment der Dazugehörigkeit verwiesen, das von Schulen und Richtungen auch in der Psychoanalyse immer wieder gestiftet wird. ...

... Die Identität des Psychoanalytikers ist ein Thema, das nicht nur heute immer wieder untersucht und diskutiert wird, sondern auch damals bei der Spaltung in Zürich an vorderster Stelle stand...

... Der Verrat – wen wundert’s – wird auch in der Mode ständig gefeiert. Zum Beispiel von Oliviero Toscani, dem Fotografen und Künstler, der die Benneton-Werbung lange Zeit entworfen hat. Er zeigte nicht nur Kussszenen zwischen dem Papst Benedikt und ...

... einem Imam, er inszenierte auch eine Kampagne gegen die Todesstrafe, zeigte einen an AIDS Sterbenden und auch das blutige Hemd mit Einschussloch eines in Bosnien gefallenen Soldaten. Mit dem magersüchtigen Model Isabelle Caro rückte er die hässliche Seite der Mode und der Schönheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Verräter besten Stils, könnte man sagen...

... Mode ist immer auch Verrat, so wie die Moderne ...

... ständiger Abbruch der Tradition. In dieser Tradition steht auch Freud. Nicht nur deshalb, weil das Motiv des Verrats ihn durchgehend – z.B. im Moses des Michelangelo – beschäftigt hat, nicht zuletzt durch seinen Hinweis darauf, wie sehr das Unbewusste das Bewusstsein und auch uns verrät. Nicht nur in den Fehlleistungen, sondern in all unseren Symptomen und kulturellen Produktionen und Leistungen. ...

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... Psychoanalyse und Mode ist auch die Frage, was tragen Psychoanalytiker bei der Arbeit? Ganz klar, nicht alle sehen aus wie Freud, aber denkt man nicht zwangsläufig an sein Äusseres, wenn man sich vorstellt zum Analytiker zu gehen und ist man dann – je nachdem – entsetzt oder enttäuscht, wenn es stimmt oder eben auch nicht?...

... Brille, dezenter Herrenanzug vom guten Schneider – das war sicher lange Zeit state of the art. Heute ist das sicher anders – ganz so ohne Erfolg war die Mode bei den Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen wohl doch nicht...

... Der Hang zum Dezenten ist ganz sicher geblieben, Analytikerinnen und Analytiker dürften selten durch besondere Exzentrik auffallen. Melanie Klein war da wohl ...

... – auch vom Temperament her – eine Ausnahme, in der Regel dürfte es keine allzu grossen Schwierigkeiten machen bei Anlässen der Psychoanalyse diejenigen auszumachen, die dazu gehören. Eine gewisse Uniformität in Bezug auf die Kleidung zu konstatieren, wäre möglicherweise nicht ganz abwegig. Damit dürften Analytiker auch nicht alleine sein, womit man es belassen könnte. Es kann ja nicht darum gehen, dass sie den Pfau machen sollten, so wie es die Künstlerin Rebecca Horn einmal vorgeführt hat. ...

... Wunderschön, das muss man schon sagen. Sie hatte Psychoanalyse wohl kaum im Sinn, aber ganz sicher die Verführung. Die Verführung, die Kunst auch immer ist, die Verführung, die Psychoanalyse nicht weniger ist. Fritz Morgenthaler hat immer wieder betont, dass die Verführung des Analytikers der des Analysanden voraus gehen würde. Der Analytiker – so könnte man das auch lesen – bietet sich als Objekt an...

... Kleidung, Mode, ist Verführung. ...

... Darauf hat Freud schon in den Drei Abhandlungen hingewiesen. Sie erinnern sich. Darüber hinaus ist Kleidung, Mode, auch Schutz. Schutz – das ist naheliegend – vor äusseren Einflüssen, vor Regen und Schnee, vor Sonne und Hitze. Nicht nur vor äusseren Einflüssen, wie sie durch die Verhältnisse des Wetters gegeben sind, sondern auch vor Eingriffen und Attacken anderer Art. Kleidung kann und soll auch gegen körperliche Angriffe schützen, wie es die verschiedenen Schutzanzüge von Militär und Polizei, von Feuerwehr und Katastrophenschutz tun. ...

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... Diese Schutzanzüge oder Uniformen demonstrieren nicht nur Macht und Stärke, mindestens ebenso sehr verkörpern sie als Rüstungen das defensive Element. Und in Zeiten, in denen der klassische Krieg zunehmend an Bedeutung verliert – auch wenn er in den Bildern und Schlagworten der Medien auf irritierende Art noch wachgehalten werde soll –, kommt diesem Begriff der Rüstung eine ganz neue Bedeutung zu. Es geht heute weniger – vielleicht war das früher gar nicht so anders – um das konkrete Abwehren körperlicher Angriffe, sondern um psychische Verteidigung. Als um die Jahrtausendwende ...

... zu Zeiten der Irakkriege der Military Chic modern wurde, war der Kalte Krieg vorbei. Die Bedeutung von Krieg und Kriegsführung änderte sich in der Folge drastisch. Gab es damals noch stabile Grenzen mit einem klaren und ebenso stabilen Feindbild wurde die Bedrohung zunehmend zu einer stillen, unsichtbaren und unheimlichen Gefahr, die von überall und plötzlich auftauchen und zuschlagen konnte. Ebenfalls Anfang des neuen Jahrtausends brachte BMW seine neuen Modellreihen (vor allem den 5er und 7er) auf den Markt. Betrachtet man das Design dieser Fahrzeuge genauer, erhält man den Eindruck, dass es sich um gepanzerte Fahrzeuge handelte. Sie präsentierten, ...

... nicht immer nur subtil, defensive Stärke. Sie wurden zu Panzern für den Alltag und vermittelten die Illusion, dass einem in ihnen keine Bombe etwas zuleide tun könnte. Dieser Trend brach seither nicht ab. Im Gegenteil, mit den SUVs, die heute immer mehr unsere Strassen dominieren, wird dieses Phänomen ...

... oder Symptom ...

... fortgeführt und auch verstärkt und hat mit dem Hummer ...

... – als ganz konkretem Panzerauto aus dem Irak-Krieg – seinen Höhepunkt erreicht. Diese Mode ist Ausdruck der steten und unheimlichen Bedrohung, die seit dem Ende des Kalten Krieges und mit dem Aufkommen von Terroranschlägen einen neuen Höhepunkt findet. Und genau wie beim Military Chic geht es auch hier um den Ausdruck von Sicherheit ...

... – subtil und verspielt bis hin zur rosa Camouflage in allen Spielarten. Auch damit erweist sich Mode nicht zuletzt als Ausdruck einer gesellschaftlichen und politischen Situation. Und wenn von Beginn an Mode (also das Kleidungstück) aus der Not erwachsen ist sich vor etwas schützen zu müssen, dann hat sich daran nicht viel geändert. Schutz und Abwehr ...

... gehen miteinander einher ... In der analytischen Situation spielt die Abwehr auch eine Rolle, ebenso wie die jeweiligen Spielarten diese zu interpretieren.

Aber auch hier ist die Bedeutung des Schutzes mannigfaltig. Da kann es auch um Gewalt gehen. Aber vor allem kann und soll Kleidung – gerade weil sie nur notdürftige Verhüllung sexuellen Wünschens und Begehrens ist – gegen sexuelles Ansinnen und Anmachen schützen. Das Dezente der Kleidung von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker könnte ebenso ...

... wie die Einrichtung der Praxis – also ihre Abstinenz im Raum, in Kleidung und Verhalten – auch diesem Schutzbedürfnis zu verdanken sein. Dann wäre Kleidung und Mode auch der Versuch, möglichst wenig Angriffsfläche zu geben, sich gegen Angriffe des Anderen zu schützen. Die nicht so seltene Rede davon, dass man sich vor der Aggression der Analysanden und Patienten schützen müsse, ist ja nur ein Teil der Wahrheit, weil man ja weiss, wie sehr die Triebhaftigkeit von Aggression und Sexualität durchaus miteinander verbunden sind.

Aber ...

... – das ist die Frage – geht es dabei wirklich nur um das Begehren des und der Anderen? Das Freud-Zitat, wir wiederholen es hier nochmals: „Die mit der Kultur fortschreitende Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt ...

... sublimiert ...

... werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag“ (Freud, 1905d, SA 5, S. 66), das Freud-Zitat lässt in seiner unpersönlichen grammatikalischen Form offen, ob es sich nur um die Verhüllung der Anderen handelt, die unser ...

... sexuelles Interesse wecken, oder auch darum, dass unsere Verhüllung – unsere Kleidung – das sexuelle Interesse des Anderen, das Begehren des Anderen wecken sollte? Das würde heissen, dass wir uns nicht nur vor dem Begehren der Analysanden, sondern diese auch vor unserem und nicht zuletzt auch uns vor dem unseren schützen würden. Diese Sichtweise würde dem Begriff der Abstinenz mehr entsprechen, bei dem es ja um Enthaltsamkeit geht, ...

... die weniger von den Analysanden als von uns, den Analytikerinnen und Analytikern, gefordert wird. Allerdings ist weder in der Mode, noch in der Analyse – in diesen oszillierenden Feldern des Begehrens wie auch der Abstinenz – so leicht zu orten, um welches Begehren es geht, das sich an wen dann richten würde.

Geht es also wirklich nur um den Schutz von Aussen, gegen all die traumatischen Einwirkungen, denen wir ...

... eben ausgesetzt sind, so wie es die Traumatheorie suggeriert? Kleider machen Leute, aber Leute machen auch Kleider. Und, wie man der Mode entnehmen kann – wie man aber auch der Kunst entnehmen kann, wie man auch der Architektur entnehmen und vielen anderen Bereichen entnehmen kann –, sie machen nicht nur unzählige Kleider, sie machen unendlich neue Entwürfe für Kleider, sie produzieren immer neue und immer andere ...

... Körperbilder. Die Haut, die man sich ja schon in den frühen Bildern der Anatomie als abzieh- und damit auch als anziehbare Hülle vorstellte, ist gar nicht unähnlich zu Freuds Definition des Triebs an der Schnittstelle von Innen und Aussen. Sie ist beides. Über sie kommt das Aussen ins Innen, durch sie stülpt sich das Innen nach Aussen – „Dem muess ma d’Knöpf mal wieder inne tue“ sagen die Schweizer dann gerne. Als ab- und anziehbare ist die Haut nicht immer so sicher, ob sie nun erste oder zweite Haut ist. Die Mode als zweite Haut, liebt es die erste zu sein. ...

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... So sind auch Tätowierungen natürlich Zeichen von Zugehörigkeiten, Einschnitte von Initiationen, darüber hinaus sind sie längstens Teil der Mode geworden, bei denen die erste Haut zur zweiten wird, bei der immer neue und immer noch verrücktere Körperbilder produziert werden. In der Schlussszene des Films Pret à Porter kommen am Ende der Modenschau die Models und auch der Modeschöpfer selbst nackt auf den Laufsteg. Haut und Bekleidung gehen ineinander, Mode ist beides, ist Haut und ist Hülle und das Spiel dieser Verführung, das Spiel – nimmt man Freud ernst – des Triebs. ...

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... Mode ist unersättlich, sie will immer noch mehr. Wenn man mal angefangen hat, kann es passieren, dass man nicht mehr aufhören kann. Dann ist es aus mit der Identität, man verliert sich, man verliert die Kontrolle und den Halt. So sagte ein Patient über seine kriminelle Energie: „Wenn man mal angefangen hat mit dem, von dem man dachte, dass es nie gehen würde, und sieht, dass es geht, dann macht man immer weiter.“ Das ist nicht nur mit der kriminellen Energie so, so ist es auch mit der Lust, so ist es auch mit der Sexualität. Es kann uns immer weiter treiben ...

... und ins All hinaus schiessen. Kohut hat das Beispiel eines amerikanischen Jungen erzählt, der nach Wien zu Verwandten kam, die ein Kaufhaus besassen. An Weihnachten wurde er in das geschlossene Kaufhaus eingeladen und konnte sich alles nehmen, was er wollte. Ein paradiesischer Zustand: Weihnachten als Schlaraffenland, von dem wir träumen. Und so war es auch, der kleine Junge nahm und nahm, bis er Angst bekam und nicht mehr konnte. Es war zu viel geworden, diese Unermesslichkeit, diese Unersättlichkeit. Er musste aufhören, sich schützen nicht vor den anderen, ...

... vor sich selbst und seinen Wünschen.

Auch dem Schneidergesellen bei Gottfried Keller wurde Angst und bange, als er sich plötzlich in einer ganz anderen Welt wiederfand. Mode kann unersättlich und gefährlich werden. Die dezente Zurückhaltung der Analytiker ihr gegenüber, das weitgehende Desinteresse an ihren Erscheinungen und so faszinierenden Produktionen wäre dann nicht nur Schutz vor einem gefährlichen Aussen, sondern auch Schutz vor dem, ...

... was aus dem Innen kommen kann. Es ist von daher auch kein Zufall – da setzt sich die Dezenz fort –, dass der Ödipuskomplex mit seiner Regulation des Triebhaften im Zentrum der psychoanalytischen Theorie und Praxis stand – bis heute. Er ist der Halt ...

... – als symbolische Kastration, als dieser Dritte, der schon so ubiquitär ist, dass er doch der Erste sein müsste –, ...

... der nicht nur gegen die Unersättlichkeit der Mode, von immer neuen Körperbildern aufgebaut ist, er ist auch die Grenze, welcher die Unersättlichkeit begrenzen soll, den analytischen Theoriekörper immer weiter und immer neu zu schreiben. Und dass er dem Jungen und am Mann, an der Kastration – bei Freud wie auch bei Lacan – orientiert ist, ...

... könnte in der Vernachlässigung des Weiblichen vielleicht auch einen Grund für die Abstinenz der Mode gegenüber sein.

Mode als ständige Verwandlung des Körpers, bei dem die Haut nicht von der Hülle zu trennen ist, Mode als ständige Neukonfiguration des Verhältnisses von Innen und Aussen, ist nicht beschränkt auf das, was man Fashion nennt, sie geht – wie diese Tagung zeigen soll – weit darüber hinaus. Und es ist ganz sicher nicht von ungefähr, dass man besonders in der Mathematik und in der Physik von der Schönheit einer Theorie spricht. ...

Absatzpause

... In der kleinen Schrift Vergänglichkeit von 1916 erzählt Freud von „einem Spaziergang durch eine blühende Sommerlandschaft“ – man sieht sie und die hellen, luftigen Kleider bereits vor sich – mit einem „jungen, bereits rühmlich bekannten Dichter“, der wahrscheinlich Rilke war. In „schmerzlichem Weltüberdruss“ konnte dieser die bezaubernde Schönheit, im Wissen, dass sie „dem Vergehen geweiht war“, gar nicht geniessen. Freud als der Ältere ...

... – da haben wir es wieder – ...

... hält dem jungen Mann entgegen: ....

... „Der Vergänglichkeitswert ist ein Seltenheitswert in der Zeit. Die Beschränkung in der Möglichkeit des Genusses erhöht dessen Kostbarkeit. (...) Wenn es eine Blume gibt, welche nur eine einzige Nacht blüht, so erscheint uns ihre Blüte darum nicht minder prächtig. Wie die Schönheit und Vollkommenheit des Kunstwerks und der intellektuellen Leistung durch deren zeitliche Beschränkung entwertet werden sollte, vermochte ich ebensowenig einzusehen.“ (Freud, (1916a), Studienausgabe X, S.225/226) ...

... Ist es nicht so, als ob Freud da über Mode sprechen würde?...

Absatzpause

... Schönheit – so der Freudsche Gedanke – ist an Vergänglichkeit gebunden, Kunst weiss das – denken Sie an Holbein –, Mode praktiziert das. Wenn sie als neue Mode kommt, rümpfen wir die Nase und finden sie hässlich, bis wir sie zu tragen beginnen und von ihr begeistert sind , um sie dann schliesslich als altmodisch auszurangieren und verstauben zu lassen. Die Schönheit der Mode könnte man deshalb ...

... als eine hässliche bezeichnen. Es ist die, die uns abstösst, und die, die von uns weggeschmissen wird. Und sie macht das, was von uns weggeschmissen wird, den Abfall, wieder schön und zum Objekt unseres Begehrens.

Und darin ist sie der Psychoanalyse nicht unähnlich, die ihren Ausgang ja von den Symptomen nimmt, von diesem Abfall, ...


... der nicht richtig beseitigt wurde und nun beseitigt werden soll, ihn aber als Schatz, als Lust versteht, die einem lieb und wertvoll ist, die man mehr will, als man es weiss.

Die Schönheit der Mode ist also nicht die ideale, nicht diese absolute, vor allem nicht die makellose, die – wie Reimut Reiche sagte – das Begehren, die Sexualität, nicht nur bedecken, sondern zudecken und stillstellen kann. Die Schönheit der Psychoanalyse, der psychoanalytischen Theorie und Praxis kann ebenso wenig eine ideale sein. Auch sie muss ...

... hässlich sein und zum Abfall werden können. Die Vergänglichkeit muss sein, der Tod gewagt werden, hat Freud in Zeitgemässes über Krieg und Tod gesagt: Si vis vita, para mortem!

Mode kommt und geht. Und mit ihr – ob wir nun mit ihr gehen oder nicht – werden wir Teil dieses Kommen und Gehen, werden zum Flaneur. Auch wir kommen und gehen, durchaus in diesem Sinn, den Freud da meinte. Mode ist Zeit, ...

... Mode ist die reine Zeit, die reine Form – ganz ohne Inhalt. Das wurde und wird ihr immer wieder vorgeworfen – auch von der Psychoanalyse. Zu Recht vielleicht, ganz sicher auch zu Unrecht. Denn gerade als Zeit, als diese Zeitlichkeit des Kommens und des Gehens, wird sie zum Inhalt, wird sie zu diesen Lebensspielen, eben dem Leben selbst – wie Freud es sagt. ...

Absatzpause


... Die Psychoanalyse sieht sich selbst kaum als Mode. Womit ihr auch die Lust entgehen kann, die diese mit sich bringt. Womit ihr der Genuss entgehen kann daran, dass sie vergänglich ist, dass sie vergehen kann. Dann könnte die Beschäftigung mit der Mode, ...


... mit der hässlichen Mode, mit der Mode als Vergänglichkeit, auch zum Genuss werden, der in den Korsetten, in die sie sich auch immer wieder begibt, auch dringend nötig wird...



... Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit...

Mode hat mich eigentlich immer schon interessiert, hat mir immer auch Spass gemacht. Das Ausgefallene an ihr, ihre Verrücktheiten haben mich immer angezogen und in wilden Zeiten oder ausgefallenen Stimmungen hab ich sie besonders geliebt und auch gekauft, manchmal getragen, manchmal fand ich sie so schön und so kostbar, dass ich sie fast nicht getragen, sie nur aus dem Schrank genommen und bestaunt habe wie aus einer anderen Welt. Sie übertrifft sich immer wieder in den Schnitten, in den Materialien, in ihrer Exzentrizität, die manchmal so weit geht, dass sie Werbung für sich macht, ohne sich selbst zu zeigen. Sich selbst nicht so ernst zu nehmen, sich selbst zu verlieren, kann zum Höhepunkt des Abgehoben-Seins werden...

... Vielleicht, das hab ich mich bei der Vorbereitung auf diese Tagung gefragt, ist das Befassen mit Mode auch schon ein Zeichen, dass man allmählich aus der Mode kommt. Das könnte ja sein – wir wollen es dahingestellt sein lassen. Und vielleicht ist es von daher auch kein Zufall, dass ich mich mit einem jüngeren Kollegen und Freund, der auch eine Affinität zur Mode und zum Versponnenen hat, für diesen Vortrag zusammen getan habe...

... Betrachtet man heutzutage die psychotherapeutische Szene, so bekommt man den Eindruck, dass es sich um einen Basar handelt, auf dem die besten Therapien für diverse mentale Störungen und für alle Krisen in jeder Lebensphase angeboten werden. Aber nicht nur was das therapeutische Angebot betrifft, erst recht wenn es um die entsprechenden Ausbildungen geht, spielen der Markt und auch der Preis eine wesentliche Rolle. Und wenn man genau hinschaut muss man sich wirklich die Frage stellen, wie sehr in Mode es überhaupt noch ist, sich mit Psychoanalyse zu befassen oder sich gar selbst als Psychoanalytiker zu bezeichnen. Oft hört man den Kommentar: das ist doch Altmodisch! Immerhin: auch mit meinen 38 Jahren zähle ich zumindest unter Analytikern noch zur jungen Generation – was der Analyse zum Denken geben könnte. So muss ich in diesem Zusammenhang wirklich zugeben, dass das Altmodische nicht einfach zu leugnen ist, wenn man sich erst mit Beginn des 3. Lebensabschnitts als arrivierter Analytiker bezeichnen darf...

... Psychoanalytiker haben es in der Regel nicht so sehr mit der Mode. Äusseres ist ihnen tendenziell suspekt, es geht um die inneren Werte...

... Wie sehr die Mode allerdings doch mit der Psychoanalyse zu tun hat, hierzu wollen wir heute einen lockeren Entwurf skizzieren. In der inzwischen mehr als 100jährgen Geschichte der Psychoanalyse gab es schon manche Höhen und Tiefen, die Psychoanalyse ist sogar populär geworden – denken Sie an Woody Allen – und es haben sich fast unzählige – würde ich sagen – modische Trends aufgetan. So wie die junge Rap-Combo „Kris Kross“ in den 90er Jahren ihre Hosen einfach umdrehten und verkehrtherum trugen, so kehrte auch Ferenczi mit seiner mutuellen Analyse die Richtungen um. Mutuell und im Dialog wollen wir uns nun an das Tenu Psychoanalyse und deren verschiedene Schnitte heranwagen. Mode ist eben mehr, als nur etwas anders machen. Ohne das Altmodische gibt es keinen neuen Trend, und wenn man etwas Neues machen will, muss man sich mit dem Altmodischen befassen. Vielleicht habe ich mich darum entschlossen, mich mit der Psychoanalyse zu befassen, denn sie ist Mode und wird auch immer in Mode bleiben...

... Schon in den Studien zur Hysterie hat Freud 1895 im Kapitel Zur Psychotherapie der Hysterie betont, dass man in der analytischen Arbeit von der Oberfläche, der Peripherie ausgehen müsse, und hat damit schon damals einer Tiiiieeefenpsychologie eine Absage erteilt. In diesem Text findet sich bereits ...

... die bemerkenswerte Aussage, dass die pathogene psychische Gruppe „sich nicht sauber aus dem Ich herausschälen (lässt), ihre äusseren Schichten gehen allseitig in Anteile des normalen Ich über, gehören letzterem eigentlich ebensosehr an, wie der pathogenen Organisation“ (Freud, 1895d, SA Erg., S. 83). Pathogene Strukturen und Ich-Strukturen sind nicht einfach voneinander getrennt, ...

... so wenig wie das Innen und das Aussen. Viel später heisst es dem ganz entsprechend in Das Ich und das Es: „Dieses Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche“ (Freud, 1923b, SA 3, S. 294). Physisches und Psychisches gehen ebenso wie Innen und Aussen ineinander über und auseinander hervor...

... Und Andy Warhol, der grosse Pop-Art-Künstler, der mit den Moden spielte, hat nicht geruht zu sagen: „Es gibt nur die Oberfläche und nichts dahinter.“...

... Indirekt unser Thema umspielend – Mode selbst dürfte ihn nicht sehr interessiert haben – schreibt Freud in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie im Kapitel über die Abweichungen in Bezug auf das Sexualziel: „Die mit der Kultur fortschreitende ...

... Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt (sublimiert) werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag“ (Freud, 1905d, SA 5, S. 66). Verhüllung des Körpers ist also Sexualität und umgekehrt Sexualität auch Verhüllung des Körpers. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen...

... Nichtsdestotrotz sind ...

... – heute vielleicht immer noch mehr – Veränderungen der Einzelnen an ihrem Äusseren schnell im Verdacht, ein falsches Selbst konstruieren zu wollen – was eigentlich die Frage aufwerfen würde, was und wie denn ein wahres Selbst eigentlich sein sollte. Vor allem sind Veränderungen am Körper sehr heikel. Sie werden sehr schnell als ...

... Agieren unbewusster Konflikte pathologisiert, als illusionärer Versuch einer narzisstischen Selbsterschaffung gesehen. Dann geht es nämlich darum, die Urszene zu revidieren. So heisst es zum Beispiel bei Brigitte Ziob: „Damit wird die Phantasie erzeugt: ‚Ich erschaffe mich selbst’, ...
... und zwar nach meinen Vorstellungen von einem Ich-Ideal und dessen Beeinflussung durch kollektive Idealvorstellungen.“ (Ziob, 2007, S.127) ...

... Christa Rohde-Dachser geht da noch einen Schritt weiter, wenn sie im Hinblick auf Schönheitsoperationen meint, dass bei solchen Eingriffen und Veränderungen der Mangel, der ja nach Lacan das Begehren an- und immer weiter treibt und seine letzte Erfüllung auch verunmöglicht, nicht mehr beachtet wird. ...

...Deshalb dienen „schönheitschirurgisch unterstütze Körperinszenierungen (...) dann nicht mehr nur der Verschönerung, sondern sind Stationen auf einem Weg, dessen phantasmatisches Ziel die Verschmelzung mit dem Realen ist.“ (Rohde-Dachser, 2007, S.113) Da wird dem guten Lacan doch ziemlich Gewalt angetan, wenn das Begehren, als Streben nach Wunscherfüllung, als Versuch gedeutet wird, mit dem Realen zu verschmelzen...

... Statt den Körper zu verändern, ...

... soll sich das Ich entwickeln. Statt sich äusserlich zu verändern, soll man sich innerlich grösser und schöner machen. Statt Body-Building im Fitness-Studio wird ein Body-Building der Psyche natürlich in der Analyse proklamiert. Der Pathologisierung des Körpers steht eine Hypertrophierung und nicht zuletzt Sexualisierung der Psyche gegenüber...

... Trotz seiner Skepsis gegenüber den Chancen der Kulturentwicklung zeigt sich Freud den Veränderungen und sogar dem Umbau des Körpers im Unbehagen in der Kultur weitaus ...

... weniger ablehnend und verurteilend als die heutige Psychoanalyse. Es heisst dort: „Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung aller – nein, der meisten – Märchenwünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt hat (...) All diesen Besitz darf er als Kulturerwerb ansprechen. Er hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in seinen Göttern verkörperte. (...) Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ...

... ist beinahe selbst ein Gott geworden. Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen, in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen ein Prothesengott geworden, recht grossartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.“ (Freud 1930a, S.222) ...

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... Schon beinahe heiter klingt hier die Hoffnung an, dass die Prothesen besser mit dem Körper verwachsen und dem Menschen weniger zu schaffen machen könnten. So sehr Veränderung des Subjekts auch für Freud als innere Veränderung verstanden wird, so wenig sind die Entwicklungen der Zeit vom Subjekt und seiner Struktur zu trennen. Im Gegenteil, das Subjekt scheint sich durch sie durchaus zu komplettieren und seinen Wünschen auch näher zu kommen...

... Heutzutage ist ein Leben ohne Tools zum Optimieren des eigenen Lifestyles nicht mehr denkbar. Handys und Uhren nehmen ...

... unsere sämtlichen Biodaten auf, berechnen damit unsere aktuelle Fitness und Gesundheit ...

... und empfehlen daraufhin wie viel wir uns am Tag bewegen, ...

... was wir essen ...

... und wie lange wir schlafen sollten, ...

... wie wir unsere Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern, ...

... uns am besten von A nach B bewegen und passend zu unseren Bedürfnissen und stets neu berechneten Profilen ...

... – die natürlich in sämtlichen (himmelsnahen) Clouds gespeichert sind – ...

... wie wir die optimalen Gadgets dazu bekommen. ...

... Der Gotteswerdung sind bald keine Grenzen mehr gesetzt. Die Hardware verbindet sich zunehmend mit der Software, die Prothese „Hardware“ ist bald gar nicht mehr von Relevanz. Eingebaute Micro-Chips und Nano-Implantate, mit der wir unser Leben täglich verbessern ...

... – oder vielleicht auch nicht –, sind keine Realitäten einer fernen Zukunft mehr, sondern werden sehr bald ganz in Mode sein und zu modischen Accessoires werden. Was Freud schon damals antizipierte, wird bestätigt - und der Trend geht weiter...

... Und natürlich ist Mode auch eine solche Idealbildung. Sich vom Hergebrachten abzugrenzen und so als besonders und als anders sichtbar zu werden, hebt heraus, hebt empor ...

... – und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Modetempel, wie es Rudolf Heinz so schön zeigte, mit Rolltreppen bestückt sind, die uns auf beinahe schon engelhafte weise ganz unbeschwert emporheben – ...

... ist immer auch wesentlicher Teil von Mode. Man wird gesehen und angehimmelt, alsbald kopiert, den Göttern gleich...

... Auch wenn es weiter geht, so ist nicht immer klar, wie das geschieht. Die Psychoanalyse ist im Laufe ihrer ...

... mehr als hundertjährigen Geschichte nicht monolithisch unverändert geblieben, sondern hat sich – alles andere als linear – entwickelt. Ihre Geschichte ist eine von Spaltungen und Abweichungen, von denen es nicht immer so ganz klar und nachvollziehbar ist, weshalb es zu ihnen gekommen ist...

... vielleicht wären sie als Moden zu verstehen. Existiert Mode nämlich nicht in der Wahrnehmung sich ändernder Positionen, sich wandelnder Formen, so dass bestehende Werte und...

... Traditionen in Frage gestellt werden, Anklang und Anhänger finden? Damit kann Mode immer auch zur Gefahr werden, was bereits Freud wusste und die Psychoanalyse als Theorie und Praxis nur zu gut weiss. ...

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... Auch Zürich hat vor nun schon beinahe 40 Jahren eine solche Spaltung erlebt. Das Psychoanalytische Seminar Zürich vollzog die Trennung von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse, nachdem sein Teilnehmerkollektiv aus den von ihr zum Zwecke der Ausbildung angemieteten Räumen ausgeschlossen wurde. Fritz Meerwein, der damals Präsident der SGP gewesen ist, stellt in einem Text, in dem er die Geschehnisse reflektiert, folgende These auf: "Ich glaube, dass uns die Betrachtung unserer 60 jährigen Geschichte lehren kann, dass Krisen und Spaltungen psychoanalytischer Gesellschaften einen Index dafür abgeben können, dass der jeweilige Stand psychoanalytischer Theorie, Technik und Institutionalisierung defizitär geworden d.h. hinter dem Wandel menschlichen Selbstverständnisses und soziokultureller Gegebenheiten zurückgeblieben ist und dass es dann zur Spaltung als Lösung einer Krise kommen muss, wenn das bestehende Theoriedefizit und die Insuffizienz der Institution als solche nicht anerkannt und innert nützlicher Frist aufgehoben werden können" (Meerwein, 1979, S. 26f) ...

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... Inwiefern die Insuffizienz einer Institution – in nützlicher Frist oder nicht – aufgehoben werden kann, ist eine andere Frage. Aber vielleicht – dies ein ketzerischer Gedanke – kam und kommt es zu solchen Spaltungen, weil der Aspekt von Mode und Moden gerade in der Psychoanalyse vernachlässigt und verpönt ist. Dann werden Neuausrichtungen der Theorie und Entwicklungen in der Technik sehr schnell zu unerschütterlichen Wahrheiten, die ein Bekenntnis verlangen und nicht mehr als Spielarten einer Art zu denken verstanden werden, die bestimmte Aspekte ins Zentrum stellen, inszenieren und anders gewichten. Robert Pfaller – im Übrigen der erste Preisträger von The Missing Link – hat in seinem Buch Die Illusionen der Anderen darauf hingewiesen, dass anders als Bekenntnisse es Einbildungen und Aberglauben erlauben, sich einem Denken und seiner Lust hinzugeben, das sich vom herrschenden Trend unterscheidet. ...

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... Ohne die markanten Unterscheide leugnen oder bestreiten zu wollen, so geht es bei solchen Fragen wie Freud oder Jung, wie Melanie Klein oder Anna Freud, ja vielleicht sogar wie Psychoanalyse und Verhaltenstherapie auch um Bekenntnisse. Und diese – wie auch das Einfordern von ihnen – sind meist schon Zeichen der Angst vor einem Untergang, den man sonst nicht mehr abwehren zu können glaubt. Die Situation der Psychoanalyse im Deutschland des Dritten Reichs hat das gezeigt...

Ist also die in Amerika entstandene Ich-Psychologie, der es in der Tat um die Möglichkeit der Anpassung des Einzelnen in der Gesellschaft, in der Kultur ging, dann ...

... wirklich so grundsätzlich verschieden von der in Wien und in Europa entwickelten Triebtheorie, die eher vom Gegensatz zwischen Trieb und Gesellschaft ausgegangen ist? Und war beispielsweise Kurt Eisslers „Standardtechnik“ wirklich der Versuch einer reaktionären Kodifizierung der psychoanalytischen Technik angesichts des Widening Scopes und nicht auch das Bemühen gerade angesichts dieser Ausweitung der Psychoanalyse auf andere Störungen die Wichtigkeit der Deutung und damit der Bedeutung für die Psychoanalyse hervorzuheben und diese so den verschiedensten Verhältnissen und Settings anzupassen? ...

... Das Setting als Spielart von Psychoanalyse zu verstehen,...

... als immer wieder andere Praxis psychoanalytischen Denkens würde die Möglichkeiten der Psychoanalyse erweitern...

... Wie ernst also muss sich und soll sich die Psychoanalyse – ihre Methode, ihre Theoreme, ihre Technik – dann nehmen? In ihrem klinischen Verständnis geht es doch um höhere Werte: um Gesundheit, um Arbeits- und Liebesfähigkeit, und manchmal um eine Normalität, mit der Woody Allens Stadt- oder Normalneurotiker längstens nicht mehr mithalten könnten. Zudem hat man Missstände ...

... und Missbräuche entdeckt, an denen man ablesen kann, was bei fehlender Ernsthaftigkeit alles passieren kann, dass es gefährlich für die Patienten und bedrohlich für die Existenz der Psychoanalyse werden kann, wenn man sie spielerisch, mit Humor und selbstironisch zu betreiben können glaubt. Dem muss doch – so ein breiter Tenor – Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Kontrolle der Standards entgegengesetzt werden. Die verschiedenen psychoanalytischen Richtungen ...

... und Schulen wären dann keine Spielarten mehr, sondern Ausdruck eines sich ständig vertiefenden Wissens, immer noch besserer Erkenntnis ihres Gegenstandes – wissenschaftlich legitimiert und fundiert. Als Kunst konnte sie eine Zeitlang gerade noch durchgehen, aber mit der Mode will sie nichts zu tun haben und als Mode kann sie sich ganz und gar nicht sehen und verstehen. ...

... Und wie ein guter Freund von mir – ob zurecht soll mal dahin gestellt bleiben – mal behauptete: Mode ist die dumme, kleine Schwester der Kunst. ...

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... Denn Mode hat stets etwas Banales, Alltägliches und Oberflächliches. Mode ist spontan, naiv und verspielt. Sie überholt sich selbst, macht Purzelbäume und kann über sich lachen. Bei all ihren Wechseln und Sprüngen stellt sie aber auch Bindungen her und ...

... stiftet Identitäten. Kleider machen Leute. Das wusste schon Gottfried Keller, das sehen wir im tagaus tagein...
... Hippies, Punks, ...

... Goths, Popper,...

...Raver, Hip-Hoper, ...

... Rocker, Hools, ...

... Skins, Metaler, ...

...Emos, Skater ...

... und Cosplayer, ...

... um nur einige zu nennen, ziehen sich ja nicht nur schön an, sie zeigen vor allem auch, dass sie dazu gehören, dass sie Teil von etwas Grösserem, Teil einer Gruppe sind. Kleider machen Leute, ...

... Mode schafft Identität. Das ist in der Psychoanalyse nicht anders. In London gab es nicht nur – säuberlich und manchmal sehr heftig getrennt – Kleinianer und Anhänger Anna Freuds, es gab dazu noch eine middle-group. Lacanianer können sich sehr wesentlich von Freudianern unterscheiden. Sie haben nicht nur die Sprache, sie benutzen auch eine andere, eine eigene. ...

... Aber auch da dürfte es wahrscheinlich mehr als eine Middle group geben...

... Lacan selbst hat sich in diesem Spiel der Identitäten immer wieder als Verräter inszeniert. Nicht nur von der orthodoxen Psychoanalyse, aus der man ihn ausgeschlossen hatte, sondern auch an den von ihm selbst gegründeten Schulen. Damit hat er paradoxerweise erst recht auf das Moment der Dazugehörigkeit verwiesen, das von Schulen und Richtungen auch in der Psychoanalyse immer wieder gestiftet wird. ...

... Die Identität des Psychoanalytikers ist ein Thema, das nicht nur heute immer wieder untersucht und diskutiert wird, sondern auch damals bei der Spaltung in Zürich an vorderster Stelle stand...

... Der Verrat – wen wundert’s – wird auch in der Mode ständig gefeiert. Zum Beispiel von Oliviero Toscani, dem Fotografen und Künstler, der die Benneton-Werbung lange Zeit entworfen hat. Er zeigte nicht nur Kussszenen zwischen dem Papst Benedikt und ...

... einem Imam, er inszenierte auch eine Kampagne gegen die Todesstrafe, zeigte einen an AIDS Sterbenden und auch das blutige Hemd mit Einschussloch eines in Bosnien gefallenen Soldaten. Mit dem magersüchtigen Model Isabelle Caro rückte er die hässliche Seite der Mode und der Schönheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Verräter besten Stils, könnte man sagen...

... Mode ist immer auch Verrat, so wie die Moderne ...

... ständiger Abbruch der Tradition. In dieser Tradition steht auch Freud. Nicht nur deshalb, weil das Motiv des Verrats ihn durchgehend – z.B. im Moses des Michelangelo – beschäftigt hat, nicht zuletzt durch seinen Hinweis darauf, wie sehr das Unbewusste das Bewusstsein und auch uns verrät. Nicht nur in den Fehlleistungen, sondern in all unseren Symptomen und kulturellen Produktionen und Leistungen. ...

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... Psychoanalyse und Mode ist auch die Frage, was tragen Psychoanalytiker bei der Arbeit? Ganz klar, nicht alle sehen aus wie Freud, aber denkt man nicht zwangsläufig an sein Äusseres, wenn man sich vorstellt zum Analytiker zu gehen und ist man dann – je nachdem – entsetzt oder enttäuscht, wenn es stimmt oder eben auch nicht?...

... Brille, dezenter Herrenanzug vom guten Schneider – das war sicher lange Zeit state of the art. Heute ist das sicher anders – ganz so ohne Erfolg war die Mode bei den Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen wohl doch nicht...

... Der Hang zum Dezenten ist ganz sicher geblieben, Analytikerinnen und Analytiker dürften selten durch besondere Exzentrik auffallen. Melanie Klein war da wohl ...

... – auch vom Temperament her – eine Ausnahme, in der Regel dürfte es keine allzu grossen Schwierigkeiten machen bei Anlässen der Psychoanalyse diejenigen auszumachen, die dazu gehören. Eine gewisse Uniformität in Bezug auf die Kleidung zu konstatieren, wäre möglicherweise nicht ganz abwegig. Damit dürften Analytiker auch nicht alleine sein, womit man es belassen könnte. Es kann ja nicht darum gehen, dass sie den Pfau machen sollten, so wie es die Künstlerin Rebecca Horn einmal vorgeführt hat. ...

... Wunderschön, das muss man schon sagen. Sie hatte Psychoanalyse wohl kaum im Sinn, aber ganz sicher die Verführung. Die Verführung, die Kunst auch immer ist, die Verführung, die Psychoanalyse nicht weniger ist. Fritz Morgenthaler hat immer wieder betont, dass die Verführung des Analytikers der des Analysanden voraus gehen würde. Der Analytiker – so könnte man das auch lesen – bietet sich als Objekt an...

... Kleidung, Mode, ist Verführung. ...

... Darauf hat Freud schon in den Drei Abhandlungen hingewiesen. Sie erinnern sich. Darüber hinaus ist Kleidung, Mode, auch Schutz. Schutz – das ist naheliegend – vor äusseren Einflüssen, vor Regen und Schnee, vor Sonne und Hitze. Nicht nur vor äusseren Einflüssen, wie sie durch die Verhältnisse des Wetters gegeben sind, sondern auch vor Eingriffen und Attacken anderer Art. Kleidung kann und soll auch gegen körperliche Angriffe schützen, wie es die verschiedenen Schutzanzüge von Militär und Polizei, von Feuerwehr und Katastrophenschutz tun. ...

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... Diese Schutzanzüge oder Uniformen demonstrieren nicht nur Macht und Stärke, mindestens ebenso sehr verkörpern sie als Rüstungen das defensive Element. Und in Zeiten, in denen der klassische Krieg zunehmend an Bedeutung verliert – auch wenn er in den Bildern und Schlagworten der Medien auf irritierende Art noch wachgehalten werde soll –, kommt diesem Begriff der Rüstung eine ganz neue Bedeutung zu. Es geht heute weniger – vielleicht war das früher gar nicht so anders – um das konkrete Abwehren körperlicher Angriffe, sondern um psychische Verteidigung. Als um die Jahrtausendwende ...

... zu Zeiten der Irakkriege der Military Chic modern wurde, war der Kalte Krieg vorbei. Die Bedeutung von Krieg und Kriegsführung änderte sich in der Folge drastisch. Gab es damals noch stabile Grenzen mit einem klaren und ebenso stabilen Feindbild wurde die Bedrohung zunehmend zu einer stillen, unsichtbaren und unheimlichen Gefahr, die von überall und plötzlich auftauchen und zuschlagen konnte. Ebenfalls Anfang des neuen Jahrtausends brachte BMW seine neuen Modellreihen (vor allem den 5er und 7er) auf den Markt. Betrachtet man das Design dieser Fahrzeuge genauer, erhält man den Eindruck, dass es sich um gepanzerte Fahrzeuge handelte. Sie präsentierten, ...

... nicht immer nur subtil, defensive Stärke. Sie wurden zu Panzern für den Alltag und vermittelten die Illusion, dass einem in ihnen keine Bombe etwas zuleide tun könnte. Dieser Trend brach seither nicht ab. Im Gegenteil, mit den SUVs, die heute immer mehr unsere Strassen dominieren, wird dieses Phänomen ...

... oder Symptom ...

... fortgeführt und auch verstärkt und hat mit dem Hummer ...

... – als ganz konkretem Panzerauto aus dem Irak-Krieg – seinen Höhepunkt erreicht. Diese Mode ist Ausdruck der steten und unheimlichen Bedrohung, die seit dem Ende des Kalten Krieges und mit dem Aufkommen von Terroranschlägen einen neuen Höhepunkt findet. Und genau wie beim Military Chic geht es auch hier um den Ausdruck von Sicherheit ...

... – subtil und verspielt bis hin zur rosa Camouflage in allen Spielarten. Auch damit erweist sich Mode nicht zuletzt als Ausdruck einer gesellschaftlichen und politischen Situation. Und wenn von Beginn an Mode (also das Kleidungstück) aus der Not erwachsen ist sich vor etwas schützen zu müssen, dann hat sich daran nicht viel geändert. Schutz und Abwehr ...

... gehen miteinander einher ... In der analytischen Situation spielt die Abwehr auch eine Rolle, ebenso wie die jeweiligen Spielarten diese zu interpretieren.

Aber auch hier ist die Bedeutung des Schutzes mannigfaltig. Da kann es auch um Gewalt gehen. Aber vor allem kann und soll Kleidung – gerade weil sie nur notdürftige Verhüllung sexuellen Wünschens und Begehrens ist – gegen sexuelles Ansinnen und Anmachen schützen. Das Dezente der Kleidung von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker könnte ebenso ...

... wie die Einrichtung der Praxis – also ihre Abstinenz im Raum, in Kleidung und Verhalten – auch diesem Schutzbedürfnis zu verdanken sein. Dann wäre Kleidung und Mode auch der Versuch, möglichst wenig Angriffsfläche zu geben, sich gegen Angriffe des Anderen zu schützen. Die nicht so seltene Rede davon, dass man sich vor der Aggression der Analysanden und Patienten schützen müsse, ist ja nur ein Teil der Wahrheit, weil man ja weiss, wie sehr die Triebhaftigkeit von Aggression und Sexualität durchaus miteinander verbunden sind.

Aber ...

... – das ist die Frage – geht es dabei wirklich nur um das Begehren des und der Anderen? Das Freud-Zitat, wir wiederholen es hier nochmals: „Die mit der Kultur fortschreitende Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt ...

... sublimiert ...

... werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag“ (Freud, 1905d, SA 5, S. 66), das Freud-Zitat lässt in seiner unpersönlichen grammatikalischen Form offen, ob es sich nur um die Verhüllung der Anderen handelt, die unser ...

... sexuelles Interesse wecken, oder auch darum, dass unsere Verhüllung – unsere Kleidung – das sexuelle Interesse des Anderen, das Begehren des Anderen wecken sollte? Das würde heissen, dass wir uns nicht nur vor dem Begehren der Analysanden, sondern diese auch vor unserem und nicht zuletzt auch uns vor dem unseren schützen würden. Diese Sichtweise würde dem Begriff der Abstinenz mehr entsprechen, bei dem es ja um Enthaltsamkeit geht, ...

... die weniger von den Analysanden als von uns, den Analytikerinnen und Analytikern, gefordert wird. Allerdings ist weder in der Mode, noch in der Analyse – in diesen oszillierenden Feldern des Begehrens wie auch der Abstinenz – so leicht zu orten, um welches Begehren es geht, das sich an wen dann richten würde.

Geht es also wirklich nur um den Schutz von Aussen, gegen all die traumatischen Einwirkungen, denen wir ...

... eben ausgesetzt sind, so wie es die Traumatheorie suggeriert? Kleider machen Leute, aber Leute machen auch Kleider. Und, wie man der Mode entnehmen kann – wie man aber auch der Kunst entnehmen kann, wie man auch der Architektur entnehmen und vielen anderen Bereichen entnehmen kann –, sie ma

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