Mode und Moden

Einführung zur Tagung "Mode und Moden" am 20./21. November 2015 anlässlich der Preisverleihung von "The Missing Link" im Kunstraum Walcheturm, Zürich

20. November 2015

Moden kennt man vor allem aus der Mode, wo sie bisweilen als exzentrisches Gehabe belächelt, mit ihren wegweisenden Entwürfen und künstlerischen Kreationen aber auch gefeiert werden. Mode ist anziehend, zieht aber auch aus. Sie ist Erotik, Haut und Sexualität, Verheissung und natürlich Geschäft. Mode ist aber nicht nur Fashion, sondern Teil aller Lebensbereiche. Als Unterhaltung wird sie mit ihrer Buntheit und Frechheit, in ihrer Jugend auch geschätzt und gefragt, ernsthafte Beschäftigung scheint demgegenüber eher auf dauernde und höhere Werte zu setzen. Sind Moden in Wissenschaft und Philosophie, in Wissenschaft und Kunst, in Ökonomie und Psychoanalyse nur kurzfristige Trends, die wie Strohfeuer vergehen, oder sind sie Innovationen ohne die überdauernde kulturelle Beschäftigung und Auseinandersetzung gar nicht möglich ist? Mit anderen Worten: Ist Vergessen nötig, um Erinnern zu können? Diesen Fragen wird die Tagung mit Beiträgen und Produktionen aus den unterschiedlichsten Bereichen nachgehen.

Die Welle und die Wellen auf der Website sind natürlich kein Zufall. Sie haben mit der Mode zu tun. Mode geht nicht, Mode gibt es nicht ohne Moden. Moden kommen und gehen – wie die Wellen. Wellen tragen sich weiter, Wellen breiten sich aus. Von Wellen wird man getragen, von Wellen wird man durcheinander gewirbelt und muss sich wieder finden, von Wellen kann man in Abgründe gerissen und in höchst verführerische Höhen gehoben werden.

Kleider machen Leute, das war nicht nur der Titel der berühmten Novelle des Schweizers Gottfried Keller, das ist auch das Motto, dem die Mode bis heute gefolgt ist. Sie hat mit ihren Kreationen Geschichten geschrieben und Geschichten gemacht, die man sich anziehen konnte, ganz so wie es der Schneider bei Gottfried Keller vorführte. Da wird Mode zum Stoff, aus dem die Welt gemacht ist. Es sind solche Stoffe, von denen Louise Bourgeois mit ihren Spinnen und deren Netzen ohne Ende erzählt, es sind die Stoffe, von denen Egemen Savaskan erzählen wird, es sind jene Texte und Texturen der Literatur ohne Faden, von denen Helmut Dworschak sprechen wird.

Martin Leuthold hat ein Treffen mit uns im Vorfeld zu dieser Tagung mit der markanten Aussage begonnen: „In der Mode spricht man nicht. Da muss man immer etwas in der Tasche haben, das man zeigen kann.“ Damit hat er – wahrscheinlich auch etwas ungewollt – die psychoanalytische These auf den Punkt gebracht, dass es beim Zeigen durchaus um das gehen kann, was man in der Hosentasche hat. Womit natürlich – was bei der Mode, aber nicht nur der der Fashion, auch nicht fehlen darf – die Frage des Geschlechts ins Spiel kommt, was auch das Thema von Mike Lauffenberg morgen sein wird.

Vor allem war dieser Satz nur der Auftakt von endlosen Geschichten, die er anhob über die Stoffe, die er macht, über die Mode und ihre Stories, zu erzählen. Und er hat viel zu erzählen, das kann ich Ihnen schon verraten.

Aber Kleider machen nicht nur Leute, sondern Leute machen auch Kleider. Das wird uns Nico Vetsch als ganz konkrete Praxis des Modemachens vorführen. Das ist aber auch gemeint, wenn erst vor kurzem – natürlich genau richtig zur Zeit der grossen Modeschauen in Paris, Mailand, New York und London – eine niederländische Trendforscherin das Ende der Mode ausgerufen hat. Das war perfekt. Und meinte natürlich vor allem eines: dass es nicht mehr die Mode gibt, dass es vielmehr viele Moden gibt. Es gibt nicht mehr die einzelnen Saisons, Frühling/Sommer, Herbst/Winter, es gibt nicht mehr die grossen Stile, die dann die Garderoben prägen, vielmehr gibt es viele Saisons und zudem kommt die Mode nicht mehr allein vom Reissbrett auf die Strasse, sondern die Strasse geht in die Mode ein, die Strasse macht die Mode. Die Wellen breiten sich aus.

Geschichten spielen eine so grosse Rolle, dass Mode-Werbung immer weniger die Kleider zeigt, sondern Szenen und Stimmungen ausbreitet, in die man sich legen, in die man sich versetzen, in die man eintauchen kann. Und diese Bilder sind die Kleider und diese Kleider eben auch Bilder.

Mode schlägt nicht nur Wellen, Mode macht auch Falten. Falten so unterschiedlich wie die Wellen. Grosse und kleine, enge und weite, einhüllende und enthüllende, mit den Falten kommentiert sich die Mode, zeigt sich die Mode also gleichsam auch immer wieder selbst. Die Falten sind die Moden und die Moden sind immer wieder neue Falten. Der französische Psychiater Gaëtan Gatian de Clérambault betrieb jahrelang seine Studien über das drapierte Gewand gleichzeitig zu seinen Forschungen über die paranoiden Psychosen und den ‚mentalen Automatismus’. Ihn interessiert die „Gesetzmässigkeit, nach welcher dasselbe Material auf verschiedene Art und Weise benutzt wird.“ (Petrescu, 2013, S. 159) Dabei geht es um delirant delirierende Konstruktionen, um eine Produktion der Form und vor allem der Formen in ihrer Verschiedenartigkeit durch einen Automatismus, der eben nicht dem vernünftigen oder leidenschaftlichen Denken des jeweiligen Subjekts entspringt, sondern umgekehrt dieses ergreift und ihm so auch einen besonderen Genuss, eine jouissance, schenkt.

Ist es also so, wie es immer wieder behauptet – und ihr auch vorgeworfen wird –, dass Mode Form ohne Inhalt ist? Und was würde das heissen? Wie verdächtig wird sie dadurch? Dazu wird Bettina Köhler unter anderem sprechen.

Vielleicht ist es mit den Falten und Faltungen – auf die Deleuze wie auch Lacan zurückgegriffen haben –, wie mit der Welle, die ja vor allem eines zeigt: dass diese Welle ständig Neues generiert, dass sie sich verformt, dass sie erhöht und vertieft, dabei auch Untiefen produziert, dass sie schneller und langsamer wird, dass sie im Fluss ist ebenso wie sie stocken kann. Die Welle ist nicht nur Kunst, die Welle – so verstanden – ist Wissenschaft, ist Trieb, ist Produktion, ist Mode. Mode, die es nur deshalb gibt, weil es Moden gibt. So wie es die Welle nur gibt, weil es Wellen gibt. In ihrer Verschiedenartigkeit.

Abstraktion ist das, was diese Betonung der Form, das, was diese Welle eigentlich meint. Sie ist die Form, die sich wandelt, die eben nicht Inhalt ist, die gleichzeitig aber Inhalt macht, Inhalt in dieser Vielfältigkeit, wie sie sich aus dem Spiel der Gedanken eben ergibt. So hat Hans-Jörg Rheinberger gezeigt, wie das Experiment als Struktur und als System, die untersuchten Gegenstände nicht nur prägt, sondern sie auch schafft. Und wenn Freud für die Darstellung des psychischen Apparats und Lacan für die der Borromäischen Knoten eben nicht nur Sprache, sondern auch die Zeichnung mit immer neuen Varianten wählten –und damit die Bewegung und den Schwung des Strichs und der Linie –, verweisen sie darauf, dass diese Strukturen und Knoten sich wandeln und sich im Spiel der Verformungen auch immer mehr lockern. So sind gerade die Lacanschen Knoten eben nicht einfach verschweisst, verzahnt und so streng miteinander verbunden, dass sie nicht auseinander fallen können. Sie lockern sich und können auseinander fallen, auch wenn sie es in der Regel nicht tut. In der Regel. Was ja nichts anderes heisst als das, dass es passieren kann.

Woran sich die Frage anschliessen könnte, ob diese Form und diese Verformungen, diese Figurationen nicht das sind, was Inhalt eigentlich ausmacht. Wäre Inhalt dann nicht das, was sich in diesen Verformungen, was sich in diesen Wellen, in ihren Wirbeln, in ihren Verfestigungen und Verwerfungen immer wieder ergibt und produziert?

Wenn es also heisst, dass die Mode nur Form ist und keinen Inhalt hat, dann kann das ja durchaus stimmen. Aber nur dann, wenn damit nicht eine – und durchaus abwertend gemeinte – Besonderheit bezeichnet wird, die nur für dieses Genre gelten würde. Es stimmt nur dann, wenn man gleichzeitig anerkennt, dass die Mode damit nicht allein ist. Dass sie etwas vorführt, diese Welle, was für viele – eigentlich alle – anderen Bereiche eben auch gilt. Dass dieser Inhalt etwas ist, das nicht von vornherein gegeben ist, sondern sich in diesen Ver- und Umformungen zeigt und ergibt.

Das ist das Thema dieser Tagung, meine Damen und Herren. Und würde auch dem entsprechen, was psychoanalytisch Trieb ist und Trieb meint. Auch er ist ja nicht einfach Inhalt – so sehr und so gerne er darauf festgelegt wird – er ist vor allem ein Prozess ständiger Umformung, in der Inhalte geschaffen werden. In den Drei Abhandlungen heisst es dazu sehr schön: „ Die einfachste und nächstliegende Annahme über die Natur der Triebe wäre, dass sie an sich keine Qualität besitzen, sondern nur als Mass von Arbeitsanforderung für das Seelenleben in Betracht kommen.“ (Freud, 1905d, S. 76) Sie zeigen sich an der Oberfläche und sind doch Manifestationen des Unbewussten. Dieses Verhältnis von Oberfläche und Unbewusstem wird gleich anschliessend Thema von Daniel Binswanger sein. Ganz ähnlich wie beim Trieb ist Mode Form, die nicht einfach Körper ist, aber ohne Körper nichts ist, nur mit Körpern ist, vor allem auch Körper macht und diese ständig weiter produziert.

Mode wird gezeigt und will gesehen werden. Mode ist Exhibition, Mode ist Show. Etwas davon wird uns Jasmin Ihrac nicht nur in ihrem Vortrag über den New Yorker Tanz Voguing erzählen, sondern zusammen mit Dominque Rosales auch als Performance vorführen.

Und wie hat es die Psychoanalyse mit der Mode? Wie hat sie es mit dem Zeigen, wie inszeniert sie sich selbst?

Das psychoanalytische Setting der Couch ist eines, bei dem sich der Analytiker nicht zeigt. Ob das auch einen Hinweis auf seine modischen Vorlieben geben könnte, wäre keine schlechte Frage, wozu Husam Suliman und ich noch etwas sagen werden. Gleichzeitig ist er der Analytiker, der schaut, zumindest schauen kann. Was sagt man, wenn der Analysand sich auf der Couch umdreht, um den Analytiker anzuschauen, um zu sehen, was der macht? Wie ist das, wenn man schaut, ohne sich zu zeigen? Wie ist es mit dem Schauen, wenn man sich das Zeigen verbietet? Was für Verhältnisse ergeben sich aus solchen Konstellationen? Gibt es dann keine Moden in der Psychoanalyse? Gibt es dann keine Moden in diesem Setting?

Schon die ersten Entwicklungen der psychoanalytischen Technik – ihre ersten Wellen könnte man auch sagen – waren Umwandlungen und Umformungen. Die Hypnose als Technik, die Freud bei Charcot in Paris studiert hatte, wurde aufgegeben, nachdem klar wurde, dass sie Wellen schlug und libidinöse Bindungen produzierte, die aus dem Ruder zu laufen drohten. Anna O., die Patientin von Josef Breuer, dem Mentor und Mitarbeiter Freuds bei den Studien zur Hysterie, entwickelte eine Scheinschwangerschaft und es war Breuer wie auch Freud klar, was das bedeutete. Hypnose war Hingabe, war sexuelle Lust und heftigstes Begehren. Daraufhin wurde den Ursachen für die Symptomentwicklung bei den Patientinnen nicht mehr durch Hypnose, sondern per Handauflegen nachgegangen, das seinerseits wieder von einer Drucktechnik abgelöst wurde, die dann in die Methode der freien Assoziation überging, bei der die Analysanden auf der Couch lagen, um sich ihr besser hingeben zu können. Dieser Fluss, dem man sich mit der freien Assoziation anvertraute – die ja ihrerseits eine Verflüssigung der davor doch sehr handfesten Formen des Fragens war –, war offensichtlich schon bei diesen Veränderungen und Verschiebungen am Werk. Waren das Handauflegen und Freuds Drucktechnik noch sehr manifeste und konkrete Übertragungen, so stellte sich je länger je mehr heraus, dass Übertragungen hier überall am Werk sind. Zum einen natürlich bei solchen Symptomen wie der Scheinschwangerschaft, die also durchaus in einer Psychoanalyse produziert werden können – was ja durchaus ein Hinweis auf ihre Wirksamkeit ist –, aber natürlich auch bei den Umwandlungen und Umformungen, denen die psychoanalytische Technik und das psychoanalytische Setting unterworfen sind. Die Übertragung schlug Wellen und generierte auch immer neue Settings und immer neue Moden in der Psychoanalyse.

Das Setting entstand in diesem Wandel, das Setting entstand als Wandel, als Neuformierung und immer wiederkehrrende Neuerfindung der Psychoanalyse. Das Setting hat seine Moden und unterliegt der Mode. Auch wenn sich der Analytiker in ihm zu verstecken geneigt ist, zeigt es doch zumindest eines, dass Psychoanalyse Wandel, Übertragung und Neuerfindung ist. Will man es ganz festlegen – was in der Diskussion um Eisslers Standardtechnik ganz sicher auch der Fall war –, dann ist die Psychoanalyse in Gefahr altmodisch zu werden. Was aber – ich höre schon die Proteste einiger, auch der Jüngeren unter uns – was aber nicht das Schlechteste sein muss – da bin ich vollkommen einverstanden –, was aber dennoch heisst, dass auch die Psychoanalyse nicht ausserhalb der Mode und ihrer Neuformierungen steht.

Was das heisst – und wie es konkret mit Übertragung zu tun hat – möchte ich Ihnen an einem Video zeigen, das eine armenische Künstlerin zum Thema der Welle gemacht hat. Es ist eine Künstlerin aus der Enkel-Generation derjenigen, die beim Genozid in Armenien vertrieben wurden oder umgekommen sind. Das Video zeigt einzelne Personen aus dieser Generation. Eine setzt sich auf eine Bank und beginnt mit den Händen eine Wellenbewegung zu machen, die der auf unserer Website nicht unähnlich ist. Dann kommt die nächste Person, setzt sich neben die erste auf die Bank, und übernimmt die Wellenbewegung, so dass sie beide sie nun ausführen. Dann kommt eine dritte und eine vierte und schliesslich eine fünfte, bei deren Ankunft – des Platzes wegen – die erste aufsteht und die Bank verlässt, dann kommt die nächste und die zweite steht auf. Bei all diesen Wechseln verändert sich auch die Wellenbewegung, die sie mit den Händen machen und weitergeben. So geht es weiter und weiter, was die Kontinuität betont. Die Kontinuität in diesem Fall des armenischen Volkes nach dem Genozid, ganz grundsätzlich aber auch das betont, dass es weiter geht und weiter geht. Über die Form, über die Welle, mit der Kunst und mit der Mode, die Form ist und Inhalte generiert, das Leben immer weiter macht.


Belonging together

Das dürfte auch für die Psychoanalyse und für das Setting gelten. Das Setting wäre dann die Form, die nicht nur Form ist, sondern in den Wechseln, die ja auch Übertragungen sind, Inhalte produziert. In immer neuen Übertragungen auch immer neue Inhalte.

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