Selbstverletzung und Scham

Vortrag gehalten im Rahmen der Weiterbildungszyklus zum Thema "Scham" an der Psychiatrie Baselland in Liestal am 24. Juni 2015

24. Juni 2015


Die Psychoanalyse ist ein schamloses Unternehmen. Sie handelt ständig und ganz zentral von unserem Begehren, von unseren Schwächen, unserer Lust, unseren verborgenen Phantasien. Sie hat es mit der Sexualität zu tun und entdeckt sie und ihre Schicksale auch dort, wo man sonst von Depression, von Trennung, von Angst und anderen Störungen spricht.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass in der Psychoanalyse immer mehr von der Scham gesprochen und geschrieben wird. Ganze Theoriegebäude stellen diesen Affekt ins Zentrum ihrer Betrachtungen und in den Behandlungen bemüht man sich, den Patienten durch Offenheit und zuwendendes Interesse zu vermitteln, dass ihre Unverschämtheiten im geschützten Raum der Analyse – wie es immer so schön heisst – Platz haben und aufgenommen werden. Die Schamlosigkeit der Psychoanalyse selbst wird dabei kaum thematisiert. Im Gegenteil. Psychoanalytiker können sehr besorgt nicht nur um den Ruf, sondern auch um das Bild sein, das man von ihnen bekommen könnte.

In einem Seminar, das zwei Kolleginnen und ich zur Zeit am PSZ machen und dem polymorph-perversen Setting gewidmet ist, gehen wir unter dem Titel Die Couch als Schuh den Veränderungen und Ausweitungen des psychoanalytischen Settings nach. Dabei sind wir auf einen Text einer amerikanischen Kollegin Do You Google Your Shrink? gestossen, der schon beinahe ein Hilfeschrei ist und ein als offenbar sehr bedrohlich empfundenes Szenario ausmalt, was unsere Patienten je länger je mehr im Netz über uns finden können. Wie kann es noch möglich sein, das weiter zu tun, was wir tun, ohne die Behandlung zu kontaminieren und uns der Willkür unserer Patienten auszusetzen, wenn diese etwas über unsere Geschichten und Geschichtchen, gar über unsere sexuellen Vorlieben herausfinden würden. Als Beispiel wird ein Analytiker genannt, dessen Patientin im Netz mit Entzücken gesehen hatte, dass er in einem Chor singen würde. Als sie dann aber noch herausfand, dass er auch in einem Schwulenchor mitgemacht – aber natürlich nur ausgeholfen – hatte, hat das natürlich allen Phantasien Tür und Tor geöffnet.

Scham ist der Ausdruck der Angst, dass etwas sichtbar werden könnte, das mit dem Bild, das man von sich hat, nicht übereinstimmt. Scham ist Ausdruck der Nicht-Übereinstimmung mit einem Bild von Stärke. Scham ist der Ausdruck der Angst, dass unsere Schwächen sichtbar werden könnten. Diese Schwächen, die nicht zuletzt unsere libidinösen Wünsche, unsere sexuellen Vorlieben sind.

Selbstverletzung nun ist genau das: die Verletzung dieses Bildes von sich selbst. Dazu habe ich vorletzte Woche auf der Biennale in Venedig ein sehr schönes Beispiel im spanischen Pavillon gesehen. Es ging – im Zusammenhang mit der Zukunft unserer Welten als Oberthema dieser Biennale – um die Identität, um die sexuelle Identität, um die Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht und um den Wunsch nach dessen Überschreitung. Salvador Dali und Amanda Lear standen da Pate und in diesem Video kam es dann zu einem Schnitt.


Der Schnitt hier erinnert an einen Schnitt in einem anderen spanischen Film, an den in Louis Bunuels Film Le Chien Andalou, der quer durchs Auge ging.


Der Blick des Filmes durchschnitt als Rasierklinge auch unseren Blick. Hier in diesem Film – das ist für unseren Kontext interessant – setzte das Messer am Körper an und wurde dann zu einem Schnitt in ein Papier, in das Papier eines Bildes. Schöner und präziser könnte man es nicht sagen, die Selbstverletzung ist eine Verletzung des Bildes von sich selbst. Und mit dem Schnitt geht es darum, dieses Bild auszuweiten. Hier das Bild der Sexualität und des Geschlechts und derer herkömmlicher Normen.
Immer wieder hören wir ja in Therapien, dass Liebeserklärungen in die Haut, in den Körper geritzt werden, immer wieder hören wir, dass sich Frauen nicht nur in die Arme, dass sie sich in die Oberschenkel, in die Innenseiter ihrer Oberschenkel schneiden, ganz in der Nähe des Geschlechts.

Schon in den 70er Jahren, als in der Kunst der Körper auch performativ ins Zentrum des Interesses geriet, wurden insbesondere in Wien von Valie Export und Marina Abramovic Selbstverletzungen als sexuelle Akte in Szene gesetzt und damit nicht zuletzt das Geschlecht und die Sexualität als unter Schmerzen kulturell geprägte und konstruierte Körperlichkeit vorgeführt. So hat sich Valie Export auf den Oberschenkel ein Strumpfband eingezeichnet.



Selbstverletzung ist also ganz eng mit der Sexualität verbunden. Sexualität ist immer auch Selbstverletzung, indem sie immer wieder dem Bild nicht entspricht, wie sie sein sollte, indem sie immer wieder nicht passt, indem sie immer wieder scheitert. Davon haben für Freud schon die Neurosen erzählt als Zeichen und Symptome des Scheiterns genitaler, heterosexueller Sexualität.

Auch mit dem Geschlecht ist es so eine Sache. Das wissen wir heute noch viel mehr. Die Fragen der sexuellen Differenz sind seit Judith Butler längst nicht mehr so eindeutig verteilt wie zuvor. Man hat es nicht nur mit Unsicherheiten in der Geschlechtsidentität zu tun, die man ja immer schon kannte, die meist – Freud hat da nicht immer mitgemacht – mit einer Pathologisierung von Devianzen, vor allem der Homosexualität, einher gingen, aber ist es heute viel gängiger und akzeptierter aktiv und selbstverständlich Anpassungen in Bezug auf das Geschlecht vornehmen zu wollen und zu lassen.

Renata Salecl hat in diesem Kontext eine spannende und hochinteressante Arbeit zum Thema Schnitt in den Körper. Von der Klitoridektomie zur Body-Art geschrieben. Sie greift verschiedene, in unserer Kultur, in unseren Städten koexistierende Formen des Umgangs mit und des Eingriffs in den eigenen Körper auf, von denen z.B. Tätowierungen und Piercings nicht nur akzeptiert, sondern an Attraktivität ja enorm zugenommen haben, von denen auch die Body-Art – wie schon erwähnt – vielleicht befremdend, aber dennoch als Teil künstlerischer Auseinandersetzung mit Interesse verfolgt wird, der Klitoridektomie hingegen nicht nur Ablehnung, sondern vor allem auch Abscheu und Entsetzen entgegengebracht wird. Im Zeitalter der Betonung von Selbstbestimmung und der Menschenrechte, die natürlich auch das Recht am eigenen Körper und da vor allem das auf Unversehrtheit einschliessen, ist diese Praxis schockierend und wird angeprangert, verurteilt und verboten, wohingegen der Hinweis auf die Differenzen kultureller Entwicklungen kaum Chance auf Gehör hat.

Auf diese Schockreaktion werde ich später zurückkommen. Salecl interessiert nun weniger die Frage der Akzeptanz – sie weist freilich daraufhin, dass es ganz und gar nicht so ist, dass sich die Frauen aus diesen Kulturen, auch wenn sie in unseren Städten leben, generell gegen die Beschneidung der Klitoris wehren, dass es weiter auch nicht so ist, dass es sich immer um patriarchalische Kulturen handelt –, sie interessiert vielmehr die Bedeutung der Klitorisbeschneidung gerade im Kontext von Geschlechtsunsicherheit.

Das Geschlecht ist nämlich, anders als es dem ersten Anschein und dem allgemeinen Menschenverstand entspricht, ganz und gar nicht etwas Gewisses und Sicheres. Das wissen Psychoanalytiker von der psychosexuellen Entwicklung der Einzelnen, bei denen ganz besonders in der Kindheit wie auch in der Pubertät und Adoleszenz gehörige Zweifel sowohl an der geschlechtlichen Zuordnung wie sexuellen Ausrichtung existieren können. Die polymorph-perverse Sexualität – und Laplanche versteht Sexualität immer in diesem Sinn als infantile Sexualität – ist ihr Begriff davon.

Die Bambara in Mali glauben, dass das Kind bei der Geburt männliche wie weibliche Spuren in sich hat. „Die Klitoris sei die Spur des Männlichen im Weiblichen, die Vorhaut die Spur des Weiblichen im Männlichen. Um das Geschlecht des Kindes klar zu definieren, müsse die Spur des anderen Geschlechts durch Beschneidung ausgelöscht werden.“ (S. 190) Das Geschlecht ist also alles andere als gegeben, sondern muss von der Kultur gefestigt und auch geprägt werden. Die Schnitte – es gibt ja nicht nur eine weibliche, sondern auch männliche Beschneidung – dienen dazu, eine Eindeutigkeit und Sicherheit zu schaffen. Sie sind – so könnte man auch sagen – Schutz vor der Unsicherheit, Schutz vor einem Mangel an Eindeutigkeit.

Solche Eingriffe werden als Rituale im Namen der Kultur, der Religion und derer Gesetze vollzogen. Sie geschehen – so Lacan – im Namen des grossen Anderen, dessen Position und Funktion dann im Zuge der Aufklärung immer mehr das Gesetz übernimmt. Es soll diesen Schutz des Einzelnen und der Institutionen dem Mangel gegenüber gewährleisten. Angesichts der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung in der westlichen Welt hat die Bedeutung des grossen Anderen zugunsten der Selbstbestimmung des Einzelnen jedoch deutlich abgenommen. Womit auch ein Teil dieses Schutzes verlustig geht, den diese Instanz und ihre Eingriffe geboten haben.

Interessant ist hier nun ein kleiner Exkurs, den Salecl mit der Stellung der Frau bei Freud beginnt. Freud markiert die Position der Frau ja durch ihre Penislosigkeit, durch einen sozusagen realen Mangel, der dann durch die Mutterschaft, durch das eigene Kind, kompensiert werden kann. Diesen Mangel versucht die Frau durch Bescheidenheit zu kaschieren und so den Blick davon abzulenken. „Der Respekt für Frauen bedeutet, dass es etwas gibt, was nicht gesehen oder berührt werden soll.“ (S. 196) Und – so heisst es weiter – „das Bestehen auf Respekt ist ein Verlangen nach Distanz, das auch eine spezielle Beziehung bedeutet, die das Subjekt zum Mangel im anderen haben muss.“ (ebd.)

Bei Lacan verändern sich diese Verhältnisse insofern, als er den Mangel nicht im Realen festmacht, im Haben oder Nicht-Haben, sondern im Sein, was auch heisst, dass er nicht mehr nur die Frau, sondern auch den Mann betrifft. Beide existieren in der Sprache, die nicht alles ist, der Mangel betrifft demnach das Subjekt. Respekt hat dann „mit der Beziehung eines Subjekts zum Mangel im anderen zu tun, was auch bedeutet, dass Respekt nur ein anderer Name für die Angst und Unsicherheit ist, die ein Subjekt in Bezug auf diesen Mangel empfindet.“ (S. 197) Dieser Respekt betrifft nun nicht mehr nur die Frau, sondern nicht zuletzt den Vater, die Autorität. Der Respekt bezeichnet nun eine bestimmte „Art und Weise, wie das Subjekt die Erkenntnis zu vermeiden sucht“, bzw. eine bestimmte Art und Weise mit der Erkenntnis umzugehen, „dass der Vater tatsächlich impotent und machtlos ist“. (ebd.)

Weil nun – so Salecl weiter – der zunehmende Wunsch und Anspruch auf Selbstbestimmung und Individualisierung auch zu einer Erosion des Glaubens an die Stärke des Vaters wie auch des grossen Anderen führt, geht der Schutz vor der geschlechtlichen Unsicherheit, vor dem eigenen Mangel zunehmend verloren. Die Eingriffe und Einschnitte, die in den Namen des Vaters und des grossen Anderen vorgenommen werden, muss man sich nun – dies die Quintessenz des Textes – selbst beibringen. Damit werden solche Schnitte wie sie in den Selbstverletzungen – sie werden als äquivalent zu den Beschneidungen gesehen und der Schnitt in den Oberschenkel der Patientin könnte das sehr wohl bestätigen –, aber auch in der Body-Art vorgenommen werden, zumindest in die Nähe der Perversion gerückt, die ja gerade durch die Verleugnung der Kastration gekennzeichnet ist. Für die Selbstverletzung gilt das Nämliche, dass sie vor allem unter dem Aspekt der Pathologie gesehen wird.

Man glaubt nicht mehr an die Worte, sondern nur noch an das Auge, an das, was man sieht. Man glaubt also nicht mehr an das, was über den Vater und die Väter erzählt wird, sondern nur noch an das, was man sieht, dass er nämlich alles andere als immer stark und potent ist. Hier haben wir im Übrigen den Punkt, an dem die Kritik der Psychoanalyse und der Lacanianer an den neuen Medien ansetzt, denn diese haben es ja sehr stark mit Bildern zu tun.

Insofern werden in dieser Sichtweise die Selbstverletzung, die sich selbst zugefügten Schnitte als unbewusster Ruf nach dem Vater und seiner gleichzeitig verleugneten symbolischen Autorität gesehen. Dementsprechend besteht die Lösung dieses Dilemmas aus dieser Sicht auch immer wieder in einer Resignifizierung der Autorität – auf die eine oder andere Weise.

Psychoanalytiker und ihre Vereinigungen scheinen sich dem in ihrem zunehmenden Bemühen, den verschiedensten Ordnungen zu entsprechen, anzuschliessen. Damit sind nicht nur Standesregeln und Qualitätsmanagement gemeint, bei denen es um Sicherstellung dessen geht, dass nichts Falsches und Anstössiges passiert, dass alle Regeln eingehalten werden und dies auch überprüft werden könne. Vielmehr könnte man sich auch fragen, ob nicht der Verlust der Sexualität in der Theorie, die es bestenfalls noch im Diskurs über Missbrauch und Traumatisierung gibt – ich hab neulich gehört, dass in Zürich am psychiatrischen Ambulatorium die Sprechstunde für Sexualität mit dem Hinweis darauf gestrichen worden ist, dass die ja inzwischen wohl kein Problem mehr und deshalb überflüssig sei –, ob also dieser Verlust der Sexualität in der Theorie und damit auch in der Praxis auch ein Versuch ist, sich vor diesen Unsicherheiten und vor dem Mangel, der Begehren ist, zu schützen. Darüber hinaus scheinen sich Theorie und Praxis ohnehin zunehmend um diesen Schutz zu drehen, wenn das Verbot jeglicher Verletzung der nicht nur körperlichen Integrität, jede Retraumatisierung – was immer das auch heissen mag – und damit immer noch mehr Containing und Holding im Zentrum stehen, die dann freilich nicht mehr als Selbstverständlichkeiten einer Behandlung verstanden werden, sondern auf denen ganze Theorie- und Praxiskonzepte beruhen.
Von der anfangs erwähnten Schamlosigkeit der Psychoanalyse ist immer weniger zu spüren, die Bilder von sich selbst – die der Patienten wie auch der Analytiker – werden immer mehr geschützt. Ob das dann gegen die Selbstverletzungen hilfreich ist, dürfte fraglich sein.

Insofern bin ich im Zweifel, ob man mit dem Klagen über den Zerfall der symbolischen Ordnung und mit entsprechenden Restitutionsversuchen den Phänomenen auch bei der Selbstverletzung wirklich gerecht wird und entspricht.

Die brasilianische Künstlerin Roberta Lima führt uns noch einen anderen Aspekt vor Augen. Sie zeigt etwas – nämlich Selbstverletzungen – und sie zeigt es schamlos.


Und weist dabei auf etwas hin, das die Bedeutung des Schmerzes im Verhältnis von Selbstverletzung und Scham deutlicher machen kann. Dieser Schmerz ist unübersehbar und packt einen. Das haben wir schon beim Schock und beim Entsetzen gesehen, den nur schon das Hören von der Klitoridektomie, geschweige denn Bilder davon auslösen. Aber wo ist dieser Schmerz situiert? Das ist die Frage.

Roberta Lima hat 2007 den erstmals ausgeschriebenen Performance-Preis des Kunstraums Niederösterreich gewonnen, der in der schon erwähnten langen Tradition der Performance in Österreich steht und Bezug nimmt auf die Wiener Aktionisten wie Otto Mühl, Hermann Nitsch und Günter Brus, deren Arbeit dann von Valie Export und Marina Abramovic.


im Hinblick auf die Position der Frau und die weibliche Sexualität weitergeführt wurde.

Roberta Lima konzentriert sich in ihren Arbeiten auf das Verhältnis von Künstlerin und Betrachter, auf die Architektur der Spannungs- und Raumverhältnisse zwischen ihnen: „Wer wagt sich wie weit heran an die Performerin, deren Körper geöffnet, gepierct, die Haut penetriert wird, während es dunkel ist im Raum und klarerweise Blut fließt? Wer wird es vorziehen, dem Geschehen aus der Distanz, auf Bildschirmen, zu folgen, oder wer wird sich selbst mit den Relikten assoziativ austauschen, das befleckte Kleid betrachten, die Nadeln, die den Körper geöffnet haben, die Handschuhe dessen, der die Öffnung ausführt?“ Die Distanz als Schutz vor diesem Aufreissen des Körpers, vor dem Unausweichlichen der Versehrtheit, des Mangels, könnte man dazu – Lacan aufgreifend – sagen, diese Distanz wird aufgehoben.

Bei ihren Aktionen, bei ihren Performances, so sagt Roberta Lima, empfindet sie keinen Schmerz. Sie sei zu sehr auf den Ablauf der Aktion selbst konzentriert, auf das Geschehen und darauf, dass die Aktion nicht zum Spektakel verkommt. Der Schmerz, so erzählt sie weiter, hallt bisweilen als Echo nach, wenn sie ihre Performances auf Video anschaut. Schmerz empfinden angesichts von Aktion, Fotomaterial und knapp geloopten Videos eher die anderen, das Publikum. Womit, so sagt sie weiter, ein Austausch stattgefunden hätte, eine unmittelbare Übertragung von Performer auf Akteur.

Das ist frappant und in wahrstem Sinne schlagend. Der Schmerz muss gar nicht in erster Linie bei dem oder der Handelnden situiert sein, im Gegenteil zumeist ist es ja so – und dabei geht es eben nicht nur um die Konzentration bei der Ausführung der Aktion wie im Beispiel solcher Performances –, dass diese ihn gerade nicht empfinden. Der Schmerz liegt beim anderen, beim Publikum, bei uns auch als Analytiker. Das kennen wir von den Erzählungen unserer Patienten, die in der Tat dann körperliche Reaktionen, Schmerzempfinden, bei uns auslösen können. Das kennen wir nicht zuletzt von den Situationen, wenn Patienten die Wunden zeigen wollen und wir sie schnell davon abhalten, das dann wirklich zu tun. Wir wollen es nicht sehen. Eben nicht.

Der Schmerz liegt also bei den anderen. Schon bei der Diskussion der Klitoridektomie sind wir darauf gestossen, die doch ziemlich weit von uns entfernt ist, in der also die Distanz zum Schrecken dieses Mangels doch beträchtlich ist. Der Schmerz liegt also bei den anderen und er ist Übertragung. Wobei es dabei nicht um Projektion, nicht um Externalisierung, nicht um projektive Identifikation geht. Das greift zu kurz und driftet eben gleich wieder in pathologische Konzepte ab. Es geht viel mehr um eine durchaus körperliche Verbindung, um die Intensität – die Performances, aber eben nicht nur sie, immer auch haben –, um eine Unmittelbarkeit, die zwischen dem Subjekt und dem anderen hergestellt wird – und eben auch hergestellt werden soll. Bei dieser Verbindung geht es nicht mehr um den Unterschied zwischen Auge und Wort, zwischen Bild und Sprache. Sie ist so direkt, so sehr körperlich, so dass sie sich nicht nur beim Sehen mit eigenen Augen, sondern auch beim Erzählen und Hören einstellt. Ihre Schamlosigkeit durchbricht den Schutz des Respekts, den Schleier der Bilder einer Ganzheit von sich selbst und des anderen. Die Distanz ist aufgelöst.

Diese Unausweichlichkeit einer solch körperlichen und sexuellen Verbindung auch in der Trennung ist das, was nicht nur gesucht, was hergestellt wird. Davon erzählen nicht nur die Künstlerin und ihre Statements, davon erzählen auch die Selbstgeisselungen christlicher Märtyrer und Mystikerinnen.


In der Entsagung von allen körperlichen und sinnlichen Gelüsten suchen sie die spirituelle Nähe zu Gott. Und je weiter sie diese Entsagung treiben, umso inniger und trotzdem umso körperlicher wird die Verbindung mit ihm, was dem Lächeln anzusehen ist, das auf ihren Minen spielt.
Davon erzählen die Selbstverletzungen unserer Patientinnen und Patienten. Auch wenn wir es ablehnen, sie und ihre Narben uns anzuschauen, stellt sich der Schmerz dennoch ein. Die Selbstverletzung deckt den Mangel und seinen Schrecken wieder auf. Sie öffnet ihn. Sie macht etwas sichtbar, was die Scham verdecken möchte: die Schwäche, die Bedürftigkeit, das Geschlecht, das unsicher ist, die Sexualität als eine, die alles wieder umkrempelt, die man eben nicht in der Hand hat, der man ausgesetzt ist.

Der Schmerz wäre dann das Scharnier zwischen Selbstverletzung und Scham. In der Selbstverletzung wird er als das frei, was die Scham zuzudecken versucht und verbindet in seiner Intensität und in seiner Unmittelbarkeit das Subjekt mit dem anderen. Das würde darauf hinweisen, dass Versuche, die Selbstverletzungen durch andere Verhaltensweisen zu ersetzen, zwar durchaus Wirkung haben können. Dann aber weniger wegen der Substitution der Selbstverletzung durch anderes Verhalten, sondern eher deshalb, weil bei diesem Vorgehen die Selbstverletzung und der Schmerz ständig präsent und unausweichlich sind und gerade darin diese Verbindung, diese Übertragung hergestellt wird, von der Roberta Lima spricht und die sie zeigt.

Eine Patientin kommt vorzeitig von einem 10tägigen Besuch bei ihrem Freund zurück und bittet dringend um eine vorgezogene Stunde. Die Zeit bei dem Freund war furchtbar für sie gewesen. Sie hat heftig darunter gelitten, dass er kaum Zeit für sie hatte, vor allem aber darunter, dass sie ihn so vermisste. Sie zog sich damit zurück – nicht zuletzt von ihm. Innerlich stand sie in Flammen, fühlte sich erniedrigt und so beschämt, fing an sich selbst zu schneiden und zu verletzen. Und am Schluss dieser Stunde erinnert sie sich, wie sie einmal ihrem Vater den zerschnittenen Arm zeigte, ihn ihm sozusagen vors Gesicht und unter die Nase hielt. Da war nicht nur der Vater gemeint.

In der letzten Stunde vor ihrer Abreise hatte sie erzählt, wie stark sie ist. In der Tat ist sie nicht nur gross, sondern vor allem auch wuchtig und massig. Sie sei, davon hat sie angefangen, immer stärker als die Männer, mit denen sie zusammen ist, die meistens eher schmächtig sind. Nach dieser Stunde hatte mich das Gefühl beschlichen, dass sie vor der Analyse fliehen würde.

Überhaupt war die Analyse bis dahin dadurch gekennzeichnet, dass es ihr zwar immer wieder ziemlich schlecht ging, sie sich damit aber nicht wirklich an ihren Analytiker wandte. Dessen Bemerkungen und Deutungen nahm sie interessiert entgegen und auch auf, schien auch zahllose Erkenntnisse daraus abzuleiten, letztlich blieben sie ihr jedoch äusserlich. Sie rappelte sich immer wieder auf, weil das eben ihre Art war, weil sie nach vorne schaute und auf das Bild ihrer Stärke baute. Weniger auf den Analytiker und die Analyse.

Die nun folgenden Wochen waren vorwiegend von zwei Ereignissen bestimmt. Zum einen erzählte sie zum ersten Mal, dass sie nicht nur die schon bei Beginn der Analyse erwähnte wiederkehrende Angst hatte zu spinnen, dass sie vielmehr Angst davor hätte, pädophil zu sein. Allen dem widersprechenden Evidenzen zum Trotz hielt sich diese Angst, die sie wirklich in Beschlag nehmen konnte und tauchte besonders dann auf, wenn sie Lust bekam. Sei es allein für sich oder mit einem Mann. Zum anderen passierte es ihr, dass sie zweimal hintereinander durch die Fahrprüfung fiel, obwohl sie glaubwürdig versichern konnte, dass sie nicht nur sehr gerne Auto fahre, sondern es auch ziemlich gut können würde. Es scheiterte beide Male an Kleinigkeiten, die auch übersehen hätten werden können, so dass sich auch bei mir ein Ärger über die Experten einstellte.

Es stellte sich nun heraus, dass sie in Bezug auf die Fahrprüfung keinerlei Unsicherheiten und kaum Zweifel – auch nicht nach dem ersten Versagen – empfand, dass etwas nicht klappen könnte, dass es einen Mangel geben könnte. Obwohl die dritte Prüfung dann ja die letzte reguläre war, schien sich an dieser Selbstgewissheit nichts zu ändern. Parallel dazu verstärkte sich die erwähnte Angst pädophil zu sein. Von einem Ausflug mit einer sehr attraktiven Freundin, die zudem eben Auto fahren konnte, erzählte sie, wie an einer Tankstelle eine ganze Reihe von Männern dieser nicht nur hinterher schauten, sondern auch pfiffen. Sie erzählte das ohne jede innere Beteiligung.

Bei längerem Nachfragen brach es schliesslich aus ihr heraus. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Bruder – offensichtlich bestens aussehend, Model und auch schwul – schon früh immer die schönsten, verführerischsten und kokettesten jungen Mädchen nach hause brachte, die alle natürlich vergeblich in ihn verliebt waren. Der Vater konnte sich an dieser Augenweide nicht satt sehen und schwärmte bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten von diesen Schönheiten. Schon in der Stunde, in der sie davon erzählte, weinte und weinte sie und das hörte dann auch in den nächsten Tagen zu ihrem Erstaunen gar nicht mehr auf, sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, es war ihr vollkommen unverständlich.

Allmählich wurde aber klar, dass die Angst pädophil zu sein, einerseits auf eine Identifikation mit dem Vater hinwies, gleichzeitig natürlich genau diesen Vorwurf an ihn – pädophil zu sein, sich für viel zu junge Mädchen sexuell zu interessieren – bedeutete, unter dem nun ihre eigene Lust stand. Sie wurde so stark wie er, erzählte von Ähnlichkeiten im Körperbau, aber vor allem begann sie, sich Hand in Hand mit feministisch-politischen Ideologien jegliches kokett verführerische Frau-Sein zu versagen, diese Bescheidenheit, von der Freud gesprochen hat, die den Mangel verdeckt. Dieser war bedeckt durch ihre Identifikation mit dem Vater, die ihre Sexualität, ihre Körperlichkeit als begehrende Frau verschwinden liess.
Es war atemberaubend wie sich diese Zusammenhänge unerwartet auftaten und öffneten. Gar nicht unähnlich wie diese Schnitte, die sie sich zugebracht hatte, die mich erschraken, weil ich auch merkte, wie sehr sie auch mir galten. Parallel dazu – die Szenerie hatte immer von der einen Bühne auf die andere gewechselt – wurde es ihr möglich die Angst zuzulassen, beim dritten Mal wieder durch die Prüfung zu rasseln. Es gelang ihr, diese Angst nicht mehr zu leugnen, die dann auch gleich schon panisch wurde, und sich auf das Unternehmen „Fahrprüfung“ einzustellen und vorzubereiten.

Diese dritte Prüfung fand nach der letzten Stunde vor einer viermonatigen Abwesenheit von ihr statt und sie schrieb mir danach folgendes SMS: „Das Kleinlaute hat genützt, ich habe die Prüfung bestanden, ich freue mich ungemein ...“

Natürlich, das ist keine Frage, kann man zu diesem Fall sehr viel sagen und natürlich ist vieles noch offen. Zum Glück. Eines aber kann man sehr schön sehen: Wie sehr der Schmerz über den eigenen Mangel, über das eigene Ungenügen das Bindeglied zwischen der Selbstverletzung und der Scham darstellt. Wie sehr die Selbstverletzung diesen Schmerz auftut, den die Scham, hier noch verstärkt durch die Identifikation mit der Stärke, zu verdecken sucht. Der Schmerz zeigt die Schwäche und die Schwächen, um die es geht, ganz körperlich. So wie auch ihre Erscheinung eine ganz körperliche ist und es auch um diese körperliche, intensive und sexuelle Verbindung geht. Es ist kein Zufall, dass die Analysandin in noch sehr jungen, vom Gesetzgeber her zu jungen Jahren, ein sexuelles Verhältnis zu einer Vaterfigur hatte.

Selbstverletzungen sind Zeichen dessen, was die Scham zuzudecken sucht. Zeichen des Schmerzes, dem Bild der Stärke, dem Bild der Einheit des Selbst, dem Bild einer Unversehrtheit nicht zu genügen. Die Selbstverletzungen öffnen diesen Schmerz und verbinden in ihm den anderen mit dem Subjekt auf eine sehr unmittelbare, körperlich-sexuelle Art, der man sich nicht entziehen kann.

Deshalb kann es nicht darum gehen, an diesem Bild der Unversehrtheit festzuhalten. Weder in der Theorie noch in der Praxis. Was vielleicht schon heisst, dass sich die Analytiker und Therapeuten der Scham, beziehungsweise der Schamlosigkeit aussetzen müssen, dass die Therapie – so könnte man vielleicht sagen – beispielsweise gerade dann erst anfängt, wenn die Patienten etwas über uns herausgefunden haben, das uns eben trifft, das uns ins Herz trifft, in Mark und Knochen gehen kann, dessen wir uns schämen und schuldig fühlen können. Wobei das wohl kaum nur übers Internet passiert, das ist längstens Teil der analytischen und therapeutischen Beziehung, längstens Teil der Übertragung bevor das Netz überhaupt konsultiert wird. Aber natürlich kann es diese Dynamik noch verstärken.

Die Psychoanalyse ist ein schamloses Unternehmen. Und es ist der Schmerz, als Scharnier zwischen Selbstverletzung und Scham, der das Bild, das respektvolle und schützende Bild, das man von sich selbst hat und von sich selbst wünscht, zerstört und zerschneidet – so wie es in dem Video gezeigt wurde. Doch geht es dabei nicht einfach um Zerstörung – auch beim Video war der Obertitel die Zukunft anderer Geschlechtsidentitäten –, sondern darum neue Räume zu öffnen, das Bild räumlich zu machen. Schon Lucio Fontana hat die Leinwand zerschnitten, Tinguely hat zusammen mit Nici de Saint-Phalle auf sie geschossen, um aus der Zweidimensionalität einen Raum zu machen.

Vielleicht muss man manchmal auch auf die Psychoanalyse schiessen – als Psychoanalytiker.


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