Ist „Persönlichkeit“ eine Störung?

Eröffnungsvortrag des Zyklus "Persönlichkeit" an der Klinik am Zugersee am 9. Januar 2014

9. Januar 2014


Persönlichkeiten, meine Damen und Herren, haben Konjunktur. Besonders zum Jahreswechsel. Ich hatte das Glück einen Blick in den BLICK vom 31. Dezember werfen zu können, bei dem aus aktuellem Anlass auf der Titelseite Schumi prangte – natürlich von vorne –, ein wenig darunter Tamara das Blick-Girl aus Winterthur, was mich als Winterthurer natürlich freute – nicht unvorteilhaft von hinten. Auf den ersten Blick schon zwei Persönlichkeiten, die eine oben, die andere unten, die eine von vorne, die andere von hinten.

Eine geradezu perfekte Vorgabe für die nächste Doppelseite mit den Persönlichkeiten, die 2013 Schlagzeilen machten. Die ist dann weniger in oben und unten eingeteilt, sondern in links und rechts, wobei links die Gewinner zu stehen kamen, rechts die Verlierer, was sicher nicht als politisches Bekenntnis zu verstehen war. Ganz rechts unten gab es noch eine Spalte für diejenigen, die 2014 die Chance haben, eine Persönlichkeit zu werden, wobei wir also die Sichtweise von hinten und von vorne wieder haben und auch hier die nach hinten die offenkundig attraktivere zu sein schien.

Hatten wir auf der Titelseite ein noch beinahe ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter – oben Schumi unten Tamara –, so ist das bei den Persönlichkeiten eindeutig unausgeglichen. Ich hab’s durchgezählt, damit man mir als Analytiker nicht fehlende Empirie vorwerfen kann, und bei den Gewinnern liegt das Verhältnis bei elf Männern und zwei Frauen, bei den Verlierern haben die Frauen ein wenig gewonnen, wir haben da nur noch 10 Männer auf 2 Frauen, was sich in der Ankündigung fürs nächste Jahr mit 5 zu 1 gleich wiederholt.

Die Frauen scheinen bei den Persönlichkeiten eindeutig im Hintertreffen zu sein, worauf uns ja auch schon die erste Seite dezent mit der leisen Frage hinweist, ob da die Persönlichkeit vor allem im durchaus sehr attraktiven Hinterteil zu bestehen scheint. Sind Frauen weniger Persönlichkeit als Männer, könnte man sich hier fragen? Auf jeden Fall scheint die Frage der sexuellen Differenz auch hier nicht ganz uninteressant zu sein, worauf ich noch zurückkommen werde.

Auch in anderer Hinsicht scheint es mit der Persönlichkeit nicht so einfach zu sein. Die Einteilung in Gewinner und Verlierer scheint auf den ersten Blick eine klare Perspektive zu bieten. Bei genauerem Hinsehen kommt man allerdings ins Zweifeln. Ist Joe Ackermann beispielsweise mehr Verlierer als Ueli Maurer und Vladimir Putin mehr Gewinner als Barack Obama? Das dürften schwierige Entscheidungen sein, bei denen Edward Snowden wahrscheinlich auch nicht weiterhelfen dürfte, obwohl er als Spezialist für die Aufdeckung des Verborgenen und Versteckten trotz seiner schwierigen Situation ganz eindeutig als Gewinner eingestuft ist. Das könnte für Psychoanalytiker eine gewisse Hoffnung bedeuten, nicht ganz aus dem Rennen zu sein.

Auf jeden Fall präsentiert sich mit den Persönlichkeiten ein ziemlich disparates Bild. Dass der Schwingerkönig Kilian Wenger gewisse Ähnlichkeiten mit Silvio Berlusconi – beide im übrigen Verlierer – haben könnte, ist ja noch vorstellbar. Was aber Nicole Bernegger – eine Schweizer Schlagersängerin, falls Sie das ebenfalls nicht wussten so wie ich – und Christian Gross – den kennen wir natürlich – mit Papst Franziskus und diesen wieder mit Walter Wobmann verbindet, ist weitaus schleierhafter. Bei all diesen Persönlichkeiten – und uns allen kämen wahrscheinlich noch unzählige weitere in den Sinn – scheint es also nicht so ganz einfach zu sein, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Mich hat bei der Einladung zu diesem Vortrag die Ausrichtung des Themas dieses Zyklus gereizt, das mal nicht von den üblichen Verdächtigen der Persönlichkeitsstörungen ausgeht, die ja nun wirklich schon rauf- und runtergebetet sind, sondern die Persönlichkeit selbst ins Zentrum des Interesses gerückt wird, also das, was in den Störungen ja eben nun gestört zu sein scheint.

Es ist ein Zugang, der dem der Psychoanalyse nicht so fremd ist, die ja ihrerseits von der Untersuchung der Fehlleistungen, der Symptome, der Dysfunktionen ausging um ein Verständnis der Psyche – des psychischen Apparats, wie es bei Freud hiess – oder des Subjekt – wie wir heute sagen würden – zu gewinnen.

Die auf jeden Fall sehr aufschlussreiche, vom BLICK präsentierte Versammlung von Persönlichkeiten macht eines deutlich, dass Gewinner oder Verlierer zu sein, kein Kriterium zu sein scheint für die Zugehörigkeit zu diesem Kreis. Möglicherweise könnte es die öffentliche Beachtung sein, dieser Erfolg, der natürlich auch Verlierern zukommen kann, dann aber ist es wieder erstaunlich, dass wir da so wenig Frauen finden. Sind Frauen, das wäre die Frage, trotz der Beachtung, die sie durchaus haben, keine Persönlichkeiten? Dazu kann ich Ihnen einen Gedanken von Immanuel Kant vorlesen, der da eine ziemlich unzweideutige Sprache spricht: „Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend. Die des männlichen Geschlechts soll eine edle Tugend sein. Sie werden das Böse vermeiden, nicht weil es unrecht sondern weil es hässlich ist, und tugendhafte Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich schön seien. Nichts von Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit. Das Frauenzimmer ist aller Befehle und alles mürrischen Zwanges unleidlich. Sie tun etwas nur darum, weil es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen, dass ihnen nur dasjenige beliebe was gut ist. Ich glaube schwerlich, dass das schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei...“

Nun kann man da natürlich leicht und locker einwenden, dass Kants Diktum schon mehr als 200 Jahre alt ist und somit aus grauen Vorzeiten stammt, das Licht der Aufklärung heute aber – auch für die Damen – weitaus heller scheine. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass auch in der Psychoanalyse die psychische Struktur – denken Sie an den Ödipuskomplex – rund um die Kastrationsangst des Knaben, und damit auch des Mannes, und um den Penisneid des Mädchens und der Frau gebaut ist. Auch da – was ja häufig genug getan wird – kann man an die zeitliche Gebundenheit Freuds, auf das patriarchale Bürgertums Wiens der letzten Jahrhundertwende hinweisen, aber auch mit diesem Einwand macht man es sich möglicherweise zu einfach. Denn auch heute ist die Strukturtheorie Lacans – und da haben wir es mit einer durchaus aktuellen und avancierten Theorie zu tun – um den Phallus und seine Leerstelle aufgebaut, die dann natürlich unzulässig verkürzt auf die existenzielle Frage herunter gebrochen werden könnte, Phallus zu haben oder Phallus zu sein. Und zeigt nicht das gerade unser schon lieb gewonnener BLICK: die attraktive Frau als Phallus, als blühendes Leben, und Schumi im Kampf um sein Überleben mit dem Hinweis darauf, dass solches Überleben sein ganzes Leben bislang ausgemacht hat?

Und so – ich kann Sie also beruhigen, dass ich mich nicht ganz allein auf den BLICK beziehen werde – ist die Frage nicht ganz unbegründet, was es denn heisst, wenn ein nicht unmassgebliches Buch zur Persönlichkeit mit Zur Struktur der Persönlichkeit getitelt ist. Was bedeutet dies im Hinblick auf den Vorwurf – ob der zu Recht oder zu Unrecht besteht, ist dabei zunächst gleichgültig –, dass Frauen eine solche – Struktur – eben nicht hätten?

Persona – das wissen Sie ja – war in der griechischen Tragödie die Maske, die die Schauspieler des Chors trugen, von welchen das Drama aufgeführt wurde. Persona meint dabei nicht nur die Maske, sondern – das ist eine Version ihrer etymologischen Herkunft – vor allem das, was durch diese hindurch klingt, was durch diese hindurch spricht. Eine Legende besagt – als andere Version – dass ein Schauspieler mit der Maske sein störendes Schielen verbergen wollte. Und eine dritte bezieht sich auf den etruskischen phersa, eine Bezeichnung für einen vollständig maskierten Dämon. Wie auch immer: Maske und Ton, Maske und Sprache sind also sehr eng aufeinander bezogen. Die Maske ist das Gleichbleibende, das Feste und in gewisser Weise das Erstarrte und Präsente, wohingegen der Ton und damit die Sprache von woanders her zu kommen scheinen, viel schwieriger fassbar, als Ton, als Klang auch immer sehr flüchtig sind.

Persona ist die Maske, durch die hindurch es klingt, aus der heraus es spricht. Die Maske braucht den Ton um zu klingen, um zu sprechen, um etwas zu sagen und etwas darzustellen. Und umgekehrt braucht der Ton auch die Maske, die er auch ist, die er auch bildet, die ihn nicht mehr nur fliehen und verlieren lässt, die etwas von ihm auch hält und überdauert. Persona ist dieses Spiel, dieses Ineinander des Festen und des Durchlässigen, des Präsenten und des Flüchtigen. Sie ist beides und beides in eins.

Hierzu ein Zitat über die Kräfte, die die Struktur der Persönlichkeit ausmachen: „Struktur und Konflikt haben jedes einen ätiologischen Rang in der seelischen Krankheitsentstehung. Die Struktur bildet die ‚passiv-kausale’ Matrix der Krankheit im Sinne einer ‚Material-Ursache’ (der klassischen Ursachenlehre), die durch ihre Eigengesetzlichkeit den Charakter der Neurose entscheidend mitbestimmt, z.B. als depressive, zwangsneurotische oder narzisstische Neurosenstruktur. Der Konflikt dagegen prägt das Krankheitsgeschehen im Sinne eines ‚aktiv-kausalen’ Faktors, der die Gleichförmigkeit struktureller Gestörtheit durchbricht, verändert, aktualisiert, auch provoziert, z.B. als akut wirksame, angstneurotische oder phobische Störung oder als aktueller Beziehungskonflikt. Das strukturelle Moment muss auf aktuelle Konflikterlebnisse warten, die es in der seelischen Krankheit zur Geltung bringen, die Konflikte bedürfen der Anlehnung an die Struktur, um intrapsychisch zur Wirkung zu kommen.“

Sie hören in dieser Definition, die natürlich ungleich starrer und hölzerner klingt, die Persona durchaus mit. Es ist als ob die Poesie ihres Bildes noch eine weitere Maske bekommen hätte, die Persönlichkeit.

In wilhelminischer Zeit – das ist zu lesen in Heinrich Manns Der Untertan – wurde der Kaiser von den Kaisertreuen als „persönlichste aller Persönlichkeiten“ benannt. Was ja erstaunlich ist, weil es dabei ganz offensichtlich nur um die Figur, nur um die Position des Souveräns geht, die diese Persönlichkeit, die persönlichste aller, ausmacht. Von der Person, von dem, was da hindurchklingt und von woanders kommen würde, ist da nichts mehr zu spüren und zu hören.

Das ist ja der Befund, den wir bei den im BLICK aufgelisteten Persönlichkeiten schon festgestellt haben. Worin soll denn die Gemeinsamkeit zwischen all diesen doch sehr verschiedenen Personen liegen, wenn nicht darin, dass sie eine Position, eine Stellung eingenommen haben, die mit einem gewissen Erfolg – ob gutem oder schlechten spielt dabei offensichtlich keine Rolle –, mit einer gewissen Beachtung und Anerkennung verbunden ist. Die Position macht offensichtlich ihre Persönlichkeit, ganz wie es schon damals beim Kaiser der Fall gewesen ist.

Nun könnte man einwenden, dass dies ja nur für diese Fälle öffentlicher Persönlichkeiten gilt. Also für die auf die eine oder andere Art Prominenten. Diese würden ja notwendigerweise auf Grund ihres Erfolgs im Rampenlicht stehen und an diesem dann auch gemessen werden. Aber ist das bei den Persönlichkeiten anders, die man ja durchaus auch im privaten Umfeld kennt, die nicht in den Medien auftauchen und öffentliche Figuren in diesem Sinne sind? Wohl kaum. Denn auch sie sind Persönlichkeiten in einem Umfeld und für andere. Auch sie sind es, weil sie dort eine Position einnehmen. Auch das ist auf der Liste unseres BLICK schon ersichtlich. Wer nämlich von Ihnen wusste, wer Nicole Bernegger oder Claudio Zuccolini ist. Ganz sicher nicht alle. Weil sie Figuren in einer Öffentlichkeit sind, die weniger allgemein, weniger gross, nichtsdestotrotz von nicht geringerer Bedeutung für diejenigen sind, die diese Öffentlichkeit ausmachen. Die Persönlichkeit scheint in der Tat geprägt zu sein von einer solchen Stellung, von einer solchen Struktur. Da liegt der Titel des Buches Die Struktur der Persönlichkeit also vollkommen richtig.

Er markiert damit aber auch eine Verlagerung im Verhältnis von Ton und Maske, von Flüchtigem und Festem. Er markiert eine Verschiebung in Richtung auf die Maske, auf das Überdauernde und das Feste. Diese Identifikation mit der Maske, mit der Rolle – um in der Sprache des Theaters und des Dramas zu bleiben, dem die Sache der Person und der Persönlichkeit zweifellos auch angehört, weshalb sie ja auch im BLICK dementsprechend in Szene gesetzt ist – diese Identifikation kann so weit gehen, dass nichts anderes mehr durchklingt, dass diese Stimme, die von woanders kommt und mit der Maske und der Rolle nicht immer gleichzusetzen ist, gar nicht mehr vernehmbar ist. Dann fehlt der Maske trotz aller Anpassung – so könnte man sagen – die Vernunft.

Interessant ist nun, dass eine solche Verhärtung und Verfestigung, eine solche Unflexibilität ja zu den Eigenschaften gehört, die die Persönlichkeitsstörung ausmachen. Sie ist ja – mal von den verschiedenen Ausprägungen, die sie im Einzelnen nehmen kann, die Sie ja alle kennen – nicht zuletzt durch die Starrheit geprägt, durch eine Struktur geprägt, die kaum mehr Anpassungen erlaubt und kaum mehr modifizierbar ist. Genau dieses Festgefahrene, eigentlich müsste man ja sagen, Festgestellte, ist es, was sie von den Neurosen unterscheiden soll, die ja durchaus auch festgefahren sein können, aber eine solche Verpanzerung, wie sie dann dem Charakter eigen ist, nicht – oder noch nicht – haben. Der Kaiser ist Kaiser, weil er es immer ist, die Persönlichkeit ist Persönlichkeit, weil sie es immer ist, auch wenn man in beiden Fällen sich nicht so selten wünschen würde, dass dem nicht so wäre. Ich war ja immer ein grosser Fan von Boris Becker, er spielte ein phantastisches Tennis und nicht zuletzt bei ihm habe ich eines verstanden: dass man verlieren können muss, um gewinnen zu können. Er nämlich spielte sein bestes Tennis, wenn er drauf und dran war zu verlieren. Deswegen, weil er dann nicht aufgab, deswegen weil er dann nicht in Panik geriet, deswegen, weil die Aussicht verlieren zu können – so unangenehm und ungewünscht sie natürlich immer ist – doch zu keiner Katastrophe wurde. Das war mir eine nicht unwichtige Erkenntnis nicht nur beim Tennisspielen, wo ich sie viel gebrauchen konnte, sondern nicht zuletzt als Analytiker, wo man sich genau in dieser Position immer wieder und vor allem – da bin ich sicher – eigentlich befindet. In dieser Position nicht nur verlieren zu können, sondern auch verlieren zu müssen. In dieser Hinsicht zeigte er, Boris Becker, Persönlichkeit. Inzwischen wäre man aber längstens froh, er wäre keine mehr oder könnte aufhören eine sein zu wollen oder zu müssen.

Eine Patientin – in der Tat eine sehr öffentliche und jedermann bekannte Persönlichkeit – wünscht es sich je länger je mehr, aus dieser Struktur heraus zu kommen, nicht mehr auf diese Persönlichkeit festgelegt zu werden, die sie über lange Jahre, durchaus sehr erfolgreich und immer auch umstritten, gewesen ist. Das ist nicht nur deswegen nicht so einfach, weil sie die Art von Anerkennung, die ihr vitales und streitbares Wesen auch immer in Form von Angriffen bekam – viel Feind, viel Ehr –, als das nicht mehr verstehen kann und will und sich da auch leicht zu verhärten beginnt. Es ist vor allem aber schwierig, weil sie die Milde und die Durchlässigkeit ihren Wünschen nach Anlehnung gegenüber nach wie vor bekämpft. Da ist ihr ihre Persönlichkeit in der Tat störend im Weg.

Die Struktur der Persönlichkeit und die Persönlichkeit als Struktur, dieses Gleichbleibende und Überdauernde, dieses Feste und Konstante der Maske hat also nicht nur eine Funktion nach aussen – die der Anpassung durch Übernahme anerkannter und gewünschter Rollen –, sondern mindestens ebenso sehr eine nach innen, die der Abwehr bedrohlicher Wünsche und Regungen gilt. Und darin scheinen sich Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung nicht sehr zu unterscheiden.

Und störend ist offensichtlich das, was von woanders her durchklingen, diese Verhärtung aufbrechen könnte. Bei der Patientin sind es nicht zuletzt ihre Ängste. Die Ängste um die Beziehung zu ihrer Partnerin, die ganz offensichtlich nicht dadurch begründet sind, dass diese Beziehung schlecht wäre. Das Gegenteil ist der Fall, sie wird ihr immer wichtiger, sie kommt ihr immer näher, und ihre Angst ist nicht einfach die, sie verlieren zu können, sondern viel eher die, sich in dieser Anziehung, die sie nicht zuletzt sexuell für sie immer mehr bekommt, aufzulösen und ihre Struktur zu verlieren. Ganz offensichtlich ist es so, dass dieses Störende das Bedeutsamere sein dürfte und ihre Person, ihre Subjektivität nicht weniger zum Vorschein zu bringen scheint als ihre Persönlichkeit.

Ähnliches von den Persönlichkeitsstörungen zu sagen, die ja die Störung sozusagen schon eingebaut haben, scheint vermessen zu sein und setzt sich sehr schnell dem Vorwurf aus, das Leid der Patienten und ihrer Umwelt nicht ernst zu nehmen. Gleichwohl ist es so. Sie führen uns auf immer wieder erschreckende, aber auf ebenso berührende Art und Weise diese Subjektivität vor: wie sehr sie durch alle Ebenen hindurch – darin den Neurosen gar nicht unähnlich – dem unterworfen sind, was ständig stört, was nicht passt, was sich nicht einfügt. Auch sie, und ganz besonders sie, stehen im Bann des Objekts, ihrer Sehnsucht nach ihm, ihrer Unersättlichkeit ihm gegenüber wie auch im Bann der Angst vor dieser Sehnsucht und davor, von ihm gefressen zu werden und verloren zu gehen. Sie bemächtigen sich seiner und verschmelzen mit ihm, stossen es wieder aus und sind so weit von ihm entfernt, dass sie Welten von ihm trennen. Sie versuchen es und jede seiner Bewegungen ebenso wie sich selbst und jede ihrer Regungen zu kontrollieren, machen einen Schritt auf es zu und gleichzeitig wieder zwei zurück, stehen im Zwang alles rückgängig machen zu müssen. Sie suchen die Lust, von der sie nichts wissen und verpassen sie ständig gerade in dem, wie sie sie in Szene setzen und schliesslich versuchen sie nichts anderes mehr als ihre Kraft, ihre Potenz zu zeigen und zu pflegen, um sich selbst und anderen nicht nur als unverletzt, vielmehr noch als unverletzbar zu präsentieren. Sie zeigen das ganze Repertoire präödipaler Lüste und ihrer Konflikte, die die im ödipalen Konflikt errichtete Struktur – wie es immer wieder so schön heisst – reifer und genitaler Sexualität durchlöchern und durchbrechen. Es scheint bei ihnen so, als hätte der Dämon seine etruskischen Maske, die phersa, abgezogen und führe die Dramen auf, die manchmal zum Lustspiel, manchmal auch zum Trauerspiel werden können.

Aber unterscheiden sie sich darin wirklich, von dem, was wir von den Persönlichkeiten her kennen, denen ja keine Störung attestiert wird, die im Gegenteil anerkannt und gefeiert werden? Ist diese Symptomatik wirklich so spezifisch und sakrosankt, dass sie es wäre, die zwischen krank und gesund unterscheidet? Wenn wir uns zumindest einzelne der vom BLICK aufgeführten Persönlichkeiten anschauen, können da schon Zweifel kommen. Und – wohlgemerkt – es geht nun dabei ganz und gar nicht darum, diese pathologisieren zu wollen. Was für ein Schauspiel wurde denn vom Cavaliere aufgeführt, nicht nur in seinen Villen, sondern durchaus auch im Staat und mit dem Staat? Das wiederum mit ihm sicher nicht zum ersten Mal und ebenso sicher nicht nur in Italien, auch wenn es woanders anders und vielleicht auch milder ist. Ist diese Milde dann aber nur ein Verdienst? Ist sie nicht manchmal auch ein Unvermögen, sich diesen ganz offensichtlich für uns alle faszinierenden Seiten hinzugeben? Wie sieht es dann mit anderen aus, deren Erscheinung durchaus moderater ist, deren Unersättlichkeit in anderer Hinsicht diesem Treiben dennoch nicht hintan zu stehen scheint? Bei allem Tadel und aller Kritik, mit denen man diese Persönlichkeiten und Figuren, überhäuft, bleiben sie im Fokus und in der Beachtung des öffentlichen Interesses, sie bleiben Persönlichkeiten und hören nicht auf, welche zu sein. Und sie bleiben es auch dann, wenn der Erfolg sie verlässt, was ja dann meist irgendwann auch der Fall ist. Auch er ist – wie wir schon sahen und wie auch so schlicht und einfach im BLICK gezeigt – kein Kriterium für die Persönlichkeiten.

Ist es also wirklich so, dass diese Seiten, diese so störenden, so unangemessen erscheinenden Seiten die Differenz ausmachen zwischen der Persönlichkeit und ihrer Störung? Viel eher scheint es so, dass sie das Faszinierende sind in beiden Fällen und eben genau in ihrem Schillern. Sind nämlich nicht wenige gerade deshalb auch Persönlichkeiten, weil sie es so treiben, wie sie es treiben – nicht nur im Oval Office –, und werden sie nicht vor allem auch dafür bewundert? Und haben sie vielleicht auch deshalb diese geschützte Stellung, die bei den Parlamentariern Immunität heisst, auch wenn diese manchmal einbrechen kann wie bei Dominique Strauss-Kahn. Die Faszination der Persönlichkeit würde dann darin bestehen, dass das Störende gelingen kann. Die Faszination der Persönlichkeitsstörung, dass sie scheitern kann und scheitern muss. Denn auch da gibt es diese Faszination, dieses Erschrecken und dieses Berührtwerden. Das kennen wir alle.

Die Kriterien der Unterscheidung scheinen also nicht unbedingt in den Symptomen zu liegen, sondern den Versuch darzustellen, die Struktur, besser vielleicht die Strukturen in ihrem offensichtlich prekären Zustand zu stabilisieren.

Gar nicht unähnlich wie dies bei der Frage der sexuellen Differenz der Fall ist, worauf ich in letzter Zeit gehäuft gestossen bin. Wie wir schon gleich zu Beginn gesehen haben, ist das Verständnis der Persönlichkeit nicht ganz zu trennen von der Frage des Geschlechts. Dieses Geschlecht hat nun aber längstens seinen Status verloren, eine eindeutige Einteilung in männlich und weiblich vornehmen zu können. Judith Butlers Gender Troubles haben diese Differenz kräftig aufgemischt, indem sie auf die kulturelle Konstruktion dieser und anderer Differenzen ganz nachdrücklich hingewiesen haben. Daran kommt man nicht mehr herum, auch wenn es beispielsweise von Seiten der Lacanianer ein Festhalten an einer männlichen und weiblichen Sexuierung gibt. Allerdings wird diese alles andere denn als Natur verstanden, sondern als ein Reales, an dem die Sprache und die symbolische Kastration auf zwei Arten scheitern kann, die dann als männlich oder weiblich bezeichnet werden. Das hat insofern eine innere Logik als sich die Reihe der Signifikanten an der Leerstelle des Phallus aufreiht und immer weiter fortsetzt. Dennoch wird auch dort hervorgehoben, dass diese männliche und diese weibliche Sexuierung ganz und gar nicht mit Mann-Sein oder Frau-Sein gleichzusetzen ist, da jedes Subjekt sich auf die eine oder auf die andere Seite einordnen kann. Darüber hinaus aber ist die Frage des Geschlechts verschiedensten Änderungen und Angleichungen ausgesetzt, was damit begann, dass die vorherrschende Struktur der Heterosexualität ihre Prädominanz zunehmend verloren hat und in der Tat sich die ja sicher auch nicht unberechtigte Frage gestellt hat, weshalb nun diese so verbreitete Form der Heterosexualiät, genuiner, gar natürlicher, normaler oder auch gesünder sein solle als beispielsweise die Homosexualität.

Es geht hier ganz offensichtlich um Normierungen, um Fragen kultureller und gesellschaftlicher Normen, und nicht um eine Perspektive, die versucht, das psychische Geschehen, das libidinöse Schicksal, die Konstituierung des Subjekts zu verstehen. Natürlich spielen in dieses Geschehen die Normen immer hinein, spielen dabei – siehe die Maske, siehe die Figur und die Persönlichkeit – immer eine Rolle, das ist keine Frage. Aber es ist nicht Aufgabe des Psychotherapeuten, des Psychoanalytikers, sich mit diesen Normen zu identifizieren, sondern sie zu erkennen und durchaus in ihrer Bedeutung für den Einzelnen und sein Schicksal in Frage zu stellen.

In diesem Kontext habe ich von einem Jugendlichen gehört, der ganz dezidiert in die Beratung mit dem Wunsch kam, operativ eine Scheide bekommen zu wollen. Er hatte nicht den Wunsch – ganz explizit sogar nicht – eine Geschlechtsangleichung, wie man das heute nennt, vorzunehmen. Er wollte zwar weibliche Hormone, aber keine Brüste und auch sonst wollte er nicht zur Frau werden. Er fühlte sich schon sehr früh zu Männern hingezogen und suchte homosexuelle Beziehungen. Eine wirklich sehr bemerkenswerte und interessante Konstruktion, bei der es aller Wahrscheinlichkeit nach darum geht, das eigene wie auch das fremde Begehren in Schach zu halten. Ganz so wie ihm das über weite Strecken im Austausch mit seiner Umwelt gelingt. Er hatte schon sehr früh homosexuelle Erlebnisse, die aber beide so verliefen, dass sie Abscheu bei ihm erregten und hinterliessen, so dass es auch weiter nicht erstaunte, dass sein Wunsch nach einer Scheide nicht darin begründet war, dass er sich davon eine Lust versprach, die er suchte und wollte. Es ging viel mehr um ein Bild, um ein Bild von Makellosigkeit und Schönheit, wie man sie in der Kunst von Darstellungen von Transsexualität her kennt.

Nun gilt auch ein solcher Wunsch – wie jeder andere, mit dem eine Therapie oder eine Analyse begonnen wird – zunächst mal als Symptom, als Ausdruck von anderem, als Ausdruck von etwas, das durch dieses Bild – durch diese Maske – von Makellosigkeit von woanders her spricht. Was wiederum nicht heisst, dass ein solches – wie jedes andere – Anliegen verwehrt werden, dass es als pathologisch angesehen werden müsse. Weil alles andere als klar wäre, warum ein solches Begehren unangemessener, weniger normal und weniger gesund wäre als andere.

Gleichzeitig komme ich mit diesem Beispiel auf den Körper zu sprechen, über dessen Beziehung zur Persönlichkeit Sie im Rahmen dieses Zyklus ja noch mehr hören werden. Dieser ist gerade auch als sexueller Körper nicht nur Teil der Persönlichkeit, sondern auch Teil dessen, was man als ihre Maske bezeichnen kann. Und auch er ist nicht einfach, sondern er wird auch gebildet, er wird auch konstruiert. Und diese Konstruktion fängt bei Gott nicht erst im Fitness-Studio, mit Piercing und Tätowierungen und gar bei den Geschlechtsangleichungen an. Er wird in seiner Mimik, in seinem Ausdruck, in seinem Gang und in seinem Gehabe schon sehr früh und auf mannigfaltige Art konstruiert. Und so ist der Aufschrei, der nicht zuletzt von Seiten der Psychotherapie und gerade auch von der Psychoanalyse gegenüber solchen Entwicklungen zu vernehmen ist, die bei Jugendlichen und nicht nur bei Jugendlichen zu beobachten sind, den Körper zu formen und zu verändern, nicht nur überflüssig, sondern auch heuchlerisch.

Denn auch der Körper hat, wie die Maske, zwei Seiten, auch der Körper ist in sich different. Zum einen ist er etwas abgeschlossenes, das ja immer wieder als natürliches erscheint, als etwas das so ist und so bleibt. Selbst dann, wenn man aus eigener Erfahrung sehr wohl weiss, dass dies nicht immer der Fall ist. So kann er sich als Maske auch immer noch mehr verschliessen und so zu einem Panzer werden, dessen extreme Form möglicherweise in der Katatonie vorgeführt wird. Er kann sich aber auch so verschliessen, wie es unser Jugendlicher sich erträumt, in einer Makellosigkeit und Schönheit, die fast nicht berührt werden, sondern nur geschaut werden darf.

Darüber hinaus hat er auch Öffnungen – auch wie die Maske. Und diese Öffnungen sind – wie bei der Maske – solche für das andere, für dieses als so anders und fremd empfundene und in der Tat auch andere Begehren, Öffnungen für das Begehren des anderen. Wir sollten ja nicht vergessen, dass die erogenen Zonen, auf welchen sich auch die Einteilung der Persönlichkeitsstörungen bezieht, Öffnungen sind, Öffnungen und Löcher, an und in denen es zu einem Austausch kommt, der immer auch ein sexueller ist. An diesen erogenen Zonen kommt diese Erregung, diese Lust, dieses Sexuelle ins Spiel, das von woanders her immer durchklingt und manchmal – so wie es im Kontext der Persönlichkeitsstörungen häufig heisst – auch durchbricht. Und so kann man auch sagen, dass es bei diesem Wunsch des Jugendlichen nach einer Operation und einer Scheide nicht nur um die Abwehr des Begehrens, sondern auch darum geht, Öffnungen in diesen abgeschlossenen und sich abschliessenden Körper zu machen. Dass es auch darum geht, ihn für die Sexualität durchlässiger zu machen.

Damit Sie nicht denken, dass ich meine Gedanken ganz allein auf Bilder aus dem BLICK stütze, habe ich Ihnen noch ein paar Bilder von Cindy Sherman mitgebracht, von der im übrigen im Kunsthaus Zürich im Sommer eine grosse Ausstellung zu sehen sein wird.

In ihren Photographien kann Cindy Sherman ungehemmt der Lust frönen, sich zu verkleiden, sich immer wieder neue, immer wieder andere Identitäten zuzulegen. Das hat sie schon als Kind geliebt und immer gemacht. Mit Hilfe von Gewändern und Accessoires, von Perücken, falschen Wimpern und Schminke, von künstlichen Busen und anderen Prothesen und immer wieder anderen Interieurs und Exterieurs nimmt sie immer andere Gestalt an, wird sie zu immer neuen Figuren und Typen. Mal steht sie im Badezimmer vor dem Spiegel und macht Toilette – eine junge, eher einfache, biedere Frau, schüchtern vielleicht, die sich vorbereitet, worauf? Auf den Ausgang, auf die Nacht, auf den Schlaf...; mal steht sie kokett in einem Hauseingang kurz vor dem Tritt auf die Strasse, kurz vor dem Auftritt, einem vielsagenden, einem vielversprechenden. Auch dieses Bild ist vielsagend. Ist es mondän, ist es ein wenig verrucht, Film noir? Der Malteser Falke vielleicht, kommt gleich Humphrey Bogart? Oder ist es doch Marylin Monroe? Aber was ist es dann?


Andy Warhol hat über Cindy Sherman gesagt: „She’s goog enough to be a real actress.“ Womit wir fast schon wieder bei der griechischen Tragödie sind.


Allerdings – und darin zeichnen sich die Arbeiten, die Verkleidungen, die Inszenierungen und Masken von Cindy Sherman besonders aus – lassen ihre Bilder dieses Fremde immer durchscheinen. Man könnte fast sagen, dass sie nichts anderes sind als diese Irritation und der Vorschein dieses Fremden. Es stimmt immer etwas nicht, ganz atmosphärisch nicht: Auch wenn man in der Tat an Film Stills denkt – so wie hier – und sogar nach dem Film sucht, dem diese Szene entnommen sein könnte, und der Titel schon auf der Zunge zu liegen scheint, er wird nie ganz stimmen, es geht doch nicht auf, immer bleibt ein Rest. Das Bild bleibt immer offen.

Manchmal stimmt es nicht nur atmosphärisch nicht, manchmal stimmt auch sonst was nicht. Bei diesem Bild könnte man wieder an unser BLICK-Girl erinnert sein. Aber nicht wirklich. Schon auch anzüglich, leicht lasziv mit dem hochgezogenen Ellenbogen, verführerisch? Oder nur erschöpft nach dem Putzen oder Einkaufen, ein Moment unbeobachteter Ruhe? Auf jeden Fall hat sie die Fernbedienung des Selbstauslösers in der Hand und signalisiert damit eines: es ist ein Bild, es ist eine Maske, es ist eben nicht wirklich. Das Bild ist ein Bild und das wird gezeigt, womit es auch durchlöchert ist. Es ist nicht einfach das, was es ist, es ist ein Bild, gemacht und immer auch unstimmig in sich selbst in sich gestört und eben auch störend. Es ist durchlöchert wie unsere Maske.

Die Photographien von Cindy Sherman zeigen uns, wie sehr Bilder Fragen stellen. Sie sind gestört und sie stören auch. Und hier – Sie hören es schon – könnte man natürlich weiter fragen: Wie ist es mit den Störungsbildern, wie gestört sind die? Und wie sehr vermögen sie uns noch zu stören?

Und zur sexuellen Differenz noch dieses Bild. Da muss man nichts mehr sagen.


Damit komme ich wieder zum Titel meines Vortrags, zur Persönlichkeit und ihrer Störung. Ganz offensichtlich ist es nicht so, dass Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung so sehr voneinander getrennt sind, dass sie einfach voneinander geschieden sind und geschieden werden können. Es ist nicht so, wie die Begrifflichkeit nahelegen könnte, dass man die Persönlichkeit sozusagen unter Abzug der Störung bekommen könnte oder umgekehrt zu einer gesunden Persönlichkeit dann dummerweise eine Störung hinzukommen würde, die ihr fremd und deshalb von ihr zu subtrahieren wäre. Vielmehr scheint es so, dass gerade die Störung etwas ganz Konstitutives für die Persönlichkeit ist, dass sie als das, was durchklingt, dass sie als Öffnung, nicht nur aber auch im Körper, dazu gehört, dass sie auch als dieser Dämon dazu gehört, von dem schon die Etrusker wussten, aber nicht nur sie.

Descartes hat es uns in seinen Cogitationes vorgeführt. Er hat sich dem Zweifel ausgesetzt und alles zu bezweifeln begonnen. Ohne Unterschied, ohne Anfang und ohne Ende hat er alles diesem Fragen und Zweifeln unterzogen. Nichts schien ihm gesichert, nichts schien ihm Halt zu geben, nichts schien ihm fest zu sein. Diesen Zweifel, dieses Zweifeln hat er seinen Dämon genannt. Er war ihm ausgesetzt, voll und ganz. Und in der Zuspitzung dieser Zweifel kam es dann zu einem Moment, zu einem Augenblick der Erleuchtung, des Erkennens, in dem er sagte, in dem er sich sagte, dass er zweifle, dass er denke und deshalb sei. Cogito ergo sum. Das war ein Meilenstein. Und natürlich die Begründung der modernen Wissenschaft, insofern sich diese von einer Wahrheit verabschiedete, die in einer adäquatio rei et intellectu bestand, in einer Identität von Sache und Verstand, die dann Gewissheit gegeben hätte. Bei diesem Cogito und der Wissenschaft, die sich daraus ergab, ging es dann weniger um eine solche Identität, sondern um eine Differenz, wie sie dieses Zweifeln, dieser Dämon exzessiv an den Tage legt und an den Tag brachte. Und dieses Cogito ergo sum, dieses Moment der Erkenntnis war ein Augenblick, war eine Gewissheit, die flüchtig war und flüchtig ist, die passager ist und wenn man sich öffnet, immer wieder durchklingt oder auch durchbricht.

Die Löcher, die Öffnungen der Persönlichkeit sind also nicht weniger wichtig als die Struktur, als die Maske. Sie konstituieren die Maske, die sie auch brauchen, um sie immer wieder zu durchlöchern.

Das heisst, dass die Rede von der Persönlichkeitsstörung ihren guten Grund hat, ihre Wahrheit hat. Diese besteht aber nicht darin – und das ist mir wichtig –, dass es sich dabei um akzidentelle, pathologische Deformationen einer intakten Persönlichkeit handelt, die dann – mathematisch gesagt – durch eine Operation der Subtraktion wieder hergestellt werden müsste – und so wird häufig Therapie verstanden. Vielmehr ist es eben diese Störung, welche die Persönlichkeit jenseits eines solchen Verständnisses von Deformation ausmacht. Was viel eher einer Mathematik der Division und dann der Addition entsprechen würde. Davon scheint unser Jugendlicher gewusst zu haben, auch wenn er es nicht wusste und weiss.

Und wenn Karl Jaspers zu diesem Begriff der Persönlichkeitsstörung meinte: „Menschlich aber bedeutet die Feststellung des Wesens eines Menschen eine Erledigung, die bei näherer Betrachtung beleidigend ist und die Kommunikation abbricht“ , dann wendete er sich gegen diesen Abschluss, den er als Erledigung bezeichnet, der eben sowohl für die Persönlichkeit wie auch für die Persönlichkeitsstörung gilt. Persönlichkeit als Störung zu verstehen, würde sie wieder durchlöchern und Öffnungen machen.

Persönlichkeit ist also diese Differenz der Stimme von woanders her und ihre Maskierung. Sie ist nicht einfach Struktur, sondern mindestens ebenso diese Stimme, die fremd ist und aus dem Fremden kommt. Und dieses Fremde, das hat die Psychoanalyse gezeigt, ist nicht nur im Aussen, es ist – und das meint den Trieb – ein Aussen, das im Innen ist. Weshalb der Versuch auch so ins Leere geht, sich gegen dieses Fremde durch ein Maskierungs- oder ein Vermummungsverbot zu erwehren. Der psychische Apparat, wie Freud diese Struktur nannte, bevor sie zu einer Strukturtheorie wurde, der psychische Apparat entsteht aus den Anforderungen des Triebs, die dieser an ihn richtet. Ohne den Trieb macht dieser Apparat keinen Sinn. Und als Unersättlicher, immer Drängender hört er nicht auf, immer neue Anforderungen an ihn zu stellen. Ohne die Stimme macht die Maske keinen Sinn. Eine Persönlichkeit ohne Störung lässt den Klang dieser Stimme, lässt die Poesie vermissen, die uns andere Welten öffnet, uns in sie verführt.

Womit wir dann doch eine Lanze für die Frauen brechen würden. Die ja, wie Kant es so schön ausgeführt hat, sich vom Schönen, von der Poesie dieser Stimme verführen lassen, die diese Maske auch ständig durchlöchern, sich nicht von ihr fassen und fangen lassen. Auch dann nicht, wenn sie diese Maske durchaus aufzusetzen und mit ihr zu spielen verstehen.

Ich habe mich bei der Beschäftigung mit diesem Vortrag manchmal gefragt, weshalb es denn so ist, dass es diesen Begriff der Persönlichkeit in der Psychoanalyse eigentlich nicht gibt, dass ihn Freud nie verwendet hat. Ich kann darauf keine eindeutige Antwort geben, aber vielleicht klang in meinen Gedanken etwas davon durch, worum es dabei gehen könnte. Vielleicht ist es so, wie es ein guter Freund formuliert hat, dass dieser Versuch, etwas zu fester Form zu bringen, mit der "Poetik von Analyse" kollidieren müsste, die ja von der Flüchtigkeit von Texten lebt, und zwar von Texten, die im Setting der Analyse unwillkürlich eine Ahnung der Unmöglichkeit ihrer selbst als Bedingung ihrer "Wahrheit" behalten.

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