Wozu überhaupt noch Psychoanalyse?

zusammen mit P. Schneider und P. Passett

Vortrag am Psychoanalytischen Seminar Zürich im Januar 2012

13. Januar 2012




Ein Trialog von Olaf Knellessen, Pierre Passett und Peter Schneider


A: Was bedeutet die Frage?

Erstens: Die Psychoanalyse ist bedroht und muss verteidigt werden.

B: Oder zweitens: sie ist bedroht und es gibt einen würdigen Nachfolger, dem man die Psychoanalyse als Geschenk übergeben könnte?

C: Drittens: Es ist keine besondere Situation, sondern ein Gebot intellektueller Redlichkeit, sich immer wieder zu fragen, was das, was man praktiziert, eigentlich ist, um sich so auf eine zeitgemässe Art und Weise zu positionieren.

A: Nehmen wir mal an, es gelte der erste Fall. Dafür gibt es verschiedene Anzeichen. Man müsste die Augen verschliessen, um nicht zu sehen, dass die Psychoanalyse bedroht ist: Die Lehrstühle an Universitäten, an denen Psychoanalyse gelehrt wurde, werden nicht mehr mit Psychoanalytikern besetzt. Es gibt keine Ausbildungskandidaten mehr. Die gesundheitspolitischen Erwartungen an eine gute Psychotherapie entsprechen nicht dem, was eine Psychoanalyse klassischerweise ausmacht. Die Produktion eines Verlages wie – Suhrkamp – hat sich von der Psychoanalyse entfernt. Und auch andere Verlage haben ihr Psychoanalyseprogramm zunehmend auf allgemeine Psychologie und allgemeine Psychotrends wie Achtsamkeit verschoben.

B: Bei den Lehrstühlen muss man sagen, dass die Psychoanalyse in der Psychologie seit eh und je nur schlecht vertreten war, wenn schon war sie eher in der Medizin vertreten. Und mit dem Garaus, der der Psychosomatik bereitet wurde, ging auch dieses Terrain zunehmend verloren. (Psychosomatik als Theorie versus somatoforme Störungen: Schmerzkliniken..) Die Psychoanalyse ist dafür breiter als früher in den Geistes- und Kulturwissenschaften vertreten. In den Geisteswissenschaften wird sie oft auf einem Niveau betrieben, das dasjenige des engeren Zirkels oft übertrifft. Manchmal hat man den Eindruck, sie gedeihe als Theorie vor allem dort. Sie hat sich auch neue Gebiete erobert hat, unter denen die psychoanalytische Filmwissenschaft schon eine fast altehrwürdige Geschichte ist.

C: Auch wenn die Psychoanalyse im Sinne der eigentlichen Kur in den Kliniken zunehmend verschwindet, so ist sie als wesentliches Element in vielen der Therapieformen weiter enthalten.

Nun wird die Frage aber an einem Psychoanalytischen Seminar gestellt, an dem weder Filmwissenschaftler noch andere Geisteswissenschaftler aus- und weitergebildet werden – leider nicht mehr -, sondern Ärzte und Psychologen, die die Psychoanalyse in ihrem Beruf als Psychotherapie anwenden wollen. Für sie und das Seminar bedeutet die Verdrängung in andere Felder eine Bedrohung und einen Verlust.

A: Kann man dabei aber überhaupt von Verdrängung sprechen oder ist es nicht auch so, dass es sich um einen Weggang handelt, weil die anderen Bereiche attraktiver sind und ihren Fragestelllungen näher kommen. Und geht durch diese Auswanderung der Psychoanalyse in andere Disziplinen tatsächlich etwas verloren oder wird hier nicht eine Verknüpfung von Psychoanalyse und Therapie aufgelöst oder zumindest gelockert, welche zwar von Anfang an bestanden, der Psychoanalyse aber vielleicht mehr geschadet als genutzt hat?

B: Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen der Wechsel in eine andere Disziplin nicht zu einer Minderung sondern zu einer Mehrung des Wissens geführt hat. So hat unsere Kenntnis über die Natur und über die Erde, in der wir leben, deutlich zugenommen, seit sie nicht mehr Gegenstand der Religion, der Bibelexegese und später dann der Naturphilosophie ist.

C: Freud hat das Junktim von Heilen und Forschen als ein Essential der Psychoanalyse verstanden und das ist wohl mehr als eine Marotte des Begründers gewesen. Zudem ist diese Anbindung an die Medizin mindestens insofern segensreich gewesen, als die Gefahr, dass die Psychoanalyse zu einer unbedeutenden, spekulativen Anthropologie geworden wäre (Weininger, Steiner, Fliess), sehr konkret scheint. (Man stell sich vor, Freuds erstes Buch wäre das Jenseits des Lustprinzips gewesen.

A: Dann wäre sein bestes Buch sein erstes gewesen. Und vielleicht ist trotz dieser Einwände die Psychoanalyse ja nichts anderes als eine spekulative Anthropologie.

B: Aber vielleicht wäre sein bestes Buch dann nicht mehr sein bestes Buch gewesen. Und nicht nur vielleicht, sondern wahrscheinlich besteht die Qualität von Freuds klinischen Beiträgen – zum Beispiel in den Studien zur Hysterie – gerade darin, dass die sogenannt klinischen Beiträge wertvolle Beiträge einer realistischen Anthropologie gewesen sind.

C: Darüber hinaus hat Freud nicht nur dieses Junktim aufgestellt, sondern auch behauptet, dass die allgemeine Aufklärung der Öffentlichkeit durch die Ergebnisse der Psychoanalyse der Neurose den Boden entzieht. Womit sich die Psychoanalyse durch ihren Erfolg aufgelöst hätte, so wie die Gewerkschaften im Kommunismus. Damit wäre unsere Frage Wozu Psychoanalyse mindestens so weit beantwortet, dass man sagen könnte: sicher nicht (mehr) vor allem zur Heilung von Neurosen.

A: Daraus könnte man nun zwei verschiedene Schlüsse ziehen. Einerseits dass es die Krankheiten nicht mehr gibt, für die sie entwickelt worden ist, zum andern gibt es eine Entwicklung, die des widening scope, die behauptet, dass sich der therapeutische Anwendungsbereich stark vergrössert hat, wie die klassischen Indikationen selten geworden sind. Die Psychoanalyse hätte also einen evolutionären Prozess des Wortes durchgemacht, sie hätte sich an veränderte Bedingungen neu angepasst. (Kleinsche Mutation - > Psychosentherapie). Und ohne Kohut wäre man ratlos vor Phänomenen gestanden, die sich nicht durch einen Konflikt, sondern durch einen Mangel auszeichnen. Wobei die Frage erlaubt sein muss, ob dies eine wirkliche Veränderung beweist oder vielmehr ein Spiel mit Begriffen ist, denn ohne Zweifel kann man Konflikte auch als einen Mangel und als Trauma darstellen.

B: Im Zuge der Diskussionen um die Nouvelle Clinique ist die bemerkenswerte Beobachtung zu machen, dass sich der Gestus psychoanalytischer Gesellschaftskritik entscheident geändert hat: Beklagte diese Kritik früher, dass die Gesellschaft – kontingent oder strukturell qua Vergesellschaftung – unausweichlich Neurosen produziert, so jammert man heute darüber, dass die Gesellschaft in ihrer heutigen Verfassung gerade jene Neurotiker nicht mehr hervorbringt, die man psychoanalytisch behandeln könnte, sondern Subjekte, mit denen die Psychoanalyse nichts mehr anfangen kann und die dann auch ihrerseits mit der Psychoanalyse nichts mehr anfangen können.

C: Und wenn die Psychoanalyse mit den Subjekten nichts mehr anzufangen weiss, stellt sich in der Tat die Frage einer Nachfolge. Nicht nur der Subjekte, sondern vor allem der Psychoanalyse. Da es ohnehin nicht eine Psychoanalyse gibt, könnte eine neue Psychoanalyse zwanglos ihre eigene Nachfolgerin werden, so wie die molekularbiologische Betrachtungsweise den klassischen Darwinismus abgelöst hat.

A: Dabei könnte es darum gehen, dass die Psychoanalyse sich neue Gegenstände und Bereiche sucht und so auch zu neuen und anderen Erkenntnissen kommt und auf diese Weise aus sich selbst heraus, sich selbst als Nachfolgerin generiert. Sie würde damit auf eine vernünftige Art und Weise, die Frage was Psychoanalyse eigentlich sei und ob etwas Neues noch Psychoanalyse sei, nicht mehr stellen. Was gleichzeitig heisst, dass die Nachfolge nicht mehr einfach eine Nachfolge ist, sondern auch eine Entstellung: die Psychoanalyse findet sich an einem anderen Ort wieder.

B: Dieses Verständnis der Nachfolge ist nicht falsch, aber hat etwas den Geschmack davon, dass eine solche neue Psychoanalyse sich unter den Legitimationsdruck einer echten Nachfolge im Geiste des Erfinders stellt, also im Grunde selber behaupten muss, dass sie immer noch Psychoanalyse ist. Damit einher geht die Gefahr eines theoretischen Essentialismus, der sich auch auf seine Gegenstände wie zum Beispiel das Unbewusste ausweitet.

C: Was aber soll der Begriff Psychoanalyse, wenn er nicht diskriminiert?

A: Ja, das ist vollkommen richtig. Nur ein gewisser Essentialismus macht es möglich, dass eine Auseinandersetzung über die Begrifflichkeiten immer weiter geführt wird. Nur so können überhaupt Grenzstreitigkeiten entstehen.

B: Wenn man nun darüber diskutiert, ob dieses oder jenes noch Psychoanalyse ist, dann gerät man sehr schnell ins Unentscheidbare und es wird deutlich, dass die Entscheidungen mehr mit der Präferenz dieser oder jener Lust zu tun haben. Natürlich gibt es verschiedene Arten von Lust, solche an der Entdeckung vom Gleichen im Fremden und auch die an der Entdeckung des ganz Anderen. Die Überraschung dürfte wahrscheinlich immer eine entscheidende Rolle dabei spielen.

C: Natürlich ist die Lust essentiell, auch dann und gerade, wenn sie sich immer auch wandelt. Wenn es sie als eine gibt, die im immer wieder Anderen auch plötzlich das Gleiche entdeckt und natürlich auch dann, wenn sie im scheinbar Gleichen und Vertrauten doch auch ständig das ganz Unvertraute und Unbekannte und eben Ungewusste entdeckt. Und natürlich kann man sagen, dass eine solche Lust auch für jede andere Beschäftigung, sei sie wissenschaftlicher oder anderer Art, gilt. Nichtsdestotrotz bleibt eine Spezifität der Psychoanalyse – von der ich glaube, dass sie irgendwie in allen ihren verschiedenen Formen mit enthalten sein müsste –, dass sie ja genau auf dieses Ungewusste, als Unbewusstes ausgerichtet ist. Als das, was immer wirksam ist, als das, wovon man immer – mit Lust und mit Schrecken, auch der gehört dazu – gepackt ist.

A: Wobei man sagen muss, dass bei allem Pathos des Nicht-Wissens und Auffindens des noch nie da gewesenen, unseren Deutungen der unangenehme Ruch eines starren Schematismus der immer gleichen Inhalte, kurz des ewig Gleichen, anhaftet.

B: Und diese Lust – das macht auch ihre besondere Verbindung zu unserem Thema aus – diese Lust ist – wie das Freud auch in den Drei Abhandlungen zeigt – immer auch mit einer Auflösung und mit einer Zersetzung der Struktur verbunden. Zum einen insofern sie Bindungen zersetzen und zerstören kann, zum andern insofern sie gerade auch in Zuständen solcher Zersetzung und Auflösung entsteht. Das eben macht sie interessant für unser Thema, das ja die Frage nach dem Ende der Psychoanalyse stellt. Torok und Abraham haben gezeigt, dass gerade im Zeichen des Todes nicht nur zufällig Sexualität und Lust frei gesetzt werden, wir haben selbst in einem Vortrag – zu Trauer und Melancholie – darauf hingewiesen, dass es bei einer Trennung nicht zu einer vollkommenen Ablösung vom Objekt kommt, dass es nicht zu einem ausschliessenden Abschluss kommt, sondern immer ein Rest im Subjekt bleibt, an dem man einerseits festhält, von dem man andererseits auch festgehalten wird.

C: Insofern ist ja gerade der scheinbare Abschluss eines Sinns, das was von der Psychoanalyse – in der Erfahrung des Unbewussten – immer wieder in Frage gestellt wird. Und vielleicht spielt genau dieser Umstand auch eine Rolle dabei, dass sie sich von Anfang an nicht nur in diesem Zustand des Bedrohtseins gesehen hat, sondern mit diesem Zustand auch verknüpft war und ist.

A: Was dann auch weiter heissen würde, dass die Grenzstreitigkeiten, von denen wir gesprochen haben, eben Teil der Psychoanalyse selbst sind, weil sie sich gerade an diesen Grenzen abspielt, weil sie eben ein Oberflächenphänomen ist, weil sich an den Grenzen der Körper eben auch die Sexualität abspielt und die Lust, diese Grenzen zu durchstossen und in den anderen einzudringen und von ihm Besitz zu nehmen. Weil die Grenze eben nicht Abschluss ist, sondern immer auch der Antrieb sie wieder zu öffnen. Und natürlich gehören zu diesen Grenzstreitigkeiten auch Ausschlüsse und es ist nicht so sicher, würde ich sagen, ob es wirklich vernünftiger ist, diese vermeiden zu wollen. Gerade insofern, weil es hier eben um eine andere Art der Vernunft geht.

B: Grenzstreitigkeiten werden vor allem in der Psychoanalyse immer mit Ausschlüssen assoziiert. Darüber geht vergessen, dass es in der Politik wie in der Psychoanalyse wie in der psychoanalytischen Politik neben solchen Ausschlüssen, bei denen dann das Ausgeschlossene – wie bei Freuds Auseinandersetzung mit Jung – oftmals im gleichen Atemzug wieder als das Eigene reklamiert wird: vor allem um Erweiterungen des Territoriums geht.

C: Das hat früh angefangen – man könnte geradezu jede bedeutendere Arbeit Freuds als den Versuch einer Ausdehnung der Psychoanalyse betrachten: von der Klinik auf Alltagsphänomene, auf die Ethnologie, die Kunstwissenschaft, Biologie etc., bei der die Psychoanalyse stets in ein bestimmtes Anlehnungsverhältnis gebracht wird. Zur inneren Erschöpfung der Psychoanalyse trägt vielleicht auch bei, dass diese Expansion – aktuell mit den Neurowissenschaften – steril bleibt und mehr der Legitimation dient, als dass sie neue Erkenntnisse bringt. In Bezug auf die Lust gesprochen: Die Anlehnungen geraten unter das Primat der Selbsterhaltung, die Spannung von Lust und Selbsterhaltung wird zugunsten letzter minimiert.

A: „Macht den Zaun nicht zu weit“, soll der Bruder Klaus den Eidgenossen geraten haben. Vielleicht wäre dieser Rat auch an die Adresse der Psychoanalytiker und der Psychoanalyse zu richten. Gewiss kann sie – und ist darin ihrem Gegenstand, der Sexualität, ähnlich, wie Laplanche bemerkt hat, - zu allem etwas sagen, aber eben nur etwas, nur ein bisschen was; ein Bisschen, das gelegentlich weh tut. Sie kann nicht alles umfassend erklären. Wie der Hund, der an jeden Baum pinkelt, kann sie nicht alle diese Bäume zu ihrem Territorium machen, sondern, indem sie ihre Duftmarke setzt, nur sagen „Hier bin ich auch vorbei gekommen.“ Die anzuratende Beschränkung kann also nicht heissen, sich nur mit etwas zu beschäftigen, sich im Gegenstand zu beschränken, sondern vielmehr sich mit allem zu beschäftigen, aber immer nur streifend, passager, „amateurhaft“ im besten Sinne des Wortes: mit Lust, aus Liebe und unter dem Gesichtspunkt der Liebe und der Lust (Laie <->).


B: Die Ausschlüsse in der Psychoanalyse haben zwar dazu geführt, dass viele Diskussionen, die hätten fruchtbar werden können, nie geführt wurden, aber vielleicht mussten sich ja die Analytiker mit dem was sie ausgeschlossen hatten, z.B. der Jung’schen Hermeneutik, der Adler’schen Machtproblematik, der Reich’schen Körpermetaphysik ernsthafter befassen, als wenn sie all diese Dinge aufgesaugt und zugleich in ihrem internen 08/15 Dialog ausgelaugt hätten. Nun bedrohten diese Themen sie von aussen und früher oder später waren die Analytiker gezwungen, darauf eigene Antworten zu geben, Kohut, die Freud’sche Linke, Laplanches Neureflexion der Sexualität z.B.


C: Aber hat die Psychoanalyse nicht doch ein Kerngebiet und ist dieses nicht die Klinik? So wenig wie das Kerngebiet der Elektrophysik die Froschschenkel sind, ist die Klinik dasjenige der Psychoanalyse. Auf diesem Gebiet wurde sie zwar erfunden, aber auf diesem kann sie letztlich nichts Spezielles leisten. In ihrer therapeutischen Effizienz ist sie so gut und so schlecht, wie annähernd alle anderen Therapiemethoden. Als anthropologische Theorie aber hat sie nicht ihresgleichen – wenigstens bis heute. Also da muss jetzt doch sicher einer wieder ganz entschieden protestieren….


A: Also ich muss da gar nicht protestieren, ganz im Gegenteil. Gerade deshalb ist mir der vernünftig daher kommende Ausschluss des Ausschlusses ja auch suspekt. Gerade weil es bei diesen Ausschlüssen eben immer auch – vollkommen einverstanden – um Expansion geht und gegangen ist. Um Expansion der Lust am Schnuppern und Schmecken und am Herumstreichen und Herummachen, aber natürlich auch um Expansion der Lust am Eindringen und in Besitz nehmen und daran das Territorium auszuweiten und auch immer wieder zu verlieren.

B: Also Freunde, nicht diese Töne: Diese Töne der Beschränkung und dieser scheinbar so aufgeklärten Vernunft. Wir müssen uns nicht beschränken, weder im ausschliessen – was nicht heisst, dass das wahllos sein muss – noch aufs Schnuppern und auf das Amateurhafte. Ohne zu sagen, dass die Klinik das Wichtigste und das Heilen das Ausschlaggebende ist, ohne zu verleugnen, dass es auch andere Methoden und ihre Erfolge gibt, dass es auch Wissenschaften gibt und Wissenschaftstheorie, ist es doch so, dass die Psychoanalyse und auch die Psychoanalytiker vielleicht eben gerade nicht mit einem Wissen, aber mit einer Erfahrung arbeiten, die – gerade weil sie nicht hauptsächlich auf einem Wissen beruht, vielleicht viel eher in einer Zuversicht dem Nicht-Wissen und dem Unbewussten als systematischem Nicht-Wissen sich aussetzen und damit etwas anfangen zu können, gerade auch dann, wenn es immer wieder zu Ende geht, womit wir wieder beim Thema wären - eben eine psychoanalytische ist und nicht von allen anderen Methoden geteilt wird, weshalb diese in ihrer Praxis darauf immer wieder zurückgreifen und auch zurückgreifen müssen.

C: Also nicht immer diese Töne der Bescheidung, die ja den Anspruch nur sehr notdürftig verstecken. Wir müssen uns ja nicht älter geben als es die Psychoanalyse ohnehin schon ist und nicht älter, als sie immer mehr vorgibt ohnehin zu sein, von Erfahrung, Weisheit und Wissen durchtränkt. Also da ist mir der Trieb der Agave doch um einiges lieber, den sie angesichts ihres Sterbens noch aus sich hervor bringt. Abgesehen davon, dass ich daran zweifle, dass sie klinisch nicht mehr leistet als andere Methoden, schleckt doch keine Geiss weg, dass wir alle drei die Psychoanalyse in der klinischen Situation kennengelernt haben und sie in dieser Situation auch täglich anwenden.

A: Ja aber nicht. weil sie mehr leistet, als andere Methoden, sondern weil sie mehr Spass macht und weniger langweilig ist. Erkenntnisgewinn für Analysand und Analytiker ist doch ihre raison d’être, aber ob Erkenntnis besser heilt, als gewisse Techniken der Verdummung und Vernebelung, dafür würde ich nicht die Hand ins Feuer legen. Ich denke da an Interaktionsanalyse, Astrologie, Homöopathie, Familienaufstellen, Eurythmie, Bioresonanz etc., etc.


B: Und Du glaubst, dass das je etwas genützt hat?


C: Was heisst glauben? Man hat es mir berichtet, Betroffene und ihr Umfeld. Aber man hat mir auch von jahrzehntelangen Analysen berichtet, die nichts gebracht haben, von hanebüchenen Interventionen von Analytikern, die heilsam gewesen sein sollen, von Placebos, die Wirkung hatten. Was soll ich glauben, was kann ich wissen?


A: Du spielst den Agnostiker und lässt Dich doch täglich für Dinge bezahlen, an die Du angeblich nicht glaubst.


B: Noch einmal: was heisst da glauben? Wenn ich die Wahl habe zwischen zwei Methoden, die beide manchmal den Patienten etwas bringen und manchmal nicht, dann wähle ich die, die fast immer mir etwas bringt: Erkenntnis, Befriedigung, Lust. Ist das unethisch?


C: Das ist wohl kaum unethisch, das ist wunderbar. Weil es ja zum einen heisst, dass dieser Aspekt – auch wenn über ihn kaum mehr geredet wird, weil er einerseits der Wissenschaftlichkeit nicht zu entsprechen scheint, weil er andererseits der therapeutischen Korrektheit nicht entspricht, und zwischen beidem eine manchmal auch etwas irritierende Allianz besteht – den wir früher auch mal als den Sex-Appeal der Psychoanalyse bezeichnet haben, doch ziemlich wichtig ist. Aber andererseits gleichzeitig eben auch zu sagen ist, dass dieser Zugang nun auch gar nicht ausschliesst – das haben wir alle ja durchaus in unseren eigenen Analysen erlebt und erleben es auch in denen, die wir machen – dass es nicht ausschliesst, dass es nützt. Deshalb müssen wir auch nicht ständig sagen, dass es nicht nützt, auch wenn es sicherlich richtig ist, dass das nicht das Allerwichtigste ist, in dem Sinn, dass alles Bemühen darauf ausgerichtet sein müsste.

A: Das Junktim von Heilen und Forschen – eine Art Zwangsgemeinschaft wie in einer Chain Gang – hat, ich wieder hole mich da, mindestens ein gutes Motiv: es hat das Erhinken begünstigt und das Erfliegen erschwert. Dies zu tun – also zu verhindern, dass die Psychoanalyse zur Anthroposophie oder sonstwas Tiefgeistigem wird -, braucht es nicht zwingend die Klinik, sondern lediglich ein hemmendes Moment, das für ein Primat des Gegenstandes vor der Ideologie sorgt, dafür sorgt, dass es in der Psychoanalyse nicht zugeht wie in dem von mir so geliebten Witz von Moische in der Klosterschule....

B: Erzähl, erzähl,

A: Erzählt..... Unbedingt richtig erzählen:

B: Davor, dass die Psychoanalyse zu einem Ensemble von Floskeln gerinnt, die alles und jedes erklären sollen – das Gesetz, das Containment, meine Gefühle in der Gegenübertragung, das Erreichen der depressiven Position, die Triangulierung – hat auch die Klinik die Psychoanalyse nicht bewahrt; im Gegenteil, sie hat diese Floskeln noch zusätzlich mit der Würde einer (Pseudo-)Empirie ausgestattet. Und sie hat eines verschleiert: Das nämlich der Zusammenhang von Erkenntnis und Heilung selbst dann noch höchst zweifelhaft ist, wenn man Heilung nicht mit Wohlbefinden gleichsetzt.

C: Die Parallelität von Erkenntnis und Heilung ist ein quasi-theologisches Versatzstück der Psychoanalyse, das im praktischen Leben der Therapie durch das „Durcharbeiten“ – man könnte auch sagen: das verhaltenstherapeutische Üben, oder böser: die gutgemeinte Gehirnwäsche – auf eine nützliche Technik heruntergebrochen werden konnte. Solange die Subjekte, die in eine Therapie kamen, selber von der Identität von Einsicht und Heilung ausgingen, blieb diese Krypto-Theologie der Psychoanalyse diskret und unproblematisch im Hintergrund. Sie war die Folie, die als selbstverständlich vorausgesetzt werden konnte. Seitdem sich in den Analysen bzw. vor allem Therapien Leute bewegen, deren Selbstverständnis auf einer naturalistischen Anthropologie beruht („das ist so im Gehirn des Menschen angelegt“), wird dieses Versatzstück in seiner Problematik überhaupt erst erkennbar. Und nicht nur die Verhaltenstherapie ist offen psychoanalytischer, sondern auch die Psychoanalyse offen verhaltenstherapeutischer geworden.

A: Es geht eben nicht nur um Erkenntnis und Heilen, sondern auch um Erkenntnis und Heil. Sloterdjik hat neulich in seinem Buch Stress und Freiheit darauf hingewiesen, dass mit Rousseaus „rêverie“ auf dem Bielersee das moderne Subjekt einen neuen Begriff von Freiheit kreiert hat, nämlich nicht die Freiheit von den Zwängen der Mächtigen und ihrer Vasallen, sondern Freiheit von den Zwängen der Realität. Das Heil wird demnach gesucht in einer Seinsweise, die jegliche Leistung ablehnt, nichts muss und nur ganz und gar bei sich, beim Gefühl der eigenen Existenz und damit natürlich in gewissem Sinne ausser sich ist. Ohne Zweifel macht die Psychoanalyse mit ihrem Setting, das keine Aufgaben kennt, sondern in der freien Assoziation dem Subjekt verspricht, ganz bei sich sein zu können, ein grosses Versprechen in diese Richtung. Die Erkenntnis, die einem dabei zufallen soll, ohne, dass man sie sich erarbeiten muss (in diesem Sinne ist das Durcharbeiten und alle sog. Mitarbeit des im Arbeitsbündnis mit dem Analytiker kooperierenden Analysanden bereits ein Aufgeben, um nicht zu sagen eine „Aufgabe“ der ursprünglichen analytischen Utopie), muss nicht notwendig heilen, aber in ihr liegt das Heil des ohne Leistungszwang über sich tagträumenden Subjektes.

B: Die Psychoanalyse kann zwar auf Theologie verzichten, nicht aber auf Religion. In seinem Mann Moses, wo Freud Religion und Psychoanalyse klar trennen wollte, hat er wohl im eigentlichen Sinne unbewusst die beiden, wenn nicht identisch gesetzt, so doch kurz geschlossen. Mag daran auch etwas Wahres sein, so ist eine Psychoanalyse doch nicht denkbar, die sich nicht klar und deutlich von Religion im Sinne von Konfession und Aberglaube und Esoterik abgrenzt.

C: Also ich bin mal wieder ganz begeistert von Euch – und auch von der Erkenntniskraft der Psychoanalyse. Erkennen zu können und zu müssen, dass sie natürlich auch Verhaltenstherapie ist, ist doch mal wieder sensationell und beweist doch die Kraft, immer wieder auch anders denken zu können und lässt uns doch hoffen. Gerade für die Entwicklungen in Theorie und Praxis, die zu Floskeln und Manierismen geronnen sind. Vor denen die Klinik in der Tat nicht schützen kann, vor denen allerdings – auch das müsste nicht unerwähnt bleiben – die Wissenschaft nun ganz und gar nicht gefeit ist.

A: Zu der Erkenntnis, die sich ja durchaus aus klinischer Praxis ergibt, lässt sich noch locker und leicht eine andere ergänzen, welche die oben schon erwähnte Nouvelle Clinique und ihre Ablehnung durch weite Kreise der Psychoanalyse betrifft. Weil doch gerade auch die Klinik jeden Tag zeigt – wie es schon in Freuds Vergleich des Zuhörens des Analytikers mit dem Telefonapparat deutlich wird –, dass die Analytiker viel mehr als sie es eigentlich wissen, Spezialisten für Medialität sind, dass sie es ständig mit Stimmen und Bildern zu tun haben, die ganz woanders her kommen, dass sie es mit medialen Objekten zu tun haben, und sich gleichzeitig einreden können, dass diese der Unmittelbarkeit und der sprachlichen Kommunikation der analytischen Situation – Stichwort symbolische Kastration – nicht nur schaden, sondern den Garaus bereiten würden. Also Klinik bringt – das erleben wir doch täglich – immer wieder neue Erkenntnisse mit sich, die zumindest für die Analytiker selbst durchaus heilsam sein können. Und wir wollen hoffen, für die Analysanden und Patienten doch auch immer wieder.

B: Auch dann, wenn sie – das ist sicher richtig – es nicht verhindern kann und dazu auch beiträgt, dass es immer wieder zu solchen Floskeln und unseligen Generalsierungen, zu solchen Banalitäten kommen kann, die den Anspruch erheben, alles erklären zu können. Das kann sie nicht verhindern, aber es ist auch kaum zu sehen, wer das sonst verhindern könnte. Psychoanalytische Klinik kann aber – und tut es auch immer und gerade auch dadurch, dass sie es mit dem einzelnen Fall und nicht allein mit dem Gesetz und nicht mit dem Allgemeinen zu tun hat – auch eine andere Logik zur Geltung bringen, die sich weniger auf das Alle, mehr auf das Nicht-Alle bezieht.

C: Und das tut sie auch in Bezug auf das Moment der Arbeit. Auch wenn sie verspricht, dass es in der Analyse nicht um Arbeit und um Leistung geht, dass es um Träume geht, dass es um Reverie geht, und damit dem Subjekt verspricht, ganz bei sich sein zu können, so zeigt sie ihm dann doch vor allem, wie sehr es gerade dann sehr wohl leistet, eben fehlleistet, wie sehr es gerade dort bei sich ist, wo es ausser sich ist, wie sehr gerade in den Träumen zum Ausdruck kommt, dass es arbeitet, aber eben ganz anders arbeitet und tickt als es glaubt – und dass diese Arbeit viel mehr Lust ist als das Subjekt das eigentlich weiss, womit wir wieder bei der Lust und ihrer Bedeutung wären – und damit die Psychoanalyse sich ganz besonders in ihrem Versprechen so erfüllt, dass ihr Versprechen im versprechen wahr wird. Die Psychoanalyse ist also – so könnte man sagen – trotz ihres Alters immer für Überraschungen gut.

A: Dass die Psychoanalyse Überraschungen zu produzieren in der Lage ist, ist tatsächlich die Bedingung dafür, dass sie nicht als erschöpftes (im doppelten Sinne: ermüdetes und ausgeschöpftes) Paradigma bedeutungslos wird, so wie ein naturwissenschaftlicher Experimentierkasten, dessen im Handbuch beschriebene Experimente alle durchgeführt sind und bestenfalls mit neuen Material ad infinitum wiederholt werden können oder so wie die Religion, deren Heilige Bücher nur immer wieder neu – und auf zunehmend trivialere Weise – in Wörtern zum Sonntag „aktualisiert“ werden. Was nicht bedeutet, dass es nicht notwendig ist, immer wieder auf die Probleme zurückzukommen, welche den Theorie-Anspruch der Psychoanalyse begründen. In der Kur ist das Überraschungsmoment vielleicht noch auf dankbarste Weise zu haben – man muss sich gar nicht gross darum bekümmern, die Überraschungen – darum heissen sie ja so – stellen sich von selbst ein (beim Analytiker wie beim Analysanden), wenn man denn die Psychoanalyse nicht nur als psychodynamisch fundierte Verhaltenstherapie betreibt und man das, was einen überrascht nicht sogleich in die Schemata bewährter Falldarstellungsklischees verpackt.

B: Ich hab eigentlich nichts gegen Wörter zum Sonntag. Diese müssen nicht notwendig immer trivialer werden; sie werden das erst, wenn sich die Bedeutung der Schrift, auf die sie sich beziehen, erschöpft hat. Setzt man die Schriften Freuds zur Bibel in Analogie, so kann man sagen, dass sie in ihrer Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit so lange immer wieder neue und überraschende Interpretationen zulassen, als ihre ganze Metaphorik noch in irgendeiner Weise zeitgemäss ist, also den Menschen etwas zu sagen hat. Das gilt für die Bibel oder das I Ging weitgehend nicht mehr, obwohl man natürlich auch dort noch so tun kann, als ob. Die Vieldeutigkeit allein kann also keine Garantie für das Nicht-erschöpft-sein darstellen. Was allerdings die Kriterien für die „Aktualität“ eines Textes sind, das ist wahrscheinlich schwer zu sagen, zumal dies ja ein durch die Medien arg geschundener Begriff ist, der schon bald riskiert, mit seinem Gegenteil zusammenzufallen. Aber nichtsdestotrotz gibt es doch so etwas, wie eine durch die Zeitumstände und den realen Kontext bestimmte, historische, oder nur noch historische Bedeutung

C: Was die Theorie angeht, so hat Freud vorgeführt, wie es möglich ist, immer wieder neue Volten der Konzeptualisierung des Psychischen vorzuführen, welche nur oberflächlich durch ein psychoanalytisches Schibboleth vereinigt werden. Es waren freilich immer SEINE Volten, welche die Schüler – bis auf wenige – bereitwillig nachvollzogen. Auf die Sprünge anderer reagierte er – ausser bei Leuten wie Pfister und Groddeck – eher ungnädig.

Dabei handelt es sich nicht bloss um eine narzisstische Marotte des Alten. Die leidige Frage „Ist das NOCH Psychoanalyse ...“ ist eine nahezu ständige Begleitmusik bei allen theoretischen Debatten. Einerseits ist sie fatal, denn sie beruht auf einer lähmenden Überbetonung des Essentialismus. Sie ist allerdings auch anderen Disziplinen, wie der Biologie nicht fremd. So fragte man sich, ob die Molekularbiologie noch Biologie – und nicht vielmehr Chemie – ist. Allerdings mit weniger theologischem Furor.

A: Andererseits ist die Frage nicht einfach grundsätzlich von der Hand zu weisen. Dann nämlich, wenn Züge des psychoanalytischen Denkens – nicht: Versatzstücke der psychoanalytischen Konfession – zugunsten einer legitimatorischen „Anschlussfähigkeit“ verworfen werden – z.B. die Betonung des Dysfunktionalen der sexuierten Psyche zugunsten deren evolutionärer Funktionalität. Es ist allerdings fraglich, ob man darauf freilich in erster Linie mit der sauertöpfischen Zurechtweisung „Das ist doch keine Psychoanalyse mehr“ reagieren sollte oder nicht besser mit dem Hinweis, das sei nun augenscheinlich Psychoanalyse, aber denkbar schlechte. So wie man es z.B. in der Ökonomie auch tun würde. Und zwar nicht mit pauschalen Argumenten wie: Wo bleibt der Trieb ...?

B: Gewiss ist das eine sehr leidige Frage, aber ich fürchte trotzdem, dass sie nicht vollumfänglich durch die Frage, ob etwas gute Psychoanalyse sei, ersetzt werden kann. Beispiel: Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ist ohne Zweifel ein Text, der sich mit dem beschäftigt, was die Psychoanalyse unter den Begriffen Trieb, Überich, Schuldgefühl, Wiederholungszwang etc. abhandelt, aber er ist keine Psychoanalyse und er ist auch nicht schlechte Psychoanalyse. Das Gleiche lässt sich vom Strafgesetzbuch und vom Lügendetektor sagen. Das Denken ist nun einmal auf Kategorien angewiesen, auch wenn es die ausserhalb von ihm, in der „Realität“ nicht „gibt“. Sie sind Bedingungen seiner Möglichkeit. Das „Wesen“ einer Sache ist letztlich auch nichts anderes als eine ihr zugehörige Kategorie. Natürlich gibt es das Wesen nicht, aber deshalb alles Sprechen über das Wesen einer Sache zu denunzieren, erscheint mir absurd und man muss sich fragen, was für Motive hinter „Denkverboten“ dieser Art stehen.

C: Die Frage, ob etwas noch Psychoanalyse sei, scheint mir erst dann wirklich rückweisungsbedürftig, wenn sie nicht im Dienste einer theoretischen Verortung, einer denkerischen Abgrenzung steht, sondern benutzt wird, um denkende Menschen zu desavouieren, ihre Gedanken zu entwerten und sektiererische Ein- und Ausschlüsse zu begründen. Über Psychoanalyse nachzudenken kann nicht heissen, nur psychoanalytische Gedanken zu denken. Im Gegenteil: man weiss sehr bald nicht mehr, worüber man nachdenkt, wenn man nicht immer wieder Psychoanalytisches zu Nichtpsychoanalytischem in Beziehung setzt. Das ist beim Nachdenken über Kunst und Religion nicht anders. In der Realität ist alles alles, bzw nichts irgendetwas. Im Denken aber ist das nicht so. Dort ist immer etwas etwas anderes und etwas drittes nicht, obwohl erneutes Nachdenken, diese Identitäten und Nichtidentitäten niemals bestätigen kann. Sie sind nur vorübergehend; dazu da, etwas Flüchtiges, Ungreifbares, vorübergehend festzuhalten, zu begreifen.

A: Wo das, worüber nachgedacht wird, nichts Wahrnehmbares und damit nichts Messbares ist, enthalten die denkerischen Zuordnungen so gut wie immer etwas Subjektives, das nicht völlig objektiviert werden kann. Deshalb eben waren Freuds Volten stets seine. Die Frage ist, wie man über Subjektives allgemein sprechen kann. Hie stellt wohl die Psychoanalyse, weil sie irgendwo zwischen Kunst, Religion und Wissenschaft steht, besonders hohe Ansprüche an ein permanentes Pendeln zwischen Einfühlung in fremdes Subjektives und Zwang zur sprachlich/begrifflichen Präzisierung und Verallgemeinerung. Sie macht Anleihen bei all diesen ihr fremden Diskursen und fällt doch mit keinem zusammen. Das macht es einerseits besonders leicht, sie zu denunzieren und besonders schwer, ihre Aussagen ausserhalb des Zwielichts des Ungefähren und Beliebigen zu halten.

B: Da wir gerade bei den Überraschungen waren, in denen eine immer wieder auch neue Frische der Psychoanalyse zum Ausdruck kommen kann, würde ich an dieser Stelle mal einen Sprung vorschlagen. Wir hatten ja als weitere Frage – es war die zweite –, die gestellt, ob die Psychoanalyse einen würdigen Nachfolger haben könne? Da würde ich zum einen mal dafür plädieren, die Würde wegzulassen, weil mir die weder zur Psychoanalyse noch zur gewünschten Überraschung gut passt und ich auch gar nicht so sicher bin, ob das Bemühen um Würde nicht früher oder später zur Erschöpfung und einer gewissen Erstarrung führen muss. Weiter bin ich nicht so sicher, ob sie einen solchen überhaupt benötigt, da ich nach wie vor ziemlich sicher bin, dass psychoanalytisches Denken in der Klinik und in anderer Praxisbereichen und in der Theorie immer noch weitaus mehr Potential hat als manches andere:

C: Dass es zum Beispiel viel mehr bietet als das nicht nur in der Diagnostik herrschende deskriptive Denken, dass ihr Verständnis weitaus differenzierter ist als die in der Traumatheorie und –therapie sich niederschlagende Ursachenforschung mit einer klaren Aufteilung in Innen und Aussen und Täter und Opfer, dass sie mit ihrem Denken mehr Objektivität einfängt, als die scheinbare Eindeutigkeit und Faktizitiät neurowissenschaftlicher Forschung. Was natürlich nicht heisst, dass sie sich in den Auseinandersetzungen mit diesen Entwicklungen nicht auch immer weiter schärft und sich selbst auch besser zu verstehen in der Lage ist und sie deswegen auch braucht.

A: Vor allem aber scheint mir die Frage nach einem Nachfolger eine viel zu geordnete Angelegenheit zu sein, die ihr, der Psychoanalyse, nun ganz und gar nicht entspricht. Sie ist viel mehr von dieser Neigung geprägt solche Ordnungen umzuschmeissen und umzukrempeln, sie holt sich ihr Material aus den verschiedensten Gebieten, steht zwischen Kunst, Religion und Wissenschaft und gleichzeitig in allen, sie überschreitet ständig Grenzen und ist auch in ihrer Praxis sehr wesentlich durch diese Grenzüberschreitung geprägt, die sich am Setting natürlich festmacht, das dazu da ist überschritten zu werden und letztlich warten wir auf nichts anderes und hoffen darauf. Weshalb gerade die neuen Medien so spannend und interessant für die Psychoanalyse werden könnten, eine Herausforderung, die ihr geradezu bestens entspricht.

B: Was natürlich auch heisst, dass ein wissenschaftlicher Blick von aussen, der die Dinge ordnet und einteilt und kategorisiert, ganz sicher seine Berechtigung hat, aber für eine etwaige Nachfolge wohl ziemlich ungeeignet ist. Da schiene es mir viel naheliegender, wenn sie sich selbst nachfolgt und weiter schreibt und weiter macht.

C: Ich glaube, dass die Frage einer „Nachfolge“ in oder der Psychoanalyse, die schon sehr früh in ihrer Geschichte eher zu den unglücklichen Fragen gehört hat und zu entsprechend unglücklichen Antworten geführt hat – zu Mesalliancen zwischen ihrer Theorie, ihres Wissens und ihrer Institutionen – sich nicht so stellt, als gelte es eine Ablösung der Alchemie durch die richtige Chemie und der Astrologie durch richtige Astronomie oder der Naturphilosophie durch richtige Naturwissenschaft nachzuahmen. Damit komme ich auf einen anderen Punkt zu sprechen, der mit der Frage der Nachfolge aber in einem engen Zusammenhang steht: dem des Erkenntnis- oder Wissensfortschritts.

A: Einen solchen Fortschritt zu leugnen, scheint mir absurd. Völlig unhistorisch wiederum erscheint es mir, sich diesen Fortschritt schlicht als den Prozess einer Akkumulation vorzustellen. Und hier scheint mir die Psychoanalyse als eine Theorie des Wissens vorzüglich geeignet, eine Theorie solchen Fortschritts zu liefern: eine Theorie, in deren Mittelpunkt nicht nur die Gewinne des Fortschritts, sondern auch spezifische Formen des Vergessens im Fortschrittsprozess gehören. So empfiehlt sich die Psychoanalyse auch als eine Form transdisziplinärer Wissenschaftstheorie, z.B. in der Form einer psychoanalytischen Diskursanalyse.

B: Das Problem scheint mir beim Begriff Fortschritt zu liegen. Dieser bezieht sich ja notwendig auf ein lineares Modell. Man schreitet linear voran, von etwas weg, auf etwas zu. D. h. die ganze zurückgelegte Wegstrecke ist conditio sine qua non für das Weiterkommen. Und das entspricht, wenn ich es richtig sehe, eben einem Prozess der Akkumulation. Nun ist das psychoanalytische Wissen aber offensichtlich nicht eines, das ständig „vermehrt“ werden kann. David Stone, ein amerikanischer Analytiker, der seinerzeit Präsident der US-Psychiater war, hat seiner Enttäuschung über diesen Sachverhalt in einem Artikel mit dem Titel Luft gemacht „Psychoanalysis has failed as a science; what will remain, when it’s scientific center crumbles? will it survive as an art?“ Darin schreibt er, er sei in jungen Jahren, zusammen mit vielen gleichgesinnten Kollegen voller Begeisterung aufgebrochen, um am Weiterbau jener grossartigen Kathedrale, welche Freud begonnen, aber nicht vollendet habe, zu arbeiten. Dabei sei für sie jenes schöne Bild massgebend gewesen, dem gemäss Zwerge auf den Schultern eines Riesen (Freud) weiter sähen als dieser.

C: Das habe sich aber als Irrtum herausgestellt. Sie sähen nicht weiter, sondern lediglich anderes. So könne dieses Gebäude zwar ständig verändert, aber niemals weiter gebaut oder gar vollendet werden. Und er hat dann zu Recht darauf hingewiesen, dass es im Gegensatz zu der Wissenschaft in der Kunst auch so sei. Zwar entwickelt sich auch dort ein Stil aus dem anderen, aber der frühere ist nur zufälliger Ausgangspunkt für diese Entwicklung, nicht deren unbedingte Voraussetzung. Oft dreht sich diese Entwicklung, die keinen Fortschritt kennt, auch im Kreise. Die Malerei des 19. und 20.Jh bedeutet keinen Fortschritt gegenüber derjenigen der Renaissance, ja nicht einmal gegenüber derjenigen der Maler von Lascaux vor 25'000 Jahren oder gegenüber derjenigen sogenannter Primitiver unserer Zeit. Sie steht vielmehr in einer intimen Wechselwirkung mit dem jeweiligen Zeitgeist, nimmt dessen Anregungen auf und findet ihm entsprechende Formen der Darstellung.

A: Aber auch der Zeitgeist, der stets natürlich ein lokaler ist, macht keinen Fortschritt. Er verändert sich nur. Ich meine übrigens nicht den Zeitgeist im pejorativen Sinne, sondern jene Geistesverfassung, welche eine Epoche und einen Ort gemäss der in ihnen herrschenden Verhältnissen auszeichnet. Um zwanglos auf mein Lieblingsthema zurückzukommen: Erkenntnis kennt keinen Fortschritt, Wissenschaft schon. Erkenntnis ist subjektiv und in diesem Sinne selektiv, Wissenschaft strebt nach Objektivität und deshalb nach Totalität. Das ist ihr Vorteil und ihr Gebrechen, denn sie hält die Richtung, in der sie sich auf ein imaginäres Ziel – das totale Wissen – hin bewegt, für linear und eindeutig definiert und weiss nicht, dass sie sich auf Kreisbahnen, ja vielleicht noch viel chaotischeren Kursen bewegt. Nur schon deshalb scheint es mir richtig, die Psychoanalyse nicht der Wissenschaft einzugliedern. Sie schaut kritisch von aussen auf die Wissenschaft, aber sie weiss, oder sollte doch wissen, dass dieses Aussen, in Wirklichkeit ein Subjektives, also viel eher ein Innen ist. Innen im Subjekt und nicht aussen in der Realität.

C: Dann sind wir halt glücklich wieder bei der Psychoanalyse als Esoterik, als einer Geheimlehre von Eingeweihten.

B: Eben nicht. Der Geheimbund ist ein Kollektiv und kein Subjekt. Er unterscheidet sich nur inhaltlich, nicht formal von der scientific comunity. Er hat an einem imaginären Aussen orientierte Regeln für die Generierung und den Transfer seines Wissens. Man kann diese Regeln erlernen und, sofern seine Mitglieder es erlauben, ihm beitreten. Das psychoanalytische Wissen, oder die psychoanalytische Erkenntnis ist wie das- oder diejenige der Kunst, eingeschlossen in jedem Subjekt. Das Dumme ist nur, dass das die psychoanalytischen Gesellschaften noch nicht wissen. Es kann zwar von Subjekt zu Subjekt transferiert werden, aber dabei wird es notwendig, nicht zufällig „entstellt“.

C: Wer sind denn diejenigen, die den Tod des Subjektes so eifrig propagieren, wie Nietzsche den Tod Gottes? Niemand anders, als diejenigen Akademiker und ihre politischen Gehilfen – ich drehe es zur Abwechslung jetzt einmal so herum –, die ihre (geistige) Herrschaft in totalitärer Weise auf alle ausdehnen wollen. Der psychoanalytische Diskurs aber wäre idealiter ein herrschaftsfreier. (In Realität ist er das natürlich nie) Selbst auf der Couch schlägt er wohl eine Brücke zwischen zwei erkennenden Subjekten, aber nicht, um das Wissen des einen dem anderen einzuimpfen, sondern um (für beide) immer wieder die Erfahrung zu machen, dass ihre Erkenntnis, so radikal sie sich auch auf den anderen bezieht und ohne diesen nicht auskommt, immer nur die je ihrige ist. Das ist ein Paradox. Die psychoanalytische „Wahrheit“, die immer im Spannungsfeld von bewusst und unbewusst sich artikuliert, ist ihrer Natur nach paradox. Die Psychoanalytiker können ihre Vorläufer und ihre Nachfolger, wenn es denn sein muss, immer dort finden, wo das Paradoxon der Freund und nicht der Feind der Erkenntnis ist.

A: Wenn wir drei uns hier im Kreis herum Fragen stellen und Antworten geben, so stellen wir zwar jene Subjektivität in Frage, die es nur erlaubte, dass Olafs Fragen eben Olafs Fragen und Peters Antworten eben seine Antworten wären. Aber, indem wir dies tun, lösen wir das Subjektive nicht im Objektiven auf, oder überführen es dorthin, sondern erschweren es unseren Zuhörern mit Absicht, die einzelnen Aussagen jeweiligen Subjekten zuzuordnen und sie so wiederum in einen objektiv erkennbaren Zusammenhang einzutragen. ( Aha, da spricht der Lacanianer, natürlich muss das ein Kleinianer so sehen…) Vielmehr sollen sie jede einzelne Aussage immer wieder so zur Kenntnis nehmen, als stünde sie in keinem wissenschaftlichen, religiösen oder sektenhaften Zusammenhang, sich also ihren subjektiven Reim darauf machen, einen, der sich weder auf Lacan noch auf Klein, weder auf Freud noch auf Laplanche oder Bion reimt, sondern nur auf SIE.

B: Also ich bin ganz begeistert, Freunde, von diesen Tönen. Dass die Psychoanalyse nicht einfach Wissenschaft in diesem Sinn des Fortschritts ist, sondern nach wie vor avancierte Theorie des Wissens bei der es nicht um Fortschritt im Sinne einer Akkumulation von Wissen geht, sondern sehr wesentlich um das Vergessen von Wissen und sein mögliches Wiederauftauchen in anderer Form, das ist grossartig. Weil sie das Potential der Psychoanalyse weder schamhaft noch schuldig vertuscht, sondern auch einen Anspruch formuliert, der durchaus Übergriffe markiert und anderen Disziplinen in den Garten tritt, insofern er das Moment des Kreisens vom einen zum anderen in den Mittelpunkt des Fortschritts rückt, gar nicht unähnlich dazu wie die Gedanken auch unter uns kreisen.

C: Dass dieses Kreisen und dieses Hin und Her – das ja auch ein Zaudern und Zögern sein kann – sehr viel mit dem Schluss zu tun hat, insofern es die Dinge in der Schwebe lässt und so verhindert, dass sie zu einem – wie immer auch vorzeitigen – Schluss gebracht werden, darauf hat ja Lilli Gast erst vor einem Jahr hier in unserem Kreise sehr schön hingewiesen. Insofern könnte man David Stone vor allem eines entgegnen, das er ja mit seiner Einsicht wie es auf den Schultern des Riesen aussieht, gar nicht so unrecht hat, aber doch das Potential verkennt, das gerade die Kunst im Sehen hat und vor allem auch darin, immer wieder anders zu sehen und darin auch immer weiter gekommen ist in diesem anders sehen.

A: Gleichzeitig führt sie auch vor, dass auch dabei nicht alles so ganz herrschaftsfrei ist. Dies nicht einfach deswegen, weil es Rivalitäten gibt, weil es eine Ökonomie des Marktes und seiner Herrschaftsformen gibt – was unzweifelhaft der Fall ist –, sondern auch deswegen weil der Antrieb Kunst zu machen eben auch ein Antrieb ist und immer auch etwas Triebhaftes hat. Um welches es auch in der Psychoanalyse ganz wesentlich geht. Weshalb diese bei allem Bemühen auch nicht einfach herrschaftsfrei ist, weil man von diesem Zwang – um Gottes und Freuds Willen würden wir sagen – auch nicht einfach frei werden kann. Gerade dieses Triebhafte ist es ja – das zeigte Lilli Gast sehr schön –, das sich im Kreisen eben auch zum Ausdruck bringt und nicht zuletzt dafür steht, die Dinge eben nicht zu einem Ende kommen zu lassen und zu einem Ende zu bringen, viel eher dazu, sie weiterschreiben zu können.

B: Ich möchte noch mal auf den Geheimbund und die scientific community zurückkommen. Sofern sich Psychoanalytiker (wie Leuzinger-Bohleber) auf die scientific community berufen, an die sie mit Hilfe der Neuropsychoanalyse Anschluss finden möchten, handelt es sich um eine ziemlich grobes Missverständnis, bei dem das, was früher mal die IPV war, nun zur „scientific community“ geworden ist. Freud spricht von der Psychoanalyse als einem „geselligen Unternehmen“, Ludwik Fleck betont den sozialen Charakter der Wissenschaft. Scientific community ist nicht eine Organisation, in die man durch eine Prüfung aufgenommen und aus der man ausgeschlossen werden kann, wenn man ihre ethischen Richtlinien nicht befolgt – sie ist die virtuelle Gemeinschaft eines Denkkollektivs. Denkkollektiv und Denkstil sind bei Fleck zwei Seiten einer Medaille: Sie sind das, was erlaubt, etwas in den Blick zu nehmen. Und anderes als Unwichtiges auszuschliessen.

C: Darum sind sie nicht stabile Gemeinschaften und Systeme, denn es kann sich als notwendig oder interessant erweisen, etwas, das zuvor als weisses Rauschen galt, nunmehr als wichtiges Element von Informationen aufzufassen. Denkstile und Denkkollektive sind auch nicht gegeneinander abgegrenzt: sie können koexistieren, sich ergänzen und in Konflikte geraten – sie fügen sich keineswegs zu einer Meta-Community im Sinne der Einheitswissenschaft. Die Radikalform dieser Dynamik nennt Kuhn „wissenschaftliche Revolutionen“. Aber es wäre interessant, die Dynamiken von Denkstilen unterhalb solcher Umwälzungen zu untersuchen: die Verschiebungen innerhalb von Denkstilen und die Entstellungen zwischen Denkstilen. So man diese Betrachtungsweise auf die Psychoanalyse anwenden kann, so kann man auch die Psychoanalyse benutzen, um solche Bewegungen zu verstehen: im Sinne einer Psychoanalyse konkreter Wissensproduktion.

A: Nun ja, man kann es so sehen. Aber weder Fleck noch Kuhn haben in dieser Beziehung das letzte Wort gesprochen. Das sind nun mal zwei Leute, auf die sich eine bestimmte Gruppe mit einem bestimmten Denkstil besonders gerne bezieht. Aber auch die sind nicht davor gefeit, andere auszuschliessen, bzw. deren Denken des Missverständnisses zu bezichtigen. Wenn Leuzinger Bohleber & Co vom Anschluss an die scientific community schwärmen, so sind sie nicht die einzigen, die das so sehen. Es gibt auf der Seite dieser Community Millionen von Individuen, die gewiss mit der IPV nichts am Hut haben, aber es sehr begrüssen, wenn sich Psychoanalytiker ihren Denkstil, den sie für einen besonders privilegierten und wahrheitsträchtigen halten, zu eigen machen. Wer je gehört hat, wie Naturwissenschaftler eben im Namen der Wissenschaft gegen die Religion polemisieren und durchaus auch gegen die Psychoanalyse und andere weiche Wissenschaften, der wird kaum mehr behaupten, dass es sich da schlicht um ein Missverständnis handle, sondern wenn schon, um ein anderes Verständnis, das aber vermutlich von mehr Denkern geteilt, als abgelehnt wird.

B: Apropos Denkstil. Eine Gruppe, in der alle den gleichen Denkstil pflegen, ist doch so langweilig, wie eine die sich alle ihre Wohnungen vom gleichen Innenarchitekten stylen lassen. Stilvolles Denken tönt doch irgendwie erbärmlich. Die Stilbrüche sind das Reizvolle. Aber dazu muss man doch nicht immer gleich auf die grossen Paradigmenwechsel warten. Elias Canetti hat einmal gesagt, nur das Denken, das dem Rösselsprung im Schach gleiche, sei interessant. Alles rechtwinklige und Diagonale sei langweilig.

C: Gewiss hat Freud die Psychoanalyse als ein geselliges Unternehmen bezeichnet. Aber das Resultat davon war eben die psychoanalytische Gesellschaft und ihre vielen Nachfolgegesellschaften. Wenn man sich schon gebetsmühlenhaft immer wieder auf Freud beziehen will, so muss man auch beachten, dass er, widersprüchlich, wie er Gott sei Dank nun einmal war, auch die andere Seite gesehen hat. Er verspürte bald einmal wenig Lust mehr, sich an diesen Gesellschaftsspielen zu beteiligen und sagte, das sei seine Sache nicht, das sollten andere besorgen, die dafür geeigneter seien, er gehe still seines Weges. Und damit hat er wohl jene Position eingenommen, die mir die vertrautere ist, nämlich, dass Denken ein Unternehmen ist, das grundsätzlich in der Einsamkeit stattfindet.

A: Auch wenn man manchmal Mitspieler hat, seien es die Analysanden oder Kollegen, mit denen man zusammenarbeitet, so bleibt man, wenn es um die Wurst geht, doch stets allein. Das verleugnet man natürlich gerne. Morgenthaler und Parin z.B. – und sie sind beileibe keine Einzelfälle, - haben ihre Differenzen schlicht nicht zur Kenntnis genommen, und auch wir drei, müssen, wenn wir ehrlich sind, zugeben, dass wir in vielem ganz anders denken. Wenn man die Geselligkeit ins Denken bringen will, tut man sich natürlich mit solchen zusammen, die man für Gleichgesinnte hält. Aber gleichzeitig ist man immer bestrebt, jene fern zu halten, die nicht dazu passen. Wer wollte das bestreiten.

B: Es müssen nicht Geheimbünde sein, die einen gemeinsamen Denkstil pflegen und sie müssen sich auch nicht bekämpfen, aber abgrenzen voneinander müssen sie sich allemal. Nur so können ihre Mitglieder ein Stück weit die Illusion aufrecht erhalten, sie seien nicht allein und einsam in ihrem Denken. Dass auch der Einsame an seiner Einsamkeit leidet und hofft, die grosse Mehrheit werde endlich einmal einsehen, dass er recht habe und ihn dann nicht bloss in ihre Reihen aufnehmen, sondern zum König machen, das ist eine andere Sache, für die wir ja als Analytiker wieder Erklärungen zu Hauf haben…

C: Dann könnte man also sagen, einer der Gründe, weshalb es die Psychoanalyse noch brauche, sei der, dass es immer noch einen Ort gebe, wo jeder so denken kann, wie er will und aus innerer Notwendigkeit muss, eine Oase in einer globalisierten Welt, wo nicht nur alle im gleichen Stil fressen, sondern auch im gleichen Stil denken.

A: Das tönt ja alles sehr edel und heroisch, auch ein bisschen abgehoben. Ob die Analyse nun ein geselliges Unternehmen ist oder nicht, ihr Kernstück, die Kur, findet jedenfalls in einer dialogischen Situation statt. Da sind immer zwei beteiligt. Und da kann man wohl schlecht von Einsamkeit sprechen.

B: Doch; ganz ausgesprochen. Zwar regt da immer der eine den anderen zum Denken an. Ohne die Verführung und zwar die gegenseitige, geht gar nichts. Aber die Verführung ist eben keine Führung, sondern eine Ver-führung. Ich tue als Analytiker so, als hätte ich etwas, was dem anderen, dem Analysanden fehlt. Und das will er dann von mir und darum lässt er sich mit mir ein.

C: Aber letztlich muss er herausfinden, dass er einer Illusion aufgesessen ist. Ich habe nicht, was er sucht, also ist er auf sich selbst zurückgeworfen; durch mich allerdings. Und mir, als Analytiker geht es nicht besser. Wenn ich glaube, etwas von ihm verstanden zu haben, und es in einer Deutung formuliere und dem anderen zurückgebe, so wird er in aller Regel etwas anderes gehört haben, als, was ich zu sagen vermeinte. Jeder bleibt mit sich und seiner Erkenntnis allein, wie sehr er den anderen auch dazu braucht.

A: Das ist ganz ähnlich wie im Sex. Wie sehr ich den anderen auch begehre und meine, begehrt zu werden, gerade auf dem Höhepunkt der sexuellen Aktivität, im Orgasmus, bin ich allein, kommt mir der andere abhanden und ich ihm. Dagegen hilft alles Geschwafel von höchster Verschmelzung nichts. Liebe machen ist onanieren zu zweit und Onanieren ist Liebe machen allein – wie Woody Allen zu Lacan zu sagen pflegte.

B: Mit dem Denken ist es nicht anders. Dialogisieren ist narzisstisch spekulieren zu zweit und das einsame Denken im Elfenbeinturm ist ein Dialog ohne Partner. Von wegen geselliges Unternehmen…
C: Das ist natürlich nicht nur eine sehr nüchterne, sondern vor allem auch eine sehr bittere Sichtweise.

B: Finde ich nicht, ganz abgesehen davon, dass bitter meist gesünder ist als süss.

C: Bitter, weil sie genau das ausschliesst, was sie als das eigentliche ansieht, nämlich dieses gesellige Unternehmen als dann wirkliche Zweisamkeit, die solche Einsamkeiten gänzlich auflösen würde. Nun löst sich im Orgasmus auch nicht nur der andere auf, der einem dann abhanden kommen kann, sowie man ihm, man löst sich ja auch selbst auf und damit auch die Betonung der Einsamkeit, die sich gegen den anderen richten kann.

A: Und möglicherweise ist deshalb der andere gerade in seinem abhanden kommen umso mehr vorhanden. Weshalb ich auch gar nicht so sicher bin, ob der nüchterne Blick nicht immer auch ein bitterer ist, weil er genau diesen Rausch ausschliesst, den er sucht und wünscht. Gerade dort liegt auch meine Skepsis gegenüber einem solch nüchternen Blick auf die Psychoanalyse sei er von aussen – zum Beispiel wissenschaftstheoretisch – oder von innen – im sich wiederholenden Abgesang.

B: So glaube ich auch nicht – und ehrlich gesagt auch nicht, dass Du das glaubst –, dass die Psychoanalyse so zu verstehen ist, dass man so tut, als hätte man etwas, was dem anderen, dem Analysanden, fehle, und dass es darum ginge, dass er dann herausfinde, dass er einer Illusion aufgesessen sei, weil man das gar nicht hat, was er sucht.

C: Man tut nicht so, man glaubt selbst, dass man es hat, aber man hat es eben nicht.

A:Natürlich gibt es das sujet supposé savoir, klar, und die Betonung liegt dabei auf dem supposé und nicht auf dem savoir. Und damit in der Tat, weil es ums unterstellen und unterlegen und unterschieben geht, doch sehr viel mehr beim Liebe machen – um es mit Deinen Worten zu sagen – als beim Wissen.

B: Aber gerade dort ist es ja auch so, dass neben dem outcome – der sich dann so nüchtern gibt – dass man halt der Analytiker war und ist und der Analysand halt der Analysand und dass alles andere, worüber man die ganze Zeit geredet und ja nicht nur geredet, wo man sich zusammen gerauft und sich unterlegt und überlegt hat, reine Schimäre wäre. Das ist doch vollkommener Quatsch. Weil der Analysand eben auch noch Sohn, Vater, Freund, Ersehnter, Beneideter, Bedauerter, Begehrter und Vermisster gewesen ist und ist und trotzdem Analysand, eben das eine und das andere, und wirklich das eine und das andere.

C: Sowie man als Analytiker doch um Gottes Willen nicht nur Analytiker war, sondern auch wirklich Liebesobjekt, cet obscur objekt du désir in der Vielfalt seiner möglichen Ausprägungen. Und das ist ja das, was im Versuch ganz nüchterner Haltung, dann auch immer wieder – und neuerdings auch noch unter dem Begriff von Professionalität – geleugnet wird, dass man eben nicht nur Analytiker ist, sondern immer auch noch was ganz anderes wird, zu dem man verführt wird, das man wird und dann ist und aber eben auch nicht ist, aber eben wiederum nicht nur nicht ist, sondern auch ist.

A: Gerade wenn man also die Betonung auf das supposé legt, dann geht es eben um dieses Spiel, das nun nicht einfach darin besteht und auch nicht so ausgeht, dass alles eine Illusion war und ist. Es ist beides. Es ist nicht so, wie ja dann auch immer trotz aller Nüchternheit und trotz aller Betonung von Professionalität suggeriert wird, dass der Analytiker eben doch – zum Beispiel im Containing und Holding oder als um Gottes Willen ja nicht traumatisierender Traumatherapeut – die bessere Mutter oder der bessere Vater wäre.

B: Aber es ist auch nicht so, dass er gar nichts von all dem gewesen ist und geworden ist – auch durchaus für sich selbst – sondern unverändert in seiner Einsamkeit geblieben wäre. Aber insofern ist auch die scientifc comunity nicht einfach frei von solchen Mechanismen gewaltsamer Ein- und Ausschlüsse, auch wenn sie keine so fest gezogenen Grenzen wie ein Berufsverband hat.

C: Aber nur schon die Verwechslung des einen mit dem anderen zeigt ja, dass sie auch genau dazu genützt werden soll, was ja im konkreten Fall von Psychoanalyse und Neurowissenschaften auch so kalkuliert ist –

A: zu Recht

B: oder zu Unrecht.




Die drei Rollen sind natürlich nicht einfach fiktiv, dennoch ist eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen und ihren Meinungen ganz zufällig.











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