Immerzuimmerauf

Vortrag im Zyklus "Grundbegriffe der Psychoanalyse" am Psychoanalytischen Seminar Zürich am 27. Oktober 2011

27. Oktober 2011


Dass die Reihe dieser Vorträge zur Einführung in die Psychoanalyse mit einem Abend über den Trieb beginnt, ist natürlich auch Zufall, insofern die Terminplanung auch eine Rolle spielte. Es ist aber nicht nur Zufall, weil ich mich auch vorgedrängt habe. Womit wir beim Drängen und damit schon beim Trieb sind. Damals allerdings nicht deswegen, weil ich dachte, dass der Trieb die erste Stelle einnehmen muss, sondern mehr deswegen, weil ich zeitlich fast nicht anders konnte, weil es mich natürlich schon sehr drängte, für diese Ringvorlesung zuzusagen, weil man ja selten so tolle Angebote bekommt. Als ich dann damit begann, mich auf diesen Abend vorzubereiten, dachte ich plötzlich – das alles ist natürlich auch mit einem Lächeln gemeint, weil allzu ernst sollte man weder mich noch die Psychoanalyse nehmen – dass es auch gut sei, dass die Reihe mit dem Trieb beginnt. Ich werde versuchen, Ihnen zu erzählen, warum ich das meine.


Anfang und Schluss

Ein von mir ausserordentlich geschätzter Kollege hat in einem ganz anderen Zusammenhang – nämlich im Rahmen einer sozial-pädagogischen Geldverwaltung – eine ausserordentliche Erfahrung gemacht. Er hat diese Geldverwaltung – ganz Analytiker – dazu genutzt, um mit dem Klienten in ein analytisches Gespräch und damit in eine analytische Situation zu kommen, aus der fast unter der Hand eine Behandlung entstanden ist. Der Klient, ein hochbegabter Mann in zeitweise prominenter öffentlicher Position, war in eine Sucht geraten, die seine ganze Existenz zu zerstören begonnen hatte. Die Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern zerbrach, die Beziehungen zu seiner Herkunftsfamilie wurden zum Schlachtfeld, er hatte immense Schulden aufgehäuft und seinen Beruf verloren, was natürlich den Ausgang in die Sucht nur noch verstärkte. Ich will auf die Details dieser Behandlung jetzt nicht eingehen, sondern vor allem erwähnen, dass diese analytisch verstandene und gehandhabte Situation einen bemerkenswerten Erfolg hatte. Nach einigen Jahren konnte sich der Klient nicht nur finanziell sanieren, er konnte die ausserordentlich schwierige Beziehung zu seiner Mutter umgestalten und sich ein Leben einrichten, das nicht mehr so von Angst und Sucht geprägt war. Damit war auch der Anlass der Begegnung, nämlich die Geldverwaltung, obsolet geworden und man begann sich zu verabschieden. In diesem guten und durchaus sehr berechtigten Gefühl auf beiden Seiten, einen beachtlichen Weg hinter sich gebracht zu haben, passierte folgendes: In einer der allerletzten Stunden kam der Klient entrüstet, wütend, vorwurfsvoll und aggressiv zur Türe rein und schrie den Analytiker an, dass er herausgefunden hätte, dieser hätte ihn und die Krankenkasse mit falschen Rechnungen betrogen und er würde zwar davon absehen, ihn anzuzeigen, aber er könne nie mehr mit ihm reden und für ihn sei die ganze Beziehung zerstört. Der Analytiker erschrak zutiefst ob dieser Vehemenz und ob dieser vernichtenden Anklage. Er war sich zwar keiner Schuld bewusst, war sich klar, dass er keine Betrügereien gemacht hatte, aber hatte dennoch Angst irgendwie Schuld an der Sache zu sein.

Es war ein Schock und ein Schlag. Natürlich machte er sich viele Gedanken und auch Vorwürfe, zu denen natürlich auch der gehörte, dass er die negative Übertragung zu wenig gedeutet und die Trauerarbeit vernachlässigt hätte. Wenn er mehr darauf geachtet hätte, so seine Vermutung, dann wäre das nicht passiert, dann wäre die Behandlung nicht nur gut verlaufen, sondern auch gut ausgelaufen.

Ich konnte seinen Schreck natürlich verstehen, aber dennoch war ich begeistert. Diese Episode war für mich viel eher ein Zeichen und eine Bestätigung dafür, dass die Behandlung gut gelaufen ist. Bei allem Erfolg, die sie zu verzeichnen hatte, der auch unbeeinträchtigt blieb, war es nämlich so, dass aus dem Klient nicht einfach ein anderer Mensch geworden ist, dass seine grosse Sensibilität für Fragen von Schuld – und wahrscheinlich auch für den Trieb – erhalten geblieben ist.

Freud definiert den Trieb in Triebe und Triebschicksale als Grenzbegriff zwischen Psyche und Soma. Als Grenzbegriff ist er demnach das eine und das andere und gleichzeitig nicht ganz das eine und nicht ganz das andere. Es bleibt, so könnte man sagen, auch immer ein Rest. Was eine andere Definition des Triebes sein kann, die nicht zuletzt auch von Lacan betont wird, als der Rest dessen, was in der symbolischen Ordnung nicht aufgeht, als das Reale, wobei – das ist nicht ganz unwichtig – dieses Reale nicht mit dem zusammenfällt, was man gemeinhin und umgangssprachlich damit meint.

Michael Turnheim gibt dafür ein Beispiel, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem obigen Beispiel hat.

„Eine Frau im Alter der Menopause wird von ihrem Liebhaber verlassen. Nach diesem Verlust kristallisiert sich ihre Klage in eine Formel, die sie seit einem Jahr unaufhörlich wiederholt. Sie findet es nicht anständig, dass der Freund sie verlassen hat, ohne ihr Gelegenheit zu einer Aussprache gegeben zu haben. Darüber hinaus entwickelt sie eine Art Zwangsverhalten: Sie ruft den Freund an, um zu wissen, ob er da ist, und hängt dann auf, sobald sie seine Stimme hört.“ (Turnheim, Das Gleiche im Anderen, S.22) „Geht man hier“ so Turnheim weiter, „von einer zu simplen Auffassung des Gedächtnisses aus, so wird man versucht sein, dieser Frau vorzuhalten, sie bleibe gerade durch das, was ihr das Vergessen hätte erleichtern sollen, an den Freund gebunden. Sehen Se nicht, wie unanständig er ist? Vergessen Sie ihn doch!“ (S.23)

Gerade weil diese Unanständigkeit des Liebhabers das Andere war, das sie an ihm begehrt und gewollt hat, kann sie es nicht einfach zu ihrem eigenen machen – und es dann er-innern. An dieses Andere – als eben auch seine Unanständigkeit – bleibt ihr Begehren auch immer gebunden. Dieses Andere ist der Rest – wie es Turnheim dann auch nennt. Der Rest, der nicht aufgeht, aber – das ist wichtig – immer weiter treibt und so auch immer wieder immer weiter aufgeht. Und aufzugehen versucht. Dieses Andere als der Rest ist der Trieb. Immerzu immerauf.

Vor einiger Zeit kam eine Frau mittleren Alters zu mir und sagte mir gleich zu Beginn, dass sie nicht wisse, wie lange sie kommen wolle und könne. Gross, schlank, attraktiv, in einem hochqualifizierten Beruf sehr erfolgreich, war sie in eine Krise gekommen. Sie hatte sich in einen anderen Mann verliebt, eine wie ihr schien verbotene, für sie auch heikle Liebschaft, von der sie vollkommen überwältigt war. Sie war von diesem Mann nämlich heftigst angezogen und gleichzeitig zutiefst beunruhigt darüber. Sie hatte enorme Schuldgefühle und phantasierte bereits das Ende ihrer Ehe obwohl eigentlich noch gar nichts „wirklich“ passiert war.

Zudem war sie auch vollkommen überrascht, weil sie eigentlich von der Sexualität nichts mehr wissen wollte. Nicht erst mit der Geburt der Kinder – wie das ja häufiger passieren kann –, sondern schon davor. Den Vater ihrer Kinder hätte sie eigentlich nie richtig begehrt. Schwierigkeiten auf beiden Seiten hatten die Sexualität zu etwas Anstrengendem und Unbefriedigendem werden lassen. So hatte sie – wie sie es nannte – mit der Sexualität eigentlich längstens abgeschlossen. Zudem sei sie bereits in der Menopause.

Gleichzeitig führte sie vor, dass überhaupt nichts abgeschlossen war. Nur schon diese Liebschaft hat alles aufgebrochen, darüber hinaus war auch sonst alles in der Schwebe. Da sie in einem anderen Land aufgewachsen war, beschäftigte sie ständig die Frage, ob sie nicht wieder dorthin zurück sollte. Auch in beruflicher Hinsicht schwankte sie zwischen zwei Möglichkeiten, die sich ihr boten, und kaum kam sie der einen näher, schien ihr die andere wieder attraktiver. Sie lebte an der Grenze – äusserer Ausdruck innerer Befindlichkeiten – und das schien eine ständige Unruhe, ein leises, inneres Fieber zu bewirken.

Dann erzählte sie von dem Mann, den sie geliebt hatte. Sie hatte ihn in jungen Jahren kennen gelernt und hatte lange Zeit zwar eine gewisse Neugier, aber keine grösseren Gefühle für ihn. Er regte sie eher auf – was ja schon einiges aussagen kann – und sie hielt ihn auf Distanz. Dann kamen sie sich näher und es schlug ein. Sie verliebte sich in ihn und die Sexualität wurde immer intensiver. Ein wichtiger Moment dabei war eine Berührung, die sie und er sonst eher vermieden. Es war eine Berührung der Hände während sie miteinander schliefen und die hat sie gepackt und aufgemacht. Sie suchte und wollte ihn immer mehr und gleichzeitig ging sie immer wieder weg von ihm. Und erzählt das alles auf eine Art, die vieles im Diffusen und leicht Tranceartigen liess. Es war als ob sich im Erzählen diese Hingabe mitteilen und gleichzeitig doch nichts von sich wissen, sich im selben Zug auch wieder auflösen wollte.

Genauso unfassbar löste sich dann die Beziehung wieder auf. Es ist mir bis heute nicht klar geworden, wie das eigentlich passierte, ob es von ihr aus kam oder von ihm. Es wurde aber deutlich, dass sie bis heute sehr an ihm hängt, dass sie immer noch einen engen Kontakt haben und dabei immer noch diese Anziehung mitschwingt. So bleibt auch offen, ob sie ihn immer noch begehrt oder eben nicht mehr, inwieweit es vorbei ist oder eben auch nicht.

Die Patientin ist als einziges Mädchen mit drei Brüdern aufgewachsen und hatte zur Mutter ein schwieriges, zum Vater ein distanziertes Verhältnis. Sie fühlte sich immer etwas fremd in der Familie, auch wenn sie gleichzeitig zum jüngsten Bruder ein sehr enges, fast schon inzestuöses Verhältnis hatte. Dieser hatte ihr irgendwann gesagt, dass er sich von ihr trennen müsse, sonst würde er nie eine Frau finden. Sie war erstaunt über diese Bemerkung, weil sie das so nie gedacht hatte, war aber doch sehr eifersüchtig, als er eines Tages mit einer Freundin nach hause kam.

Sie verliess schon bald die Familie und lernte den Mann kennen, der ihre Leidenschaft wurde und immer noch geblieben ist.


Die Unmöglichkeit abzuschliessen

Nun liesse sich das natürlich leicht als inzestuös ödipale Beziehungsform verstehen, von der sie nicht losgekommen ist und umso mehr sich von ihr ständig los zu machen versucht, weshalb es auch immer zu diesem Hin und Her kommt, weshalb es zum Weggehen und zum Ausland kommt – um die Exogamie dadurch zu betonen und zu sichern. Das ist alles möglich und sicher auch nicht falsch. Aber hier geht es mir um etwas anderes: um dieses Hin und Her, in dem sich die Unmöglichkeit dessen ausdrückt, was sie als Bemühen und als ihren Versuch benannt hat, nämlich einen Schluss zu machen, mit der Sexualität abzuschliessen.

Das zeigte sich eindrücklich auch in der Übertragung. Die Therapie stand von Beginn an im Zeichen einer Unentschlossenheit und ihres Endes. Natürlich kam sie mit mächtigem Leidensdruck, aber da sie aus einer anderen Stadt anreiste – auch hier haben wir wieder das Hin und Her –, müsse die Dauer begrenzt bleiben. Zumal sie gar nie richtig sagen könne, was sie eigentlich wolle und erwarte. Die erste Zeit der Behandlung war von den heftigen Konflikten geprägt, die sie mit ihrem Mann hatte. Der begann plötzlich die Sexualität mit ihr zu suchen und zu fordern – mit all den Schwierigkeiten, die es dabei immer schon gegeben hatte. Es war, als ob er etwas von dem spüren würde, was in ihr vorging, von ihrer Lust und ihrem Begehren. Sie fühlte sich bedrängt, vor allem natürlich schuldig. Schuldig wegen der Beziehung zu dem anderen Mann, auch wenn dort noch kaum etwas passiert war. Es kam zu heftigsten Konflikten und Auseinandersetzungen, die beunruhigende Ausmasse annahmen und für sie zu einem Terror wurden. Gleichzeitig – und vielleicht auch dadurch noch verstärkt – intensivierte sich die von ihr als ganz verboten empfundene Beziehung. Sie konnte sie – sicher auch mit Hilfe der Therapie – vorübergehend wenigstens immer mehr geniessen und erlebte Glücksmomente, von denen sie sagte, dass sie sie nicht mehr missen wolle. Umso wilder ging es dann wieder mit ihrem Mann zu und her. Und „wild“ war in der Tag der richtige Ausdruck: es ging drunter und drüber und machte bisweilen keinen Halt mehr, so dass beide nur noch zerstört waren.

Zwischendurch tauchte immer wieder mal die Frage nach einer Beendigung der Therapie auf. Zum einen mussten dafür äussere Gründe herhalten, zum andern war es der Eindruck, dass sie aus dem Dilemma, in dem sie sich befand, ohnehin nicht mehr herausfinden würde. Nun wäre das nicht unbedingt ein Grund mit der Behandlung aufzuhören, aber es stellte sich heraus, dass sie mir als ihrem Analytiker immer wieder unterschob, ich vertrete allein die Seite ihrer Lust, von der sie sich aber wieder lösen wolle, weil sie nirgends hinführen würde, woraus sich eine gar nicht unähnliche Konstellation ergab wie bei ihrem Mann. Ich würde von ihr wollen, dass sie will, ganz so wie er von ihr will, dass sie will.

Das ist natürlich ein Vorwurf, dem man sich nicht entziehen kann. Nicht deshalb, weil er so in dieser Form begründet wäre – das ist er nicht. Sondern deswegen, weil er Teil der Übertragung und damit Teil des unbewussten Konflikts ist. Als Versuch nämlich, sich dessen wieder zu entledigen, was sich als eben nicht abgeschlossen und nicht einfach abschliessbar erwiesen hatte – ihre Sexualität. Dieser Teil wurde dann auf den Analytiker verschoben, der dann natürlich zur Bedrohung wurde, weshalb es immer dringlicher zu werden schien, die Therapie zu beenden. Denn sie wurde als ein Teil dessen erlebt, was ihr den immer wieder sich abschliessenden Zugang zur Sexualität, zu ihrer Lust und ihren Wünschen immer wieder öffnete – womit sie ja nicht ganz unrecht hatte.

Sich diesem Vorwurf nicht zu entziehen, heisst nicht, ihn anzunehmen, ihn zu übernehmen. Heisst aber auch nicht, ihn abzulehnen und ihn zurückzuweisen. Es heisst, ihn im Spiel zu lassen, weil sich darin der unbewusste Konflikt zeigt. Konkret war es zunächst relativ einfach, gelassen zu bleiben, weil ich ja um das Hin und Her, um die Ambivalenz der Patientin wusste und von daher diese Tendenzen nicht als bare Münze, sondern als Teil dieses Hin und Her verstehen konnte und verstehen musste. So konnte ich ihr immer wieder nachträglich zeigen, dass es nicht einfach ich sei, der auf Seiten dieser Lust und auf der Seite ihrer Sexualität stünde, sondern dass sie selbst sie suche und wolle und wünsche. Das führte dann zu einem Schmunzeln und zu einer Entspannung in der analytischen Beziehung.

Allerdings war die Sache damit nicht zu Ende – was ja ohnehin das ist, was uns die Patientin so unermüdlich vorführt, was wir von ihr lernen können. Es ging weiter, wurde nicht abgeschlossen, vertiefte sich: es gab eindrückliche Momente von Entspannung und Glück, in denen ihre Lust für sie so gross wurde, dass es beinahe zu viel war. Dann kam es wieder zu Rückschlägen verzweifelter Kämpfe mit ihrem Mann, in denen sich die Heftigkeit austobte, die ihr sonst nur begrenzt möglich war.


Übertragung

Schliesslich kam er wirklich, der Angriff auf die Therapie. Diesmal freilich mit Wucht und kaum mehr zurückhaltend. Sie käme nicht weiter und drehe sich nur im Kreis. Ihre Freundinnen – so fing sie an – würden ihr schon lange raten, dieses Verhältnis abzubrechen, das ihr so zu schaffen mache. Das sei doch vollkommener Unsinn, würden die ihr immer wieder sagen. Und so frage sie sich wirklich, ob sie nicht besser zu einer Frau gehen sollte, die würde sie besser verstehen. Da käme sie vielleicht auch weiter. Hier sei es ja sonst sehr gut gewesen und sie hätte viel gelernt und viel an Einsicht und Verständnis gewonnen und wolle in dem Sinn die Stunden bei mir auch nicht abbrechen, aber ich sei ja doch ein Mann und es wäre wahrscheinlich besser, wenn sie die Therapie abschliessen würde. Es ginge zudem – dies ein Angebot zur Güte – ja auch schon viel besser und das sei auch mein Verdienst.

Das war nun der Punkt, an dem es nötig wurde, die Situation zu deuten. So sagte ich ihr, dass es ganz und gar nicht so sei, dass sie sich nur im Kreis drehe. Das Schlimme sei vielmehr, dass sie dabei weiter gekommen, dass es intensiver geworden, dass sie immer noch mehr mit ihren Wünschen nach Sexualität und Lust in Berührung gekommen und dass es genau das sei, was sie in Not bringen würde. Genau deshalb wolle sie es jetzt am liebsten abschliessen, so wie damals die Beziehung zu dem Mann, den sie liebte; oder wie bei einem anderen Mal als sie sich verliebt hatte und den Mann dann mit ihrer Freundin verkuppelte. So könnte sie jetzt natürlich auch zu einer Frau gehen, das sei klar, das könne sie. Aber – und das sei entscheidend – dann ginge es nicht einfach darum, dass sie nicht weiter gekommen wäre, sondern darum, dass sie so Angst bekommen hat, dass sie glaubt aufhören zu müssen. Alles andere sei Unsinn und sie mache sich etwas vor.

So kann eine analytische Deutung aussehen – und natürlich auch ganz anders. Sie wird versuchen, den verdrängten Wunsch in seiner Konflikthaftigkeit zu fassen. Hier habe ich versucht, verschiedene Erlebnisse, die sie im Laufe der Therapie erzählt hat, so aufzufädeln, dass die Szene deutlich wird, in der sich der Konflikt ständig wiederholt. Bis in die Übertragung hinein. Sie wird zum Medium, in dem sich im Laufe der Analyse der Zugang zum Unbewussten am besten und auch am greifbarsten auftut. So wie in der beschriebenen Situation, in der ja nicht nur die Patientin, sondern auch ich von dem gepackt wurde, was sich abzuspielen begann.

Es passiert etwas, dem man ausgesetzt ist, dem man sich auch aussetzen muss. Man wird von der Dynamik, die sich plötzlich entwickelt, überrascht und überwältigt. In ihr und durch sie entsteht die Deutung. Deutungen sind also nicht einfach – wie man sich das häufig vorstellt und wie es auch häufig dargestellt wird – Produkt nüchterner rationaler Überlegungen. Bisweilen fallen sie einem plötzlich zu oder entstehen auch während des Redens selbst. Mit der Deutung positioniert sich demnach der Analytiker nicht unbedingt ausserhalb, sie entsteht auch nicht aus einer Betrachtung von aussen, ist vielmehr Zeichen dessen, dass er auch mitten drin ist und mitgerissen wird.

In dieser Deutung war nicht nur die aktuelle Situation und der Konflikt in ihr angesprochen, sondern auch der Widerstand in der Übertragung. Das hat dazu geführt, dass sie weiter kam und es weiter ging. Bald darauf erzählte sie, wie sie es genossen hat, in der Wohnung von Freunden gewesen zu sein und die ganz für sich gehabt zu haben. Dort hat sie ein Buch wieder gelesen, das sie schon früher gelesen und das ihr sehr gefallen hatte. In dem Buch ging es darum, dass eine Frau ihre Sexualität zu leben begann. Und das Verrückte dabei war – so erzählte sie – dass sie vom Inhalt des Buches nichts mehr, aber auch gar nichts mehr erinnerte, obwohl sie sicher war, dass sie es schon gelesen hatte. Das irritierte sie ziemlich.

Was uns wieder eines zeigte: In diesem Kampf – wie beim Buch – um das Abschliessen, um das nichts-mehr-wissen-Wollen, um das Vergessen, in diesem Kampf öffnet sich immer mehr der Zugang zu ihrer Sexualität. Und die Wohnung, die sie nun geniessen konnte, ganz für sich zu haben, war auch die Therapie, die sie nun beginnen konnte zu geniessen als etwas, das sie für sich hat. Das heisst natürlich nicht, so viel wurde sicher klar, dass damit die Sache im Kasten war. Ganz im Gegenteil und zum Glück auch nicht.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es ein ständiges Hin und Her gibt: Kommen oder Nicht-Kommen – und wir können sicher sein, dass sich das auch in der Sexualität wiederholt –, diese berufliche Tätigkeit oder die andere, hier in der Schweiz oder weit weg im fernen Ausland, die Liebesbeziehung weiter führen oder beenden, in der Ehe wieder einsteigen oder aussteigen? In diesem Hin und Her steckt der Trieb, in diesem Rein und Raus zeigt sich die Sexualität.

Und zudem ist es verbunden mit dem Schluss. Das Szenario steht im ständigen Versuch, abzuschliessen und Eindeutigkeiten zu schaffen. Es geht aber immer weiter und reisst alles auf, macht alles wieder auf und zu. Die Therapie soll mit ihrem Anfang auch schon aufhören und fängt dann, wenn sie aufhören soll, immer wieder erst richtig an. Die Sexualität ist abgeschlossen und geht alles über den Haufen werfend wieder auf und manchmal intensivieren sich beide Seiten, addieren sie sich. So wie einmal die Lust auf den einen die Lust mit dem anderen stimulierte. Das war bei dieser Patientin so. Aber auch bei dem Klient der Geldverwaltung ging es mit dem Ende gleich wieder los. Gar nicht unähnlich zu der Patientin von Turnheim, die nach der Trennung erst recht am begehrten Mann – an seiner Unanständigkeit – zu hängen begann.


Mäandern der Theorie

Und interessanterweise war es auch bei der theoretischen Entwicklung des Treibbegriffs durch Freud so. Der Begriff des Triebs taucht bei Freud erstmals 1905 in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie auf, auch wenn er schon zuvor, zum Beispiel in der Traumdeutung, aber auch im Entwurf einer Psychologie aus der Korrespondenz mit Wilhelm Fliess immer schon implizit präsent war. Und schon von allem Anfang an war Trieb für Freud immer Triebdualität. Es waren immer zwei Triebe, die miteinander in Konflikt gestanden sind. Worin einerseits der Trieb mit dem Triebkonflikt sozusagen auch theoretisch schon verschweisst war und andererseits dieser Konflikt, in dem der Trieb ständig steht und ohne den er gar nicht denkbar ist, nicht einfach verteilt wurde zwischen Innen und Aussen. Auch das ist wichtig für den psychoanalytischen Standpunkt.

Die erste Triebdualität aus den Drei Abhandlungen bestand zwischen der Sexualität und den Ichtrieben, bei denen es um die Selbsterhaltung des Individuums ging. Aus dieser Dualität ging schon hervor – was bis heute immer wieder Gegenstand von Kontroversen ist – dass Ich und Sexualität nicht einfach in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Bezogen auf die Situation der Patientin könnte man – sicher sehr vereinfachend und simplifizierend – sagen, dass es den Anschein machte, dass sie immer wieder um diesen Konflikt kreiste. Einerseits wollte sie die Lust und konnte kaum von ihr lassen, andererseits hatte sie das Gefühl dadurch alle ihre Pflichten zu verletzen und ihre ganze Existenz, die materielle und die emotionale, aufs Spiel zu setzen.

Darüber hinaus definierte Freud in den Drei Abhandlungen wie der Trieb psychoanalytisch zu verstehen sei. Er ist bestimmt durch den Drang, die Quelle, das Objekt und das Ziel. Schon im Begriff des Drangs ist etwas Unspezifisches und etwas Offenes enthalten. Anders als der Instinkt bei den Tieren, ist der Drang nicht auf eine Finalität ausgerichtet, was sich auch darin zeigt, dass er sehr verschiedene Quellen haben kann, die bekannten erogenen Zonen. Von ihnen nimmt der Trieb seinen Ausgang, es sind die Zonen, die in einem engen Austausch mit der Umwelt sind, vor allem aber auch den vielschichtigen und – wie es bei Freud heisst – den polymorph-perversen Charakter der Sexualität ausmachen. Besonders zeigt sich diese Offenheit am Objekt. Es – so heisst es – ist das Variabelste am Trieb. Der Trieb ist also nicht auf ein bestimmtes Objekt ausgerichtet, man könnte eher sagen, er schafft sich sein Objekt. Dass und wie stark dem so ist, wird im Fetischismus deutlich, dem jedes beliebige Objekt nicht nur zum Auslöser, sondern zur Bedingung für die Lust und den Orgasmus werden kann. Also auch jedes Objekt, das sich dafür zunächst einmal gar nicht zu eignen scheint. Es sind nicht nur die Dessous oder die Schuhe, die solches ausmachen können, es können ganz verquere Dinge sein, so die Notwendigkeit in den Seilen eines Fahrstuhles zu hängen oder eine Zündholzschachtel oder das flackernde Licht von Neonröhren, an welche sich die Entbindung der Lust knüpfen kann.

Auch diese Unspezifität des Triebes, auch diese Beliebigkeit des Objekts haben wir in unserem Fall erlebt. Es zeigte sich sehr ausgeprägt, wie dasselbe Ringen in den verschiedensten Bezügen, in den verschiedensten Situationen und zu allen Zeiten immer wieder anders anzutreffen und eben auch drängend war: so als ob etwas immer wieder diese Lust suchen würde und sie sich gleichzeitig versagen müsste. „Das Objekt ist das Variabelste am Trieb“. Das hat sich extensiv gezeigt und ist auch die Bedingung für die Möglichkeit der Übertragung. Gerade weil es nicht einfach darum geht, den oder die Richtige zu finden, gerade weil es nicht einfach das Objekt ist, das den Trieb bestimmt – wie es beim Instinkt der Fall ist – sondern umgekehrt der Trieb das Objekt bestimmt oder – wie es Manfred Pohlen einmal sehr treffend gesagt hat – der Trieb das Objekt adelt, gerade dadurch ist es möglich, dass der Analytiker, der sich als Objekt ja anbietet, zu diesem obscur objet du désir werden kann und wird.

Nun – wir sind immer noch beim Mäandern der Freudschen Triebtheorie, die ebenso gestolpert ist und ebenso kreiste wie es das Begehren unserer Patientin tat – ging natürlich die Entwicklung des Triebkonzepts durch Freud weiter und weiter. Die Dualität von Sexualität und Ichtrieben wurde dann bald durch die klinische Entdeckung des Narzissmus in Frage gestellt. Wenn es einerseits die Sexualität gibt und andererseits die Ichtriebe, dann bringt das Phänomen des Narzissmus, das gerade dieses Ich mit sexueller Energie besetzt und verschweisst, diese Aufteilung in Schwierigkeiten. Freud hielt aber an der Dualität der Triebe fest – und ging nicht den Jungschen Weg des Triebmonismus. Vielmehr sprach er eine Zeitlang auf der Seite der Sexualität von einer Ichlibido und einer Objektlibido und bei den Ich- oder Selbsterhaltungstrieben vom „Interesse“ als dem Begriff, der diesen Trieben als Pendant zur Libido bei der Sexualität zuzuordnen sei. Und er glaubte, damit die Probleme gelöst zu haben.

Das war nicht so, weil einerseits sich mit den weiteren Erkenntnissen zum Beispiel in Trauer und Melancholie das Phänomen der Identifikation immer mehr ausdifferenzierte und deutlich wurde wie Objektlibido zu Ichlibido sich wandeln kann im Zuge dieses Prozesses. Und zum andern, weil die Trennung von Selbsterhaltungsinteressen und Ich-libidinösen Besetzungen zum Beispiel beim Traum nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Dies führte dann zu seiner zweiten Triebtheorie, die er 1920 in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips entwickelte. In ihr wird die Triebtheorie wieder explizit dualistisch, indem sie den Todestrieb und den Eros gegeneinander zueinander ineinander stellt. Interessant an dieser Arbeit – auf die ich jetzt aus zeitlichen Gründen nicht eingehen kann, wir können aber in der Diskussion gerne darauf zurück kommen – interessant ist, dass sie sehr viele Ähnlichkeiten hat zu dem, was wir in unserer Falldarstellung beobachtet haben. Sie bewegt sich nämlich schon in ihrer Form, im Text selbst, in einem ständigen Hin und Her, sie mäandert gar nicht unähnlich wie wir es von unserer Patientin kennen. Sie schreitet voran und kommt wieder zurück. Sie setzt an zu neuen Gedanken und bricht wieder ab. Und dieses Hin und Her, das sie performativ vorführt, ist auch Gegenstand der Theorie, die sie entwickelt. Diese Medialität spielt in der Psychoanalyse eine grosse Rolle, sie ist die Übertragung, die vom einen zum nächsten geht, sie ist die Form, in der das sichtbar werden kann, was nicht zu sehen und nicht zu wissen ist, die auch immer wieder sagt, dass es nicht einfach um das geht, was ist, sondern gleichzeitig immer auch um etwas anderes, das sich in ihm zeigt.

Der Trieb – so heisst es im Jenseits des Lustprinziips – „wäre also ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, ...“ (1920g, S.245) Das Hin und Her nun entsteht durch das Ineinander der beiden Triebe, des Todestriebs und des Eros. Für den Todestrieb würde dann gelten: „Das Ziel alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose war früher da als das Lebende.“ (1920g, S.248) Und der Eros will binden und vereinen. Im Hin und Her zwischen beiden, in ihrem Spiel, in ihrem Kampf oder auch in ihrem Krieg drängt es einerseits immer zum Abschluss und löst sich dieser gleichzeitig auch ständig wieder auf. Der Trieb steht also in engstem Zusammenhang mit dem Schluss und mit dem Versuch abzuschliessen und mit der Auflösung all dessen, was da abgeschlossen wurde und werden sollte. Das haben wir ja sehr eindrücklich bei unserer Patientin gesehen, wie sehr ihr Hin und Her auch um den Schluss und seine Auflösung und auch um ihre Auflösung kreiste, wobei das Kreisen die Bewegung ist, die das auch wunderschön beschreibt. Es ist eine Bewegung, in der sich der Trieb in seiner Dualität entfaltet. Er geht nie auf, könnte man auch sagen. Und er geht nie zu, könnte man ebenso sagen. Er geht also immerzu immerauf. So hätte ich meinen Vortrag zum Trieb betiteln können: Immerzu Immerauf.

Freud beschreibt dies im Bild vom Organismus als undifferenziertem Bläschen. Dieses schützt sich vor dem Anprall der einbrechenden Reize dadurch, dass es seine äussere Schicht, die Rindenschicht unempfindlich, anorganisch werden lässt. Was natürlich weitreichende Folgen für die Konzeption dessen hat, wie Realität und Wirklichkeit konzipiert wird. In dieser Entwicklung des Bläschens, so sagt er, wird durch den Tod das weitere Leben garantiert, sind Tod und Leben aufs engste miteinander verwoben. Gleichzeitig wird damit deutlich, dass in diesem Hin und Her auch Neues entsteht: einerseits das Objekt durchaus auch als Welt, das ja vom Trieb her geadelt und auch gebildet wird und eben nicht umgekehrt. Aber nicht nur das Objekt wird in diesem Hin und Her gebildet, auch der psychische Apparat, die psychische Struktur. Weshalb auch diese nie eine einheitliche sein wird und sein kann, so sehr wir uns auch darum bemühen. Sie wird immer Neues aus sich heraustreiben und heraustreiben müssen. Das ist das, was den Trieb ausmacht. Das ist das, was an ihm nie aufgeht, ihn aber auch immer wieder aufmacht, das ist das, was mit dem Rest gemeint ist, der er immer ist.


Auflösung des Ganzen

Womit wir zu einem weiteren Punkt kommen, der auch hochinteressant ist. Dass der Trieb eben auch kein ganzer, kein einheitlicher ist. Der Trieb ist – so könnte man auch sagen – immer Partialtrieb. Partialtriebe sind zunächst mal die, welche Freud in seiner psychosexuellen Entwicklung als die polymorph-perversen bezeichnet hat, die eng mit den verschiedenen erogenen Zonen verbunden sind. Oral, anal, phallisch, genital sind hier die Stichworte und natürlich auch die verschiedenen Lüste. Diese polymorph-perverse Struktur soll dann über – dies eine Entwicklungslinie, die auch stark vereinheitlichenden Charakter hat – die Bewältigung des Ödipuskomplexes und der Aufrichtung des Über-Ichs unter das Primat der Genitalität gelangen, die dann die verschiedenen Partialtriebe unter einen Hut bringt. Bei Lacan würde dem die symbolische Kastration entsprechen.

Leo Bersani – ein amerikanischer Professor für Französisch in Berkeley – hat sehr schön ausgeführt, dass demgegenüber ein „Jenseits“ des Lustprinzips, diese andere Seite der Sexualität bei Freud, schon sehr früh angelegt war. Schon in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie hat er nämlich nicht nur den beinahe schon linearen Gang einer normalen – die dann auch als normative aufgefasst wurde – Entwicklung ausgelegt, in welcher die Partialtriebe unter den Hut der Genitalität kommen und die Sexualität dann auch zur Potenz für das Selbst, zur Bestätigung für das Selbst und für sein Ganz-Sein werden kann. Vielmehr hat er als Bedingung für die Sexualität die Erschütterung dieses Selbst, seine Auflösung erkannt: Bersani meint Freuds etwas zögernde Spekulation in den Drei Abhandlungen, dass „es zu sexueller Lust dann kommt, wenn eine gewisse Schwelle von Intensität erreicht ist, wenn die Organisation des Selbst vorübergehend durch Erregungen oder affektive Prozesse durcheinandergebracht wird, die heftiger sind als diejenigen, die mit dem psychischen Apparat sonst verbunden sind.“ (S.24) So – heisst es weiter – schlägt Bersani noch radikaler vor, „dass eine Erschütterung (oder sogar Zerschlagung, OK) der psychischen Strukturen selbst eine Vorbedingung für das eigentliche Errichten einer (sexuellen, könnte man ergänzen, OK) Beziehung zu den anderen ist.“ (S.24) Schmerz und Lust gehen da ineinander, so dass „Sexualität, zumindest in der Weise wie sie sich konstituiert, eine Tautologie für Masochismus wäre.“ (S.24) Auch das ein Gedanke, der dann in Jenseits des Lustprinzips wieder aufgegriffen und erarbeitet wird.

Für die Analyse könnte das natürlich heissen, dass es auch in ihr nicht einfach darum geht, die Dinge ständig fest im Griff zu haben. Eine solche Ausrichtung würde die Bedeutung einer Analyse ziemlich missverstehen. Das lässt sich sehr schön an der Funktion des Settings zeigen, als dem Rahmen der das Zustandekommen der Analyse gewährleisten und sichern soll. Allerdings – und das wird bisweilen übersehen – geht es bei diesem Setting nicht nur darum, dass es eingehalten wird und deshalb ist es auch nicht Aufgabe des Analytikers mit allen Mitteln darauf zu pochen. Mindestens ebenso sehr geht es vom analytischen Prozess her genau um die Momente und Situationen, in denen es nicht eingehalten wird, in denen es übertreten und durchbrochen wird, weil sich dort das Unbewusste und das Triebhafte zum Ausdruck bringen.

Deshalb wird das so gesuchte und gewünschte Ganze in dieser Form der Herrschaft und der Meisterung nie aufgehen. Sondern gerade als Bemächtigung immer nur ein Teil bleiben. Es wird immer wieder in seiner Ordnung erschüttert werden, weil sich – darauf weist Bersani hin - Lust und Schmerz, Sexualität und Masochismus als Auflösung nicht gänzlich voneinander trennen lassen. Das hat mein Kollege in dieser denkwürdigen Stunde erlebt, das führt meine Patientin vor und daran hält auch die Patientin fest, die Michael Turnheim beschrieben hat.

Der Trieb ist also noch in einem weiteren Sinn immer auch Partialtrieb: nicht nur in dem entwicklungspsychologischen – wie er in den Drei Abhandlungen ausgeführt ist –, sondern gerade und ganz besonders in seiner Triebhaftigkeit. Der Trieb ist demnach immer auch pervers und doch nicht pervers. Er ist nicht pervers, insofern es nicht um eine Insistenz auf diesen einen Partialtrieb geht, wie es in den Perversionen der Fall ist, wenn es nur die eine Bedingung für die Lust, für den Orgasmus gibt – so wie das Hängen in den Seilen des Aufzugs, die Zündholzschachtel oder ähnliches. Aber er ist insofern pervers, als es beim Trieb um dem Partialtrieb geht und nicht um den Ganzen.

Einen Anklang dessen hatten wir auch bei der Patientin, als sie von dem Mann erzählte, den sie geliebt hat und mit dem sie Lust empfunden und gelebt hat, die bis heute spürbar ist. Dort gab es diese Szene der Berührung ihrer Hände, die sie in grösste Lust und Erregung versetzte. In dieser Berührung hat sich ihre Lust entzündet und verdichtet. Und es war klar, dass es die Lust war, die sich in den Händen berührt hat und insofern ging es nicht um die Hand oder die Hände.

So zeigt uns die Patientin – ohne dass sie es weiss – wie sehr es der Trieb ist, der das Objekt adelt und der es auch macht. So geht ihre Frage, wer der richtige Partner sei immer auch etwas in die Leere. Weil es nicht einfach darum geht, auch wenn die Antwort nicht beliebig ist. Es geht viel mehr darum, sich diesem Wünschen und Begehren hinzugeben, damit es sich aufmachen und entäussern kann und sich dann so mit und im Objekt treffen kann, wie sich die Hände damals berührt und getroffen haben. Ins Herz und in die Lust – so könnte man sagen.

Die Psychoanalyse ist in dieser Hinsicht viel mehr eine Perversionsmaschine als eine Konstruktion des Ganzen. Sie fängt gerade dort an, wo es aufzuhören scheint und hört dann nicht mehr auf. Also hüten Sie sich vor ihr! Sie ist nicht ungefährlich, aber Lust.

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